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29.04.2013, 10:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [141]: Der Unterschied zwischen Spitzbuben und Dichtern

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Die Place de Gréve an einem Vorfrühlingstag des Jahres 2013, 292 Jahre nach der Hinrichtung des berühmten Räubers Cartouche. (Foto: Frank Piontek, 15.2. 2013)

Glauben Sie denn, Herr Konfrater, daß unter dem größten Spitzbuben und dem größten komischen Dichter, den Sie vertieren, ein Unterschied ist? – Allerdings; ein guter Plan des Cartouche ist von einem guten Plan des Dichters Goldoni darin verschieden, daß der erste die Komödie selber ausführet, die der letzte von Schauspielern ausführen lässet.“

Links ein Porträt von Goldoni, rechts eine Szene aus einer Räuberpistole von Cartouche

Es stimmt: Cartouche – im bürgerlichen Leben noch Louis Dominique Burguignon genannt und durch Jean-Paul(!) Belmondo zu spätem Filmruhm gekommen – und Carlo Goldoni verbindet die Komödie. „Jean Paul“ war in jener Stadt zu Gast gewesen, in der die beiden Herrschaften lebten – und starben. Cartouche wurde zunächst in der Conciergerie einquartiert, also am Ufer der Seine, einem Ufer, das später (genau wie das Bayreuther Opernhaus) den Weltkulturerbetitel erhielt[1], und an dem der Blogger im Februar entlang spazierte, um beim Blick auf das Gefängnis zu denken: Durch Frederic Beigbeders Ein französischer Roman wurde dies ein Ort der (guten) Literatur der Gegenwart. Hingerichtet wurde der witzig-gewitzte Räuber auf der Place de Grève: auch dies immer noch ein Ort diverser Vergnügungen, der mich einige Augenblicke lang an den Jahrmarkt vor den Toren des Roten Platzes erinnerte.

Wenn Jean Paul den Dieb und den Komödienautor in Kontakt bringt, persifliert er jenes Beharren auf ein „Buch von Nutzen“, das die Stubengelehrten dem Liegen unter freiem Himmel vorziehen würden – denn nach einer rhetorischen Volte kommen sie zum Ergebnis, dass es ja einerlei sei, „woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde“. Dabei lässt „Jean Paul“ durchaus offen, was besser sei: die Komödie selbst oder das Schauspiel nach der Komödie. Ich glaube nicht, dass er die Komödien Goldonis nicht mochte – und ich bin davon überzeugt, dass er die Streiche Cartouches genauso witzig fand wie jene, die nicht unter ihnen litten.

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[1] Jean Paul hätte aus dieser Identität sicher einen schönen Vergleich gebastelt.



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