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20.04.2013, 12:46 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [133]: Noch kein Fußtritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt

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Noch jung und unschuldig – wie Beata: Emma Richter

Das Tolle neben dem Schönen – so heißt ein wunderbares Buch, das Ralf Vollmann einst über Jean Paul schrieb – und das in diesem Jean-Paul-Jahr leider nicht wieder aufgelegt wurde. Die Formel begegnet auch im Roman: Das Tolle saß beim Schönen. „Das“ ist ein „Der“, denn: „Das Tolle hieß Oefel, das Schöne hieß Beata.“ Der Legationsrat gerät allerdings sofort wieder aus dem Blickfeld, denn den Rest des schönen, längeren Absatzes braucht der Erzähler, um die Schönheit seiner Schönen zu schildern – die „am Bekannten nichts Unbekanntes entdeckt“, und die sich bei dessen Anblick nicht daran erinnert, „aus einem Kind ein Frauenzimmer geworden zu sein“. So kann man es auch ausdrücken: die sich leider nicht so in mich verliebt hat wie ich in sie, aber es würde trivial klingen.

Nun ist „Jean Paul“ – der Klavierlehrer, der einst in Paris gelebt hat, wo er, denke ich, allerhand Schöne gesehen und zumindest aus der Ferne kennen gelernt hat – aber schon ein „Älterer Jüngling“: eine Spezies, von der er selbst behauptet, dass sie fähig sei, „bloß zu bewundern“. Ich glaube, dass wir diese Behauptung schon mal hatten. Es ist eine Schutzbehauptung des unverheirateten Autors, der sich mit 28 Jahren seine Freiheit bewahren und nicht zulassen will, dass so etwas wie „Wollust“ in sein Leben und sein Werk geraten. Psychoanalytisch gesprochen: Die Sublimation muss beim „Jüngling“ – und sei er auch älter – noch funktionieren. Als Jean Paul verheiratet war, sich mit Karoline ins Bett begab, sich vergnügte und schließlich, als Frucht dieser Vergnügungen, drei Kinder auf ihm herumkrabbelten (es gibt da köstliche Szenenbeschreibungen seiner Tochter Emma), war er frei genug geworden, um die bürgerlich legitimierte Wollust zuzulassen. Frei blieb er immer, sein Schreiben hat niemals an der Zäsur von 1800/1801 Anstoß genommen.

Und weil der „ältere Jüngling“ bewundert, aber nicht begehrt, ist das Objekt der verhohlenen Begierde auch ein unschuldiges. Beata gehört zu jenen Göttergestalten der Reinheit, die Jean Pauls Werk bis zuletzt durchlaufen. „Beatens Empfindungen und Worte sind noch der blendend weiße und reine frische Schnee, wie sie vom Himmel gefallen sind: noch kein Fußtritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt.“ Psychoanalytisch gewiefte Leser würden jetzt vermutlich auf die auffallende Betonung des „blendend weißen und reinen“ Schnees hinweisen, auf ein Element also, das leicht – etwa durch Blutstropfen – befleckt werden könnte: Offenbaren sich hier nicht geheime Sehnsüchte „Jean Pauls“, der den Schnee besingt, weil er ihn in Wahrheit durchstapfen will? Oder weil das Bild vom Blutstropfen im Schnee zu nahe liegt, als dass man es nicht für eine negativierte Wunschvorstellung des Autors halten sollte: da im Schnee sich die Folgen einer Defloration offenbaren könnte? Gerade weil der Schnee so unberührt ist?

Ich denke auch an die berühmte Blutstropfenszene in Wolframs von Eschenbach Parzival:

sus begunder sich verdenken,
unz daz er unversunnen hielt;
diu starke minne sîn dâ wielt,
solhe nôt fuogt im sîn wîp.
dirre varwe truoc gelîchen lîp
von Pelrapeir diu künegin:
diu zuct im wizzenlîchen sin.
sus hielt er als er sliefe.

Es ist Sommer, aber es liegt Schnee; eine Wildgans wurde erlegt, Parzival erblickt drei Blutstropfen und denkt plötzlich an die Königin von Beaurepaire. Dieter Kühn übersetzt die betreffende Stelle folgendermaßen: „Und Sehnsucht packte Parzival – sie kam aus seiner treuen Liebe.“ Und dann: „Conduir-amour, allein mit dir / läßt sich dieses Rot vergleichen.“

Glücklicherweise bin ich kein Seelenzergliederer. Belassen wir es dabei, dass Beata nicht nur von sich aus schön ist, sondern noch verschönert wird. Wodurch? Durch „Geschäftigkeit“ – wie bei den Taubenhälsen das Gefieder nur dann schillere und spiele, sagt „Jean Paul“, wenn sie sich bewegten. Tätigkeit macht schön? Es stimmt: mir ist einmal aufgefallen, dass Menschen tatsächlich schöner werden (oder scheinen, was auf das Selbe heraus kommt), wenn sie (Theater) spielen. Interessant aber ist, dass der Erzähler hier einen Gegensatz zum Mann an sich postuliert: sie würden „den Raubtieren gleichen, die keine Beute haben wollen, welche festsitzt“. Mal abgesehen davon, dass nicht ganz klar ist, ob diese Bemerkung zutrifft: sie ist deshalb interessant, weil wenige Zeilen zuvor vom weißen und reinen Schnee die Rede war – und ein Raubtier, das zuschlägt, verursacht eben jene Blutstropfen, die den Schnee beflecken.

Vielleicht haben die Psychoanalytiker doch Recht.



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