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19.04.2013, 09:58 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [132]: Das Denken und das Fühlen wahrer Leiden

Nein, der Reisende verkneift es sich, nun das Bier bei Jean Paul zu erwähnen – man (in diesem Falle sogar: Frau) muss nicht darauf hinweisen, nur weil er (der erste) zum ersten Mal in seinem Leben ins Hofbräuhaus ging, um daselbst eine ausgezeichnete Surhaxn zu essen, ein Bier zu trinken und den Himmel der Schwemme und die kleine gemischte Blaskapelle zu bewundern. Jean Paul und das Bier, es ist in diesem Fall nicht besonders interessant – aber halt: hatten wir es nicht gerade mit einem „Gesöff“ zu tun, das Röper durch Fleckkugeln veredelte? Und sorgte seine Frau Luise nicht dafür, „dass ihr von der Bierhefe nichts verloren gehe“? Auf dass man auch in Zukunft, wie die zahlreichen Trinker im „berühmtesten Wirtshaus der Welt“ (so der Werbeslogan des Riesenlokals), noch Bier trinken könne?

Es hilft nichts: man kommt immer wieder – und selbst und gerade in der bayerischen Landeshauptstadt – auf den fränkischen Bier-Trinker und vor allem den Bier-Beschreiber und -Lober Jean Paul zurück, der auch in diesem Fall Wesentliches für die Literaturgeschichte schuf. Man lese nur seine zahlreichen, nun wieder[1] neu aufgelegten, in zweierlei Sinne köstlichen Bierbriefe.

Luise Röper also, ein „treues Herz“. Der Erzähler findet den Ort, um sie und die weiblichen Tugenden ausdrücklich zu loben. Ach du erinnerst mich an alle deine Leidens-Mitschwestern: „Jean Paul“ erweist sich zum wiederholten Mal als Frauenversteher, der sein Verstehen zugleich relativiert. Er wüsste, sagt er, „dass euere Leiden nicht so groß sind, als ich mir sie denke, eben weil ich sie denke und nicht fühle“. Was man „in der Ferne der Vorstellung“ für einen Blitz halte, sei in Wahrheit „nur ein Funke, der durch mehre Augenblicke schießt“. Das ist vermutlich gut beobachtet, wenn man es auf die subjektive Wahrnehmung der Leiden durch die Leidende(n) bezieht: von außen kann man Leiden nicht immer objektiv beobachten und beschreiben. Das ist trivial, aber Jean Paul findet eine Formel dafür, über die man nachdenken könnte: denn muss sie richtig sein? Kann es nicht sein, dass der Erzähler hier nur einen Grund dafür finden will, warum er es ablehnt, die leidenden Ehefrauen als allzu große Opfer ihrer Ehemänner zu sehen? Andererseits: „Kann sich ein Mann die Seelen-Schwielen und Brüche denken, die sein grober, von Waffen gehärteter Finger in euere weichen Nerven drücken muss“? Ein Mann, der doch so sanft mit Raupen umginge wie die Frauen mit ihnen, den Männern, wenn er sie – die Raupen - „nur mit dem ganzen Blatte, worauf sie liegen, wegzutragen wagt“? Und Jean Paul schreibt, aus damaliger Sicht politisch völlig korrekt, vom „Müssen“.

Widersprüchlich ist das alles, dieses Wiederspiel von männlicher Härte, angeblicher Notwendigkeit und respektabler Sanftmut. Eigentlich wollte ich heute bei meinen Betrachtungen schon weiter sein, bei Beata, aber wer es mit derartigen Setzungen zu tun hat, kann nicht schneller weitergehen. Das Denken des Dichters verschafft ihm eben weder Ruhepausen noch Gewissheiten – nur über das Bier: denn es ist ein guter Göttertrank oder ein elendes Gesöff, in München und sonst überall.

Besuchte Jean Paul auch das Hofbräuhaus? Nein, denn erst 1828 hat Ludwig I. (der das Bayreuther Jean-Paul-Denkmal initiierte) die „Gastung“ genehmigt. „Rehreny kann nur Harmoniebier verschaffen, das mir selten schmeckte; frage doch nach anderem besten herum und schone einige Groschen mehr, nicht“, schrieb der Reisende seiner Frau am 21. Juni 1820 aus München. Ein halbes Jahr später witzelte er: „Vorgestern setzte die Akademie der Wissenschaften in München einen Preis von zwei Dukaten auf die beste Auflösung der Preisfrage: was in Baireut jetzt das beste Gericht und was das beste Getränk. Gestern antwortete ich als Mitglied der Akademie[2]:[…] das beste Getränk sei das Bier, das mir eben mein Bruder, der Unteraufschläger, geschickt.“ Und Samuel Thomas von Sömmering notierte in seinem Tagebuch anlässlich des Besuchs des Dichters in München: „4. Juli: Um 12 Uhr zu Jean Paul Richter, der von Stahremberg zurückgekommen, schläfrig, ja betrunken scheint, kaum zu lallen vermag.“ (Fotos: Frank Piontek, 16.4. 2013)

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[1] Im Verlag Matthias Wehrhahn

[2] Jean Paul war tatsächlich Mitglied der Akademie.



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