Elena Ferrante, ihr Pseudonym und die vielen Gründe, inkognito zu bleiben – eine Chronologie (4)

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Schutz für die Gefühle für die eigene Welt von früher © Nicola Bardola

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die sich unter Wahrung der Anonymität seit Anfang der 1990er-Jahre einen Namen als international erfolgreiche Romanautorin gemacht hat. Ihre Neapolitanische Saga unter dem Titel Meine geniale Freundin zählt zu den bedeutendsten Werken der zeitgenössischen italienischen Literatur. Obwohl es in letzter Zeit immer wieder Versuche gab, die Identität von Elena Ferrante zu entschlüsseln, ist relativ wenig über die Autorin bekannt. Nun tauchen neue Fragen auf: Wie veränderte sich Elena Ferrantes Verhältnis in den vergangenen 27 Jahren zu ihrem Pseudonym? Was motivierte die Autorin, immer mehr von sich preiszugeben? Der in Zürich geborene und bei München lebende Autor, Journalist und Übersetzer Nicola Bardola hat ein Buch über Elena Ferrante geschrieben, das von der Literaturkritik hochgelobt wurde. Im Literaturportal Bayern kann man dem Mythos Elena Ferrante mit Bardolas Geschick dank dieser bisher unveröffentlichten Chronologie erneut auf den Grund gehen. Wir bringen heute die letzte Folge seiner 4-teiligen Journalreihe.

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Der Roman über Elena Ferrantes Leben

Im Dezember 2014 beantwortet Elena Ferrante Fragen für die New York Times, die ihrerseits immer noch und hauptsächlich Fragen zur Identität stellt. Darauf Ferrante: „Ich habe nicht die Anonymität gewählt, auf den Büchern steht ein Name. Ich habe eher die Abwesenheit gewählt. Ich empfand es als Belastung, öffentlich aufzutreten, und ich wollte die fertige Geschichte hinter mir lassen, ich wollte, dass die Bücher ohne meine Schirmherrschaft ihren Weg machen. Daraufhin entbrannte bald eine kleine Auseinandersetzung mit den Medien und deren Logik, wonach nur der Autor gehypt, die Qualität der Werke aber völlig außer Acht gelassen wird, sodass es irgendwann als das Normalste der Welt erscheint, wenn über ein schlechtes oder mittelmäßiges Buch eines Medienstars ausführlich berichtet wird, während nach einem vielleicht wertvollen Buch eines medialen Nobody kein Hahn kräht. Dabei scheint es mir gerade heute besonders wichtig, einen kreativen Raum zu bewahren, der voller auch technischer Möglichkeiten steckt. Denn die strukturelle Abwesenheit des Autors wirkt sich in einer Weise auf das Schreiben aus, die ich weiter ergründen möchte.“ Für Elena Ferrante ist die Anonymität inzwischen zu einem Experiment geworden. Zu den bestehenden Gründen für Elena Ferrantes Abwesenheit kommt ein neuer hinzu: Die Abwesenheit selbst und ihre Auswirkungen auf die Medien und die Leser samt der neuen schöpferischen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Das Verschwinden von Elena Ferrantes Romanfigur Lila in Meine geniale Freundin wird nun als Versuchsanordnung in der Realität und unter den Augen der Öffentlichkeit, aber gleichzeitig davor verborgen nachgespielt. Dass dies nicht in einem abgeschlossenen Labor stattfinden kann, zeigt die folgende Frage. 

Die New York Times weist darauf hin, dass viele – vor allem in Italien – glaubten, dass sich hinter dem Pseudonym ein Mann verberge. Was sie Domenico Starnone sagen würde, dem neapolitanischen Schriftsteller, der mehrfach erklärt hat, er sei es leid, gefragt zu werden, ob er Elena Ferrante sei. Ferrante erwidert, er habe recht dass es ihr leid tue. „Ich schätze ihn sehr, und ich bin sicher, er versteht meine Gründe. Meine Identität, mein Geschlecht sind in meinen Büchern.“

Im Frühjahr 2015 beantwortet Ferrante Fragen für die brasilianische Tageszeitung O Globo und auch hier zielt das Interesse auf die Anonymität. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob es zu all diesen Interviews in aller Welt überhaupt gekommen wäre, wenn es das Mysterium Ferrante nie gegeben hätte. Die Journalistin aus Südamerika fügt der Konstellation allerdings einen neuen Aspekt hinzu. Sie spricht von der Unmöglichkeit, keine Geschichten rund um Ferrantes Biografie zu erfinden: Ob sie eine Frau sei oder nicht, ob sie Italienerin sei oder nicht, ob Sie Mutter sei und so weiter. Die Journalistin bezeichnet die Vermutungen rund um die Biografie Ferrantes als „der Roman über Elena Ferrantes Leben“, der Tag für Tag entstehe und Hand in Hand mit den Romanen gehe, den Geschichten, die Elena Ferrante veröffentlicht. Viele Leser versuchten, darin Hinweise auf die Schriftstellerin zu entdecken, und es sei, als gäbe es zwei verschiedene Lesarten, einmal die, die sich direkt auf die Geschichte bezieht, und dann die, die Ferrante den Lesern bezüglich des Autors der Geschichte eingibt.

Trotz der Details, die Ferrante in verschiedenen Interviews der vergangenen Jahre preisgegeben habe, bleibe Sie ein Mysterium, so die brasilianische Journalistin. Sie fordert schließlich Ferrante dazu auf, sich mit folgender Idee einer romanhaften Biografie zu beschäftigen: Mit einer Elena Ferrante, die an der Fiktion ihrer eigenen Person arbeitet. Damit spricht die Journalistin eine neue Qualität in der Auseinandersetzung mit der Identität Ferrantes an. Doch diese lässt sich nicht darauf ein: „Mein Experiment möchte die Aufmerksamkeit wieder auf die ursprüngliche Einheit von Autor und Text lenken, und auf die Selbständigkeit des Lesers, der aus dieser Einheit alles ziehen kann, was er braucht. Ich erfinde darin nicht meine Biografie, ich verstecke mich nicht, ich schaffe keine Mysterien. Ich bin immer anwesend, sowohl in meinen Texten, als auch in den Antworten auf Ihre Fragen. Der einzige Ort, an dem ein Leser seinen Autor suchen und finden sollte, ist innerhalb des Textes.“

 

Donquichottesques Unterfangen

Diese ausweichende Antwort ist bedauerlich, denn tatsächlich entsteht durch die Veröffentlichungspraxis Ferrantes und ihrer Verleger ein Autorenkonstrukt, eine fiktive Biografie Elena Ferrantes außerhalb ihrer Romane. Darauf weist Ferrante selbst erstmals in ihrem oben genannten Gespräch mit dem Corriere della Sera 2014 hin. Und Ferrante betont, dass diese fiktive Biografie nicht nur entsteht, sondern bewusst von ihr orchestriert wird. Eine ausführlichere Auseinandersetzung Ferrantes mit dieser von ihr und ihrem Verlag geschaffenen Figur Ferrante steht allerdings noch aus und wird möglicherweise nie stattfinden. Das läge dann natürlich nicht an Ferrantes mangelnder Einsicht in den Entstehungsprozess der fiktiven Figur Ferrante, sondern in ihren Bedenken, zu viel von sich preiszugeben. Und natürlich auch an ihrer „kleinen Wette mit sich selbst“, die sie wohl auch am Ende ihres Lebens für sich entscheiden kann, wenn sie die Einheit von Autor und Text hochhält, eine Einheit, die in ihrem Verständnis den Autor möglichst verschwinden lässt, so ähnlich wie Lila in der Tetralogie verschwindet. Das erklärt auch Ferrantes Wunsch, den sie der brasilianischen Journalistin gegenüber äußert, sich „im Text einzuschließen und nicht mehr herauszukommen außer durch die Vorstellungskraft der Leser.“

Wie viele Journalisten vor ihr, weist die Reporterin aus Südamerika darauf hin, dass der Name Elena Ferrante ihr eine Identität gegeben habe und bittet sie deshalb, sich zu beschreiben. Darauf Ferrante: „Elena Ferrante? Dreizehn Buchstaben, nicht mehr, nicht weniger. Darin liegt die ganze Definition.“ Auf den Hinweis, Ferrante habe in der Neapolitanischen Saga gezeigt, wie Lenù nach einer ehrlichen Art des Schreibens strebt und der Frage, was für Sie Ehrlichkeit in der Literatur bedeute, erwidert Ferrante: „Die Wahrheit zu sagen, wie es sich nur die literarische Fiktion erlauben kann.“ Das mag im ersten Moment widersprüchlich klingen, aber Ferrante erläutert ihr Konzept überzeugend an verschiedenen Stellen in Frantumaglia, wie sie in ihrer Prosa ehrlicher sein will als in ihren Briefen.

 

Strand bei Neapel – Leiblichkeit oder Eine ganz normale Signora © Nicola Bardola

Im Sommer 2015 beantwortet Elena Ferrante Fragen für eine isländische Zeitung. Es ist die schon oft von Journalisten formulierte Neugier, ob die Abwesenheit der Autorin notwendig sei, ob Ferrante nicht zu sehr auf ihrer Anonymität beharre, die zu einer neuen Reaktion führt: „Es ist nicht meine Abwesenheit, die das Interesse für meine Bücher weckt, sondern es ist das Interesse an meinen Büchern, das die Aufmerksamkeit der Medien auf meine Abwesenheit lenkt.“

Ferrantes Hinweis auf das Henne-Ei-Problem überrascht, weist doch alles auf eine Gleichzeitigkeit hin: Der erste Roman Ferrantes Lästige Liebe erschien gemeinsam mit der Betonung der Abwesenheit der Autorin, denn auf dem Cover des Debüts ist eine Frau ohne Kopf abgebildet. Und natürlich fehlen das Autorenfoto und eine verlässliche Autoren-Biografie. Nach ihrem Privatleben befragt, sagt Ferrante: „Was bin ich außerhalb meiner Bücher? Eine Signora wie viele andere.“ Das ist sie natürlich nicht. Elena Ferrante ist als Privatperson – wenn auch im Geheimen und unerkannt – eine Weltbestsellerautorin und keine Signora wie viele andere. Sie schreibt leidenschaftlich, verdient sehr viel Geld und beides beeinflusst ihr Privatleben. Elena Ferrante ist viel zu klug, um das nicht zu wissen. Aber sie stellt sich diesbezüglich dumm, um ihrer „kleinen Kampagne“ zum Sieg zu verhelfen: „Lasst die Autoren in Ruhe; liebt – wenn es wert ist, geliebt zu werden – das, was sie schreiben. Das ist der Sinn meiner kleinen Kampagne.“

Der immanente Widerspruch von Ferrantes Argumentation manifestiert sich auch in obiger Antwort: Selbstverständlich ließe man die Autorin Elena Ferrante in Ruhe, würde sie §wieder aufhören, Fragen nach ihrer Identität zu beantworten. Es gibt Beispiele auch im literarischen Leben des 20. und 21. Jahrhunderts, die zeigen, wie gut sich das realisieren ließe, u.a. bei Jerome D. Salinger oder Thomas Pynchon. Das Problem besteht darin, dass Elena Ferrante ohne Not „eine kleine Wette“ eingegangen ist, die sie selbst formuliert hat und nun gewinnen will. Deshalb möchte sie nicht in Ruhe gelassen werden, denn sie will ja ihre Kampagne fördern, deren sehr entferntes Ziel es ist, nach Durchsetzung ihrer Argumente dann tatsächlich in Ruhe gelassen zu werden. Dieses donquichottesque Unterfangen führt in erster Linie zu höheren Auflagen der Bücher Ferrrantes und zur Steigerung des Bekanntheitsgrades ihres Pseudonyms.

Im selben Zeitraum beantwortet Ferrante auch Fragen des Magazins Vanity Fair und fügt ein neues Motiv hinzu, warum sie im Hintergrund bleiben will: „Ich habe einfach vor fünfundzwanzig Jahren ein für alle Mal beschlossen, mich von dem Streben nach Bekanntheit zu befreien, von dem Drang, in den Kreis der Erfolgreichen vorzudringen, derer, die glauben, wer weiß was gewonnen zu haben.“ Das sei ein wichtiger Schritt für sie. Heute habe sie den Eindruck, sich dadurch einen Freiraum geschaffen zu haben, in dem sie sich aktiv und gegenwärtig fühle.

Im Februar 2016 erscheinen Antworten Ferrantes für das britische Magazin The Gentlewoman: Die Journalistin geht davon aus, dass Ferrante ein Pseudonym benutzt, nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern auch eine real existierende neapolitanische Gemeinschaft, die sie inspiriert. Ferrante bejaht diese Annahme, das sei tatsächlich einer der Gründe für ihre  Entscheidung gewesen. Dann präzisiert Ferrante: „Es muss gesagt werden, dass ich mich heute nicht mehr vor der Welt schütze, in der ich aufgewachsen bin. Heute versuche ich eher, die Gefühle zu schützen, die ich für diese Welt hege, den emotiven Raum, in dem meine Lust am Schreiben entstanden ist und immer wieder neu entsteht.“

Dass dieser schöpferische Raum bestehen bleibt, ist allen Leserinnen und Lesern Elena Ferrantes zu wünschen. Und weil Elena Ferrante weiterhin Fragen zu ihrer Identität beantwortet, bleibt nicht nur ihre komplexe Argumentation bezüglich ihrer Anonymität im Fluss, sondern auch ihre fiktive Autobiographie, die komplementär zu ihrer Prosa stetig an Bedeutung gewinnt.