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29.10.2026, 10:00 Uhr
Sophia Lindsey
Rezensionen

Rezension zu „Der Tag von oben“ von Sophia Merwald

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© sirren Verlag

Zwischen Flöz und Förderturm schreibt die Münchner Autorin Sophia Merwald in ihrem neuen Buch Der Tag von oben (sirren 2026) über die Begegnung mit dem Ruhrgebiet – und über die erzählerischen Möglichkeiten, einer Region näherzukommen. Sophia Lindsey hat es für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Worte schimmern in der Weite des Himmels über dem zugewucherten Garagendach, wenn man Seite dreiundachtzig aufschlägt. Mag sein, dass das spiegelverkehrte Buchstabenblau, das sich in die Fotografie des unscheinbaren Gelsenkirchener Garagenhofes schreibt, schlicht ein der Papierstärke geschuldeter Zufall ist. Aber ob bewusst gewählt oder nicht, bei diesem optisch markanten Büchlein mit der freigelegten Fadenbindung erscheint es fast wie ästhetische Fügung. 

Denn Sophia Merwalds schmales Werk Der Tag von oben, das zugleich die erste Veröffentlichung des neu gegründeten Independent-Verlags sirren ist, lebt vom Zusammenspiel zwischen Geschriebenem und Gesehenen, zwischen Text und Fotografie. Zugleich erscheint die Überblendung sinnbildlich für die Erzählweise: Die Autorin hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich der städtischen Realität zu nähern, indem sie das Unwirkliche in sie hineinschreibt – und zum Beispiel Haie aus den rostigen Düsen des Freibads stürzen lässt. Merwald schärft die Wirklichkeit an der Fiktion. „Glauben Sie mir, das ist alles wahr und ich habe nur erfunden, was zur Wahrheit fehlt“, heißt es an einer Stelle. Und an anderer: „Es ist meine Suche nach Unwirklichkeit, mit der ich dieser Stadt begegne.“

© sirren Verlag

In der Endlichkeit blitzt die Ewigkeit auf

Die Stadt, mit der Merwald die Begegnung sucht, ist dabei nicht etwa zufällig gewählt. 2025 erhält die Autorin das Gelsenkirchener Literaturstipendium „Writer in Residence“ und verbringt drei Monate „in einem der schönsten Häuser Gelsenkirchens“: Das Haus Reichenstein an der Bochumer Straße im Stadtteil Ückendorf ist ein denkmalgeschütztes Gründerzeitgebäude. 2022 wurde es fertig saniert, irgendwann sollen dort Wohnungen, Büros und Restaurants hineinkommen. Vorher darf es zehn Jahre lang als Modellhaus für die Rettung ähnlicher Immobilien dienen – und als vorübergehende Heimat der Stadtschreiberin.

Ein passender Ort also für die Ursprünge eines Textes, der den Zeitspannungen nachspürt, die aufgrund einer begrenzten Zeitspanne entstehen: „In Gelsenkirchen denke ich über die Zeit nach, wie sonst nirgends zuvor“, schreibt Merwald. 

Und obwohl die Autorin, wie sie selbst vorrechnet, bemessen an dem 150-jährigen Bestehen Gelsenkirchens gerade mal 0,17 Prozent der Stadtgeschichte unmittelbar erlebt, dehnt sich dieser kleine Bruchteil ins Unermessliche. Die Ewigkeit, das zeigt sich hier, verfügt über die seltsame Gabe, gerade in der Endlichkeit aufzublitzen: „So schnell habe ich noch nie ein Immer gefunden“, lautet einer der poetischsten Sätze des Buches. Oder, etwas ausführlicher: „Ich habe das Gefühl, meine Tage werden immer länger hier. Ich höre und ich höre, ich erzähle und ich erzähle, niemand kann mich unterbrechen. Wenn das so weitergeht, werde ich das ewig tun.“

„Solange ich erzähle, bin ich noch nicht vergiftet“

In einem wunderbaren Kunstgriff dichtet die Autorin hier die sogenannte Ewigkeitsaufgabe des Ruhrgebiets – nämlich das beständige Abpumpen des Grubenwassers aus den ungenutzten Kohleschächten, um Überschwemmungen und die Verunreinigung des Grundwassers zu verhindern – zur Ewigkeitsaufgabe des Erzählens um: „Solange ich erzähle, bin ich noch nicht vergiftet, bestärke ich mich.“ Und zu den Eigenschaften dieses Buches gehört, dass es eben nicht nur vom Ruhrgebiet erzählt (und das ganz ohne jeden Verweis auf noch eine weitere Armutsstatistik), sondern auch davon, wie man überhaupt (andere) Regionen erfahrbar machen kann.

Immer wieder stößt der Text, der aufgrund der ungewöhnlichen Bindung optisch an ein Erinnerungsbuch oder Fotoalbum erinnert, die Lesenden auf die Distanz des Erzählens zum Erzählten. Einerseits narrativ, wenn etwa das Gegensatzpaar draußen/drinnen ausgelotet wird, und andererseits in den Fotografien, die auffallend viele Fenster zeigen: Es scheint, als ließe sich das Betrachtete nicht loslösen vom Vorgang des Betrachtens – ein Vorgang, der mal überraschend gelingt (wenn herausgebrochene Ziegelsteine ein Gucklock in der Mauer freigeben), mal etwas erahnen lässt (wenn hinter einem zugezogenen Vorhang eine Lichterkette tröstlich funkelt) und mal scheitert (zum Beispiel an heruntergelassenen Jalousien).

Bindewörter für alle

Gerade in diesem Spielraum zwischen Mittel- und Unmittelbarkeit entfaltet das Residenzstipendium überhaupt erst sein Potenzial. Die Stipendiatin wird im Erleben der fremden Stadt immer wieder auf die eigene zurückgeworfen, sei es in der Rückschau („Ich sehe die Stadt aus der Distanz auf meinem Bildschirm in München“) oder wenn die Fragende selbst zur Befragten wird: „Wo ich herkomme, wollen sie wissen, und was man dort übers Ruhrgebiet denkt, ob man überhaupt darüber nachdenkt. Aus München, sage ich. Aus München?, werde ich gefragt. Warum das denn?“

Politisch wird der Text vor allem dann, wenn auch sein Sujet politisch wird – zum Beispiel, weil die Stadt zum Zeitpunkt von Merwalds Aufenthalt vor einer historischen Kommunalwahl steht. Die „Widersprüche will ich nicht den Rechtsextremen überlassen“, schreibt sie. Hier scheint das auf, was bereits ihren preisgekrönten Debütroman Sperrgut auszeichnet: die Forderung nach Solidarität, nach Heilung durch Gemeinschaft im Kleinen, nach „Bindewörtern für alle“. Und wo das nicht gleich möglich ist, so legt der versöhnliche Schluss dieses Buches nahe, reiche es fürs Erste, „einfach hier zu sein und zu bleiben“.

Denn nicht zuletzt geht es auch ums Aushalten in diesem Büchlein: um das Aushalten von ausbleibenden Antworten, abrupt abbrechenden Sätzen, buchseitengroßen Weißräumen und, natürlich, von Widersprüchen.

Sophia Merwald, Der Tag von oben. Sirren Verlag 2026, 100 S., ISBN: 978-3-912500-01-1

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