Besprechung von Boris Schumatzkys Roman „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“
Zusammenfluss oder auch Einfluss sind gute Stichworte, um den im Sommer dieses Jahres erschienenen Roman Die Seine fließt ins Schwarze Meer des in Moskau geborenen, seit Mitte der 90er Jahre in Berlin lebenden und auf Deutsch schreibenden Autors Boris Schumatsky vorzustellen. So befindet die Autorin Dagmar Leupold.
*
Bereits in früheren Romanen – Silvester bei Stalin und Die Trotzigen – zeichnet Schumatsky seismografisch genau die tektonischen Verwerfungen der Zeit des Terrors in der ehemaligen Sowjetunion und der Wendezeit in Ost und West auf. Immer geht es um die Überschneidung von Geschichte und Lebensgeschichten, darum, wie sich historische Brüche im mentalen und psychischen Gewebe der Individuen zeigen und sedimentieren. Für einen Auszug aus dem nun vorliegenden dritten Roman gewann Schumatsky 2025 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur den Deutschlandfunk-Preis.
Zu- und Einflüsse schaffen Verbindungen: Verbundenheit wird zum Bauprinzip dieses formal komplexen, eindrücklichen Romans. Nicht allein Wasser – das süße der Seine und das salzige des Schwarzen Meers – vermischen sich im Erzählen, auch Lebensläufe und -spuren gehen in dieser imaginären Geografie ineinander über. Denn selbstredend fließt die Seine so wenig ins Schwarze Meer, wie Böhmen am Meer liegt.
Der mäandernde Erzählfluss und seine Nebenflüsse verbinden Orte und Schicksale: Czernowitz, Paul Celans Geburtsort in der Bukowina (heute Ukraine), Paris, wo die Nenn-Tante Nathalie respektive Natalia des Ich-Erzählers als Concierge in dem Hotel arbeitet, in dem der Dichter wohnt, Moskau, Lebensort der Mutter und Geburtsort des Erzählers, erkennbar der Autor selbst, und Berlin, dessen aktueller Wohnort. Aber der Radius, den das Erzählen vermisst, umfasst weit mehr als die oben aufgeführten Lebensstationen der Protagonistinnen und Protagonisten, er schließt die Ukraine, Israel und Gaza ein – die neue Kartierung ist eine innere, eine Kartierung des Schmerzes und der Verzweiflung. Ihre Legende ist politisch. Die Äußerung Celans über Paris: „hier, in dieser Stadt, ist jeder Eckstein eine Wunde“, die Nathalie dem Erzähler Jahre später kolportiert, gilt zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Romans gewissermaßen global: Hier, in dieser Welt, ist jeder Eckstein eine Wunde. Der Schmerz und die Trauer angesichts zweier dieser Wunden – der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und der von der Hamas verübte Terroranschlag mit Tausenden von Ermordeten und Entführten am 7. Oktober 2023 – bilden eine sehr vernehmliche Stimme in der vielstimmigen Partitur des Romans.
Statt zu schreiben, könnte ich fliegen.
So lautet der erste Satz des Romans. Ziel des nicht angetretenen Fluges wäre Moskau gewesen, wo die schwer kranke Mutter lebt. Das Schreiben ist folglich Sterbensbegleitung und widerständiges Lebenszeugnis zugleich, das Erzählen und das Zählen der gezählten Tage gehören notwendig zusammen, sie sind das Kerngeschäft der Literatur. Dies belegt die einzige Kapitelüberschrift, die der Roman aufweist, sie lautet: „Wo der Puls den Gegentakt wagte.“ Der Gegentakt, der Einspruch, die Parallelisierung der Schicksale und die Korrektur der Faktizität durch die Fiktion bedürfen freilich der Legitimation: „Ich darf nur dann über Celan schreiben, wenn ich offenlege, wer ich bin. Mein Jetzt ist sein Damals.“
Was kennzeichnet das Damals des Paris‘ der 1940er und 1950er Jahre, und was das Jetzt des heutigen Berlins und Moskaus? Worin sind sie verbunden, worin sind sie unterschieden? Wer beglaubigt die Erzählung?
Kunstvoll verflicht Schumatsky zwei Erzählstränge: Da ist die Erzählerin Nathalie (später im Roman, nach ihrer Rückkehr nach Moskau Natalia genannt), eine Freundin der Mutter aus deren Pariser Zeit, die über ihre Tätigkeit als Concierge im Hotel respektive Wohnhaus Celans Zugang zu seinen Privaträumen hat, die sie zu ausführlicher Brief- und Textlektüre nutzt. Nach und nach wird sie zu einer Art vertrauten Freundin, die ihn mit dem Vornamen Paul anspricht, sie nimmt teil an den Lebens- und Liebeskrisen, von denen sie wiederum dem Sohn ihrer Freundin – unserem Erzähler-Autor – bei Besuchen in Moskau– später wird es ihr ständiger Wohnsitz -, berichtet. Der interessiert sich, als Heranwachsender wenig überraschend, vor allem für die Celan‘schen Liebeswirren.
Das Ringen um ein Sprachobdach
Es ist überaus raffiniert angelegt, wie die zunehmende Politisierung der Erzählungen und kritisch-kundige Kommentierung durch Nathalie die einsetzende Selbstreflexion des erwachsenen Erzählers/Autors spiegeln. Auf der Folie der Celan’schen Lebens- und Schaffensgeschichte gewinnen die Konturen der eigenen nicht minder problematischen Zeitgenossenschaft nach und nach an Schärfe, werden deutlich wie Fotos, die man aus der Entwicklerlösung hebt: Der jüdische Hintergrund, die damit verbundenen Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen, eine als konstitutiv erlebte dissidentische Grundverfassung, die sich autokratischer Machtausübung nicht beugt, schließlich das – sich daraus ergebende – Nomadische und Unbehauste beider Leben. Unbehaust auch in der Sprache, um ein Sprachobdach ringend, seinen Schutz wieder und wieder bezweifelnd – das ist die Grundierung des Celan’schen Werks und Maßgabe für die Poetologie Schumatskys.
Die Doppelarchitektur des Damals und des Jetzt ist zugleich Stärke und Schwäche des Romans. Grandios die Passagen über die Erfahrungen von Schikane, Einschüchterung, Indoktrination und Gängelung im sowjetischen Moskau („auf Schlamm gebaut“, heißt es einmal) der 1980er Jahre, die Angst vor der Musterung und der Willkür eines Militärkommissars, kurz geschlossen mit der unmittelbar vorausgehenden Schilderung Pauls (an Nathalie, der wiederum der Erzähler / Autor zuhört), zu der Zeit Häftling in einem Lager, der trickreich versucht, einen SS-Mann bei der Selektion zu überlisten. Eindrucksvoll auch der souveräne und die Statik des Erzählgebäudes (fast) nie gefährdende Umgang mit der Materialfülle des Celan’schen Werks und Lebens, beglaubigt durch die Zeitgenossin Nathalie: Alles kommt zur Sprache, die Affäre Goll – Celan wurde von der Witwe des Dichters verleumdet und des Plagiats beschuldigt –, die konfliktreiche Beziehung mit Ingeborg Bachmann sowie die an Konflikten auch nicht arme Ehe mit Gisèle L’Etrange, die Kränkungen durch den deutschen Literaturbetrieb.
Das ist findig und virtuos – gelegentlich aber ächzt es wegen Überlastung ein wenig in den Fugen: etwa, wenn es um das Tagebuch einer Nebenfigur namens Denise geht, die die Geliebte eines mit ominösen Spitzelaufgaben betrauten Sergejs ist, der in demselben Hotel wohnt und später Nathalies Geliebter wird. Aus diesem Tagebuch, das Sergeij – wenig plausibel – an sich nimmt und sogar zu Nathalie mitbringt, wird ausführlich zitiert, die zitierten Passagen laufen jedoch leer, ihre Funktion erschließt sich nicht, die Figur bleibt Statistin.
Diese und einige wenige weitere Flussärmchen im weiten Erzähldelta des Hauptflusses mindern freilich kaum die Verdienste dieses nachdenklichen, sprachmächtigen Romans, der unbeirrt am Wahrheitsauftrag der Literatur festhält und dem Bachmann’schen Gebot folgt, Verstoß zu sein gegen die schlechte Sprache – die Sprache des Konformismus, des Hasses, der Intoleranz und der Fühllosigkeit.
Boris Schumatsky: Die Seine fließt ins Schwarze Meer. Residenz Verlag 2026, 416 S. ISBN: 9783701718160
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Zusammenfluss oder auch Einfluss sind gute Stichworte, um den im Sommer dieses Jahres erschienenen Roman Die Seine fließt ins Schwarze Meer des in Moskau geborenen, seit Mitte der 90er Jahre in Berlin lebenden und auf Deutsch schreibenden Autors Boris Schumatsky vorzustellen. So befindet die Autorin Dagmar Leupold.
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Bereits in früheren Romanen – Silvester bei Stalin und Die Trotzigen – zeichnet Schumatsky seismografisch genau die tektonischen Verwerfungen der Zeit des Terrors in der ehemaligen Sowjetunion und der Wendezeit in Ost und West auf. Immer geht es um die Überschneidung von Geschichte und Lebensgeschichten, darum, wie sich historische Brüche im mentalen und psychischen Gewebe der Individuen zeigen und sedimentieren. Für einen Auszug aus dem nun vorliegenden dritten Roman gewann Schumatsky 2025 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur den Deutschlandfunk-Preis.
Zu- und Einflüsse schaffen Verbindungen: Verbundenheit wird zum Bauprinzip dieses formal komplexen, eindrücklichen Romans. Nicht allein Wasser – das süße der Seine und das salzige des Schwarzen Meers – vermischen sich im Erzählen, auch Lebensläufe und -spuren gehen in dieser imaginären Geografie ineinander über. Denn selbstredend fließt die Seine so wenig ins Schwarze Meer, wie Böhmen am Meer liegt.
Der mäandernde Erzählfluss und seine Nebenflüsse verbinden Orte und Schicksale: Czernowitz, Paul Celans Geburtsort in der Bukowina (heute Ukraine), Paris, wo die Nenn-Tante Nathalie respektive Natalia des Ich-Erzählers als Concierge in dem Hotel arbeitet, in dem der Dichter wohnt, Moskau, Lebensort der Mutter und Geburtsort des Erzählers, erkennbar der Autor selbst, und Berlin, dessen aktueller Wohnort. Aber der Radius, den das Erzählen vermisst, umfasst weit mehr als die oben aufgeführten Lebensstationen der Protagonistinnen und Protagonisten, er schließt die Ukraine, Israel und Gaza ein – die neue Kartierung ist eine innere, eine Kartierung des Schmerzes und der Verzweiflung. Ihre Legende ist politisch. Die Äußerung Celans über Paris: „hier, in dieser Stadt, ist jeder Eckstein eine Wunde“, die Nathalie dem Erzähler Jahre später kolportiert, gilt zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Romans gewissermaßen global: Hier, in dieser Welt, ist jeder Eckstein eine Wunde. Der Schmerz und die Trauer angesichts zweier dieser Wunden – der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und der von der Hamas verübte Terroranschlag mit Tausenden von Ermordeten und Entführten am 7. Oktober 2023 – bilden eine sehr vernehmliche Stimme in der vielstimmigen Partitur des Romans.
Statt zu schreiben, könnte ich fliegen.
So lautet der erste Satz des Romans. Ziel des nicht angetretenen Fluges wäre Moskau gewesen, wo die schwer kranke Mutter lebt. Das Schreiben ist folglich Sterbensbegleitung und widerständiges Lebenszeugnis zugleich, das Erzählen und das Zählen der gezählten Tage gehören notwendig zusammen, sie sind das Kerngeschäft der Literatur. Dies belegt die einzige Kapitelüberschrift, die der Roman aufweist, sie lautet: „Wo der Puls den Gegentakt wagte.“ Der Gegentakt, der Einspruch, die Parallelisierung der Schicksale und die Korrektur der Faktizität durch die Fiktion bedürfen freilich der Legitimation: „Ich darf nur dann über Celan schreiben, wenn ich offenlege, wer ich bin. Mein Jetzt ist sein Damals.“
Was kennzeichnet das Damals des Paris‘ der 1940er und 1950er Jahre, und was das Jetzt des heutigen Berlins und Moskaus? Worin sind sie verbunden, worin sind sie unterschieden? Wer beglaubigt die Erzählung?
Kunstvoll verflicht Schumatsky zwei Erzählstränge: Da ist die Erzählerin Nathalie (später im Roman, nach ihrer Rückkehr nach Moskau Natalia genannt), eine Freundin der Mutter aus deren Pariser Zeit, die über ihre Tätigkeit als Concierge im Hotel respektive Wohnhaus Celans Zugang zu seinen Privaträumen hat, die sie zu ausführlicher Brief- und Textlektüre nutzt. Nach und nach wird sie zu einer Art vertrauten Freundin, die ihn mit dem Vornamen Paul anspricht, sie nimmt teil an den Lebens- und Liebeskrisen, von denen sie wiederum dem Sohn ihrer Freundin – unserem Erzähler-Autor – bei Besuchen in Moskau– später wird es ihr ständiger Wohnsitz -, berichtet. Der interessiert sich, als Heranwachsender wenig überraschend, vor allem für die Celan‘schen Liebeswirren.
Das Ringen um ein Sprachobdach
Es ist überaus raffiniert angelegt, wie die zunehmende Politisierung der Erzählungen und kritisch-kundige Kommentierung durch Nathalie die einsetzende Selbstreflexion des erwachsenen Erzählers/Autors spiegeln. Auf der Folie der Celan’schen Lebens- und Schaffensgeschichte gewinnen die Konturen der eigenen nicht minder problematischen Zeitgenossenschaft nach und nach an Schärfe, werden deutlich wie Fotos, die man aus der Entwicklerlösung hebt: Der jüdische Hintergrund, die damit verbundenen Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen, eine als konstitutiv erlebte dissidentische Grundverfassung, die sich autokratischer Machtausübung nicht beugt, schließlich das – sich daraus ergebende – Nomadische und Unbehauste beider Leben. Unbehaust auch in der Sprache, um ein Sprachobdach ringend, seinen Schutz wieder und wieder bezweifelnd – das ist die Grundierung des Celan’schen Werks und Maßgabe für die Poetologie Schumatskys.
Die Doppelarchitektur des Damals und des Jetzt ist zugleich Stärke und Schwäche des Romans. Grandios die Passagen über die Erfahrungen von Schikane, Einschüchterung, Indoktrination und Gängelung im sowjetischen Moskau („auf Schlamm gebaut“, heißt es einmal) der 1980er Jahre, die Angst vor der Musterung und der Willkür eines Militärkommissars, kurz geschlossen mit der unmittelbar vorausgehenden Schilderung Pauls (an Nathalie, der wiederum der Erzähler / Autor zuhört), zu der Zeit Häftling in einem Lager, der trickreich versucht, einen SS-Mann bei der Selektion zu überlisten. Eindrucksvoll auch der souveräne und die Statik des Erzählgebäudes (fast) nie gefährdende Umgang mit der Materialfülle des Celan’schen Werks und Lebens, beglaubigt durch die Zeitgenossin Nathalie: Alles kommt zur Sprache, die Affäre Goll – Celan wurde von der Witwe des Dichters verleumdet und des Plagiats beschuldigt –, die konfliktreiche Beziehung mit Ingeborg Bachmann sowie die an Konflikten auch nicht arme Ehe mit Gisèle L’Etrange, die Kränkungen durch den deutschen Literaturbetrieb.
Das ist findig und virtuos – gelegentlich aber ächzt es wegen Überlastung ein wenig in den Fugen: etwa, wenn es um das Tagebuch einer Nebenfigur namens Denise geht, die die Geliebte eines mit ominösen Spitzelaufgaben betrauten Sergejs ist, der in demselben Hotel wohnt und später Nathalies Geliebter wird. Aus diesem Tagebuch, das Sergeij – wenig plausibel – an sich nimmt und sogar zu Nathalie mitbringt, wird ausführlich zitiert, die zitierten Passagen laufen jedoch leer, ihre Funktion erschließt sich nicht, die Figur bleibt Statistin.
Diese und einige wenige weitere Flussärmchen im weiten Erzähldelta des Hauptflusses mindern freilich kaum die Verdienste dieses nachdenklichen, sprachmächtigen Romans, der unbeirrt am Wahrheitsauftrag der Literatur festhält und dem Bachmann’schen Gebot folgt, Verstoß zu sein gegen die schlechte Sprache – die Sprache des Konformismus, des Hasses, der Intoleranz und der Fühllosigkeit.
Boris Schumatsky: Die Seine fließt ins Schwarze Meer. Residenz Verlag 2026, 416 S. ISBN: 9783701718160
