Gustav Meyrink: Romanfragment „Das Haus des Alchimisten“ bzw. „Das Haus zum Pfau“

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© Hanns Holdt/Bayerische Staatsbibliothek

Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.

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Manuskript, [1926], 32,5 x 21 cm; Meyrinkiana IV.1.a.aa 

1961, kurz nach dem Tode von Meyrinks Frau Mena, ist der Nachlass von Gustav Meyrink (1868-1932) als Geschenk in den Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek übergegangen. Meyrink ist heute durch seine phantastischen Romane und Erzählungen, vor allem den Roman Golem (1915) bekannt, während seine Arbeit als Theaterautor, Essayist und Übersetzer weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Der Nachlass veranschaulicht verschiedene Aspekte seines Wirkens und seiner Biographie. Interessant sind Unterlagen, die Meyrinks Leidenschaft für das Okkulte und für paranormale Erfahrungen, die auch sein Werk dominiert, seine diesbezüglichen Studien und seine Beteiligung an einigen Orden und Brüderschaften belegen. Gleichermaßen wichtig sind aber Manuskripte und Vorarbeiten aus seiner letzten aktiven Schaffensphase 1926-1929.

So liegen uns zum Roman Das Haus des Alchimisten ein Exposé, dessen Ergänzungen und Erörterungen sowie drei Romankapitel vor. Die Idee zum Roman soll bereits 1925 existiert haben. Ende 1926 arbeitete der Autor aktiv daran und wollte ihn Anfang 1927 abschließen. Das Romanfragment samt dem Exposé wurde für den Druck von Julius Gustav Böhler, dem Enkelkind des Schriftstellers und dem Inhaber des Münchner Traditionsfirma Kunsthandlung Julius Böhler, vorbereitet. Seine Mutter Sibylle war in erster Ehe mit Julius Harry Böhler verheiratet, dem Grundstücksnachbar der Meyrink-Familie in Starnberg. 

Warum hat Meyrink diesen Roman nicht abgeschlossen? Wegen seiner schlechten Gesundheit? Wegen der finanziellen Misere (1928 musste er sein mit Hypotheken mehrfach belastete Haus in Starnberg an Böhlers verkaufen)? Weil die Verleger keine Vorschüsse mehr zahlten und die fertigen Texte gegen die ausgezahlten Vorschüsse verrechneten? Der Grund für den Abbruch der Arbeit am Roman könnte aber auch im Text selbst liegen. In diesen scheint Meyrink alle übernatürlichen und unerklärlichen Erscheinungen hineinpacken zu wollen, was für die Entwicklung der Handlung zum Verhängnis geworden sein könnte. Außerdem ist ihm offensichtlich nicht geglückt, sich für einen Schwerpunkt zu entscheiden. Neben dem zentralen Bild des Romans, einem Haus, welches seelische Verwandlungen von Menschen beeinflusst, profiliert Meyrink die Figur des Bösewichts Dr. Steen, für dessen Darstellung er die Erkenntnisse der Psychoanalyse in ungewöhnlicher Drehung einsetzt. 

© Archiv Bayerische Staatsbibliothek

Im Exposé heißt es von Steen: „Sein Hauptfeld ist die sogenannte Psychoanalyse, nur verwendet er sein Wissen darin nicht zum Wohle seiner Mitmenschen, sondern im Gegenteil dazu, „Komplexe“ – seelische Verwirrungen – in seinen Opfern zu erwecken [...] immer neue Methoden geistigsadistischer Art zu ersinnen und in die Praxis umzusetzen.“ Als Ergebnis von allen diesen Aspekten stockt die Erzählung und das letzte ausgeführte Kapitel flacht gegen die ersten zwei merklich ab. 

Sekundärliteratur:

Binder, H. (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben in Bann der Magie. Prag, S. 656-658.

Frank, E. (Hg.) (1973): Das Haus zur letzten Latern. Nachgelassenes und Verstreutes. München.

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