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10.09.2026, 11:50 Uhr
Tanja Dückers
Gespräche

„Einfache Sprache“ in der Literatur: Interview mit Anette Pehnt

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(c) Piper Verlag

Viele Menschen verstehen Texte, wie sie uns Tag für Tag vor die Nase kommen, nur schwer. Um ihnen den Zugang zu Wissen und Informationen zu sichern, greift die „Einfache Sprache“ zu einer streng geregelten, leichter verständlichen Ausdrucksweise. Was dieses Regelwerk mit literarischen Texten macht, hat die Schriftstellerin Annette Pehnt u. a. in ihrem Buch Einen Vulkan besteigen ausprobiert. Ihre Kollegin Tanja Dückers hat mit Pehnt über Einfache Sprache als literarisches Stilmittel im Besonderen und die Tendenzen der deutschsprachigen Gegenwartliteratur im Allgemeinen gesprochen.

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Tanja Dückers: Ich freue mich sehr, mit dir – wir sind per Du –  über dein neuestes, sehr besonderes Buch Einen Vulkan besteigen sprechen zu können. Zur Vorgeschichte: Du hattest am LiES-Projekt1 von Hauke Hückstädt teilgenommen. Eine Auswahl von Autor*innen hat Texte in Einfacher Sprache verfasst. Gemeint ist hiermit ein knappes, übersichtliches Schreiben, ohne Schachtelsätze, ein Schreiben im Präsens, möglichst ohne Passivkonstruktionen, ohne Zeitsprünge oder Rückblenden und ohne wechselnde Erzählperspektive. Jeder Satz steht für sich in einer eigenen Zeile. Anschließend sind diese Texte in einer Anthologie erschienen. Aber wie ist bei dir die Idee gereift, ein ganzes Buch in Einfacher Sprache zu schreiben?

Annette Pehnt: Der Prozess war so, dass ich von dieser Einladung, einen Text in Einfacher Sprache zu schreiben, vollkommen fasziniert war. Ich habe gemerkt, dass dieses Regelwerk, diese Rahmung mich in eine große Produktivität bringen. Es hat mir schlichtweg wahnsinnig Spaß gemacht. Ich arbeite ja sowieso gerne mit Reduktion, das kommt meinem literarischen Arbeiten also entgegen. Und jetzt hatte ich sozusagen die Lizenz, diesem Formprinzip wirklich im Radikalen nachzugehen. Zudem hatte ich den Eindruck, mit nur einer Kurzgeschichte sei die Methode für mich noch nicht ausgeschöpft. Ich habe ausprobiert, was passiert, wenn ich über eine längere Zeit mit diesen Vorgaben arbeite, nur mit den Regeln der Einfachen Sprache mich immer wieder Schreibideen aussetze. Ich konnte tatsächlich alles einspeisen, meine ganzen Wahrnehmungen, alles, was ich so zu erzählen hatte, in dieses Regelwerk einspeisen, und das war für mich sehr ergiebig. Das hätte auch zu einer langen Form führen können, aber das hat sich bei mir nicht ergeben; es ist eine Reihe von Geschichten geworden. Die Form ist eigentlich das, was mich wirklich ins Arbeiten bringt. Solch eine formale Entscheidung ist für mich schon eine Art Schreibmotor.

Dückers: Gibt es Autor*innen, auch historische, die du vielleicht als wegweisend für solch einen reduzierten Stil empfunden hast und die dir ebenfalls als Anregung gedient haben?

Pehnt: Meine großen Vorbilder sind nicht unbedingt Autor*innen, die einfach schreiben. Jemand wie Friederike Mayröcker benutzt keine einfache Sprache, im Gegenteil. Aber mich interessieren grundsätzlich Autor*innen, die sehr stark über die Form kommen und bei denen man eine Art ganz eigene Poetik oder Regelhaftigkeit in der Sprache spürt.

Dückers: Üblicherweise werden Texte in Einfacher Sprache in anderen als belletristischen Kontexten und mit anderen Inhalten geschrieben. Du hattest Dir aber die Aufgabe gestellt, in knapper Sprache maximale psychologische Dichte zu erreichen. Das ist eine ganz andere Anforderung als die, die an Autor*innen gestellt wird, die üblicherweise Texte in Einfacher Sprache verfassen. Wie bist Du mit dem Regelwerk der Einfachen Sprache umgegangen? Du hast ja die Regeln durchaus etwas moduliert. Wie kreativ bist Du mit dem Regelwerk umgegangen?

Pehnt: Ich habe mir das Regelwerk ja selbst auferlegt, daher hatte ich allen Spielraum, es dann auch auszureizen und zu brechen. Das ist ja bei Regeln, die man für die künstlerische Arbeit verwendet, immer das Reizvolle: dass man sich an ihnen reibt, auch guckt, welche Spielräume tun sich da auf und wo kann ich sie dann nicht mehr gebrauchen? Was aber erstmal auch heißt, dass sehr Vieles von dem, was wir als unsere üblichen literarischen Werkzeuge nutzen, eben nicht möglich ist, z. B. Zeitsprünge oder Rückblenden. Du kannst das Innenleben von Figuren nicht ausführlich ausarbeiten, dafür fehlt sozusagen die Sprache. Also diese beiden Aspekte waren für mich die größte Herausforderung. Die Regel mit den Zeitsprüngen habe ich tatsächlich öfters gebrochen. Also ich konnte nicht oft ohne zumindest mal die eine oder andere Mikrorückblende auskommen, um ein bisschen etwas über die Figur zu erzählen. Sonst haben die ja nur die Gegenwart. Dann hast du nur eine ganz dünne Spur und zu wenig Fleisch. Es ist sowieso wenig Fleisch. Das sind ja Texte, die wirklich sehr abgespeckt sind. Aber das brauchte ich schon manchmal, das habe ich mir dann auch Abweichungen von den Regeln der Einfachen Sprache herausgenommen. Der Preis dafür ist, dass die Texte dann wiederum weniger zugänglich und die Leser*innen der eigentlichen Zielgruppe im Grunde wieder rauskatapultiert werden.

Dückers: Hattest du denn diese Zielgruppe – Leser*innen von Texten in Einfacher Sprache – im Blick?

Pehnt: Ich habe die Geschichten nicht mit Blick auf die Zielgruppe der Nutzer*innen in Einfacher Sprache geschrieben. Aber es war mir trotzdem sehr recht, dass es auch möglich wäre, Leute anzusprechen, die sonst nicht zu Lesungen kommen. Es gab schon Veranstaltungen, die dieses Ziel hatten. Man merkt aber dann, dass die Geschichten trotzdem versuchen, eine Komplexität zu erzeugen, über andere Mittel dann, meinetwegen über die sehr sorgfältige Auswahl oder Konstruktion von verdichteten existenziellen Momenten oder eben das Nutzen von Leerstellen, die die Leser*innen selbst füllen müssen. Wobei das bereits wieder komplexe Verfahren sind. Aber mein Anspruch war primär künstlerisch. Mein Ziel war nicht, unbedingt Texte zu schreiben, die als Materialien im Unterricht der Einfachen Sprache verwendet werden können, sondern ich wollte schreiben, Literatur machen.

Dückers: Auf der handwerklichen Ebene: würdest du sagen, dass das Verfassen dieser Geschichten für dich mehr Arbeit im Kopf bedeutet hat? Jedes Wort ist wie bei einem Gedicht ein äußerst präzises Destillat. Das ist ja eine höhere Anforderung an einen selbst, finde ich, als mit mehr Spielraum und Möglichkeiten schreiben zu können. War das Verfassen dieser Geschichten zeitintensiver für dich, anstrengender? Du arbeitest ja stark und eindrucksvoll mit Lücken und Leerstellen. Aber jede Lücke setzt viel Denkarbeit voraus. Das, was wir nicht sehen auf dem Papier, hat ja einen Arbeitsschritt vorausgesetzt.

Pehnt: Genau, das passiert ja nicht einfach so. Das ist eine eigene Art von Anstrengung, aber ich würde sagen, eine graduelle Anstrengung, die ich sonst auch mache, weil so schreibe, dass ich mit Lücken arbeite, mit Reduktion. Das habe ich jetzt noch konsequenter getan. Ich war ein Stück weit wirklich erleichtert, dass ich jetzt mal richtig radikal reduzieren durfte. Und ich hatte in der Zeit mein erstes Residenzstipendium. Wegen meiner Kinder und meiner Care-Arbeit konnte ich so etwas vorher nie wahrnehmen.

Dückers: Du warst in Bamberg in der Villa Concordia, nicht wahr? 

Pehnt: Ich hatte noch nie erlebt: dass man bezahlt wird dafür, dass man irgendwo sein darf und schreibt. Das hat bei mir eine enorme Produktivität ausgelöst. Und aus diesem äußeren Umstand, verbunden mit der formalen Entscheidung, dass sozusagen jedes Wort zählt, sind meine Geschichten dann eben Wort für Wort langsam entstanden. Das hatte eine eigene Schönheit. Ich vermisse das nun manchmal.

Dückers: Es klingt so als hättest du dieses Experiment eher als Befreiung denn als schmerzhafte Selbstbeherrschung erlebt?

Pehnt: Ja, ich glaube, ich habe das tatsächlich eher als Freude erlebt. Selbstbeherrschung oder sehr starkes Arbeiten, Durcharbeiten von Sprache ist für mich das, was Schreiben eh ausmacht. Meine Texte sind ja kurz und meine sogenannten Romane immer sehr schmal. Ich weiß aber auch, dass es ganz andere Verfahren gibt und man in die Fülle gehen kann. Das ist dann einfach ein ganz anderes Schreiben.

Dückers: Du hast in Einen Vulkan besteigen viel über soziale Außenseiter*innen geschrieben. Ich habe mich gefragt, ob es eine Art geheime Komplizenschaft gibt zwischen den Figuren, ihren Schicksalen auf der einen Seite und auf der anderen dieser reduzierten Sprache. Wäre ein gewohnter Duktus gewissermaßen zu normativ für dein Personal, schien dir, dass diese Geschichten besser ohne gesellschaftlichen und literarischen „Sprachschmuck“ auskommen sollten

Pehnt: Das ist eine wichtige Frage. Auf der einen Seite: ja. Aber dann fand ich den Gedanken zu verlockend, eine andere Sprache sei gewissermaßen passend für Menschen, die in irgendeiner Weise in ihrem Denken oder Verhalten herausfallen aus unseren Erwartungen. Ist diese Sprache dann wirklich geeignet? Das fand ich auch gefährlich. Ich habe daher bewusst versucht, auch andere Figuren zu finden, zum Beispiel einen Politiker oder einen Komponisten und andere Leute, über nicht am Rande der Gesellschaft stehen – was auch immer das heißen mag. Diese Sprache müsste, meine ich, doch taugen für Figuren aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Es gibt Figuren, für die ich die Sprache besonders geeignet finde, z. B. zum Ausdruck von Trauer. Die Sprache der Trauer ist eine sehr aufgeladene Sprache mit vielen Stereotypen; da auf eine reduzierte Sprache kommen zu können, also in dem Fall für meine Trauer um meinen Vater, war für mich sehr hilfreich. 

Dückers: Das ist sehr nachvollziehbar. Ich habe mich gefragt, ob diese entschlackte Sprache dazu beiträgt, dass du das „Geheimnis“ der jeweiligen Figuren, wenn ich das so mal nennen darf, nicht auserzählst? Dass du vielleicht deinen Figuren etwas mehr von ihrer Würde lässt?

Pehnt: Ja, ich würde sagen, das ist eine Art Ethik, die ich beim Schreiben habe. Ich glaube einfach nicht, dass sich Menschen erklären und bis ins Letzte ergründen lassen. Und ich will das auch nicht. Ich will sie gar nicht so konstruieren, als könnte ich das. Da sind wir bei der „Eisberg-Theorie“. Ich sehe eben nur die Spitze des Eisbergs. Und ich möchte nicht behaupten, ich könnte mehr wissen von anderen Menschen. Aber natürlich machen wir uns Bilder von allem. Ich schreibe gern so, dass wir in den Lehrstellen unsere eigene Vorstellung von zum Beispiel einer Figur entstehen lassen können. Ich versuche, eine Figur auf den Punkt zu bringen, auf das, was ich von ihr wissen könnte. Und den Rest möchte ich offenlassen. Und das ist vielleicht meine Poetik, wenn ich über Figuren schreibe.

Dückers: Ich habe mich gefragt, ob für dich bei diesem Experiment eine gewisse Unzufriedenheit mit der Gegenwartsliteratur, so vielfältig sie ist, mit hineingespielt hat? Empfindest du einen Teil der Gegenwartsliteratur als zu „auserzählend“, ausufernd? Als zu deskriptiv auf Kosten der, ich sage mal, vertikalen Tiefe? Es hat ja diesen Begriff des Neuen Erzählens gegeben, es gibt einen Rekurs auf Erzähltraditionen, die wieder eher linear-plan und üppig erzählen. Es gibt natürlich auch gegenläufige Entwicklungen. Und auf der soziokulturellen Ebene: empfindest Du viele Bücher, vielmehr Schreibverfahren als elitär, um das mal so plakativ zu formulieren?

Pehnt: Ich nehme mir nicht heraus, über „die“ Gegenwartsliteratur zu urteilen. Da sind wir zudem im Bereich des Geschmacks. Ich habe zwar meine Lesepräferenz schon immer eher auf Texte gerichtet, die nicht linear-realistisch auserzählen. Aber das Feld der Gegenwartsliteratur ist so riesig, da wachsen alle möglichen Pflanzen. Die können auch alle da sein und haben ihre guten Gründe, z. B. die vielen autobiografischen Texte jetzt, warum sie da sind, was sie erzählen wollen. Diese Autor*innen wollen ihren persönlichen Geschichten Gehör verschaffen, machen das mit bestimmten Erzählweisen, das sollen sie tun, finde ich. Es gibt in der Tat immer noch die ausufernden realistischen Generationen- und Panoramageschichten, gleichzeitig aber auch viel Neues, es gibt feministische Science Fiction, postapokalyptische Texte, da sind richtig irre Sachen dabei. Die sind teilweise auch sehr ausufernd. Ich finde das ist alles möglich. Mit manchem bin ich als Leserin schon ein bisschen ungeduldig. Als Schreibende kann ich mir dann ja meine eigene Ästhetik herausarbeiten. 

Dückers: Bei aller Vielfalt: Würdest Du nicht sagen, dass es auf der Ebene der großen Verlage eine gewisse Selektion gibt? In der Breite spiegelt sich die Vielfalt wider, okay. Es gibt x kleine, tolle Verlage, aber das ist ja eher der Sockel der Pyramide.

Pehnt: Klar. Und da würde ich schon sagen, dass es im Moment ganz starke Präferenzen gibt für Literatur, die in einer bestimmten Weise den Lesenden entgegenkommt, die realistisch ist, die sich an bestimmten Debatten orientiert und dann aber nicht so sehr durch formale Experimente irritiert. Die Plätze für Texte, die etwas anderes versuchen wollen, sind sehr begrenzt, und es werden immer weniger. Das beklage ich total. Das macht dann in ökonomischer Hinsicht das Leben massiv schwerer für Autor*innen, die diesen Markt-Anforderungen nicht gerecht werden. Das sehe ich auch bei unseren Leuten aus dem Literaturinstitut2. Diejenigen, die im Moment die gängigen Sachen bedienen, kommen schon durch; die Anderen aber eher nicht. Es sind eher die kleinen Verlage, die diese Bandbreite überhaupt noch möglich machen, aber die haben ja sehr schwere Bedingungen und müssten eigentlich dann andere kulturpolitische Tools haben, um ihre Autor*innen zu fördern. Also die, die keine Produkte herstellen, die der Markt ihnen sofort abnimmt. Da sind wir dann eher bei kulturpolitischen Themen.

Dückers: Das ist alles sehr spannend. Da könnten wir noch definitiv länger drüber reden. Aber glaubst du nicht, dass du mit deinem Buch, das ja in einem großen Verlag, bei Piper, erschienen ist, eine Tür geöffnet hast für Literatur, die mehr Experimente wagt, die anders mit Sprache umgeht, die etwas Neues versucht? 

Pehnt: Ich konnte das platzieren, weil Piper einfach mein Hausverlag ist. Das Buch wurde schon gut rezipiert, aber so ein einzelnes Buch macht keine Debatte auf, dadurch verschieben sich keine Diskurse. Ich glaube, dass die großen Trends marktgesteuert sind. Dahinter stehen ökonomische Faktoren, was verkauft sich? Zum Teil spielen auch große Verschiebungen, Entwicklungen, Trends in der Gesellschaft eine Rolle. Aber ich habe jetzt nicht den Eindruck, dass einzelne Publikationen wie meine, dass einzelne künstlerische Beiträge etwas in eine andere Richtung bringen können, ehrlich gesagt. 

Dückers: Das ist eine eher pessimistische Sicht.

Pehnt: Nun, ich glaube, die Diskurse können sich eher verschieben, wenn jemand wie Natascha Gangl den Bachmannpreis gewinnt mit einem superexperimentellen, performativen Beitrag. Das wird dann medial ja sehr breit rezipiert. Und dann redet man auch über Fragen wie „was heißt eigentlich performativ“?  Und so weiter. Die Debatten tragen sich vor allem in den Medien aus und nicht so sehr jetzt nur sozusagen intern bei Buchbesprechungen und Ähnlichem. Trotzdem, ich bin froh, dass es mein Buch gibt und dass es wahrgenommen wurde. Aber klar, ich bin einfach auch pessimistisch geworden.

Dückers: Du arbeitest auch noch in anderer Form literarisch experimentell.

Pehnt: Ja, denn ich bin sehr interessiert an Fragen nach solidarischem Zusammenhalt im Literaturbetrieb. Es gibt schon Gruppen und Leute, die Lust haben auf nicht so marktgängige Sachen. Ich arbeite seit drei Jahren in einem Schreibkollektiv.

Dückers: Das Kritter-Kollektiv?

Pehnt: Genau. Wir haben zusammen, zu fünft, einen Roman geschrieben. Das ist ein ganz anderes Schreiben natürlich, zu fünft durchläufst du einen herausfordernden Prozess. Wir haben den Roman auch noch buchstäblich gleichzeitig geschrieben. Es sind zum Teil sehr junge Autor*innen dabei, noch ohne Veröffentlichung. Da kommen Fragen auf: Wie kann man zusammenhalten, wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Wie kann ich helfen, dass das, was die Jüngeren machen, besser sichtbar wird? Dass das ist gar nicht so einfach ist, merken wir jetzt auch bei diesem Projekt, weil der Literaturbetrieb auf so etwas nicht gewartet hat. 

Dückers: Mit Blick auf dein nächstes solitäres literarisches Projekt: Was hast du vor nach dieser strengen Wort-Diät? Woran arbeitest du? Speist es sich von deinen Erfahrungen in drastischer Reduktion? Wie hat dich das als Autorin verändert?

Pehnt: Was mein nächstes eigenes Schreibvorhaben angeht: Es ist ehrlich gesagt gerade nicht leicht, denn erstens habe ich drei Jahre lang in einer Gruppe geschrieben. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie ich ohne eine Gruppe schreiben kann … Und, zweitens, hat mich das Schreiben in Einfacher Sprache nun auch sehr geprägt. Wenn ich jetzt versuche, wieder anders zu schreiben, bin ich immer ungeduldig mit diesem ganzen Ballast. Eigentlich sehne ich mich weiter nach dieser entschlackten Sprache und finde gar nicht so richtig zurück zu einem nicht-einfachen Schreiben. Aber ich will auch nicht unbedingt so, in Einfacher Sprache, weitermachen. Es muss für mich schon einen Grund für diese spezifische Form geben. Man kann nicht nur eine Form weiter bedienen, nur weil sie einem gerade gefällt. Also da bin ich gerade auf der Suche und finde es nicht einfach, wieder in einen anderen Modus zu kommen. Ich suche noch nach Antworten.

Dückers: Das ist eine sehr ehrliche und schöne Antwort. Ich danke für das Gespräch.


1 LiES steht für Literatur in Einfacher Sprache. Hauke Hückstädt ist Initiator und Herausgeber einer Anthologie mit literarischen Geschichten bekannter deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die in Einfacher Sprache verfasst wurden. Damit soll ein barrierefreier und inklusiver Zugang zu zeitgenössischer Literatur ermöglicht werden. Texte hierfür geschrieben haben unter Anderem Arno Geiger, Judith Hermann, Kristof Magnusson, Julia Schoch, Tonio Schachinger, Annette Pehnt, Saša Stanišić, Vea Kaiser, und Martina Hefter.

2 Das Literaturinstitut Hildesheim.