Wellen-sitt-ich
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
„Wenn man ihn aus dem Käfig ließ, damit er im Zimmer herumfliegen konnte, landete er auf einem aufgeschlagenen Buch (in diesem Haus lagen immer mehrere aufgeschlagene Bücher herum) und pickte dort zwei oder drei Buchstaben heraus. Dabei gelang es niemandem, so sehr man sich auch bemühte, ihm das Sprechen beizubringen, und warum er die Buchstaben dann überhaupt brauchte, war nicht ganz klar. Als T. von meinen literarischen Neigungen erfuhr, fragte sie mich einmal ganz beiläufig und mit gleichgültiger Stimme, ob ich diesen Wellensittich irgendwo in meinem Text untergebracht hätte. Ich gab zu, dass ich das getan hatte, und T. nickte zufrieden …“ (aus dem Roman Parallelaktion)
Jetzt, wo ich Buchstaben scharenweise aus meinen alten Büchern herauspicke … Da passt es gut, es Silbe für Silbe auszusprechen: Wellen-sitt-ich.
„Sitt“ – das Antonym zu „durstig“, ein Neologismus, der im Rahmen einer Werbekampagne zur Vermarktung einer bestimmten Eistee-Marke im Jahr 1999 entstanden ist. Ein Analogon zum Wort „Satt“.
Als ich ein Kind war, lebten auch bei uns in der Wohnung Wellensittiche.
Zuerst war es nur einer, genauso grün wie auf diesem Bild. Wir hatten ihn zusammen mit meinem Vater auf dem „Vogelmarkt“ gekauft, wo man eigentlich nicht nur Vögel, sondern auch alle anderen Haustiere kaufen konnte, von Hamstern bis hin zu Wolfshunden.
Buchstaben fraß unser Papagei nicht, aber Buche … oder aus welchem Holz die horizontalen Stäbe seines Käfigs bestanden – ab einem bestimmten Zeitpunkt fing er an, daran zu nagen, und zwar so eifrig, dass es schien, als würde sich sein Schnabel nachts in einen Meißel verwandeln. Die Drähte ragten aus den Holzresten hervor wie Bewehrungsstahl aus Beton, ich stellte mir vor, wie mein Wohnviertel aussehen würde, wenn mein Wellensittich nicht innehalten und nach dem Holz seines Käfigs auch den Beton des Hauses und dann immer so weiter alles durchknabbern würde … Und die Menschen würden erkennen, dass sie die ganze Zeit in eisernen Käfigen gelebt haben, getarnt durch graue Substanz.
Einmal öffnete ich die Käfigtür, nachdem ich zuvor in allen Zimmern die Fenster geschlossen hatte, aber das wurde zu einem traurigen Ausflug: Dem Sittich war es in der Wohnung zu eng, er stieß gegen die Möbel, außerdem markierte er die rosafarbene Wand mit einem grau-weißen Strich, was meinen Eltern nicht gefiel.
Ich versuchte, ihm das Sprechen beizubringen, ohne Erfolg. Er schwieg, runzelte die Stirn und sägte nachts an seinem Käfig weiter. Bis ein Wunder geschah und zwar: ein weiterer kleiner Papagei uns zuflog. Ebenfalls ein Wellensittich, nur nicht grün, sondern hellblau; er landete plötzlich auf dem Geländer unseres Balkons, obwohl „landete“ nicht ganz das richtige Wort ist – im achten Stock eines neunstöckigen Gebäudes … Ich war in der Schule, habe es selbst nicht gesehen, deshalb klammert sich im Nachhinein eine gewisse Hochgestochenheit an meine Feder: Er sei, so heißt es, von einer Welle des himmlischen Blaus herangetragen worden, habe sich, so heißt es, materialisiert, vom Firmament fermentiert, sei von einer Welle in ein Teilchen verwandelt worden usw. Auf dem Balkon rauchte in diesem Moment mein Großvater, und er verlor nicht die Fassung. Er erzählte dem Vöglein, dass im Zimmer ein Freund oder eine Freundin auf sie oder ihn warte – ich weiß bis heute nicht, wer damals bei uns wohnte … Mit leisen Überredungskünsten, ohne ihm Hirse vor die Füße zu streuen, lockte mein Großvater den Vogel ins Zimmer und dann in den Käfig zu unserem grünen Bewohner. Ich glaube, der blaue Flüchtling hatte nichts dagegen und wünschte es sich sogar selbst, nachdem er einen Vorgeschmack auf die Freiheit in der grauen rauen Welt der Spatzen, Krähen und Tauben bekommen hatte. Ich kam von der Schule nach Hause und traute meinen Augen nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte – und habe immer noch – ein monokulares Sehen; daran hat sich nichts geändert, weil ich die vom Augenarzt verschriebenen Sehübungen nur kurz durchgeführt habe, und sie dann aufgab, ebenso wie jenes Gerät, das aus zwei dünnen Brettern bestand. Auf dem einen befanden sich zwei Metallrahmen für Bilder in der Größe von Spielkarten, und das andere Brettchen, das an das erste angrenzte, trennte diese Rahmen voneinander, das heißt, es sorgte dafür, dass jedes Auge separat auf ein Bild blickte. Das andere Ende dieses Bretts war so ausgeschnitten, dass es Platz für die Nase bot. Auf diese Weise blickte ein Auge ausschließlich auf das eine Bild, das andere auf das andere. Dabei waren die Bilder in Paare unterteilt, die thematisch so miteinander verbunden waren, dass sie sich zu einem Ganzen zusammenfügen ließen. Ich erinnere mich heute nur an einziges solches Paar: Auf dem einen Bild war ein Vögelchen, auf dem anderen ein Käfig. Das Ziel der Übung war es, das Vögelchen im Käfig zu sehen; bei einem Menschen mit normalem, d. h. binokularem Sehvermögen geschah dies fast sofort – die Bilder fügten sich zusammen – und das Vögelchen befand sich im Käfig. Bei mir hingegen flattert der Vogel bis heute draußen herum.
Als ich jedoch nicht nur einen, sondern gleich zwei Papageien im Käfig sah, fragte ich mich für einen Moment, ob es sich vielleicht um einen optischen Effekt handelte – vielleicht war das ja das lang ersehnte binokulare Sehen?
Zu zweit nagten sie nicht am Käfig; es waren überhaupt keine Spuren von Schneidezähnen mehr darauf zu sehen. Der Grüne und der Blaue zwitscherten fröhlich und lebten lange Zeit bei uns in inniger Verbundenheit.
Einmal unterhielt ich mich per Skype mit einem befreundeten Schriftsteller, der damals in Jerusalem lebte, und er erzählte mir unter anderem, dass seine beiden grünen Papageien ihn verlassen hätten und in die Judäische Wüste entflogen seien. Woher er das wusste, habe ich nicht gefragt.
Während des Gesprächs suchte der Schriftsteller nach etwas und bewegte sich von Zeit zu Zeit durch die nächtliche Wohnung; mir kam es vor, als wäre die Kamera an einem fliegenden Vogel befestigt.
Am nächsten Tag zeichnete ich ein Bild, auf dem eine blaue Kamelstute und andere Wüstengeister, die wie die Bremer Stadtmusikanten übereinandergestapelt sind, ihm zumindest einen grünen Papagei zurückbringen oder auf den Himmel zeigen, während er selbst auf dem Rücken liegt und seinen Liebling mit dem Handy filmt.
Eine gemeinsame Bekannte von uns beiden erzählte, als sie das Bild sah, dass in Köln eine ganze Kolonie freilebender grüner Papageien aufgetaucht sei.
Hier endeten gestern meine Notizen … nun, am Ende erinnerte ich mich noch an den Papagei von Flaubert, der ebenfalls grün war, zumindest auf allen Buchumschlägen von Julian Barnes. Aber dann strich ich das wieder durch und postete anschließend den Entwurf (ungefähr alles, was oben steht) zusammen mit dem Bild.
Unter dem Beitrag erschien ein solcher Kommentar, dass ich gar nicht anders konnte, als den Text ein wenig fortzusetzen, wobei ich einen Kurzschluss zwischen Mikro- und Makrokosmos spürte, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn man noch bedenkt, dass wir im Микрорайон Nr. 608 wohnten …
Wenn man das Wort „Микрорайон“ nur ins Deutsche übersetzen könnte …
Mikrobezirk?
Der Wohnkomplex aus Quadern war in Quadrate unterteilt, und jeder Mikrorayon bestand aus einem solchen Quadrat, dessen Seiten von mehreren langgestreckten Häusern gebildet wurden, zum Beispiel von unserem, das 14 Eingänge hatte und etwa ein Drittel einer Seite des Quadrats, also des Mikrobezirks, ausmachte.
Was würde wohl der Wellensittich aus meiner Kindheit sagen, wenn er wüsste, dass sich seine fernen Brüder von draußen zu ihm durchkämpfen … Ich weiß es nicht, aber er würde dann bestimmt anfangen zu sprechen.
„Die Kölner Papageien nagen an den Hauswänden, bauen in den Löchern Nester und legen Eier“, schrieb die Bekannte von mir in jenem Kommentar. „Dann kommen Fachleute, hängen an dieser Stelle einen Nistkasten auf und spachteln die Wand zu – aber was passiert mit den Eiern? Vielleicht werden sie eingemauert.“
Das Bild, das all das in meiner Erinnerung wachgerufen hat, heißt „Ein Engländer für einen verschachtelten Traum“.
Obwohl darauf gar kein Wellensittich und auch kein grüner ist, sondern ein Ara.
Auf Armenisch bedeutet „Ara“ „Hey, du“, „Kumpel“, es ist dort aber auch ein weit verbreiteter männlicher Vorname ... Und das ist alles, was ich auf Armenisch weiß.
Ja, ich habe schließlich die Kölner Papageien gegoogelt und herausgefunden, dass es sich um „Alexandersittiche" handelt – so lautet ihre offizielle Bezeichnung.
Ca. 3000 meiner Namensvettern sitzen also dort auf den Schlafbäumen, fliegen über Dom und Rhein herum als eine grüne verrückte Wolke … Meine Bekannte schrieb mir später in unserer Korrespondenz, dass sie sich in den Bäumen neben ihrem Haus eingenistet hätten und jedes Mal etwas riefen, wenn sie am Fenster ihres Schlafzimmers vorbeiflogen, wodurch sie sie weckten – das ist kein Scherz.
Ich stellte mir vor, dass in München auch die Schwärme invasiver Papageien aufgetaucht wären. Aber keine Alexandersittiche wie in Köln, davon gibt es hier nur einen … nein, in München haben sich die viel mächtigeren Aras ausgebreitet.
Ich hätte das alles gar nicht auf Papier zeichnen müssen, denn ich hatte bereits eine solche Bilderserie, inspiriert von einem Kapitel des Romans Cooks Kontor, in dem es sowohl die „Papageieninsel“ am Lerchenauer See als auch einen Radfahrer gibt, auf dessen Rücken zwei Aras hängen, die sich mit ihren Schnäbeln in sein T-Shirt gekrallt haben (man kann es hier auf dem Bildschirm der U-Bahn auf dem allerletzten Bild sehen, genau hier).
Die Aras baumeln auf seinem Rücken wie erlegtes Wild, doch wenn er bremst, breiten sie ihre Flügel aus und verwandeln sich alle gemeinsam in ein Ganzes – in einen Seraph, bevor sie hinter der Ampel verschwinden.
Ich will hier keine Ausschnitte aus meinem Roman nacherzählen, aber da ich nun schon die Papageieninsel erwähnt habe, möchte ich noch ein paar Worte dazu sagen: Es handelt sich nicht um eine Insel, sondern um ein kleines Kap, einfach einen Vorstoß des Ufers, auf dem Kiefern wachsen; dort auf den Ästen habe ich einst zwei prächtige Aras gesehen, einen blau-roten und einen gelb-blauen. Anscheinend saßen sie oft dort, denn die Bewohner der Häuser in der Nähe des Sees nannten diesen Abschnitt des Ufers „Papageieninsel“.
Später sah ich auch den Besitzer, der seine Lieblinge von der Kiefer in ein Schlauchboot mit Motor umsetzte; dann fuhr er Kreise auf dem kleinen See, die Papageien saßen am Heck und wirkten sehr groß, wahrscheinlich, weil sie auf diese Weise alle Wasservögel überragten.
Ich habe sie nie sprechen hören, aber die „Papageieninsel“ selbst rief mir damals den Roman von Aldous Huxley in Erinnerung, den ich schon so lange gelesen hatte, dass ich gar nicht daran zweifelte, dass es dort überall Papageien gab, die von Zeit zu Zeit aus dem Gebüsch riefen: „Here and now, boys!“ und „Attention!“
„Hold to the now, the here, through which all future plunges into the past“, hallt es aus dem Roman von Joyce herüber …
Ich weiß nicht, ob jetzt die „Insel“ in die „Schöne neue Welt“ abgleitet oder ob sich alles gerade genau umgekehrt abspielt … aber genug davon, dem Knarren der Pforten des Gedächtnisses zuzuhören.
Nach einer Google-Suche stellte ich fest, dass mich mein Gedächtnis ein wenig im Stich gelassen hatte. Tatsächlich schrien in Huxleys Roman auf der Insel im Ozean keine Papageien, sondern Mainas, kleine schwarze Vögel, deren anderer Name vielsagend „Heuschreckenstar" lautet. Man schreibt, dass sie selbst nicht schlechter sprechen können als Papageien.
Bisher sind meine alten Träume noch nicht wahr geworden, Schwärme feuriger Aras fliegen nicht am Himmel über München.
Der einzige Papagei, den ich manchmal sehe, ist grau wie Rauchringe ohne Feuer. Ein Mädchen aus dem Nachbarhaus geht mit ihm Gassi. Lüftet ihn. Sie steht mit ihm auf der Straße vor dem Haus, er sitzt auf ihrer Hand wie ein Jagdfalke. „Wie heißt dieser Papagei?“, fragte ich. „Jaco“, sagte sie.
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Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
„Wenn man ihn aus dem Käfig ließ, damit er im Zimmer herumfliegen konnte, landete er auf einem aufgeschlagenen Buch (in diesem Haus lagen immer mehrere aufgeschlagene Bücher herum) und pickte dort zwei oder drei Buchstaben heraus. Dabei gelang es niemandem, so sehr man sich auch bemühte, ihm das Sprechen beizubringen, und warum er die Buchstaben dann überhaupt brauchte, war nicht ganz klar. Als T. von meinen literarischen Neigungen erfuhr, fragte sie mich einmal ganz beiläufig und mit gleichgültiger Stimme, ob ich diesen Wellensittich irgendwo in meinem Text untergebracht hätte. Ich gab zu, dass ich das getan hatte, und T. nickte zufrieden …“ (aus dem Roman Parallelaktion)
Jetzt, wo ich Buchstaben scharenweise aus meinen alten Büchern herauspicke … Da passt es gut, es Silbe für Silbe auszusprechen: Wellen-sitt-ich.
„Sitt“ – das Antonym zu „durstig“, ein Neologismus, der im Rahmen einer Werbekampagne zur Vermarktung einer bestimmten Eistee-Marke im Jahr 1999 entstanden ist. Ein Analogon zum Wort „Satt“.
Als ich ein Kind war, lebten auch bei uns in der Wohnung Wellensittiche.
Zuerst war es nur einer, genauso grün wie auf diesem Bild. Wir hatten ihn zusammen mit meinem Vater auf dem „Vogelmarkt“ gekauft, wo man eigentlich nicht nur Vögel, sondern auch alle anderen Haustiere kaufen konnte, von Hamstern bis hin zu Wolfshunden.
Buchstaben fraß unser Papagei nicht, aber Buche … oder aus welchem Holz die horizontalen Stäbe seines Käfigs bestanden – ab einem bestimmten Zeitpunkt fing er an, daran zu nagen, und zwar so eifrig, dass es schien, als würde sich sein Schnabel nachts in einen Meißel verwandeln. Die Drähte ragten aus den Holzresten hervor wie Bewehrungsstahl aus Beton, ich stellte mir vor, wie mein Wohnviertel aussehen würde, wenn mein Wellensittich nicht innehalten und nach dem Holz seines Käfigs auch den Beton des Hauses und dann immer so weiter alles durchknabbern würde … Und die Menschen würden erkennen, dass sie die ganze Zeit in eisernen Käfigen gelebt haben, getarnt durch graue Substanz.
Einmal öffnete ich die Käfigtür, nachdem ich zuvor in allen Zimmern die Fenster geschlossen hatte, aber das wurde zu einem traurigen Ausflug: Dem Sittich war es in der Wohnung zu eng, er stieß gegen die Möbel, außerdem markierte er die rosafarbene Wand mit einem grau-weißen Strich, was meinen Eltern nicht gefiel.
Ich versuchte, ihm das Sprechen beizubringen, ohne Erfolg. Er schwieg, runzelte die Stirn und sägte nachts an seinem Käfig weiter. Bis ein Wunder geschah und zwar: ein weiterer kleiner Papagei uns zuflog. Ebenfalls ein Wellensittich, nur nicht grün, sondern hellblau; er landete plötzlich auf dem Geländer unseres Balkons, obwohl „landete“ nicht ganz das richtige Wort ist – im achten Stock eines neunstöckigen Gebäudes … Ich war in der Schule, habe es selbst nicht gesehen, deshalb klammert sich im Nachhinein eine gewisse Hochgestochenheit an meine Feder: Er sei, so heißt es, von einer Welle des himmlischen Blaus herangetragen worden, habe sich, so heißt es, materialisiert, vom Firmament fermentiert, sei von einer Welle in ein Teilchen verwandelt worden usw. Auf dem Balkon rauchte in diesem Moment mein Großvater, und er verlor nicht die Fassung. Er erzählte dem Vöglein, dass im Zimmer ein Freund oder eine Freundin auf sie oder ihn warte – ich weiß bis heute nicht, wer damals bei uns wohnte … Mit leisen Überredungskünsten, ohne ihm Hirse vor die Füße zu streuen, lockte mein Großvater den Vogel ins Zimmer und dann in den Käfig zu unserem grünen Bewohner. Ich glaube, der blaue Flüchtling hatte nichts dagegen und wünschte es sich sogar selbst, nachdem er einen Vorgeschmack auf die Freiheit in der grauen rauen Welt der Spatzen, Krähen und Tauben bekommen hatte. Ich kam von der Schule nach Hause und traute meinen Augen nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte – und habe immer noch – ein monokulares Sehen; daran hat sich nichts geändert, weil ich die vom Augenarzt verschriebenen Sehübungen nur kurz durchgeführt habe, und sie dann aufgab, ebenso wie jenes Gerät, das aus zwei dünnen Brettern bestand. Auf dem einen befanden sich zwei Metallrahmen für Bilder in der Größe von Spielkarten, und das andere Brettchen, das an das erste angrenzte, trennte diese Rahmen voneinander, das heißt, es sorgte dafür, dass jedes Auge separat auf ein Bild blickte. Das andere Ende dieses Bretts war so ausgeschnitten, dass es Platz für die Nase bot. Auf diese Weise blickte ein Auge ausschließlich auf das eine Bild, das andere auf das andere. Dabei waren die Bilder in Paare unterteilt, die thematisch so miteinander verbunden waren, dass sie sich zu einem Ganzen zusammenfügen ließen. Ich erinnere mich heute nur an einziges solches Paar: Auf dem einen Bild war ein Vögelchen, auf dem anderen ein Käfig. Das Ziel der Übung war es, das Vögelchen im Käfig zu sehen; bei einem Menschen mit normalem, d. h. binokularem Sehvermögen geschah dies fast sofort – die Bilder fügten sich zusammen – und das Vögelchen befand sich im Käfig. Bei mir hingegen flattert der Vogel bis heute draußen herum.
Als ich jedoch nicht nur einen, sondern gleich zwei Papageien im Käfig sah, fragte ich mich für einen Moment, ob es sich vielleicht um einen optischen Effekt handelte – vielleicht war das ja das lang ersehnte binokulare Sehen?
Zu zweit nagten sie nicht am Käfig; es waren überhaupt keine Spuren von Schneidezähnen mehr darauf zu sehen. Der Grüne und der Blaue zwitscherten fröhlich und lebten lange Zeit bei uns in inniger Verbundenheit.
Einmal unterhielt ich mich per Skype mit einem befreundeten Schriftsteller, der damals in Jerusalem lebte, und er erzählte mir unter anderem, dass seine beiden grünen Papageien ihn verlassen hätten und in die Judäische Wüste entflogen seien. Woher er das wusste, habe ich nicht gefragt.
Während des Gesprächs suchte der Schriftsteller nach etwas und bewegte sich von Zeit zu Zeit durch die nächtliche Wohnung; mir kam es vor, als wäre die Kamera an einem fliegenden Vogel befestigt.
Am nächsten Tag zeichnete ich ein Bild, auf dem eine blaue Kamelstute und andere Wüstengeister, die wie die Bremer Stadtmusikanten übereinandergestapelt sind, ihm zumindest einen grünen Papagei zurückbringen oder auf den Himmel zeigen, während er selbst auf dem Rücken liegt und seinen Liebling mit dem Handy filmt.
Eine gemeinsame Bekannte von uns beiden erzählte, als sie das Bild sah, dass in Köln eine ganze Kolonie freilebender grüner Papageien aufgetaucht sei.
Hier endeten gestern meine Notizen … nun, am Ende erinnerte ich mich noch an den Papagei von Flaubert, der ebenfalls grün war, zumindest auf allen Buchumschlägen von Julian Barnes. Aber dann strich ich das wieder durch und postete anschließend den Entwurf (ungefähr alles, was oben steht) zusammen mit dem Bild.
Unter dem Beitrag erschien ein solcher Kommentar, dass ich gar nicht anders konnte, als den Text ein wenig fortzusetzen, wobei ich einen Kurzschluss zwischen Mikro- und Makrokosmos spürte, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn man noch bedenkt, dass wir im Микрорайон Nr. 608 wohnten …
Wenn man das Wort „Микрорайон“ nur ins Deutsche übersetzen könnte …
Mikrobezirk?
Der Wohnkomplex aus Quadern war in Quadrate unterteilt, und jeder Mikrorayon bestand aus einem solchen Quadrat, dessen Seiten von mehreren langgestreckten Häusern gebildet wurden, zum Beispiel von unserem, das 14 Eingänge hatte und etwa ein Drittel einer Seite des Quadrats, also des Mikrobezirks, ausmachte.
Was würde wohl der Wellensittich aus meiner Kindheit sagen, wenn er wüsste, dass sich seine fernen Brüder von draußen zu ihm durchkämpfen … Ich weiß es nicht, aber er würde dann bestimmt anfangen zu sprechen.
„Die Kölner Papageien nagen an den Hauswänden, bauen in den Löchern Nester und legen Eier“, schrieb die Bekannte von mir in jenem Kommentar. „Dann kommen Fachleute, hängen an dieser Stelle einen Nistkasten auf und spachteln die Wand zu – aber was passiert mit den Eiern? Vielleicht werden sie eingemauert.“
Das Bild, das all das in meiner Erinnerung wachgerufen hat, heißt „Ein Engländer für einen verschachtelten Traum“.
Obwohl darauf gar kein Wellensittich und auch kein grüner ist, sondern ein Ara.
Auf Armenisch bedeutet „Ara“ „Hey, du“, „Kumpel“, es ist dort aber auch ein weit verbreiteter männlicher Vorname ... Und das ist alles, was ich auf Armenisch weiß.
Ja, ich habe schließlich die Kölner Papageien gegoogelt und herausgefunden, dass es sich um „Alexandersittiche" handelt – so lautet ihre offizielle Bezeichnung.
Ca. 3000 meiner Namensvettern sitzen also dort auf den Schlafbäumen, fliegen über Dom und Rhein herum als eine grüne verrückte Wolke … Meine Bekannte schrieb mir später in unserer Korrespondenz, dass sie sich in den Bäumen neben ihrem Haus eingenistet hätten und jedes Mal etwas riefen, wenn sie am Fenster ihres Schlafzimmers vorbeiflogen, wodurch sie sie weckten – das ist kein Scherz.
Ich stellte mir vor, dass in München auch die Schwärme invasiver Papageien aufgetaucht wären. Aber keine Alexandersittiche wie in Köln, davon gibt es hier nur einen … nein, in München haben sich die viel mächtigeren Aras ausgebreitet.
Ich hätte das alles gar nicht auf Papier zeichnen müssen, denn ich hatte bereits eine solche Bilderserie, inspiriert von einem Kapitel des Romans Cooks Kontor, in dem es sowohl die „Papageieninsel“ am Lerchenauer See als auch einen Radfahrer gibt, auf dessen Rücken zwei Aras hängen, die sich mit ihren Schnäbeln in sein T-Shirt gekrallt haben (man kann es hier auf dem Bildschirm der U-Bahn auf dem allerletzten Bild sehen, genau hier).
Die Aras baumeln auf seinem Rücken wie erlegtes Wild, doch wenn er bremst, breiten sie ihre Flügel aus und verwandeln sich alle gemeinsam in ein Ganzes – in einen Seraph, bevor sie hinter der Ampel verschwinden.
Ich will hier keine Ausschnitte aus meinem Roman nacherzählen, aber da ich nun schon die Papageieninsel erwähnt habe, möchte ich noch ein paar Worte dazu sagen: Es handelt sich nicht um eine Insel, sondern um ein kleines Kap, einfach einen Vorstoß des Ufers, auf dem Kiefern wachsen; dort auf den Ästen habe ich einst zwei prächtige Aras gesehen, einen blau-roten und einen gelb-blauen. Anscheinend saßen sie oft dort, denn die Bewohner der Häuser in der Nähe des Sees nannten diesen Abschnitt des Ufers „Papageieninsel“.
Später sah ich auch den Besitzer, der seine Lieblinge von der Kiefer in ein Schlauchboot mit Motor umsetzte; dann fuhr er Kreise auf dem kleinen See, die Papageien saßen am Heck und wirkten sehr groß, wahrscheinlich, weil sie auf diese Weise alle Wasservögel überragten.
Ich habe sie nie sprechen hören, aber die „Papageieninsel“ selbst rief mir damals den Roman von Aldous Huxley in Erinnerung, den ich schon so lange gelesen hatte, dass ich gar nicht daran zweifelte, dass es dort überall Papageien gab, die von Zeit zu Zeit aus dem Gebüsch riefen: „Here and now, boys!“ und „Attention!“
„Hold to the now, the here, through which all future plunges into the past“, hallt es aus dem Roman von Joyce herüber …
Ich weiß nicht, ob jetzt die „Insel“ in die „Schöne neue Welt“ abgleitet oder ob sich alles gerade genau umgekehrt abspielt … aber genug davon, dem Knarren der Pforten des Gedächtnisses zuzuhören.
Nach einer Google-Suche stellte ich fest, dass mich mein Gedächtnis ein wenig im Stich gelassen hatte. Tatsächlich schrien in Huxleys Roman auf der Insel im Ozean keine Papageien, sondern Mainas, kleine schwarze Vögel, deren anderer Name vielsagend „Heuschreckenstar" lautet. Man schreibt, dass sie selbst nicht schlechter sprechen können als Papageien.
Bisher sind meine alten Träume noch nicht wahr geworden, Schwärme feuriger Aras fliegen nicht am Himmel über München.
Der einzige Papagei, den ich manchmal sehe, ist grau wie Rauchringe ohne Feuer. Ein Mädchen aus dem Nachbarhaus geht mit ihm Gassi. Lüftet ihn. Sie steht mit ihm auf der Straße vor dem Haus, er sitzt auf ihrer Hand wie ein Jagdfalke. „Wie heißt dieser Papagei?“, fragte ich. „Jaco“, sagte sie.


