Oskar Maria Grafs Spazierstock
Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
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Spazierstock, in Grafs Gebrauch während des Exils, 92 x 2 cm, Ana 440.51.IV.Z
Im bekannten Artikel „Verbrennt mich“ beschreibt Oskar Maria Graf (1894-1967) den Anfang seines Exils, als Münchner Polizei im Februar 1933 ihn nicht verhaften konnte, da er sich auf einer Vortragsreise in Wien befand, stattdessen aber seine Manuskripte samt Quellenstudien und den Großteil seiner Bücher konfiszierte. So enthält der in der Bayerischen Staatsbibliothek befindliche Nachlass nur das Material aus Grafs Exilzeit, aus den Jahren 1933-1967, Typoskripte, Briefe, Zeitungsauschnitte und Fotos. Über Brünn, Prag und die Niederlande kam der Dichter 1938 nach New York, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Als er 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen und reisen konnte, führte ihn seine erste Reise nach Deutschland. Obwohl sein ganzes Schaffen mit der bayerischen Heimat verbunden war und das Emigrantenleben in der fremd gebliebenen englischen Sprache ihm nicht leichtfiel, verzichtete er auf die dauerhafte Rückkehr nach Deutschland. Im Artikel „Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren“ erörtert er seine Gründe dafür und wird noch deutlicher in der 1962 verfassten zweiten Fassung. Obwohl die ursprünglichen Gründe seines Exils nicht mehr bestanden, waren ihm die aktuellen politischen Entwicklungen und das in der Gesellschaft verbreitete Gedankengut zuwider.
Zum einen waren ihm von den Siegermächten eingesetzte abhängige Regierungen bis dato nicht selbständig genug; „Ich will mich nicht gleichzeitig von mehreren Regierungen regieren lassen, mir genügt eine einzige vollauf“ formuliert er diesmal noch schärfer. Als überzeugter Pazifist kritisiert er hier die diesbezüglich schwache Position der deutschen Regierung.
Zum anderen beobachtet er die Spaltung in der Gesellschaft zwischen den Bürgern von West- und Ostdeutschland, den „überheblichen Mitleidsblick des Satten auf den zerschlampten, unappetitlichen Bettler“ – eine in seinen Augen unüberbrückbare Spaltung. Weiterer Reizpunkt: „Was mich aber bei meinen Deutschlandbesuchen grade in der ,wirtschaftswunderlichen‘ Bundesrepublik am meisten anwiderte, war ganz abgesehen von einem bereits latent gewordenen Antisemitismus, das wiedererwachte, engstirnig provinzielle deutsche Tüchtigkeitsprotzentum, gepaart mit der durchgehenden spiessbürgerlich-nihilistischen Prasserstimmung: ,Nach mir die Sintflut. Hauptsache ist, mir geht’s gut.‘“
© Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Und es gab noch einen entscheidenden Grund, nach Deutschland nicht zurückzukehren: In New York fand Graf einen optimalen Ort für die Verwirklichung seiner schriftstellerischen Pläne, die er „ruhig und gesammelt zu Ende führen“ wollte. New York war eine „Wunschstadt“, „ein Abbild in Frieden vereinigter Nationen“, und darüber hinaus bot sie „die ungestörte Anonymität“, in der sich der große Mann mit dem bunten Spazierstock frei bewegte. Diese war ihm besonders wichtig, denn darin fühlte er sich seiner Heimat nah, „als sei die Sicht auf sie weit schärfer und klarer geworden“.
O. M. Graf: Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren. In: Reden und Aufsätze aus dem Exil. Hg. v. H. F. Pfanner. München 1989, S. 375-377.
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Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
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Spazierstock, in Grafs Gebrauch während des Exils, 92 x 2 cm, Ana 440.51.IV.Z
Im bekannten Artikel „Verbrennt mich“ beschreibt Oskar Maria Graf (1894-1967) den Anfang seines Exils, als Münchner Polizei im Februar 1933 ihn nicht verhaften konnte, da er sich auf einer Vortragsreise in Wien befand, stattdessen aber seine Manuskripte samt Quellenstudien und den Großteil seiner Bücher konfiszierte. So enthält der in der Bayerischen Staatsbibliothek befindliche Nachlass nur das Material aus Grafs Exilzeit, aus den Jahren 1933-1967, Typoskripte, Briefe, Zeitungsauschnitte und Fotos. Über Brünn, Prag und die Niederlande kam der Dichter 1938 nach New York, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Als er 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen und reisen konnte, führte ihn seine erste Reise nach Deutschland. Obwohl sein ganzes Schaffen mit der bayerischen Heimat verbunden war und das Emigrantenleben in der fremd gebliebenen englischen Sprache ihm nicht leichtfiel, verzichtete er auf die dauerhafte Rückkehr nach Deutschland. Im Artikel „Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren“ erörtert er seine Gründe dafür und wird noch deutlicher in der 1962 verfassten zweiten Fassung. Obwohl die ursprünglichen Gründe seines Exils nicht mehr bestanden, waren ihm die aktuellen politischen Entwicklungen und das in der Gesellschaft verbreitete Gedankengut zuwider.
Zum einen waren ihm von den Siegermächten eingesetzte abhängige Regierungen bis dato nicht selbständig genug; „Ich will mich nicht gleichzeitig von mehreren Regierungen regieren lassen, mir genügt eine einzige vollauf“ formuliert er diesmal noch schärfer. Als überzeugter Pazifist kritisiert er hier die diesbezüglich schwache Position der deutschen Regierung.
Zum anderen beobachtet er die Spaltung in der Gesellschaft zwischen den Bürgern von West- und Ostdeutschland, den „überheblichen Mitleidsblick des Satten auf den zerschlampten, unappetitlichen Bettler“ – eine in seinen Augen unüberbrückbare Spaltung. Weiterer Reizpunkt: „Was mich aber bei meinen Deutschlandbesuchen grade in der ,wirtschaftswunderlichen‘ Bundesrepublik am meisten anwiderte, war ganz abgesehen von einem bereits latent gewordenen Antisemitismus, das wiedererwachte, engstirnig provinzielle deutsche Tüchtigkeitsprotzentum, gepaart mit der durchgehenden spiessbürgerlich-nihilistischen Prasserstimmung: ,Nach mir die Sintflut. Hauptsache ist, mir geht’s gut.‘“
© Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Und es gab noch einen entscheidenden Grund, nach Deutschland nicht zurückzukehren: In New York fand Graf einen optimalen Ort für die Verwirklichung seiner schriftstellerischen Pläne, die er „ruhig und gesammelt zu Ende führen“ wollte. New York war eine „Wunschstadt“, „ein Abbild in Frieden vereinigter Nationen“, und darüber hinaus bot sie „die ungestörte Anonymität“, in der sich der große Mann mit dem bunten Spazierstock frei bewegte. Diese war ihm besonders wichtig, denn darin fühlte er sich seiner Heimat nah, „als sei die Sicht auf sie weit schärfer und klarer geworden“.
O. M. Graf: Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren. In: Reden und Aufsätze aus dem Exil. Hg. v. H. F. Pfanner. München 1989, S. 375-377.

