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12.08.2026, 13:45 Uhr
Pierre Jarawan
Rezensionen

Ödön von Horváths Leben als Graphic Novel

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© Allitera Verlag

Anlässlich Ödön von Horváths 125. Geburtstag erscheint im Allitera Verlag eine Biographie des berühmten Autors in Form einer Graphic Novel. Pierre Jarawan hat sie für das Literaturportal Bayern gelesen.  

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Da ist dieser eine Moment, in dem sich vieles verdichtet: 1924, Ödön von Horváth steht vor dem Schaufenster einer Buchhandlung in Berlin. Am Abend wird er mit seiner Clique im Berliner Sportpalast einen Boxkampf von Johann Trollmann besuchen. Jetzt aber sieht er in der Auslage die Bücher großer Autor:innen liegen: Thomas Mann, Vicky Baum, Robert Musil, und unter dessen Namen den Hinweis: „Kleistpreis 1924“ für Die Schwämmer. Horváth ist da erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber er hat einen klaren Plan für die Zukunft: „Das wär auch noch ein Ziel“, ruft er aus, „die bedeutendste literarische Auszeichnung.“ Neben der Buchhandlung steht eine Litfaßsäule, die die kulturelle Vielfalt Berlins illustriert: Die Volksbühne, das Theater am Schiffsbauerdamm, Josephine Baker, deren Auftritt im Bananenröckchen in München verboten worden ist. Man ist angetan, überwältigt. Doch noch während die Clique die Plakate bestaunt, werden diese schnurstracks überklebt: Der Sportpalast ist wichtiger als die Kunst.

In Ödön von Horváth – eine Graphic-Novel-Biografie betrachten Dieter Kirsch (Text) und Laura Stadtegger (Illustration) das Leben des Schriftstellers mit klarem Fokus auf sein Werk und seinen Werdegang als Autor. Dabei gelingt es ihnen immer wieder, wichtige Meilensteine seiner Biografie als Schlüsselmomente darzustellen. Die eingangs erwähnte Szene beschreibt die Gegenwart und nimmt die Zukunft vorweg. Mann, Baum, Musil, sie alle werden, wie später auch Horváth, ins Exil gehen, der lange Schatten des Nationalsozialismus, der Horváths Leben – und Werk – entscheidend prägen wird, zeichnet sich hier bereits ab. 

Kirsch und Stadtegger greifen dabei zu einem überraschenden Kniff, sie lassen Horváth sein Leben selbst erzählen. Die Klammer dieser Erzählung bildet die Vorausdeutung seines eigenen Todes: Am 1. Juni 1938 wird der Schriftsteller auf der Avenue der Champs Èlysées vom Ast einer Kastanie erschlagen werden. 1914 jedoch ist der dreizehnjährige Ödön mit der Freundin Augusta auf dem Kleinhesseloher See zum Schlittschuhlaufen verabredet. Auf dem Weg dorthin warnt er die Freundin, die unter einem Gerüst hindurchgeht: „Vorsicht Gustl, es kommt von oben.“ Später, auf dem Eis, verkündet er: „Ich, Ödön, bin zum Schriftsteller geboren.“

Es mag an der unvermeidlichen Unzuverlässigkeit des Ich-Erzählenden liegen, dass sich hier und da kleine Irrtümer in die Erinnerung schleichen. So erhielt Musil den Kleistpreis bereits 1923, nicht 1924, und Josephine Baker elektrisierte Berlin erst 1926, ihre Auftritte am Deutschen Theater in München wurden erst 1929 unter dem Druck der Nationalsozialisten verboten. Dem Gewinn der Lektüre aber tut das keinen Abbruch. Vielmehr illustriert das Zusammenführen all dieser Dinge den Geist, der in dieser Zeit spukte, und der einen auch an heute denken lässt. 

Kirsch und Stadtegger verzichten auf eine vollständige Biografie. Stattdessen verdichten sie Horváths Leben zu einer Folge von Schlüsselszenen, in denen sich persönlicher Werdegang und politische Entwicklung gegenseitig spiegeln. Ödön blickt also auf seine Zeit im Gymnasium zurück, auf seine Einschreibung an der LMU, auf sein Erstlingswerk, Das Buch der Tänze, das er für den Komponisten Siegfried Kallenberg schrieb. Und immer im Gleichschritt mit dabei: Der Aufstieg der Nationalsozialisten; wenn der Schriftsteller zum Beispiel aus einem Schreibzimmer hinaus in die Schellingstraße blickt, wo die Fahne der NSDAP weht. In diesem Zimmer schreibt er auch sein erstes Theaterstück Niemand, das erst 2015 auf spektakuläre Weise entdeckt und 2016 erstmals zur Aufführung gebracht wird. „Was ich vor neunzig Jahren so alles im Kopf hatte“, sinniert der Autor als Erzähler. 

Zwischen 1924 und 1933 gerät von Horváth dann in einen Schreibrausch. Die Familie zieht nach Murnau, wo er sein Volksstück Die Bergbahn verfasst. Es wird ihn zum ersten Durchbruch verhelfen – der große Ullstein Verlag wird auf ihn aufmerksam. Der Text enthält viele Motive, die auch Horváths späteres Schaffen durchziehen. Sein spöttischer Blick auf das Kleinbürgertum, seine Kritik an einer unbarmherzigen Gesellschaft, die Kälte des Kapitalismus. Kein Wunder, dass der Text an der Berliner Volksbühne begeistert und den Schriftsteller in neue Sphären katapultiert: Vier Jahre später, 1931, wird ihm tatsächlich der Kleistpreis verliehen, unter heftigen Protesten der Nationalsozialisten. Der „Balkanliterat“ ist in Deutschland unerwünscht, nach der Machtergreifung setzt er sich nach Wien ab, von wo aus er sich nach Berlin sehnt. Hier nützt ihm auch die Astgabel nichts, die er vierundzwanzig Jahre zuvor beim Schlittschuhlaufen am Kleinhesseloher See gefunden hat, und die Dieter Kirsch und Laura Stadtegger als Glücksbringersymbol in ihre Graphic Novel eingebaut haben. Bald darauf kündigt ihm auch noch der Ullstein Verlag und unterschreibt mit deutschem Gruß.

Rettung findet der tief Gefallene in der Prosa. Geld und Anerkennung erhofft er sich, als er beginnt, Romane zu schreiben. Und tatsächlich, als Ödön von Horváth 1937 Jugend ohne Gott in Amsterdam veröffentlicht, wird er international bekannt, der Roman erscheint in acht Sprachen, und wird von den Nationalsozialisten umgehend verboten. Aber das Blatt scheint sich gewendet zu haben, zum Guten. Im Mai 1938 reist der Autor nach Paris, um Robert Siodmak zu treffen, es bestehen gute Chancen, Jugend ohne Gott in Hollywood zu verfilmen. An seinem letzten Abend in Paris, schließt sich die Klammer. Es kommt tatsächlich von oben, als Horváth während eines Sturms vom Ast einer Kastanie erschlagen wird.

Laura Stadteggers Zeichnungen sind in Grautönen gehalten. Der Stil ist stark reduziert und skizzenhaft, wirkt dabei jedoch keineswegs unfertig. Vielmehr arbeitet die Zeichnerin mit einer bewussten Ökonomie der Linie: Die Figuren sind auf wenige, charakteristische Konturen zurückgeführt, Mimik und Körpersprache tragen ihren Ausdruck. Offenkundig geht es ihr nicht um Genauigkeit, sondern um eine klare visuelle Erzählung. Dadurch entsteht eine hohe erzählerische Klarheit, gerade weil Stadtegger auf Detailrealismus verzichtet, lenkt sie den Blick auf Gestik, gibt dem Text Raum, damit dieser sich entfaltet.

Neben den Dialogen, die Dieter Kirsch verfasst hat, verleihen auch die auszugsweise eingestreuten Originaltexte Horváths dem Text seine Farbe – und seine Dringlichkeit. Besonders lebendig treten dabei jene Szenen hervor, die die Wirkung dieser Texte auf die Menschen zeigen. Ödön von Horváths große Stärke war es, mit Röntgenaugen auf die dumpfe Kleinbürgerwelt zu schauen, auf Angestellte und Arbeitslose, Soldaten und Akademiker, Zuhälter und Prostituierte, und eine Sprache für sie zu finden. Kirsch und Stadtegger haben ihrerseits eine Sprache und eine Form für Ödön von Horváth gefunden. Dass sie den Schriftsteller dabei nicht zum Denkmal erstarren lassen, sondern als Suchenden, Zweifler und Erzähler zeigen, macht den besonderen Reiz dieser Biografie aus, die anlässlich Horváths 125. Geburtstag im Allitera Verlag erscheint.

 

Ödön von Horváth. Eine Graphic-Novel-Biografie. Dieter Kirsch (Text), Laura Stadtegger (Illustration). Allitera Velag 2026, 248 S., ISBN: 978-3-96233-529-8.

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