Der Roman „Toxibaby“ von Dana von Suffrin
Dreizehn Trennungen in drei Jahren bilden den Ausgangspunkt dieses Romans: Dana von Suffrins Toxibaby erzählt vom Scheitern einer On-Off-Beziehung mit schwarzem Humor und virtuoser Sprache. Ein Buch für alle, die ihr Glück schon einmal darin gesucht haben, ihre Partnerinnen oder seinen Partner zu ändern.
*
In den meisten Fällen, in denen Paare zwischen Ende Dreißig und Mitte Vierzig auf ihre Beziehung zurückblicken, erinnern sie sich an gemeinsame Reisen, Umzüge, überstandene Krisen, die Geburt ihrer Kinder und romantisch gefeierte Jubiläen. In dem Roman Toxibaby jedoch erinnert sich die Ich-Erzählerin Herzchen an alle schmerzhaften Trennungen, die sie mit Toxi erlebt hat: dreizehn in drei Jahren. Auch die Umstände, unter denen dieses ungewöhnliche Paar zueinandergefunden hat, unterscheiden sich von gewöhnlichen: An dem Tag, als Herzchen ihren 37. Geburtstag feierte, verließ sie ihren Freund Pascal, um mit Toxi glücklicher zu werden. Der Ex muss sie verdammt genervt oder sein Nachfolger sie besonders stark angezogen haben. Vielleicht traf beides zu.
Während Nullachtfünfzehn-Paare „einfach nur" harmonisch zusammenleben wollen, dominiert bei Herzchen ein anderes Motiv: Sie bildet sich ein, Toxi sei allein nicht lebensfähig, sodass sie ihn retten müsse. Vor materiellen Entbehrungen, selbstschädigendem Verhalten und Drogensucht. Tatsächlich verdient Toxi als Teilzeit-Sozialpädagoge an einer Brennpunktschule zu wenig für ein würdiges Leben. Anstatt sich eine bessere Stelle zu suchen, macht er den Neoliberalismus für seine Misere verantwortlich und für die der ganzen Menschheit gleich mit. Angesichts solcher Missstände liegt der Griff zu Drogen nahe. Sie verschaffen wenigstens für ein paar Stunden Erleichterung. Schlägt Herzchen ihm eine Therapie vor, lehnt er empört ab: Ginge es nach ihm, sollten die Superreichen enteignet und ein gerechtes Wirtschaftssystem eingeführt werden, dann würden sich auch seine Probleme in Luft auflösen.
Geld, Medien und die Grenzen der Kapitalismuskritik
Wenn Herzchen sich auf dem Esstisch mal etwas Besseres wünscht als Preisknaller vom Discounter oder mit Toxi ins Restaurant will, zahlt natürlich sie. Zum Glück erwartet die Schriftstellerin für ihren nächsten Roman einen großzügigen Vorschuss – über den sich Toxi jedoch nicht freut. Er moniert, dass Herzchen davon lebe, ihre jüdische Familiengeschichte, also den Holocaust, zu versilbern. Zu den bissigsten und lustigsten Szenen gehört die Beschreibung der Dreharbeiten für eine Literatursendung über Herzchen Goldberg: Die Wünsche der Redaktion zeigen exemplarisch, wie weit sich das Fernsehen von Kunst, Kultur und Realität entfernt hat. Durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass einerseits das Kürzen von Literatursendungen beklagt wird, andererseits solchen peinlichen Kulturformaten keine Träne nachgeweint wird.
Über Amours fous wird oft gemutmaßt, dass grandioser, animalischer Sex das Paar trotz massiver Dissonanzen zusammenhält. Doch auch in dieser „Disziplin" trompetet Toxi nur große Töne, ohne zu liefern: Für körperliche und sinnliche Vergnügen ist er zu verklemmt und verkopft. Mit Karl Marx oder anderen Philosophen lässt sich vieles erklären – Vergnügen im Bett bereiten sie nicht.
Warum der Roman trotz allem ein Lesevergnügen ist
Wer jetzt fürchtet, Toxibaby sei ein Bericht aus der Beziehungshölle, der schlechte Stimmung verbreitet, liegt daneben. Auf der Plot-Ebene gibt es kein Happy End, nicht einmal einen Hoffnungsschimmer. Doch ein guter Roman besteht nicht nur aus einem Plot, sondern auch aus den Charakteren und der Sprache, mit der die Autorin ihnen Leben einhaucht.
Dana von Suffrin schreibt in einem unscheinbar wirkenden Plauderton. Doch zwischen beiläufigen Alltagsbeobachtungen finden sich sensible Empfindungen und kluge Reflexionen. Die ewig langen Sätze werden zu einem mächtigen Strom, der die Leser mitreißt – changierend zwischen verblüffenden, winzigen Details wie den Fingern von Herzchens Hand, und den ganz großen Fragen: Was ist Liebe? Was ist Glück? Und wie kann man es erreichen? Wären es keine Neurosen oder Traumata, sondern bunte Bälle oder brennende Fackeln, die Autorin könnte damit im Zirkus auftreten und stürmischen Applaus einheimsen.
Ein Grund für diese Virtuosität liegt in der inneren Haltung, mit der Dana von Suffrin ihre Protagonistin erzählen lässt. Herzchen verfügt über einen feinen Humor, der zwischen Naivität und Lebensklugheit oszilliert, zwischen Verzweiflung und Leichtigkeit, zwischen Lebenslust und Resignation. Humor bedeutet hier nicht Pointen (von denen es durchaus einige gibt), sondern eine unbestechliche und trotzdem gütige Haltung zum Leben: alles gestochen scharf sehen und mit der nötigen Distanz und Eleganz beschrieben, ohne sich von den Ereignissen überwältigen zu lassen. Herzchen will einfach nur überleben, am liebsten in Würde. Manchmal gelingt das nur, indem sie tragische Erlebnisse ironisch färbt oder melancholisch kommentiert.
Kein einseitiges Abrechnungsbuch
Wenn eine Frau über eine vergangene, traumatische Beziehung schreibt, in der der Mann die Ursache für so viele schmerzhafte Enttäuschungen war, gerät der Text leicht zu einer selbstgerechten Abrechnung. Nicht in diesem Roman: Herzchen reflektiert durchaus Situationen, in denen sie Toxi das Leben schwer gemacht hat. Mit ihrem Misstrauen, ihren Schwindeleien und ihrer ambivalenten Großzügigkeit.
Wie kommt es, dass man nicht genug bekommt von dieser selbstzerstörerischen On-Off-Beziehung zwischen zwei – wie Herzchen mehrmals diagnostiziert – entwicklungsgestörten, also nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen? Sicher auch, weil sich im Beziehungsunglück dieses Paares die Beziehungsunfähigkeit vieler Millennials widerspiegelt. Aber noch viel mehr, weil Herzchens und Toxis Charaktere und Nöte so pointiert, komplex und ambivalent dargestellt sind, dass man das Gefühl bekommt, unser aller Schicksal sei ein humorbegabter, mal trauriger, mal Augen zwinkernder Mephisto.
Dana von Suffrin: Toxibaby. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2026, 240 S.
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Dreizehn Trennungen in drei Jahren bilden den Ausgangspunkt dieses Romans: Dana von Suffrins Toxibaby erzählt vom Scheitern einer On-Off-Beziehung mit schwarzem Humor und virtuoser Sprache. Ein Buch für alle, die ihr Glück schon einmal darin gesucht haben, ihre Partnerinnen oder seinen Partner zu ändern.
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In den meisten Fällen, in denen Paare zwischen Ende Dreißig und Mitte Vierzig auf ihre Beziehung zurückblicken, erinnern sie sich an gemeinsame Reisen, Umzüge, überstandene Krisen, die Geburt ihrer Kinder und romantisch gefeierte Jubiläen. In dem Roman Toxibaby jedoch erinnert sich die Ich-Erzählerin Herzchen an alle schmerzhaften Trennungen, die sie mit Toxi erlebt hat: dreizehn in drei Jahren. Auch die Umstände, unter denen dieses ungewöhnliche Paar zueinandergefunden hat, unterscheiden sich von gewöhnlichen: An dem Tag, als Herzchen ihren 37. Geburtstag feierte, verließ sie ihren Freund Pascal, um mit Toxi glücklicher zu werden. Der Ex muss sie verdammt genervt oder sein Nachfolger sie besonders stark angezogen haben. Vielleicht traf beides zu.
Während Nullachtfünfzehn-Paare „einfach nur" harmonisch zusammenleben wollen, dominiert bei Herzchen ein anderes Motiv: Sie bildet sich ein, Toxi sei allein nicht lebensfähig, sodass sie ihn retten müsse. Vor materiellen Entbehrungen, selbstschädigendem Verhalten und Drogensucht. Tatsächlich verdient Toxi als Teilzeit-Sozialpädagoge an einer Brennpunktschule zu wenig für ein würdiges Leben. Anstatt sich eine bessere Stelle zu suchen, macht er den Neoliberalismus für seine Misere verantwortlich und für die der ganzen Menschheit gleich mit. Angesichts solcher Missstände liegt der Griff zu Drogen nahe. Sie verschaffen wenigstens für ein paar Stunden Erleichterung. Schlägt Herzchen ihm eine Therapie vor, lehnt er empört ab: Ginge es nach ihm, sollten die Superreichen enteignet und ein gerechtes Wirtschaftssystem eingeführt werden, dann würden sich auch seine Probleme in Luft auflösen.
Geld, Medien und die Grenzen der Kapitalismuskritik
Wenn Herzchen sich auf dem Esstisch mal etwas Besseres wünscht als Preisknaller vom Discounter oder mit Toxi ins Restaurant will, zahlt natürlich sie. Zum Glück erwartet die Schriftstellerin für ihren nächsten Roman einen großzügigen Vorschuss – über den sich Toxi jedoch nicht freut. Er moniert, dass Herzchen davon lebe, ihre jüdische Familiengeschichte, also den Holocaust, zu versilbern. Zu den bissigsten und lustigsten Szenen gehört die Beschreibung der Dreharbeiten für eine Literatursendung über Herzchen Goldberg: Die Wünsche der Redaktion zeigen exemplarisch, wie weit sich das Fernsehen von Kunst, Kultur und Realität entfernt hat. Durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass einerseits das Kürzen von Literatursendungen beklagt wird, andererseits solchen peinlichen Kulturformaten keine Träne nachgeweint wird.
Über Amours fous wird oft gemutmaßt, dass grandioser, animalischer Sex das Paar trotz massiver Dissonanzen zusammenhält. Doch auch in dieser „Disziplin" trompetet Toxi nur große Töne, ohne zu liefern: Für körperliche und sinnliche Vergnügen ist er zu verklemmt und verkopft. Mit Karl Marx oder anderen Philosophen lässt sich vieles erklären – Vergnügen im Bett bereiten sie nicht.
Warum der Roman trotz allem ein Lesevergnügen ist
Wer jetzt fürchtet, Toxibaby sei ein Bericht aus der Beziehungshölle, der schlechte Stimmung verbreitet, liegt daneben. Auf der Plot-Ebene gibt es kein Happy End, nicht einmal einen Hoffnungsschimmer. Doch ein guter Roman besteht nicht nur aus einem Plot, sondern auch aus den Charakteren und der Sprache, mit der die Autorin ihnen Leben einhaucht.
Dana von Suffrin schreibt in einem unscheinbar wirkenden Plauderton. Doch zwischen beiläufigen Alltagsbeobachtungen finden sich sensible Empfindungen und kluge Reflexionen. Die ewig langen Sätze werden zu einem mächtigen Strom, der die Leser mitreißt – changierend zwischen verblüffenden, winzigen Details wie den Fingern von Herzchens Hand, und den ganz großen Fragen: Was ist Liebe? Was ist Glück? Und wie kann man es erreichen? Wären es keine Neurosen oder Traumata, sondern bunte Bälle oder brennende Fackeln, die Autorin könnte damit im Zirkus auftreten und stürmischen Applaus einheimsen.
Ein Grund für diese Virtuosität liegt in der inneren Haltung, mit der Dana von Suffrin ihre Protagonistin erzählen lässt. Herzchen verfügt über einen feinen Humor, der zwischen Naivität und Lebensklugheit oszilliert, zwischen Verzweiflung und Leichtigkeit, zwischen Lebenslust und Resignation. Humor bedeutet hier nicht Pointen (von denen es durchaus einige gibt), sondern eine unbestechliche und trotzdem gütige Haltung zum Leben: alles gestochen scharf sehen und mit der nötigen Distanz und Eleganz beschrieben, ohne sich von den Ereignissen überwältigen zu lassen. Herzchen will einfach nur überleben, am liebsten in Würde. Manchmal gelingt das nur, indem sie tragische Erlebnisse ironisch färbt oder melancholisch kommentiert.
Kein einseitiges Abrechnungsbuch
Wenn eine Frau über eine vergangene, traumatische Beziehung schreibt, in der der Mann die Ursache für so viele schmerzhafte Enttäuschungen war, gerät der Text leicht zu einer selbstgerechten Abrechnung. Nicht in diesem Roman: Herzchen reflektiert durchaus Situationen, in denen sie Toxi das Leben schwer gemacht hat. Mit ihrem Misstrauen, ihren Schwindeleien und ihrer ambivalenten Großzügigkeit.
Wie kommt es, dass man nicht genug bekommt von dieser selbstzerstörerischen On-Off-Beziehung zwischen zwei – wie Herzchen mehrmals diagnostiziert – entwicklungsgestörten, also nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen? Sicher auch, weil sich im Beziehungsunglück dieses Paares die Beziehungsunfähigkeit vieler Millennials widerspiegelt. Aber noch viel mehr, weil Herzchens und Toxis Charaktere und Nöte so pointiert, komplex und ambivalent dargestellt sind, dass man das Gefühl bekommt, unser aller Schicksal sei ein humorbegabter, mal trauriger, mal Augen zwinkernder Mephisto.
Dana von Suffrin: Toxibaby. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2026, 240 S.
