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07.07.2026, 08:50 Uhr
Johanna Mayer
Spektakula

Über die Lesung von Ewald Arenz beim Allgäuer Literaturfestival 2026

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Ewald Arenz liest beim Allgäuer Literaturfestival in der Retro-Kino-Location der Marktoberdorfer filmburg © Thomas Häring

Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, zählt zu den profilierten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Am 20.6.26 las er im Rahmen des Allgäuer Literaturfestivals, aus seinem Roman Zwei Leben in der Marktoberdorfer filmburg. Johanna Mayer war für das Literaturportal Bayern vor Ort.

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Manchmal sind Freud und Leid, Leben und Tod keine Gegensätze. Manchmal sind sie vielmehr Teile eines Ganzen, das es nicht geben könnte, wenn auch nur ein Bestandteil fehlte. So tragisch Tod und Leid sind, so essenziell sind sie für das Leben, das ansonsten seine Bedeutung, seine Einmaligkeit verlieren würde. Wie sehr in Büchern beschriebenes Leid einen treffen kann, wie lebendig und nah beieinander der Schmerz des Schicksals und die doch immer wieder aufkeimende Lebensfreude in der Literatur ist, dürfte jedem, der den Roman Zwei Leben gelesen hat, klar geworden sein. Diesen (scheinbaren) Gegensatz des Lebens zu gestalten, seine Gesamtheit in Worte zu fassen und in Geschichten kunstvoll zu verpacken, gelingt dem deutschen Autor Ewald Arenz wie kaum einem anderen.

Es war daher nicht verwunderlich, dass die Lesung Arenz‘ im Rahmen des Allgäuer Literaturfestivals ausverkauft war. Das Festival versammelt jährlich im Frühjahr über ein Dutzend renommierte Autoren und Autorinnen aus In- und Ausland für Lesungen in der gesamten Region. Die Veranstaltung mit Ewald Arenz fand in der Retro-Kino-Location der Marktoberdorfer filmburg statt. 30 Grad im Schatten konnte das Publikum nicht schrecken, und das parallel stattfindende WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft nicht locken. Fast schien es, als sei eine Art Allgäuer Literaturfieber in Anbetracht des hohen Besuchs ausgebrochen: Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung waren die Plätze bereits restlos besetzt und eine nicht enden wollende Schlange an Gästen zog sich durch den alten Kinosaal, auf ein Autogramm von Arenz wartend.

Als Moderator Claus Strunz die Lesung eröffnete und Arenz zunächst zu seinem Werdegang, seinem Leben als Lehrer und Schriftsteller und seinem Schreiben befragte, konnten die Zuhörenden erleben, wie gegensätzlich auch Arenz eigenes Leben verlief: Als ältestes Kind einer Pfarrersfamilie im eher ländlichen Milieu hatte er schon früh den Wunsch, Schriftsteller zu werden, studierte jedoch zunächst Jura, dann Anglistik und Geschichte. Bereits mit 23 Jahren wurde er Vater und landete eher aus der Not heraus im Referendariat für das Gymnasium, obwohl er es immer abgelehnt hatte, Lehrer zu werden. Aus einer Künstlerfamilie stammend, schrieb er jahrelang Geschichten, Romane und sogar ein Musical. Der Durchbruch gelang ihm 2019 mit dem Roman Alte Sorten. Arenz schilderte seine Lebensgeschichte, wie er seine Bücher schreibt: Lebendig, atmosphärisch und romantisch, er ließ es aber auch an Witz und Selbstironie nicht fehlen. Insbesondere die oft zu wenig gesehene und anerkannte Arbeit von Buchhändlerinnen, Lektoren und Verlegerinnen hob er enorm hervor, während er recht kritisch über das Lehrer-Dasein und die damit verbundenen Privilegien sprach.

Anschließend konnten die Besucher der Veranstaltung miterleben, wie Arenz aus seinem Roman Zwei Leben las, das eine Hommage an seine Großmutter und das harte Leben auf dem fränkischen Dorf der 1970er bildet. Das Buch verknüpft die Geschichten der beiden Frauen Roberta und Gertrud, die sich auf dem fränkischen Land ihre ganz eigenen Lebenswege zu bahnen versuchen.

Arenz zog den gesamten Saal in seinen Bann. Er ließ die Protagonistin Roberta und ihre Geschichte, ihre Träume und Wünsche greifbar werden, beschwor den Geruch von getrocknetem Heu, Regen auf heißen Straßen und sommerwarmer Haut hervor, sprach so zum Publikum, wie Roberta wohl zu ihrem Wilhelm sprechen würde, und schloss mit der Geschichte von Robertas Großvater, bei der man sich an den Mississippi der 1940er Jahre versetzt fühlte. Arenz saß dabei nicht einfach auf der Bühne, er ging umher, bezog das Publikum mit ein, ließ Passagen sekundenlang wirken, bevor er weiterlas, und konnte so die gelesenen Passagen aus Zwei Leben in ihrer ganzen Lebendigkeit und Schönheit präsentieren.

Der Schriftsteller als Stepptänzer

Die darauffolgende Fragerunde gab noch einmal einen tieferen Einblick in das Leben und Schaffen des Autors: Offen gab Arenz zu, den Roman Das Parfum von Patrick Süskind nie gelesen zu haben, obwohl er selber Gerüche häufig in sein Schreiben einfließen lasse. Er gab einige sehr gute Buchtipps und räumte schließlich mit einem verbreiteten Klischee über die Arbeit von Schriftstellern auf: Seine Bücher entstehen nicht durch den „Kuss der Muse“, vielmehr gehört zum Beruf des Autors ein extrem hohes Maß an Disziplin, Fleiß und Durchhaltevermögen. Kurz vor Schluss kam das Gespräch auf Arenz neustes Werk Fünf, sechs, sieben, acht zu sprechen, das soeben (Juni 2026) bei DuMont erschienen ist und von einem in die Jahre gekommenen Stepptänzer handelt, der beruflich durch seine eigene Tochter ersetzt werden soll. Und auch hier ließ Arenz Literatur lebendig werden, in dem er selbst eine kurze Vorführung seiner eigenen (äußerst sehenswerten) Steppkünste zum Besten gab.

Der langanhaltende Schlussapplaus und die begeisterten Gespräche auf dem Weg hinaus in den Sommerabend dürften Beweis genug dafür sein, wie viel eine gut gelungene Lesung Menschen geben kann, wie sehr sie nicht nur Autorinnen und Autoren motivieren und inspirieren kann. Während sich der Saal der filmburg langsam leerte, draußen hupende Autokorsos mit Schwarz-Rot-Gold-Flaggen durch die Sommernacht fuhren und im leeren Saal das Licht gelöscht wurde, schien es doch, als würden Roberta und ihr Großvater weiter in der Dunkelheit auf der Bühne sitzen und sich Geschichten von längst vergangener und doch so tiefer Liebe erzählen.

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