Die ersten Bücher
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
1.
Das erste Buch, das ich selbstständig gelesen habe, war ein Science-Fiction-Kinderbuch. Keine Fantasy, sondern eindeutig Science-Fiction – leider kann ich mich weder an den Titel des Buches noch an den Namen des sowjetischen Autors erinnern. Dafür weiß ich noch, dass ich daraus zwei für mich neue Wörter gelernt habe: „Anabiose“ und „Orchideen“.
Ich erinnere mich, dass der Held im Zustand der Anabiose auf einen Planeten flog, dort auftaute – er und sein kleiner Hund –, und weiter erinnere ich mich nur vage: irgendein Kampf, Dschungel, Eingeborene, Fackeln, Trommeln, Gebell.
Später tauchte das vage Bild dieses ersten Buches wieder auf, als ich Der unbezähmbare Planet von Harry Harrison las.
Ja, und in jenem allerersten Buch nahmen Orchideen einen nicht unerheblichen Platz ein, aber welche Rolle sie dort spielten, weiß ich nicht mehr; ich glaube, eine unheimliche. Vielleicht waren die außerirdischen Orchideen Verwandte des irdischen Sonnentaus- und der Venusfliegenfallen, nur dass sie sich nicht von Fliegen, sondern von Menschen ernährten. Jedenfalls stellte ich mir Orchideen in meiner Kindheit als riesige, räuberische Blumen vor, die größer waren als ein Mensch. Selbst als ich sie dann sah und manchmal sogar kaufte, roch ich jedes Mal unwillkürlich vorsichtig daran, ob sie einen giftigen Geruch verströmten.
2.
Dieses Bild heißt: „My Lovely English Teacher“.
Aber nein, meine Englischlehrerin war nicht die osteuropäische Schäferhündin Kerry, wie man beim Betrachten vermuten könnte, obwohl das natürlich besser, wäre, falls ich eine Kolumne in der Zeitung schriebe. Dann wäre nicht „Hund beißt Mensch“ die Nachricht, sondern „Mensch beißt Hund“, so viel ist klar ... Obwohl Kerry auch ein bisschen Englisch verstand: Auf Befehl von Rada Alexandrowna brachte sie ganz unterschiedliche Dinge, ohne sie zu verwechseln, von einem Thermometer bis hin zu Hausschuhen. Oder vielleicht hat Kerry ja überhaupt alles verstanden … Wie könnte man jetzt, mit der Erfahrung des Erlernens verschiedener Sprachen im Rücken, nicht daran denken, dass ich gerade von Kerry das sogenannte passive Wissen lernen konnte. Das heißt: In manchen Sprachen weiß ich eine Sache, kann sie aber nicht sagen – oder ich kann etwas sagen, aber nicht schreiben – in anderen Sprachen kann ich es schreiben, kenne aber nicht die Aussprache. Vor nicht allzu langer Zeit, nach meinem Vortrag, hörte ich in den Kulissen, wo den Besuchern Wein serviert wurde, wie jemand seine Freundin oder seinen Freund tröstete: „Glaub mir, was er auf Russisch gesagt hat, war kein bisschen verständlicher als auf Deutsch!“ Vor vielen Jahren gab es in der Süddeutschen Zeitung eine Wochenendkolumne, die „Briefe an einen englischen Freund“, in der jemand auf Englisch schrieb, aber mit deutschem „Akzent“, also mit deutschem Satzbau und mit englischen Wörtern germanischen Ursprungs ... Mein Englisch ist 27 Jahre älter als mein Deutsch. Ich habe angefangen, es zu lernen, als ich sechs war, in der ersten Klasse der 116. Schule in Charkiw; dort gab es so einen Wahlfachkurs oder „Zirkel“, wie man es nannte, und dort lernte ich das Alphabet und die ersten Wörter. Später zogen wir vom Stadtzentrum nach Saltiwka, und in der zweiten Klasse ging ich bereits zur 140. Schule. Dort gab es keinen Englisch-Club für die jüngeren Schüler, und als meine Eltern meine Enttäuschung sahen, schickten sie mich zu der Nachbarin Rada Alexandrowna, der Besitzerin von Kerry. Ich ging zweimal pro Woche für jeweils eine Stunde zu ihr zum Privatunterricht. Und so blieb es ein paar Jahre. Das heißt, ich kam mit etwa neun Jahren zu Rada Alexandrowna, man kann sagen, dass ich seitdem Englisch lerne. Aber was heißt „lernen“ … Wenn ich an diese Stunden zurückdenke, wird mir klar, dass ich schon damals nicht wusste, wie man „lernt, zu lernen und dann noch einmal – zu lernen“ (ein Zitat von Lenin, das in der Schule hing). Aber ich habe Folgendes gelernt: auf Englisch zu lesen, ohne Englisch zu können. Auf Englisch zu sprechen, ebenfalls ohne es zu können.
Ich habe im Grunde genommen gar nicht auf Russisch angefangen zu lesen, sondern auf Englisch. Rada Alexandrowna hatte einen ganzen Schrank voller solcher Bücher, es waren Adaptionen für Schulkinder, und ich habe sie alle durchgelesen; das erste, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war Die Reisen des Kapitän Blood, und dann ging es los – alles, was dort war, habe ich gelesen, von Jane Eyre bis zum Blauen Karbunkel. Ich weiß nicht warum, aber vorher habe ich fast nichts gelesen, ich hatte keine Lust dazu. Und nun fing ich an, wie besessen zu lesen; nachdem ich Rada Alexandrownas Regale durchhatte, wechselte ich zu den originalen Werken, und eigentlich hat sich seitdem nichts geändert – so lese ich sie auch heute noch, ich habe immer ein englisches Büchlein im Rucksack, wobei mein Englisch immer noch unendlich weit vom großen und mächtigen Englisch entfernt ist.
„For my lovely pupil Alex!“ – Rada Alexandrowna schenkte mir ein Englisch-Russisch-Wörterbuch von Müller und signierte es mit roter Tinte; ich habe es immer noch, obwohl es vor Alter schon zerfällt, aber ich habe es in die Buchbinderei gebracht, es hat jetzt einen dunkelrotbraunen Einband, und innen fehlen ein paar Seiten bei „A“, die mit der Zeit verloren gegangen sind.
Kerry hat mich tatsächlich auf einem Schlitten gezogen, und kaum etwas, was später in meinem Leben war, lässt sich mit diesem Glück vergleichen. Das geschah auf einer Brachfläche zwischen den Wohnsiedlungen, bis sich die Brachfläche in eine Art genossenschaftliche Kleingärten verwandelte, entfernte Verwandte der Schrebergärten. Damals gab es dort leere Brachen mit Sträuchern und vereinzelten, krummgewachsenen kleine Bäumchen. Ein hügeliges Gelände, Niemandsland, wo es immer viel Schnee gab, also auch dann, wenn er auf dem Asphalt der Wohnsiedlung schon schmilzt. Und trotzdem gähnen dort schwarze Gruben, die Landschaft ähnelt meiner englischen Sprache mit ihren riesigen Lücken, durch die mich Kerry nach wie vor trägt.
3.
Das erste Buch für Erwachsene, das kein Science-Fiction-Roman war, war All the King’s Men von Robert Penn Warren. Davor las ich ausschließlich Science-Fiction – alles, was mir in die Hände fiel.
All the King’s Men versetzte mich in einen anderen Zustand, und ich begann, angloamerikanische Prosa als solche ebenso gierig zu verschlingen.
Ich las All the King’s Men, auf den Ellbogen gestützt, am Strand von Koktebel, und wie sich herausstellte, zeichnete mich in der Zwischenzeit ein georgischer Künstler. Plötzlich bemerkte ich, dass ich gezeichnet wurde, stand auf und ging zu ihm hin. Er versprach, mir das Bild nach der Ausstellung zu schenken, tat es aber nicht.
Warum hat mich gerade dieses Buch so in seinen Bann gezogen? Vielleicht, weil ich schon vierzehn Jahre alt war, und ganz am Anfang des Buches die Mädchen in den Autos mitfahren, die Knie zum Armaturenbrett hochgezogen, aber nicht zu weit, damit es vom Gebläse kühler wird … Wie dem auch sei, das Buch zog mich in seinen Bann, und weiter mitgerissen wurde ich, glaube ich, von dem, was manche Kritiker als „pseudofaulknersche Passagen“ bezeichneten – ich hatte Faulkners Werke damals noch nicht gelesen.
Es fiel mir ziemlich leicht, mich in die Rolle von Humpty Dumpty hineinzuversetzen, da ich diese Rolle bereits zuvor in einem Bild gespielt hatte, das ein befreundeter polnischer Künstler gemalt hatte. Es handelte sich um eine Bildserie nach Motiven aus den Alice-Büchern, in die er alle seine Freunde einbezog. Mein Gesicht war genauso weiß wie die Fensterbank, auf der ich saß; vor dem Fotoshooting hatte der Künstler es mit dicker weißer Farbe bestrichen. Ich glaube, er hat es nicht einmal bestrichen, sondern ich habe es in eine Schüssel mit der Lösung getaucht – was tut man nicht alles für Freunde … Die Rolle war einfach und schmerzlich klar: Humpty Dumpty fiel immer wieder vom Fensterbrett auf den Boden, und der Künstler knipste mit der Kamera schnell, und das viele Male, der Künstler nahm seine Arbeit ernst. Na ja, und dann noch diese pretty horses …
Die Pferde tauchten aus dem Meer auf, weil ich mich an All the Pretty Horses von Cormac McCarthy erinnerte. Man kann nicht sagen, dass All the Pretty Horses mich wieder zur angloamerikanischen Literatur zurückgebracht hätte, ich hatte mich nach All the King’s Men ja nicht lange davon entfernt, aber dennoch war das Lesen der Border Trilogy so etwas wie ein Trip, der mich in die Zeit zurückversetzte, als ich nur auf Englisch las, wenn nicht auf Russisch, als ich noch kein Wort Deutsch konnte und nicht so viel auf Ukrainisch las.
Das Motto zum Science-Fiction-Buch der Brüder Strugazki Picknick am Wegesrand (in der neuesten deutschen Übersetzung trägt es denselben Titel wie Tarkowskis Verfilmung: Stalker) stammt aus All the King’s Men: „Du musst aus dem Bösen Gutes machen, einfach weil es nichts mehr gibt, woraus du es machen könntest.“ Mir kam gerade der Gedanke, dass diese Penn-Warren-Zeile von Goethes „Ich bin ein Teil von jener Kraft …“ abgeleitet sein könnte … Vielleicht auch nicht, es war nur ein Einfall.
Die ersten Bücher >
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
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1.
Das erste Buch, das ich selbstständig gelesen habe, war ein Science-Fiction-Kinderbuch. Keine Fantasy, sondern eindeutig Science-Fiction – leider kann ich mich weder an den Titel des Buches noch an den Namen des sowjetischen Autors erinnern. Dafür weiß ich noch, dass ich daraus zwei für mich neue Wörter gelernt habe: „Anabiose“ und „Orchideen“.
Ich erinnere mich, dass der Held im Zustand der Anabiose auf einen Planeten flog, dort auftaute – er und sein kleiner Hund –, und weiter erinnere ich mich nur vage: irgendein Kampf, Dschungel, Eingeborene, Fackeln, Trommeln, Gebell.
Später tauchte das vage Bild dieses ersten Buches wieder auf, als ich Der unbezähmbare Planet von Harry Harrison las.
Ja, und in jenem allerersten Buch nahmen Orchideen einen nicht unerheblichen Platz ein, aber welche Rolle sie dort spielten, weiß ich nicht mehr; ich glaube, eine unheimliche. Vielleicht waren die außerirdischen Orchideen Verwandte des irdischen Sonnentaus- und der Venusfliegenfallen, nur dass sie sich nicht von Fliegen, sondern von Menschen ernährten. Jedenfalls stellte ich mir Orchideen in meiner Kindheit als riesige, räuberische Blumen vor, die größer waren als ein Mensch. Selbst als ich sie dann sah und manchmal sogar kaufte, roch ich jedes Mal unwillkürlich vorsichtig daran, ob sie einen giftigen Geruch verströmten.
2.
Dieses Bild heißt: „My Lovely English Teacher“.
Aber nein, meine Englischlehrerin war nicht die osteuropäische Schäferhündin Kerry, wie man beim Betrachten vermuten könnte, obwohl das natürlich besser, wäre, falls ich eine Kolumne in der Zeitung schriebe. Dann wäre nicht „Hund beißt Mensch“ die Nachricht, sondern „Mensch beißt Hund“, so viel ist klar ... Obwohl Kerry auch ein bisschen Englisch verstand: Auf Befehl von Rada Alexandrowna brachte sie ganz unterschiedliche Dinge, ohne sie zu verwechseln, von einem Thermometer bis hin zu Hausschuhen. Oder vielleicht hat Kerry ja überhaupt alles verstanden … Wie könnte man jetzt, mit der Erfahrung des Erlernens verschiedener Sprachen im Rücken, nicht daran denken, dass ich gerade von Kerry das sogenannte passive Wissen lernen konnte. Das heißt: In manchen Sprachen weiß ich eine Sache, kann sie aber nicht sagen – oder ich kann etwas sagen, aber nicht schreiben – in anderen Sprachen kann ich es schreiben, kenne aber nicht die Aussprache. Vor nicht allzu langer Zeit, nach meinem Vortrag, hörte ich in den Kulissen, wo den Besuchern Wein serviert wurde, wie jemand seine Freundin oder seinen Freund tröstete: „Glaub mir, was er auf Russisch gesagt hat, war kein bisschen verständlicher als auf Deutsch!“ Vor vielen Jahren gab es in der Süddeutschen Zeitung eine Wochenendkolumne, die „Briefe an einen englischen Freund“, in der jemand auf Englisch schrieb, aber mit deutschem „Akzent“, also mit deutschem Satzbau und mit englischen Wörtern germanischen Ursprungs ... Mein Englisch ist 27 Jahre älter als mein Deutsch. Ich habe angefangen, es zu lernen, als ich sechs war, in der ersten Klasse der 116. Schule in Charkiw; dort gab es so einen Wahlfachkurs oder „Zirkel“, wie man es nannte, und dort lernte ich das Alphabet und die ersten Wörter. Später zogen wir vom Stadtzentrum nach Saltiwka, und in der zweiten Klasse ging ich bereits zur 140. Schule. Dort gab es keinen Englisch-Club für die jüngeren Schüler, und als meine Eltern meine Enttäuschung sahen, schickten sie mich zu der Nachbarin Rada Alexandrowna, der Besitzerin von Kerry. Ich ging zweimal pro Woche für jeweils eine Stunde zu ihr zum Privatunterricht. Und so blieb es ein paar Jahre. Das heißt, ich kam mit etwa neun Jahren zu Rada Alexandrowna, man kann sagen, dass ich seitdem Englisch lerne. Aber was heißt „lernen“ … Wenn ich an diese Stunden zurückdenke, wird mir klar, dass ich schon damals nicht wusste, wie man „lernt, zu lernen und dann noch einmal – zu lernen“ (ein Zitat von Lenin, das in der Schule hing). Aber ich habe Folgendes gelernt: auf Englisch zu lesen, ohne Englisch zu können. Auf Englisch zu sprechen, ebenfalls ohne es zu können.
Ich habe im Grunde genommen gar nicht auf Russisch angefangen zu lesen, sondern auf Englisch. Rada Alexandrowna hatte einen ganzen Schrank voller solcher Bücher, es waren Adaptionen für Schulkinder, und ich habe sie alle durchgelesen; das erste, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war Die Reisen des Kapitän Blood, und dann ging es los – alles, was dort war, habe ich gelesen, von Jane Eyre bis zum Blauen Karbunkel. Ich weiß nicht warum, aber vorher habe ich fast nichts gelesen, ich hatte keine Lust dazu. Und nun fing ich an, wie besessen zu lesen; nachdem ich Rada Alexandrownas Regale durchhatte, wechselte ich zu den originalen Werken, und eigentlich hat sich seitdem nichts geändert – so lese ich sie auch heute noch, ich habe immer ein englisches Büchlein im Rucksack, wobei mein Englisch immer noch unendlich weit vom großen und mächtigen Englisch entfernt ist.
„For my lovely pupil Alex!“ – Rada Alexandrowna schenkte mir ein Englisch-Russisch-Wörterbuch von Müller und signierte es mit roter Tinte; ich habe es immer noch, obwohl es vor Alter schon zerfällt, aber ich habe es in die Buchbinderei gebracht, es hat jetzt einen dunkelrotbraunen Einband, und innen fehlen ein paar Seiten bei „A“, die mit der Zeit verloren gegangen sind.
Kerry hat mich tatsächlich auf einem Schlitten gezogen, und kaum etwas, was später in meinem Leben war, lässt sich mit diesem Glück vergleichen. Das geschah auf einer Brachfläche zwischen den Wohnsiedlungen, bis sich die Brachfläche in eine Art genossenschaftliche Kleingärten verwandelte, entfernte Verwandte der Schrebergärten. Damals gab es dort leere Brachen mit Sträuchern und vereinzelten, krummgewachsenen kleine Bäumchen. Ein hügeliges Gelände, Niemandsland, wo es immer viel Schnee gab, also auch dann, wenn er auf dem Asphalt der Wohnsiedlung schon schmilzt. Und trotzdem gähnen dort schwarze Gruben, die Landschaft ähnelt meiner englischen Sprache mit ihren riesigen Lücken, durch die mich Kerry nach wie vor trägt.
3.
Das erste Buch für Erwachsene, das kein Science-Fiction-Roman war, war All the King’s Men von Robert Penn Warren. Davor las ich ausschließlich Science-Fiction – alles, was mir in die Hände fiel.
All the King’s Men versetzte mich in einen anderen Zustand, und ich begann, angloamerikanische Prosa als solche ebenso gierig zu verschlingen.
Ich las All the King’s Men, auf den Ellbogen gestützt, am Strand von Koktebel, und wie sich herausstellte, zeichnete mich in der Zwischenzeit ein georgischer Künstler. Plötzlich bemerkte ich, dass ich gezeichnet wurde, stand auf und ging zu ihm hin. Er versprach, mir das Bild nach der Ausstellung zu schenken, tat es aber nicht.
Warum hat mich gerade dieses Buch so in seinen Bann gezogen? Vielleicht, weil ich schon vierzehn Jahre alt war, und ganz am Anfang des Buches die Mädchen in den Autos mitfahren, die Knie zum Armaturenbrett hochgezogen, aber nicht zu weit, damit es vom Gebläse kühler wird … Wie dem auch sei, das Buch zog mich in seinen Bann, und weiter mitgerissen wurde ich, glaube ich, von dem, was manche Kritiker als „pseudofaulknersche Passagen“ bezeichneten – ich hatte Faulkners Werke damals noch nicht gelesen.
Es fiel mir ziemlich leicht, mich in die Rolle von Humpty Dumpty hineinzuversetzen, da ich diese Rolle bereits zuvor in einem Bild gespielt hatte, das ein befreundeter polnischer Künstler gemalt hatte. Es handelte sich um eine Bildserie nach Motiven aus den Alice-Büchern, in die er alle seine Freunde einbezog. Mein Gesicht war genauso weiß wie die Fensterbank, auf der ich saß; vor dem Fotoshooting hatte der Künstler es mit dicker weißer Farbe bestrichen. Ich glaube, er hat es nicht einmal bestrichen, sondern ich habe es in eine Schüssel mit der Lösung getaucht – was tut man nicht alles für Freunde … Die Rolle war einfach und schmerzlich klar: Humpty Dumpty fiel immer wieder vom Fensterbrett auf den Boden, und der Künstler knipste mit der Kamera schnell, und das viele Male, der Künstler nahm seine Arbeit ernst. Na ja, und dann noch diese pretty horses …
Die Pferde tauchten aus dem Meer auf, weil ich mich an All the Pretty Horses von Cormac McCarthy erinnerte. Man kann nicht sagen, dass All the Pretty Horses mich wieder zur angloamerikanischen Literatur zurückgebracht hätte, ich hatte mich nach All the King’s Men ja nicht lange davon entfernt, aber dennoch war das Lesen der Border Trilogy so etwas wie ein Trip, der mich in die Zeit zurückversetzte, als ich nur auf Englisch las, wenn nicht auf Russisch, als ich noch kein Wort Deutsch konnte und nicht so viel auf Ukrainisch las.
Das Motto zum Science-Fiction-Buch der Brüder Strugazki Picknick am Wegesrand (in der neuesten deutschen Übersetzung trägt es denselben Titel wie Tarkowskis Verfilmung: Stalker) stammt aus All the King’s Men: „Du musst aus dem Bösen Gutes machen, einfach weil es nichts mehr gibt, woraus du es machen könntest.“ Mir kam gerade der Gedanke, dass diese Penn-Warren-Zeile von Goethes „Ich bin ein Teil von jener Kraft …“ abgeleitet sein könnte … Vielleicht auch nicht, es war nur ein Einfall.


