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12.06.2026, 10:32 Uhr
Sophia Klink
Rezensionen

Rezension zum Roman „Die Verluste“ von Florian Scheibe

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© Penguin Verlag

Der Münchner Autor Florian Scheibe legt mit Die Verluste seinen fünften Roman vor. Ein unterhaltsames Familienporträt, das die Abgründe der menschlichen Psyche hervorscheinen lässt und Figuren mit all ihren absurden Angewohnheiten erzählt, deren Geheimnisse immer kurz davor sind aufzufliegen. Sophia Klink hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen.

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Verloren wird in diesem Roman so einiges: Socken in der Waschmaschine, ein Hund, eine Oma, Delphine in Schleppnetzen, Kalorien, Urin, Buchstaben auf einem Brief. Aber viel einschneidender ist der Verlust des festen Bodens unter den Füßen, als Klaus’ achtzigjähriger Körper für einen Moment verlernt zu schwimmen. Der reiche Patriarch, ehemals Chef einer Fernglasfirma, sitzt in seinem Haus am Bodensee und fühlt sich abgehängt. In seiner Sehnsucht nach Sicherheit verfällt Klaus der fixen Idee, einen Luxusbunker bauen zu lassen. Worüber seine Frau Kaja und die drei erwachsenen Kinder mehr als unglücklich sind.

Schon in den ersten Szenen dieses Familienporträts spürt man, dass hier viel unter den Teppich gekehrt wurde und nun wieder zum Vorschein kommt. Jede Figur hat einen Keller voller Ängste und Unsicherheiten, heimlich genaschter Süßigkeiten, ungeöffneter Briefe, die unbequeme Wahrheiten verbergen: Jonas, der mittlere Sohn, steckt als Schriftsteller tief in der Schaffenskrise und verheimlicht seine Geldsorgen und katastrophale Wohnsituation in Berlin. Stephan, der Älteste der drei Geschwister, führt als spießiger Augenarzt eine Praxis in Nymphenburg, suchtet Candy Crush und lebt seine Aggression hinter dem Rücken der Patientinnen und Patienten aus. Anna hingegen kämpft als Klimaaktivistin für die Meere und hat den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Sie alle stecken in einem Alltag voller enttäuschter Erwartungen fest. Aber wie lösen sich die Knoten in einer Familie, wenn kein echtes Gespräch zwischen den Generationen möglich ist?

„Unglück muss man verarbeiten, man darf es nicht einfach verdrängen.“ Leicht gesagt, wenn man nicht gerade wie Jonas vor aufgeweichten Kartons im überschwemmten Keller steht und die Verluste begutachtet. Doch Florian Scheibe zwingt seine Romanfiguren, aktiv zu werden. Über fünfhundert Seiten entwickelt er eine handlungsgetriebene Geschichte, die sich wie eine Netflix-Serie liest. Unsere moderne Welt wird dabei mit all ihren Katastrophenmeldungen, Krieg und Klimawandel realistisch abgebildet. Alle Konflikte und Unterströmungen werden szenisch auserzählt. Der Roman ist in fünf Teile gegliedert; die Handlung erstreckt sich über ein halbes Jahr. Scheibe arbeitet dabei mit vielen Rückblenden. Eine Episode wird geschickt mit der nächsten verflochten, sodass sich ein abwechslungsreicher Strom aus Erinnerungen und neuen Entwicklungen ergibt.

Eine Überraschung jagt die nächste. Es fällt leicht, sich von den vielen Andeutungen und Cliffhangern hineinziehen zu lassen – nur auf den ersten Seiten hat mich ein kurzer Unwille befallen, diesen privilegierten Männern in ihre Segelforen und nicht immer sympathischen Alltagsschrullen zu folgen. Dass ihre Lebenswelt parodiert und dekonstruiert werden wird, verspricht der Text spätestens, als Klaus auf seinem brandneuen Mähroboter thront, ein „Wundergerät mit der Typenbezeichnung Ego Z6 Zero Turn“, das „inklusive der Akkus siebentausend Schweizer Franken gekostete hatte“, aber am Ende seiner hochfliegenden Argumentationskette über Geiz und Geldnot der Kinder nur umso profaner erscheint als „ein Geschenk, das er sich selbst gemacht hatte“.

All diese kleinen Verrücktheiten unter der glatten Schale

Florian Scheibe entwirft Figuren mit starken Motiven und Abgründen, die enorm lebensecht wirken. Jede Facette trägt zum Gesamtpanorama bei. Erzählt wird in der dritten Person. Wir folgen abwechselnd den fünf Familienmitgliedern, deren Wünsche und Urteile sich gegenseitig bespiegeln. Die Figuren werden in ihrem Handeln filmisch gezeigt, dann wieder lässt die nahe Fokalisierung bis ins Innere der Figuren blicken. Fast durchgehend wissen Leserin und Leser mehr als die jeweiligen Figuren, kennen ihre Geheimnisse, „all diese kleinen Verrücktheiten, die unter ihrer glatten Schale“ schlummern. Ständig klingelt ein Handy mit einer tragischen Nachricht, die man schon ahnt. Man fiebert und leidet mit, während sich die Figuren in einem Netz aus Lügen und Teilwahrheiten verstricken. Pläne kollidieren. Eine überraschende Wendung folgt auf die nächste. Immer sind die Figuren knapp davor aufzufliegen. Das Lachen bleibt im Halse stecken, wenn Jonas ausversehen mit seiner Mutter auf Tinder matcht und dann heimlich auf ihrem Handy herumlöscht. All die Lösungsversuche von Alltagsproblemen, wie das Flaschenpinkeln oder wenn sich Jonas ein abtörnendes Familienporträt mit Nacktschnecken vorstellt, um sich beim Sex zu beherrschen, können natürlich nur schiefgehen. Ständig wird jemand bei einer Affäre ertappt. Ob man sich auf die Mitwissenden verlassen kann, bleibt mehr als fraglich. Allein diese Gratwanderung, immer hart an gesellschaftlichen Tabus, macht unheimlichen Spaß.

Der Humor dieses Texts entfaltet sich dabei allein zwischen den Zeilen. Die Spießigkeit und moralischen Abwege der Figuren werden nicht kommentiert, sondern durch die Nachbildung ihrer Gedankenkarusselle und Argumentationsketten ausgestellt. Oft ergibt sich der Humor aus einer Vermischung aus emotional aufgeladenen Kleinigkeiten und technisch-rationalem Vokabular, die sich sprachlich in so kontrastreichen Sätzen zeigt wie: „Gegenüber den Wespen waren die verschwundenen Socken ein eher untergeordnetes Problem, wobei sie pars pro toto für das gleiche Reiz-Reaktions-Schema standen.“ So hält sich Stephan auch an der Tiefe des Bodensees fest: „Zweihundertfünfzig Meter, dachte er. Zweihundertfünfzig Meter.“ – während sein Bruder an seiner Schulter schluchzt. Oder er rechnet den „Verlust kompakter Sekundenpakete“ durch die morgendliche Interaktion mit seiner Familie auf, bis er in seiner Fantasie nicht mehr „die lebenswichtige grüne Welle auf der Fürstenrieder Straße reiten“ kann und alle Straßen durch eine „Verkehrsembolie“ verstopfen.

Überhaupt geht es sehr viel um Geld. Um das Aufwiegen von Dingen, die sich nicht aufwiegen lassen. Die Figuren steigern sich in Selbstbetrug hinein, oft in kurzen Sätzen mit sich wiederholender Struktur. Ihre Gedanken sind „auf unverantwortliche Weise vergnügungssüchtig. Je wilder, desto besser. Jeder Looping, jedes schwarze Loch, jeder Abgrund und jedes Karussell“ ziehen sie magnetisch an und entlarven ihre Widersprüchlichkeiten.

Am Ende des Romans fügt sich alles gut zusammen. Es gelingt dem Text, die Feier zu Klaus’ 80. Geburtstag nicht in einen überzogenen Showdown kippen zu lassen. Die Leseerwartungen werden erfüllt, gerade weil das Ende realistisch bleibt. Angesichts der unglaublichen Enthüllungen erscheinen alle kleineren Konflikte plötzlich unwichtig. Minimale Gesten zeigen, wie die Familie in Bewegung geraten ist. Diese Normalität, schlicht und mit Distanz erzählt, löst den fest geschnürten Knoten wirksam auf. Ein paar meteorologische Regenbögen weniger hätten den Effekt vielleicht noch verstärkt (das queere Regenbogenfestival in Kajas Gedanken hingegen braucht es unbedingt!). Die Message, „dass alles gut werden würde“, schwingt mit, ohne dass sie hätte ausgeschrieben werden müssen. So münden die letzten Seiten in ein schicksalhaftes, tröstliches Happy End.

Auch zum Prolog, dessen Zweck ich zwischendurch mit einem Fragezeichen versehen hatte, wird eine Brücke geschlagen. Sprachlich wirkt die Rahmung aus Ruths Sicht weniger ausgefeilt als der restliche Text, eröffnet aber ein reizvolles Spiel mit der Autofiktion: Wie viele vererbte Briefe sind diesem Manuskript wohl zugrunde gelegen?

Dieses Buch macht den schönen Schein transparent, sodass man tief in die Keller der Psyche blicken kann. Die Verluste ist eine unterhaltsame Geschichte mit Weltuntergangsstimmung. Der Text lebt von seinen authentischen Dialogen, die einen Kinderton genauso sicher treffen wie die demente Oma Ruth. Die Kritik an unserer heutigen Welt schwingt angenehm im Subtext mit. Bücher wie dieses halten der eigenen Familie unversehens den Spiegel vor. Denn es könnte gut stimmen, dass alle unglücklichen Familien, im Unterschied zu Tolstois Behauptung, doch auf eine sehr ähnliche Art unglücklich sind.

 

Florian Scheibe: Die Verluste. btb 2026, 512 S., ISBN: 978-3-442-76293-4

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