Rezension zum Roman „Mittelberge“ von Kerstin Specht
Pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag legt die renommierte Münchner Autorin Kerstin Specht mit Mittelberge (2026) ihr Romandebüt vor. Im Zentrum ihrer Hommage an die eigene Mutter steht Sophie – eine widerständige, eigensinnige Heldin, die sich ihren Weg durch ein oberfränkisches Dorf der 1930er-Jahre bahnt.
Prof. Dr. Martin Hielscher hat das Buch für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
Die erfolgreiche Theaterautorin Kerstin Specht hat ihren ersten Roman vorgelegt: Mittelberge folgt in einer parataktischen, lakonisch-poetischen Prosa, unterbrochen von Gedichten, die die Motive weiter zuspitzen, den ersten etwa fünfundzwanzig Jahren im Leben der Sophie, die um 1930 in einem Dorf in der oberfränkischen Provinz geboren wird.
Die kurze Vorgeschichte von Sophies Eltern Sina und Mattis wird im Präteritum erzählt, der Tod ihres ersten Kindes, des kleinen Robert, der mit zwei Jahren im Gartenteich ertrinkt, die Trauer, die fortan herrschen wird, auch wenn vier Jahre später Sophie zur Welt kommt.
Sophies Geschichte und die ihres Dorfes und seiner Bewohner, die der oberfränkischen Region und implizit auch die des ganzen Landes – das Ende der Weimarer Republik, das nationalsozialistische Deutschland und der Zweite Weltkrieg, Kriegsende und die Besetzung durch die Amerikaner, die Anfänger der Bundesrepublik und das sogenannte Wirtschaftswunder – werden fortan im Präsens und in oft kurzen, pointierten Sätzen erzählt, in einer bild- und detailreichen Sprache, die einen großen Zauber und starken Sog entfaltet. Dabei bewegt sich der Text immer auf Augenhöhe mit Sophies Erfahrungswelt, kunstvoll und einfallsreich wird stets nur das in Spechts feinfühligem und doch kraftvollen Sound wiedergegeben, was Sophie jeweils auch fühlen und erkennen kann, worüber sie rätselt und was sie verstört.
Das Kind ist von klein auf kränklich, entwickelt Asthma, und ist doch voller Entschlossenheit und Willensstärke zu wachsen, zu lernen, zu lieben. Diese Willensstärke, die für heutige Leserinnen sicher kaum vorstellbare Ausdauer, Leidens- und Duldungsfähigkeit zeichnen Sophie aus, die allen Widerständen trotzen zu können scheint.
Anschaulich, konkret, sinnlich beschreibt Mittelberge eine für das Kind zunächst magische und archaisch wirkende, oftmals noch vorindustrielle Welt voller bäuerlicher Armut und Beschränktheit, mit harter sozialer Kontrolle, strengen Machtverhältnissen und festen Ritualen. Aberglaube, Naturwissen und Reste von Animismus existieren noch, Sophie erlebt Naturnähe und Naturgewalt, kreatürliche Zärtlichkeit und Leid, Gewalt und Ablehnung, Not, Rohheit und Härte, Verfolgung und Grausamkeit im Nationalsozialismus, dessen Ideologie ihre Eltern nicht teilen.
Das poetisch-konkrete Erzählverfahren lässt sich etwa am Kapitel „Volkssturm“ ablesen, das zeigt, wie die Profiteure des NS-Systems bis zuletzt ihre Stellung auszunutzen entschlossen sind und doch meist sofort umschwenken, wenn dieses System am Ende ist:
Auch die Luft hält die Luft an. Kein Wind... Und dann ist es soweit. Das Volk kommt als ein alter Mann daher, in ausgefransten Manchesterhosen und Armbinde, und der Sturm ist sein Gebrüll. Panzersperren bauen!! Wo ist dein Vater? Auf der Arbeit. Er soll sofort kommen, sonst wird er standrechtlich erschossen! Sophie laufen die Tränen herunter, sie will zum Wirtshaus rennen und ihren Vater im Sägewerk anrufen. Ihre Mutter hält sie fest, eisern. Albin, beherrsch dich! sagt sie... Am anderen Tag hört man das Gebraus der heranrollenden Panzer. Der Albin ist der Erste, der mit seiner Frau einen Handwagen, obenauf ein weißes Betttuch, zum Haa raufzerrt. Die Panzerfäuste versenkt er im Teich.
Im Folgenden nimmt die Autorin das Motiv der aus dem Fenster gehängten oder über die Schulter geworfenen weißen Betttücher – zum Zeichen der Kapitulation –, das man oftmals auf Bildern gesehen, von dem man in Berichten gehört hat, und entwickelt es als Objekterfahrung weiter:
Es ist der Auftritt der Betttücher. Nie zuvor waren sie so durch die Welt getragen worden, an Häuser gehängt, an Männerschultern. Sie schaben an schubbrigem Putz und Salpeterwänden, schleifen in den Staub, wo sie doch immer sorgsam in dunklen Kästen verschlossen worden waren. Nur sie sind es, die diese Panzer, deren Geschützrohre durch die Luft kreisen, als würden sie Witterung aufnehmen, beruhigen können, nicht alles niederzuschießen. Sie haben schon Geburt und Tod erlebt. Blut und Eiter und Exkremente, die Gewalt, die Männer Frauen antun, und auch die Zärtlichkeit und immer wieder werden die Spuren gewaschen, weggebürstet, gebleicht.
Sophie hat immer schon mithelfen müssen, Sophie muss arbeiten und sie geht arbeiten, sobald sie aus der Schule ist, als Hausmädchen, als Fabrikarbeiterin, später in einer der fränkischen Fernsehfirmen. Sie baut Chassis, kann sich aber selbst keinen Fernseher leisten. Aber sie hat Fantasie und Chuzpe und einen anarchischen Humor, ist auch selbstbewusst genug:
Sie schaut in der Mittagspause durch den Rahmen eines leeren edelholzfurnierten Gehäuses und macht Programm. Die Kollegen rufen ihr die Namen von Filmstars oder Politikern oder Kollegen zu. Sie wollen jetzt den Ludwig Erhard sehen. Sein dickes Kindergesicht mit Zigarre. Das kennt Sophie von den Titelbildern des Fränkischen Tag... Sie erspart sich nichts. Sie kann auch Ruth Leuwerik... Alle lachen. Auch Sophie. Dann erstickt ihr das Lachen.
Das Asthma kehrt zurück, immer aggressiver, die Späne, der Staub, die Giftstoffe, sie muss kündigen. Sophie hat sich in Max verliebt, auch das eine anstrengende, entbehrungsreiche Angelegenheit, nichts wird einem geschenkt, auch die Liebe nicht, alles muss erarbeitet, erkämpft und ertrotzt werden, als sich die beiden verloben, treffen mit den beiden betroffenen Familien auch die kaum überbrückbaren Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken aufeinander, hier ist der Graben fast noch größer und unüberwindbarer als der Grenzzaun zwischen der Bundesrepublik und der DDR, in dessen Nähe Sophie mit ihrem Mann, der dort sein neues Geschäft aufziehen will (Lampen, Öfen, Kleingeräte, Kabel), und ihrer kleinen Tochter ziehen wird. Eine für Sophie fremde Gegend, an die sie sich wird gewöhnen müssen, eine Landschaft ohne den weiten Horizont und ohne den Mittelberg aus ihrem Heimatdorf. Am Ende werden Sophie und Max zu Elternfiguren wie anfangs Sina und Mattis und die Perspektive wird die des Kindes, der kleinen Tochter: „Der Vater wird immer bauen, anbauen, umbauen, Geld aufnehmen. Die Mutter wird auf dem Dach stehen und sich beim Teeren der Dachpappe die Füße verbrennen.“
Der Kampf um den materiellen Aufstieg und den Erhalt des Wohlstands wird die Eltern, wie schon Sophies Eltern, zu Zuarbeitern ihres eigenen Hauses machen: „Das Haus wird der neue Herr sein“, lautet der letzte Satz.
Kerstin Specht hat die Herrschaft des Hauses und der Häuser verwandelt in ein romanhaftes Gehäuse, in dem die Fantasie und der Sprachwitz Sophies weiterleben in der sprühenden Sprachkraft und dem kritischen und feiernden Zauber dieser Prosa.
Kerstin Specht: Mittelberge. Roman, STROUX edition, München, 244 S., ISBN: 978-3-948065-50-8
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Pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag legt die renommierte Münchner Autorin Kerstin Specht mit Mittelberge (2026) ihr Romandebüt vor. Im Zentrum ihrer Hommage an die eigene Mutter steht Sophie – eine widerständige, eigensinnige Heldin, die sich ihren Weg durch ein oberfränkisches Dorf der 1930er-Jahre bahnt.
Prof. Dr. Martin Hielscher hat das Buch für das Literaturportal Bayern gelesen.
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Die erfolgreiche Theaterautorin Kerstin Specht hat ihren ersten Roman vorgelegt: Mittelberge folgt in einer parataktischen, lakonisch-poetischen Prosa, unterbrochen von Gedichten, die die Motive weiter zuspitzen, den ersten etwa fünfundzwanzig Jahren im Leben der Sophie, die um 1930 in einem Dorf in der oberfränkischen Provinz geboren wird.
Die kurze Vorgeschichte von Sophies Eltern Sina und Mattis wird im Präteritum erzählt, der Tod ihres ersten Kindes, des kleinen Robert, der mit zwei Jahren im Gartenteich ertrinkt, die Trauer, die fortan herrschen wird, auch wenn vier Jahre später Sophie zur Welt kommt.
Sophies Geschichte und die ihres Dorfes und seiner Bewohner, die der oberfränkischen Region und implizit auch die des ganzen Landes – das Ende der Weimarer Republik, das nationalsozialistische Deutschland und der Zweite Weltkrieg, Kriegsende und die Besetzung durch die Amerikaner, die Anfänger der Bundesrepublik und das sogenannte Wirtschaftswunder – werden fortan im Präsens und in oft kurzen, pointierten Sätzen erzählt, in einer bild- und detailreichen Sprache, die einen großen Zauber und starken Sog entfaltet. Dabei bewegt sich der Text immer auf Augenhöhe mit Sophies Erfahrungswelt, kunstvoll und einfallsreich wird stets nur das in Spechts feinfühligem und doch kraftvollen Sound wiedergegeben, was Sophie jeweils auch fühlen und erkennen kann, worüber sie rätselt und was sie verstört.
Das Kind ist von klein auf kränklich, entwickelt Asthma, und ist doch voller Entschlossenheit und Willensstärke zu wachsen, zu lernen, zu lieben. Diese Willensstärke, die für heutige Leserinnen sicher kaum vorstellbare Ausdauer, Leidens- und Duldungsfähigkeit zeichnen Sophie aus, die allen Widerständen trotzen zu können scheint.
Anschaulich, konkret, sinnlich beschreibt Mittelberge eine für das Kind zunächst magische und archaisch wirkende, oftmals noch vorindustrielle Welt voller bäuerlicher Armut und Beschränktheit, mit harter sozialer Kontrolle, strengen Machtverhältnissen und festen Ritualen. Aberglaube, Naturwissen und Reste von Animismus existieren noch, Sophie erlebt Naturnähe und Naturgewalt, kreatürliche Zärtlichkeit und Leid, Gewalt und Ablehnung, Not, Rohheit und Härte, Verfolgung und Grausamkeit im Nationalsozialismus, dessen Ideologie ihre Eltern nicht teilen.
Das poetisch-konkrete Erzählverfahren lässt sich etwa am Kapitel „Volkssturm“ ablesen, das zeigt, wie die Profiteure des NS-Systems bis zuletzt ihre Stellung auszunutzen entschlossen sind und doch meist sofort umschwenken, wenn dieses System am Ende ist:
Auch die Luft hält die Luft an. Kein Wind... Und dann ist es soweit. Das Volk kommt als ein alter Mann daher, in ausgefransten Manchesterhosen und Armbinde, und der Sturm ist sein Gebrüll. Panzersperren bauen!! Wo ist dein Vater? Auf der Arbeit. Er soll sofort kommen, sonst wird er standrechtlich erschossen! Sophie laufen die Tränen herunter, sie will zum Wirtshaus rennen und ihren Vater im Sägewerk anrufen. Ihre Mutter hält sie fest, eisern. Albin, beherrsch dich! sagt sie... Am anderen Tag hört man das Gebraus der heranrollenden Panzer. Der Albin ist der Erste, der mit seiner Frau einen Handwagen, obenauf ein weißes Betttuch, zum Haa raufzerrt. Die Panzerfäuste versenkt er im Teich.
Im Folgenden nimmt die Autorin das Motiv der aus dem Fenster gehängten oder über die Schulter geworfenen weißen Betttücher – zum Zeichen der Kapitulation –, das man oftmals auf Bildern gesehen, von dem man in Berichten gehört hat, und entwickelt es als Objekterfahrung weiter:
Es ist der Auftritt der Betttücher. Nie zuvor waren sie so durch die Welt getragen worden, an Häuser gehängt, an Männerschultern. Sie schaben an schubbrigem Putz und Salpeterwänden, schleifen in den Staub, wo sie doch immer sorgsam in dunklen Kästen verschlossen worden waren. Nur sie sind es, die diese Panzer, deren Geschützrohre durch die Luft kreisen, als würden sie Witterung aufnehmen, beruhigen können, nicht alles niederzuschießen. Sie haben schon Geburt und Tod erlebt. Blut und Eiter und Exkremente, die Gewalt, die Männer Frauen antun, und auch die Zärtlichkeit und immer wieder werden die Spuren gewaschen, weggebürstet, gebleicht.
Sophie hat immer schon mithelfen müssen, Sophie muss arbeiten und sie geht arbeiten, sobald sie aus der Schule ist, als Hausmädchen, als Fabrikarbeiterin, später in einer der fränkischen Fernsehfirmen. Sie baut Chassis, kann sich aber selbst keinen Fernseher leisten. Aber sie hat Fantasie und Chuzpe und einen anarchischen Humor, ist auch selbstbewusst genug:
Sie schaut in der Mittagspause durch den Rahmen eines leeren edelholzfurnierten Gehäuses und macht Programm. Die Kollegen rufen ihr die Namen von Filmstars oder Politikern oder Kollegen zu. Sie wollen jetzt den Ludwig Erhard sehen. Sein dickes Kindergesicht mit Zigarre. Das kennt Sophie von den Titelbildern des Fränkischen Tag... Sie erspart sich nichts. Sie kann auch Ruth Leuwerik... Alle lachen. Auch Sophie. Dann erstickt ihr das Lachen.
Das Asthma kehrt zurück, immer aggressiver, die Späne, der Staub, die Giftstoffe, sie muss kündigen. Sophie hat sich in Max verliebt, auch das eine anstrengende, entbehrungsreiche Angelegenheit, nichts wird einem geschenkt, auch die Liebe nicht, alles muss erarbeitet, erkämpft und ertrotzt werden, als sich die beiden verloben, treffen mit den beiden betroffenen Familien auch die kaum überbrückbaren Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken aufeinander, hier ist der Graben fast noch größer und unüberwindbarer als der Grenzzaun zwischen der Bundesrepublik und der DDR, in dessen Nähe Sophie mit ihrem Mann, der dort sein neues Geschäft aufziehen will (Lampen, Öfen, Kleingeräte, Kabel), und ihrer kleinen Tochter ziehen wird. Eine für Sophie fremde Gegend, an die sie sich wird gewöhnen müssen, eine Landschaft ohne den weiten Horizont und ohne den Mittelberg aus ihrem Heimatdorf. Am Ende werden Sophie und Max zu Elternfiguren wie anfangs Sina und Mattis und die Perspektive wird die des Kindes, der kleinen Tochter: „Der Vater wird immer bauen, anbauen, umbauen, Geld aufnehmen. Die Mutter wird auf dem Dach stehen und sich beim Teeren der Dachpappe die Füße verbrennen.“
Der Kampf um den materiellen Aufstieg und den Erhalt des Wohlstands wird die Eltern, wie schon Sophies Eltern, zu Zuarbeitern ihres eigenen Hauses machen: „Das Haus wird der neue Herr sein“, lautet der letzte Satz.
Kerstin Specht hat die Herrschaft des Hauses und der Häuser verwandelt in ein romanhaftes Gehäuse, in dem die Fantasie und der Sprachwitz Sophies weiterleben in der sprühenden Sprachkraft und dem kritischen und feiernden Zauber dieser Prosa.
Kerstin Specht: Mittelberge. Roman, STROUX edition, München, 244 S., ISBN: 978-3-948065-50-8
