Rezension des Romans „Die Summe aller Dinge“ von Oliver Bottini
Oliver Bottinis neues Buch Die Summe aller Dinge ist eine Ermittlung als Geschichte – und erzählt die Geschichte einer Ermittlung. Ob das gelingt, fragt sich der Autor Christian Schüle.
*
Der Roman handelt von zwei Frauen, die drei Todesfälle rekonstruieren: zum einen die korrekte Oberstaatsanwältin Esther Molien in Frankfurt am Main, deren Revier der Gerichtsaal ist, zum anderen die manchmal grenzüberschreitende Oberkommissarin Vera Berg, deren Revier die Straße ist. Beide bedienen die Maschinerie polizeilicher wie juristischer Aufklärung krimineller so genannter „Cum-Ex“- und „Cum-Cum“-Geschäfte, die in der Realität zwischen 2006 und 2015 zu mittlerweile gut dokumentierten Gerichtsverfahren geführt haben.
Der mehrfach ausgezeichnete Kriminalschriftsteller Bottini – 1965 in Nürnberg geboren, aufgewachsen in München, seit 2018 in Frankfurt am Main lebend – verschnürt die letzten Jahre der drei Freunde Zaid Benour, Freddy Lazar und Erik Cahn, ein „Trio Infernale“ aus gemeinsamen Studententagen in Konstanz, das später – lange Zeit auf legale Weise – höchst krumme Dinger dreht. Erik und Freddy organisieren in der Wertpapierabteilung der Bankgesellschaft Rhein-Main Aktiengeschäfte mit anderen Banken und Unternehmen, in deren Zentrum jene Dividenden stehen, die Aktienbesitzer jedes Jahr aufs neue erhalten.
Allerdings geht es bei diesen Deals nicht um die Dividende selbst, sondern um die auf die Dividende erhobene Kapitalertragsteuer. Diese, so planen Zaid, Freddy und Erik, soll durch dubiose Finanzkonstrukte einmal gezahlt, aber zweimal vom Finanzamt rückerstattet werden, was letztlich zu Millionengewinnen für die Betrüger und zu Millionenschäden für Staat und Gesellschaft führt. 2012 wird vom Gesetzgeber plötzlich für illegal erklärt, was jahrzehntelang legal war, eine Gesetzeslücke, und hier setzt Bottini ein. Jahre vergehen. Dann, innerhalb weniger Tage zwischen 19. März und 3. April 2018, verlieren die drei Freunde offenbar ihr Leben. Von nun an dreht sich alles um den vermeintlichen Selbstmord von Zaid Benour, den syrischen Christen und Ehemann der Polizistin Berg. Molien und Berg ermitteln auf je ihre Weise, mit Widerständen aller Art, und von der ersten Zeile an hat dieser Kriminalroman den Charakter eines ambitionierten Fernsehkrimis, als schriebe der Drehbuchautor das Storyboard eines Wirtschaftsthrillers (man darf sich einen ZDF-Dreiteiler in Bestbesetzung vorstellen).
Warum hat Zaid sich erschossen? Er, in Syrien geboren in Duisburg-Marxloh aufgewachsen, das ärmste Kind in der Schule, das letztlich ein Mathegenie und damit zum Millionär wurde. Freddy wiederum lebt in London, schläft auf Partys und beim Sex mittlerweile ein, wird plötzlich von einem SUV überfahren und ist sofort tot. Erik, am Ende 115 Kilogramm schwer, lebt seit 2010 auf Capri. Ein Mann mit Schlinge nähert sich in der Dunkelheit und bringt jemanden um, vermutlich Erik. Ist die Camorra im Spiel? Esther Molien und Vera Berg und zahlreiche Informanten und Kollegen rekonstruieren ab jetzt länderübergreifend, wer der Mörder von Freddy sein könnte, ob Zaid wirklich tot ist und Erik vielleicht noch lebt. Oder ob die drei, deren Geschäftsmodell die Täuschung war, schon wieder alle täuschen.
Die Summe aller Dinge ist die lehrreiche literarische Aufarbeitung der bis heute unfassbaren Dividenden-Deals um die Kapitalertragsteuer ab 2006, bundesdeutsche Zeit- und Wirtschaftskriminalitätsgeschichte im 21. Jahrhundert. Von Anfang bis Ende wird die Geschichte mittels Episoden in hoher Schlagzahl erzählt. Den Plot treibend, springt Bottini in Zeiten, Orten und Geschichten hin und her, es entsteht ein atem- wie schnörkelloser Reigen an Clips und Rückblicken: 2006, 2012, 2018. Vieles ist oft nur schlaglichtartig angerissen, für Reflexionen gibt es wenig bis keinen Raum, Tempus- wie Tempowechsel finden nicht statt.
Bottini fordert seine Leser, die die jeweiligen Datumsangaben sehr genau lesen und sich auf ständig wechselnde (irgendwann freilich vertraute) Spielorte einlassen müssen, unter anderen: Morcone, Pontelandolfo, Orgosolo, Cagliari, Gibraltar, Konstanz, Frankfurt, Königstein, Gatwick, London, Formentera, Schmitten im Taunus und Bad Unterwalden in Baden-Württemberg. Im Bau von Spannungsbögen geschult, knüpft der Autor aus losen Fäden sukzessive ein Gewebe, lässt manchen Faden bewusst hängen und nimmt ihn später wieder auf; Bottini versteht sich bestens auf Cliffhanger, die Choreografie seines Texts ist durchgängig von hoher Raffinesse.
Enormes Figurenarsenal
Geschrieben ist all das im aktivierenden Präsens, der Leser ist bei den Ermittlungen und Treffen mit den Informanten quasi live dabei, selbst wenn die Ereignisse sich 2006 abspielten. Die Sprache ist schlicht, die Sätze sind kurz, sofort zur Sache kommend, immer auf die Acht. Das erfolgt gern auch mal ohne Verben und mit freistehenden Sätzen, auf die sofort ein Absatz folgt. Der Rhythmus wirkt wie der eines Beat-Schlagzeugs:
Ein regnerischer Morgen, dahinziehende Wolken, die Luft diesig. Oder: Nach zehn Minuten die erste Pause, er muss trinken, verschnaufen. Er steht vor einem Postkartenständer, Sardiniens Städte, Sardiniens Strände. Auch Santa Maria Navarrese.
Das ist fettfreie Konzentratsprosa. Essenzprosa. Hier und da bringt die minimalistisch hagere Sprache dann auch wunderbar poetische Sätze hervor: „Das Handy setzt abrupt aus wie ein erschöpftes Herz.“ Zu einem beträchtlichen Prozentsatz besteht der Text aus kurzen, prägnanten, mehr am mündlichen Sprechgestus denn an literarisierter Hochsprache interessierten Dialogen, dergestalt etwa:
„Henry“, sagt er grinsend, zerquetscht ihm die Hand. „Ter.“ „Gibt ihn noch, den Schotten. Hat neue Zähne und ‘ne neue Niere, sagt man.“ „Ist er noch in Bristol?“ Terry nickt. „Warum?“ „Muss ihn was fragen.“
Bottinis Figurenarsenal ist enorm, und das wird auf Dauer zum Problem, denn keineswegs alle, mit denen er hantiert, werden plastisch und erhalten ein Eigenleben. Immer wieder kommt eine neue Person ins Spiel, eine Nebenfigur, die als Pappkamerad dient: kurz angetippt, dann verschwindet sie wieder, ohne dass hinter den Namen ein Charakter entfaltet wird. Michele Corrao, Henry, Groove, der Schotte, Vince, Rasool, Ostermann, Henning, Denholm, Inés, Angela Reuter, der Amerikaner John, der „Latino“, der Brite George Evans, die Polizistin Ramic, Livia, Cassie, oha, jetzt noch Detective Sergeant Adjoa Mensah, dann noch Damian Haldane, dann Marcus Grant, äh – wer war das nochmal? Ach ja, Grant ist Groove von früher, gleich darauf noch Angelika und George, der eigentlich Henry heißt. In der Erzählhaltung sind kaum Unterschiede oder Hierarchien bei der Figurenführung festzustellen, das gewählte Dauerpräsens kann zwischen Hauptsache und Nebensächlichkeiten nicht unterscheiden. Statt Komplexität zu reduzieren, kultiviert er die Komplexität eines ohnehin hochkomplexen Stoffs durch Aufblähung des Personals – diese Überfrachtung erschwert die Identifikation.
Hohe Fachkompetenz
So gut Bottini seinen Protagonistinnen und Protagonisten auf den Mund schaut, so wenig blickt er ihnen in den Kopf. Man folgt der Polizistin Vera Berg auf energischem Ritt durch Zeiten, Länder und Orte, kommt ihr aber nicht nahe. Bottini schildert präzise, lässt aber nicht wirklich einfühlen. Die 54 Momentaufnahmen auf 480 Seiten wirken wie schnell abwechselnd in den Projektor geschobene Dias, die oft nur kurz aufscheinen. Der Vietnamkrieg kommt mal eben vor, die Marktpsychologie wird ein bisschen gestreift, eine kleine Prise Syrien, bisschen Kurdenproblem in der Türkei.
Zweifelsohne sind hohe Fachkompetenz und beeindruckender Sachverstand am Werk. Das Buch ist ein sehr gut recherchierter, auf jeder Seite glaubwürdiger Finanzthriller, Hinweise auf die Familiendramen im Nahraum der Hauptpersonen inklusive. Dem Autor gebührt Respekt für seinen Versuch, das extrem komplexe und selbst für Fachleute schwer erklärbare Konstrukt „Cum-Ex“ sowie weiteren Konstrukten zur Täuschung der Finanzämter zum Stoff eines Krimis zu machen.
Doch irgendwann wird es im Sinne des Wortes eintönig, weil alles im gleichen Ton, in gleicher Tonlage, in gleicher Haltung erzählt wird. Letztlich tritt bei aller spannungsfördernden Hyperaktivität des Textes ein Ermüdungseffekt ein, und nach all den Episoden und einem Epilog über das zerrissene Ehepaar Zaid und Vera ist es ein wenig so, wie der Autor über seine Oberstaatsanwältin Esther Molien schreibt: „Sie schließt die Augen. Hört Stimmengewirr in ihrem Kopf.“
Oliver Bottini: Die Summe aller Dinge. DuMont Verlag, Köln 2026, 481 S., ISBN 978-3-8321-8148-2
Rezension des Romans „Die Summe aller Dinge“ von Oliver Bottini>
Oliver Bottinis neues Buch Die Summe aller Dinge ist eine Ermittlung als Geschichte – und erzählt die Geschichte einer Ermittlung. Ob das gelingt, fragt sich der Autor Christian Schüle.
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Der Roman handelt von zwei Frauen, die drei Todesfälle rekonstruieren: zum einen die korrekte Oberstaatsanwältin Esther Molien in Frankfurt am Main, deren Revier der Gerichtsaal ist, zum anderen die manchmal grenzüberschreitende Oberkommissarin Vera Berg, deren Revier die Straße ist. Beide bedienen die Maschinerie polizeilicher wie juristischer Aufklärung krimineller so genannter „Cum-Ex“- und „Cum-Cum“-Geschäfte, die in der Realität zwischen 2006 und 2015 zu mittlerweile gut dokumentierten Gerichtsverfahren geführt haben.
Der mehrfach ausgezeichnete Kriminalschriftsteller Bottini – 1965 in Nürnberg geboren, aufgewachsen in München, seit 2018 in Frankfurt am Main lebend – verschnürt die letzten Jahre der drei Freunde Zaid Benour, Freddy Lazar und Erik Cahn, ein „Trio Infernale“ aus gemeinsamen Studententagen in Konstanz, das später – lange Zeit auf legale Weise – höchst krumme Dinger dreht. Erik und Freddy organisieren in der Wertpapierabteilung der Bankgesellschaft Rhein-Main Aktiengeschäfte mit anderen Banken und Unternehmen, in deren Zentrum jene Dividenden stehen, die Aktienbesitzer jedes Jahr aufs neue erhalten.
Allerdings geht es bei diesen Deals nicht um die Dividende selbst, sondern um die auf die Dividende erhobene Kapitalertragsteuer. Diese, so planen Zaid, Freddy und Erik, soll durch dubiose Finanzkonstrukte einmal gezahlt, aber zweimal vom Finanzamt rückerstattet werden, was letztlich zu Millionengewinnen für die Betrüger und zu Millionenschäden für Staat und Gesellschaft führt. 2012 wird vom Gesetzgeber plötzlich für illegal erklärt, was jahrzehntelang legal war, eine Gesetzeslücke, und hier setzt Bottini ein. Jahre vergehen. Dann, innerhalb weniger Tage zwischen 19. März und 3. April 2018, verlieren die drei Freunde offenbar ihr Leben. Von nun an dreht sich alles um den vermeintlichen Selbstmord von Zaid Benour, den syrischen Christen und Ehemann der Polizistin Berg. Molien und Berg ermitteln auf je ihre Weise, mit Widerständen aller Art, und von der ersten Zeile an hat dieser Kriminalroman den Charakter eines ambitionierten Fernsehkrimis, als schriebe der Drehbuchautor das Storyboard eines Wirtschaftsthrillers (man darf sich einen ZDF-Dreiteiler in Bestbesetzung vorstellen).
Warum hat Zaid sich erschossen? Er, in Syrien geboren in Duisburg-Marxloh aufgewachsen, das ärmste Kind in der Schule, das letztlich ein Mathegenie und damit zum Millionär wurde. Freddy wiederum lebt in London, schläft auf Partys und beim Sex mittlerweile ein, wird plötzlich von einem SUV überfahren und ist sofort tot. Erik, am Ende 115 Kilogramm schwer, lebt seit 2010 auf Capri. Ein Mann mit Schlinge nähert sich in der Dunkelheit und bringt jemanden um, vermutlich Erik. Ist die Camorra im Spiel? Esther Molien und Vera Berg und zahlreiche Informanten und Kollegen rekonstruieren ab jetzt länderübergreifend, wer der Mörder von Freddy sein könnte, ob Zaid wirklich tot ist und Erik vielleicht noch lebt. Oder ob die drei, deren Geschäftsmodell die Täuschung war, schon wieder alle täuschen.
Die Summe aller Dinge ist die lehrreiche literarische Aufarbeitung der bis heute unfassbaren Dividenden-Deals um die Kapitalertragsteuer ab 2006, bundesdeutsche Zeit- und Wirtschaftskriminalitätsgeschichte im 21. Jahrhundert. Von Anfang bis Ende wird die Geschichte mittels Episoden in hoher Schlagzahl erzählt. Den Plot treibend, springt Bottini in Zeiten, Orten und Geschichten hin und her, es entsteht ein atem- wie schnörkelloser Reigen an Clips und Rückblicken: 2006, 2012, 2018. Vieles ist oft nur schlaglichtartig angerissen, für Reflexionen gibt es wenig bis keinen Raum, Tempus- wie Tempowechsel finden nicht statt.
Bottini fordert seine Leser, die die jeweiligen Datumsangaben sehr genau lesen und sich auf ständig wechselnde (irgendwann freilich vertraute) Spielorte einlassen müssen, unter anderen: Morcone, Pontelandolfo, Orgosolo, Cagliari, Gibraltar, Konstanz, Frankfurt, Königstein, Gatwick, London, Formentera, Schmitten im Taunus und Bad Unterwalden in Baden-Württemberg. Im Bau von Spannungsbögen geschult, knüpft der Autor aus losen Fäden sukzessive ein Gewebe, lässt manchen Faden bewusst hängen und nimmt ihn später wieder auf; Bottini versteht sich bestens auf Cliffhanger, die Choreografie seines Texts ist durchgängig von hoher Raffinesse.
Enormes Figurenarsenal
Geschrieben ist all das im aktivierenden Präsens, der Leser ist bei den Ermittlungen und Treffen mit den Informanten quasi live dabei, selbst wenn die Ereignisse sich 2006 abspielten. Die Sprache ist schlicht, die Sätze sind kurz, sofort zur Sache kommend, immer auf die Acht. Das erfolgt gern auch mal ohne Verben und mit freistehenden Sätzen, auf die sofort ein Absatz folgt. Der Rhythmus wirkt wie der eines Beat-Schlagzeugs:
Ein regnerischer Morgen, dahinziehende Wolken, die Luft diesig. Oder: Nach zehn Minuten die erste Pause, er muss trinken, verschnaufen. Er steht vor einem Postkartenständer, Sardiniens Städte, Sardiniens Strände. Auch Santa Maria Navarrese.
Das ist fettfreie Konzentratsprosa. Essenzprosa. Hier und da bringt die minimalistisch hagere Sprache dann auch wunderbar poetische Sätze hervor: „Das Handy setzt abrupt aus wie ein erschöpftes Herz.“ Zu einem beträchtlichen Prozentsatz besteht der Text aus kurzen, prägnanten, mehr am mündlichen Sprechgestus denn an literarisierter Hochsprache interessierten Dialogen, dergestalt etwa:
„Henry“, sagt er grinsend, zerquetscht ihm die Hand. „Ter.“ „Gibt ihn noch, den Schotten. Hat neue Zähne und ‘ne neue Niere, sagt man.“ „Ist er noch in Bristol?“ Terry nickt. „Warum?“ „Muss ihn was fragen.“
Bottinis Figurenarsenal ist enorm, und das wird auf Dauer zum Problem, denn keineswegs alle, mit denen er hantiert, werden plastisch und erhalten ein Eigenleben. Immer wieder kommt eine neue Person ins Spiel, eine Nebenfigur, die als Pappkamerad dient: kurz angetippt, dann verschwindet sie wieder, ohne dass hinter den Namen ein Charakter entfaltet wird. Michele Corrao, Henry, Groove, der Schotte, Vince, Rasool, Ostermann, Henning, Denholm, Inés, Angela Reuter, der Amerikaner John, der „Latino“, der Brite George Evans, die Polizistin Ramic, Livia, Cassie, oha, jetzt noch Detective Sergeant Adjoa Mensah, dann noch Damian Haldane, dann Marcus Grant, äh – wer war das nochmal? Ach ja, Grant ist Groove von früher, gleich darauf noch Angelika und George, der eigentlich Henry heißt. In der Erzählhaltung sind kaum Unterschiede oder Hierarchien bei der Figurenführung festzustellen, das gewählte Dauerpräsens kann zwischen Hauptsache und Nebensächlichkeiten nicht unterscheiden. Statt Komplexität zu reduzieren, kultiviert er die Komplexität eines ohnehin hochkomplexen Stoffs durch Aufblähung des Personals – diese Überfrachtung erschwert die Identifikation.
Hohe Fachkompetenz
So gut Bottini seinen Protagonistinnen und Protagonisten auf den Mund schaut, so wenig blickt er ihnen in den Kopf. Man folgt der Polizistin Vera Berg auf energischem Ritt durch Zeiten, Länder und Orte, kommt ihr aber nicht nahe. Bottini schildert präzise, lässt aber nicht wirklich einfühlen. Die 54 Momentaufnahmen auf 480 Seiten wirken wie schnell abwechselnd in den Projektor geschobene Dias, die oft nur kurz aufscheinen. Der Vietnamkrieg kommt mal eben vor, die Marktpsychologie wird ein bisschen gestreift, eine kleine Prise Syrien, bisschen Kurdenproblem in der Türkei.
Zweifelsohne sind hohe Fachkompetenz und beeindruckender Sachverstand am Werk. Das Buch ist ein sehr gut recherchierter, auf jeder Seite glaubwürdiger Finanzthriller, Hinweise auf die Familiendramen im Nahraum der Hauptpersonen inklusive. Dem Autor gebührt Respekt für seinen Versuch, das extrem komplexe und selbst für Fachleute schwer erklärbare Konstrukt „Cum-Ex“ sowie weiteren Konstrukten zur Täuschung der Finanzämter zum Stoff eines Krimis zu machen.
Doch irgendwann wird es im Sinne des Wortes eintönig, weil alles im gleichen Ton, in gleicher Tonlage, in gleicher Haltung erzählt wird. Letztlich tritt bei aller spannungsfördernden Hyperaktivität des Textes ein Ermüdungseffekt ein, und nach all den Episoden und einem Epilog über das zerrissene Ehepaar Zaid und Vera ist es ein wenig so, wie der Autor über seine Oberstaatsanwältin Esther Molien schreibt: „Sie schließt die Augen. Hört Stimmengewirr in ihrem Kopf.“
Oliver Bottini: Die Summe aller Dinge. DuMont Verlag, Köln 2026, 481 S., ISBN 978-3-8321-8148-2
