Franz von Pocci – Ludwig Schwanthaler: Die Chronik der Humpenburg
Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
*
Manuskript, München 1818-1837, 528 Seiten, 35,5 x 23,5 cm; Pocciana A.107, S. 215
Franz von Pocci (1807-1876) war ein zeichnerisches und musikalisches Multitalent, der als Zeremonienmeister, Hofmusikintendant und Oberstkämmerer am Münchner Hof unter drei Königen (Ludwig I., Maximilian II., Ludwig II.) wirkte. Überregionale Bekanntheit erlangte der als „Kasperlgraf“ titulierte Schöpfer zahlreicher Puppenspiele um den „Kasperl Larifari“ auch durch liebevoll-boshafte Karikaturen führender Vertreter der Münchner Gesellschaft.
Prägend für Poccis Entwicklung war seine Einbindung in Kreise der Münchner Spätromantik, die sich in Folge der Napoleonischen Freiheitskriege der Wiederbelebung des deutschen Mittelalters verschrieben hatten. Während die einen sich der Erforschung und Pflege der Altertumskunde widmeten und dazu historische Sammlungen und Vereine konstituierten, lebten die anderen eine schwärmerisch-verklärende Mittelalterbegeisterung.
Ludwig Schwanthaler (1802-1848), der Schöpfer der „Bavaria“, mit dem Pocci von Jugend an befreundet war, gründete diverse romantisierende Ritterbündnisse, darunter 1819 die Gruppe „Humpenau“, die später in „Humpenburg“ umbenannt wurde. Der Name ist eine Anspielung auf den Protagonisten einer antiromantischen Satire des im gleichen Jahr ermordeten Dichters August von Kotzebue und vereinnahmt diesen in umkehrender Absicht.
© Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Als Rückzugsort für seine poetische Traumwelt und Versammlungsstätte des Künstlerkreises hatte Schwanthaler eigens einen Anbau an sein Atelier, also „die Humpenburg“, errichten lassen. Die Trinkstube war als Schauplatz stilechter Nachempfindung mit mittelalterlich anmutenden Requisiten, Mobiliar und Geräten ausgestattet. In Abkehr von der einseitig auf die Antike ausgerichteten klassizistischen Kunstanschauung wie in wirkungsvoller Flucht aus der bürgerlichen Welt des Vormärz scharte Schwanthaler seine Freunde anlässlich von Gelagen und Festen in ritterlicher Maskerade um sich. Diese Treffen haben Schwanthaler, vor allem aber Pocci künstlerisch überhöht. Ihre Künstlerchronik spiegelt die gelöste Atmosphäre zweier Jahrzehnte geselliger Zusammenkünfte in Form von Anekdoten, Gelegenheitsgedichten und Liedern. Illustriert sind die Aufzeichnungen mit frühen Zeichnungen und Aquarellen der beiden, darunter Porträts, Karikaturen sowie Motive der Ritter- und Burgenromantik.
Die aquarellierte Federzeichnung Poccis zeigt eine Waldszene. Auf einem Holzschild mit Standfuß ist ein gerahmtes Bild befestigt, es stellt einen Jäger in idealisierender mittelalterlicher Gewandung mit einer Armbrust dar. Am Fuß hängt ein Waldhorn mit Tragriemen an einem Nagel.
S. von Moisy, Franz Graf Pocci (1807-1876), München 2007, S. 34-45, hier S. 39f.; U. Laufer, Wie die Humpenburg zu ihrem Namen kam oder August von Kotzebue und die neue Ritterzeit in München, in: H. Ottomeyer, Dies. (Hrsg.), Biedermeiers Glück und Ende. Die gestörte Idylle 1815-1848, München 1987, S. 568f.; K. Eidlinger, Ludwig Michael von Schwanthaler, in: Die Bildhauerfamilie Schwanthaler 1633-1848, Linz 1974, S. 237-253 und S. 264f.
Franz von Pocci – Ludwig Schwanthaler: Die Chronik der Humpenburg>
Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
*
Manuskript, München 1818-1837, 528 Seiten, 35,5 x 23,5 cm; Pocciana A.107, S. 215
Franz von Pocci (1807-1876) war ein zeichnerisches und musikalisches Multitalent, der als Zeremonienmeister, Hofmusikintendant und Oberstkämmerer am Münchner Hof unter drei Königen (Ludwig I., Maximilian II., Ludwig II.) wirkte. Überregionale Bekanntheit erlangte der als „Kasperlgraf“ titulierte Schöpfer zahlreicher Puppenspiele um den „Kasperl Larifari“ auch durch liebevoll-boshafte Karikaturen führender Vertreter der Münchner Gesellschaft.
Prägend für Poccis Entwicklung war seine Einbindung in Kreise der Münchner Spätromantik, die sich in Folge der Napoleonischen Freiheitskriege der Wiederbelebung des deutschen Mittelalters verschrieben hatten. Während die einen sich der Erforschung und Pflege der Altertumskunde widmeten und dazu historische Sammlungen und Vereine konstituierten, lebten die anderen eine schwärmerisch-verklärende Mittelalterbegeisterung.
Ludwig Schwanthaler (1802-1848), der Schöpfer der „Bavaria“, mit dem Pocci von Jugend an befreundet war, gründete diverse romantisierende Ritterbündnisse, darunter 1819 die Gruppe „Humpenau“, die später in „Humpenburg“ umbenannt wurde. Der Name ist eine Anspielung auf den Protagonisten einer antiromantischen Satire des im gleichen Jahr ermordeten Dichters August von Kotzebue und vereinnahmt diesen in umkehrender Absicht.
© Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Als Rückzugsort für seine poetische Traumwelt und Versammlungsstätte des Künstlerkreises hatte Schwanthaler eigens einen Anbau an sein Atelier, also „die Humpenburg“, errichten lassen. Die Trinkstube war als Schauplatz stilechter Nachempfindung mit mittelalterlich anmutenden Requisiten, Mobiliar und Geräten ausgestattet. In Abkehr von der einseitig auf die Antike ausgerichteten klassizistischen Kunstanschauung wie in wirkungsvoller Flucht aus der bürgerlichen Welt des Vormärz scharte Schwanthaler seine Freunde anlässlich von Gelagen und Festen in ritterlicher Maskerade um sich. Diese Treffen haben Schwanthaler, vor allem aber Pocci künstlerisch überhöht. Ihre Künstlerchronik spiegelt die gelöste Atmosphäre zweier Jahrzehnte geselliger Zusammenkünfte in Form von Anekdoten, Gelegenheitsgedichten und Liedern. Illustriert sind die Aufzeichnungen mit frühen Zeichnungen und Aquarellen der beiden, darunter Porträts, Karikaturen sowie Motive der Ritter- und Burgenromantik.
Die aquarellierte Federzeichnung Poccis zeigt eine Waldszene. Auf einem Holzschild mit Standfuß ist ein gerahmtes Bild befestigt, es stellt einen Jäger in idealisierender mittelalterlicher Gewandung mit einer Armbrust dar. Am Fuß hängt ein Waldhorn mit Tragriemen an einem Nagel.
S. von Moisy, Franz Graf Pocci (1807-1876), München 2007, S. 34-45, hier S. 39f.; U. Laufer, Wie die Humpenburg zu ihrem Namen kam oder August von Kotzebue und die neue Ritterzeit in München, in: H. Ottomeyer, Dies. (Hrsg.), Biedermeiers Glück und Ende. Die gestörte Idylle 1815-1848, München 1987, S. 568f.; K. Eidlinger, Ludwig Michael von Schwanthaler, in: Die Bildhauerfamilie Schwanthaler 1633-1848, Linz 1974, S. 237-253 und S. 264f.

