Rezension zum Roman „Eine Frage des Formats“ von Lea Singer
Pünktlich zum 100. Geburtstag der Queen am 21. April 2026 ist Lea Singers Roman Eine Frage des Formats im Piper Verlag erschienen. Darin beschreibt Singer feinsinnig und pointiert die Entstehung eines historischen Porträts – und ergründet zugleich die Bedingungen und Wirkungsweisen von Kunst.
*
Er trägt Schichten auf. An der Wand des Ateliers, an der Lucian Freud sein Paletten-Messer abschabt, ragt die Farbe zwanzig Zentimeter in den Raum hinein. Auf der Leinwand Hautschichten aus Farbschichten, pastos aufgetragen, so schlammig, dick und furchig, als könnte man sie mit bloßem Auge anfassen. Und er trägt Schichten ab. Malt seine Modelle mit Vorliebe nackt, ungeschützt, verwundbar. Malt sie schier unerträglich langsam, in stundenlangen Sitzungen über Monate und Jahre hinweg, möchte ihnen immer näher, näher, näher kommen. Denn, so legt es Lea Singer dem berühmt-berüchtigten Maler in den Mund: „Nah dran ist zu weit weg.“
Da ist es nur konsequent, dass sich auch Lea Singer – ein Pseudonym der Kunsthistorikerin und Sachbuchautorin Eva Gesine Baur – ganz nah heranschreibt an eine historisch verbürgte Begegnung: Im Jahr 2001 porträtiert Lucian Freud, zu diesem Zeitpunkt fast achtzig Jahre alt, die nur wenige Jahre jüngere Queen Elizabeth II. Gegen Ende der Sitzungen lichtet sein Assistent David Dawson den Maler und das Modell ab: Freud, über die Palette gebeugt, vor dem auf der Staffelei winzig anmutenden Bild (es hat gerade mal die Größe einer Grußkarte) und schräg dahinter Her Majesty in Blau. Elizabeth II. stimmte der Aufnahme wohl mit folgenden Worten zu: „I think it might be a little bit of history.“
Spiel mit Nähe und Distanz
Ein kleines Stückchen Geschichte also, das Singer 2015 in die Hände fällt, als sie in einem Museumsshop eine Postkarte des Fotos entdeckt. Daraus entspinnt sich der Roman Eine Frage des Formats, in dem die Autorin gekonnt mit Nähe und Distanz spielt, oder besser: sich einlässt auf das Spiel mit Nähe und Distanz, das ihre prominenten Figuren ihr vorgeben.
Einerseits entziehen sie sich. Die Queen tritt als „die alte Dame“ auf, die sich wenige Jahre nach dem Tod ihrer „Schwiegertochter“ mit dem Imageproblem der „Firma“ herumschlägt (der Name Windsor kommt im ganzen Roman nicht vor, die Bezeichnung Queen nur vier Mal). Unnahbar und undurchdringlich ist sie, abweisend wie „ihre Gummistiefel, die deswegen die halbe Nation bei ihrem Gummistiefelmacher kauft“. Auch Lucian Freud gibt sich unzuverlässig, undurchschaubar, verriegelt seine Haustür mit drei Schlössern, empfängt ungebetene Gäste auch mal mit dem Fleischmesser und spinnt für seine Modelle ein „Garn aus Erinnerungen, Anekdoten und Lügen“, um sie anschließend darin einzuwickeln.
Andererseits rückt Singer ihren Figuren dicht auf die Pelle in diesem Büchlein, das mit seinen 160 Seiten zunächst schmal und überschaubar daherkommt. Die Idee von Kunst im Kleinformat als Voraussetzung für Verdichtung und Präzision, für eine fast lupenhafte Herangehensweise, wird hier auf erzählerische Ebene umgesetzt. Singer setzt das sprachliche Vergrößerungsglas an ihre Figuren an, bis diese geradezu greifbar werden, und beleuchtet bewusst das Minutiöse, Ausschnitthafte: Die erkaltete Seezunge, die Queen Elizabeth verspeist, während die Zunge ihrer Mutter genüsslich über den Soßenlöffel gleitet. Freuds mit Farbflecken übersäte Bauarbeiterstiefel, die er wegen des mit Splittern bedeckten Bodens im Atelier trägt. Die aufgerissenen, stechend blaugrauen Augen des Malers, der morgens von seinem Assistenten geweckt wird.
Und zeigen nicht auch Freuds Porträts die Summe der Annäherungen, die sich erst aus den über Hunderte Sitzungen hinweg gezeigten und übereinander geschichteten Emotionen ergibt? Eine ähnliche Interpretation äußerte David Dawson nach dem Tod des Künstlers in einem Interview. Wie kein anderer hatte er Einblick in den Alltag von Freud, und so ist es nur passend, dass wir aus seiner Perspektive in den Roman einsteigen. Später ändert sich die Fokalisierung, wechselt häufig, ermöglicht Innenansichten sowie fiktive Einblicke in private Momente. (Dass die Dialoge der Queen, etwa mit ihrem Make-up-Artisten, etwas bemüht British wirken im Vergleich zu den lebhaften Unterhaltungen, die Freud zum Beispiel mit der Metzgerstochter führt, ist wohl dem jeweiligen Figurenpersonal geschuldet. Es wäre spannend, den Roman in einer englischen Übersetzung zu lesen.)
„Wenn du tot bist, werde ich wahrscheinlich noch besser“
Mühelos verwebt Singer auch reale Anekdoten wie die Geschichte jenes Gemäldes, auf dem ursprünglich die stillende Jerry Hall hätte zu sehen sein sollen. Als das Model nicht zu den Sitzungen erscheint, ersetzt Freud sie kurzerhand durch seinen Assistenten: „Von da an saß David auf dem Sessel ohne Armlehnen, nackt, ein Bein untergeschlagen, der Säugling sog an einer behaarten Brust und ruhte auf Davids Geschlechtsorganen.“ Figuren tauchen auf und wieder ab, und Singer gelingt es, sie in nur wenigen Sätzen mit Witz und Treffsicherheit zu charakterisieren – etwa Freuds Tochter Annie, die selbst malt und Gedichte schreibt:
„Letztes Jahr habe ich damit angefangen, und manche finden es gut.
Annie trank vom Sonderangebotsrotwein.
Wenn du mal tot bist, werde ich wahrscheinlich noch besser, sagte sie.“
Die Kunst des pointierten Dialogs beherrscht Lea Singer perfekt.
Ein Roman über die Kunst, nicht über das Leben
Dabei versteht Singer es, Wahres so zu verdichten, dass man nicht das Gefühl hat, nebenher ständig googeln zu müssen. Der Text, wenngleich akribisch recherchiert, hat im besten Sinne nichts von einem Sachbuch. Es geht hier nicht um die Lebensgeschichte der Queen oder Freuds, auch nicht um vordergründige Kritik an einem Königshaus, das damals (wie heute) den Druck der Öffentlichkeit spürte, oder an einem Maler, der Spielschulden anhäufte und unzählige Beziehungen zu teils sehr jungen Frauen unterhielt. („Ich habe gefroren und gezittert und geweint“, erinnert sich Freud im Roman an den Vorwurf eines Aktmodells.) „Das hat doch alles nichts mit seiner Kunst zu tun“, sagt die Queen an einer Stelle, als wäre das offensichtlich. Und dies ist ein Roman über die Kunst, nicht über das Leben.
Vor allem ist es ein Roman über die Bedingungen, unter denen Kunst entsteht oder überhaupt erst entstehen kann: Zum Beispiel das Porträt des „Rattenmanns“. Freud malt sein Modell nackt, das Nagetier in der hohlen Hand, dicht neben dem entblößten Genital. Er besteht darauf, dass das Tier bei jeder Sitzung dabei ist: „Eine Ratte in der Hand lässt keinen kalt.“ Oder das Bild der Metzgerstochter, die nach sieben Stunden „kartoffelsackschwer“ aus dem Atelier taumelt: „Die Todmüdigkeit ihrer Glieder hatte ihr Gesicht verändert. Es gab nun preis, was sie erlitten und zuvor verschwiegen hatte.“ Die Schichten müssen herunter, damit er seine auftragen kann.
Eine Ratte in den St. James’s Palace einzuschleusen, gelingt Freud freilich nicht, und für die Sitzungen mit Elizabeth II. werden ihm zu seinem Frust gerade mal neun Mal zwei Stunden eingeräumt. Doch dann der Geistesblitz: Das wuchtige, zwei Kilo schwere Diadem solle, so verlangt der Maler, auf dem Haupt der Queen thronen. Warum? Freuds Antwort ist – wie so vieles in diesem Roman – eine unterhaltsame Spitze, hinter der sich ein feinsinniger Kommentar zur Enthüllungskraft von Kunst verbirgt.
Sie lautet schlicht: „Damit man Sie überhaupt erkennt.“
Lea Singer, Eine Frage des Formats. Roman. Piper Verlag 2026, 160 S. ISBN: 978-3-492-07460-5
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Pünktlich zum 100. Geburtstag der Queen am 21. April 2026 ist Lea Singers Roman Eine Frage des Formats im Piper Verlag erschienen. Darin beschreibt Singer feinsinnig und pointiert die Entstehung eines historischen Porträts – und ergründet zugleich die Bedingungen und Wirkungsweisen von Kunst.
*
Er trägt Schichten auf. An der Wand des Ateliers, an der Lucian Freud sein Paletten-Messer abschabt, ragt die Farbe zwanzig Zentimeter in den Raum hinein. Auf der Leinwand Hautschichten aus Farbschichten, pastos aufgetragen, so schlammig, dick und furchig, als könnte man sie mit bloßem Auge anfassen. Und er trägt Schichten ab. Malt seine Modelle mit Vorliebe nackt, ungeschützt, verwundbar. Malt sie schier unerträglich langsam, in stundenlangen Sitzungen über Monate und Jahre hinweg, möchte ihnen immer näher, näher, näher kommen. Denn, so legt es Lea Singer dem berühmt-berüchtigten Maler in den Mund: „Nah dran ist zu weit weg.“
Da ist es nur konsequent, dass sich auch Lea Singer – ein Pseudonym der Kunsthistorikerin und Sachbuchautorin Eva Gesine Baur – ganz nah heranschreibt an eine historisch verbürgte Begegnung: Im Jahr 2001 porträtiert Lucian Freud, zu diesem Zeitpunkt fast achtzig Jahre alt, die nur wenige Jahre jüngere Queen Elizabeth II. Gegen Ende der Sitzungen lichtet sein Assistent David Dawson den Maler und das Modell ab: Freud, über die Palette gebeugt, vor dem auf der Staffelei winzig anmutenden Bild (es hat gerade mal die Größe einer Grußkarte) und schräg dahinter Her Majesty in Blau. Elizabeth II. stimmte der Aufnahme wohl mit folgenden Worten zu: „I think it might be a little bit of history.“
Spiel mit Nähe und Distanz
Ein kleines Stückchen Geschichte also, das Singer 2015 in die Hände fällt, als sie in einem Museumsshop eine Postkarte des Fotos entdeckt. Daraus entspinnt sich der Roman Eine Frage des Formats, in dem die Autorin gekonnt mit Nähe und Distanz spielt, oder besser: sich einlässt auf das Spiel mit Nähe und Distanz, das ihre prominenten Figuren ihr vorgeben.
Einerseits entziehen sie sich. Die Queen tritt als „die alte Dame“ auf, die sich wenige Jahre nach dem Tod ihrer „Schwiegertochter“ mit dem Imageproblem der „Firma“ herumschlägt (der Name Windsor kommt im ganzen Roman nicht vor, die Bezeichnung Queen nur vier Mal). Unnahbar und undurchdringlich ist sie, abweisend wie „ihre Gummistiefel, die deswegen die halbe Nation bei ihrem Gummistiefelmacher kauft“. Auch Lucian Freud gibt sich unzuverlässig, undurchschaubar, verriegelt seine Haustür mit drei Schlössern, empfängt ungebetene Gäste auch mal mit dem Fleischmesser und spinnt für seine Modelle ein „Garn aus Erinnerungen, Anekdoten und Lügen“, um sie anschließend darin einzuwickeln.
Andererseits rückt Singer ihren Figuren dicht auf die Pelle in diesem Büchlein, das mit seinen 160 Seiten zunächst schmal und überschaubar daherkommt. Die Idee von Kunst im Kleinformat als Voraussetzung für Verdichtung und Präzision, für eine fast lupenhafte Herangehensweise, wird hier auf erzählerische Ebene umgesetzt. Singer setzt das sprachliche Vergrößerungsglas an ihre Figuren an, bis diese geradezu greifbar werden, und beleuchtet bewusst das Minutiöse, Ausschnitthafte: Die erkaltete Seezunge, die Queen Elizabeth verspeist, während die Zunge ihrer Mutter genüsslich über den Soßenlöffel gleitet. Freuds mit Farbflecken übersäte Bauarbeiterstiefel, die er wegen des mit Splittern bedeckten Bodens im Atelier trägt. Die aufgerissenen, stechend blaugrauen Augen des Malers, der morgens von seinem Assistenten geweckt wird.
Und zeigen nicht auch Freuds Porträts die Summe der Annäherungen, die sich erst aus den über Hunderte Sitzungen hinweg gezeigten und übereinander geschichteten Emotionen ergibt? Eine ähnliche Interpretation äußerte David Dawson nach dem Tod des Künstlers in einem Interview. Wie kein anderer hatte er Einblick in den Alltag von Freud, und so ist es nur passend, dass wir aus seiner Perspektive in den Roman einsteigen. Später ändert sich die Fokalisierung, wechselt häufig, ermöglicht Innenansichten sowie fiktive Einblicke in private Momente. (Dass die Dialoge der Queen, etwa mit ihrem Make-up-Artisten, etwas bemüht British wirken im Vergleich zu den lebhaften Unterhaltungen, die Freud zum Beispiel mit der Metzgerstochter führt, ist wohl dem jeweiligen Figurenpersonal geschuldet. Es wäre spannend, den Roman in einer englischen Übersetzung zu lesen.)
„Wenn du tot bist, werde ich wahrscheinlich noch besser“
Mühelos verwebt Singer auch reale Anekdoten wie die Geschichte jenes Gemäldes, auf dem ursprünglich die stillende Jerry Hall hätte zu sehen sein sollen. Als das Model nicht zu den Sitzungen erscheint, ersetzt Freud sie kurzerhand durch seinen Assistenten: „Von da an saß David auf dem Sessel ohne Armlehnen, nackt, ein Bein untergeschlagen, der Säugling sog an einer behaarten Brust und ruhte auf Davids Geschlechtsorganen.“ Figuren tauchen auf und wieder ab, und Singer gelingt es, sie in nur wenigen Sätzen mit Witz und Treffsicherheit zu charakterisieren – etwa Freuds Tochter Annie, die selbst malt und Gedichte schreibt:
„Letztes Jahr habe ich damit angefangen, und manche finden es gut.
Annie trank vom Sonderangebotsrotwein.
Wenn du mal tot bist, werde ich wahrscheinlich noch besser, sagte sie.“
Die Kunst des pointierten Dialogs beherrscht Lea Singer perfekt.
Ein Roman über die Kunst, nicht über das Leben
Dabei versteht Singer es, Wahres so zu verdichten, dass man nicht das Gefühl hat, nebenher ständig googeln zu müssen. Der Text, wenngleich akribisch recherchiert, hat im besten Sinne nichts von einem Sachbuch. Es geht hier nicht um die Lebensgeschichte der Queen oder Freuds, auch nicht um vordergründige Kritik an einem Königshaus, das damals (wie heute) den Druck der Öffentlichkeit spürte, oder an einem Maler, der Spielschulden anhäufte und unzählige Beziehungen zu teils sehr jungen Frauen unterhielt. („Ich habe gefroren und gezittert und geweint“, erinnert sich Freud im Roman an den Vorwurf eines Aktmodells.) „Das hat doch alles nichts mit seiner Kunst zu tun“, sagt die Queen an einer Stelle, als wäre das offensichtlich. Und dies ist ein Roman über die Kunst, nicht über das Leben.
Vor allem ist es ein Roman über die Bedingungen, unter denen Kunst entsteht oder überhaupt erst entstehen kann: Zum Beispiel das Porträt des „Rattenmanns“. Freud malt sein Modell nackt, das Nagetier in der hohlen Hand, dicht neben dem entblößten Genital. Er besteht darauf, dass das Tier bei jeder Sitzung dabei ist: „Eine Ratte in der Hand lässt keinen kalt.“ Oder das Bild der Metzgerstochter, die nach sieben Stunden „kartoffelsackschwer“ aus dem Atelier taumelt: „Die Todmüdigkeit ihrer Glieder hatte ihr Gesicht verändert. Es gab nun preis, was sie erlitten und zuvor verschwiegen hatte.“ Die Schichten müssen herunter, damit er seine auftragen kann.
Eine Ratte in den St. James’s Palace einzuschleusen, gelingt Freud freilich nicht, und für die Sitzungen mit Elizabeth II. werden ihm zu seinem Frust gerade mal neun Mal zwei Stunden eingeräumt. Doch dann der Geistesblitz: Das wuchtige, zwei Kilo schwere Diadem solle, so verlangt der Maler, auf dem Haupt der Queen thronen. Warum? Freuds Antwort ist – wie so vieles in diesem Roman – eine unterhaltsame Spitze, hinter der sich ein feinsinniger Kommentar zur Enthüllungskraft von Kunst verbirgt.
Sie lautet schlicht: „Damit man Sie überhaupt erkennt.“
Lea Singer, Eine Frage des Formats. Roman. Piper Verlag 2026, 160 S. ISBN: 978-3-492-07460-5
