Alfred Kubin an Kurt Pfister

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Alfred (Leopold Isidor) Kubin, um 1898.

Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.

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Eigenhändige Karte mit photomechanisch vervielfältigter Zeichnung und Unterschrift, [Zwickledt] [nach 10.4.1927], 18 x 12,5 cm; Ana 332.I. Pfister, Kurt, Nr. 2

Alfred Kubin (1877-1959) ist einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts im Bereich der Graphik. Unverkennbar ist sein einzigartiger, psychogrammartiger Illustrationsstil. Die Zeichnungen sind aus einem engen Strichnetz aufgebaut, die Menschen, Tiere und Landschaften erscheinen dämonisch und grotesk, phantastisch oder ironisch.

Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt einen Teil der umfangreichen Korrespondenz Kubins. Nachdem Kubin sich 1906 kurz nach seiner Eheschließung mit Hedwig Gründler (Schwester des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz) aus München nach Zwickledt in Oberösterreich zurückgezogen hatte, pflegte er enge Briefkontakte mit Künstlern und Schriftstellern.

Kubin bebilderte seine Briefe gerne eigenhändig, das Motiv seines Wohnsitzes bevorzugte er dabei besonders. Auch sein eigener Geburtstag regte Kubin mehrfach zu Illustrationen an. So dankte er Kurt Pfister (1895-1951) für dessen Glückwünsche zum 50. Geburtstag mit einer Karte mit dem handschriftlich hinzugefügten Schriftzug „zum 10.4.27 / mit herzlichem Dank! / Alfred Kubin / s.l. Kurt Pfister“. In der Zeichnung setzt Kubin seinen Geburtstag in Bezug zum Herannahen seines Todes: Der Knochenmann bläst die Flöte und lockt Kubin, der sich selbst markant mit kahlem Schädel dargestellt hat, in die Unterwelt. Das Bild wurde von Kubin extra für die Beantwortung der Glückwünsche photomechanisch reproduziert. In seiner Autobiographie Dämonen und Nachtgesichte schreibt Kubin: „Doch konnte ich mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß seit dieser Zeit ein dunkles, ahnungsschweres Gefühl bei allem mitschwang. Es war das unabweisbare Bewußtsein des Älterwerdens. [...] Still verlassen uns die Freunde und Weggefährten eines Tages für immer.“

© Archiv Bayerische Staatsbibliothek

Kubin berichtete in für die damalige Zeit ungewöhnlicher Ausführlichkeit über sein Leben. Seine Adoleszenz verlief schwierig. Eine Fotografenlehre konnte Kubin nicht fortsetzen, dem Eintritt in das Militär folgte ein Zusammenbruch und das Kunststudium brachte nicht die gewünschten Erfolge. Jedoch gelang es Kubin, sich mit seiner sog. „Webermappe“ einen Namen zu machen. Später avancierte er zu einem der gesuchtesten Buchillustratoren der deutschen Verlagsszene. Eine intensive Liebesbeziehung zu Emmy Haessele inspirierte ihn zu der Mappe Ali der Schimmelhengst. Während des Nationalsozialismus konnte Kubin nach anfänglichem Verbot weiter arbeiten, hielt jedoch in seinem Werk eine kritische Distanz zum System. Nach 1945 wurde Kubin zu einer Leitfigur des künstlerischen Neufanfangs in Österreich.

Sekundärliteratur:

Ph. H. Rhein, The verbal and visual art of Alfred Kubin, Studies in Austrian literature, culture, and thought, Kalifornien 1989; A. Kubin, Dämonen und Nachtgesichte. Eine Autobiographie mit 24 Bildern, München [1959], S. 59f.; Chr. Brockhaus, Kubin, Alfred, in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 158-160, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567365.html#ndbcontent.