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Neue Gedichte von Florian Birnmeyer

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Bild auf unsplash

Der nordschwäbische Dichter Florian Birnmeyer stellt uns mit verblättert seine neuen Gedichte vor, die ebenso gekonnt wie zurückhaltend subtil zwischen klassischem und zeitgenössischem Duktus und ihren Formsprachen changieren. 

*

„All das,/was man Bildung nennt,/trägst du als einen/Mantel aus fremden Stimmen“
 
 
Sonette als Kranz
 
Du sandtest
mir Gaben,
in Seidenpapier
gefaltet,
mit Tinte und Takt,
von fern zu mir.
Geschlungen mit Sinn,
mit Schweigen genäht,
 
– formal ideal –
 
aus einer Zeit
ohne Bewegung.
Und doch war es
ein Raum
aus Tönen.
 
Anderswort
 
Ich war
alles
und nichts.
Für dich.
Du fasst nach mir,
doch verfehlst mich.
Ich bin 
nur halb.
Da,
schon wieder:
Anderswo.
 
Selbstliebe
 
Ich seh dein Haupthaar, 
deine Hand sich wandeln
im Wasserglas des Dschungelcamps;
behalt mich bei dir, unstetes Ding,
 
wenn du dich lauwarm bei
der Herdplatte verschanzt;
 
bei all der Hitze heldenmutig
zieht der climate change auf;
 
und wir veranstalten nur 
eine Artusrunde zwischen
 
1,5 und dreieinhalb Grad* 
 
____
* Überseeflüge, Bingewatching, Gemeinschaft.
 
 
Pariser //
 
Abkömmlichkeiten...
 
Strömungen
 
Da fließt 
ein Bach im Tal,
wo das Schilfrohr
sich ausbreitet.
Es verstellt dir 
den Blick.
Vögel
hoch droben
sitzen
kreischen
in der Weide.
 
kumpanei
 
du warst schirm, noch als
mein lichtschutz sich aus 
dem staub machte zur 
mittagsstund
du halfst mir noch
im heftigsten sturm
mit deinem hut, 
 
punkttreu wie 
 
die kuckucksuhr auf dem 
wandschrank da gackern die 
hennen überm designersofa 
 
gehetzt wie 
bessre ganoven. 
 
Worthorcher
 
Du riechst nach Farbband,
alten Tasten,
Füllerstrichen,
atmendem Papier,
gefaltet, vergilbt.
All das,
was man Bildung nennt,
trägst du als einen
Mantel aus fremden Stimmen,
wie einen Anzug
trägst du es,
dich selbst zu überhören,
bis du verschwindest
im Seitenrausch.
 
Zwei plus eins
 
Du bist eine wankende
Situationship aus 
halbverleugneten 
Gefühlswellen, die
wir täglich tauschen.
 
Ein Schäferhund ohne
Herrchen, der auf seinen
Einsatz wartet, während
die Zeit verstreicht
und die Jahre vorüber-
 
ziehen.
 
Trennung 
 
Ich streife dich, 
mein Tiger-
Panther-
Overkill.
 
Bist du lost?
Ich wär doch
so gern du,
du gern ich.
 
Am Ende sind 
wir
eingesperrt, 
 
gehen
in Kreide, wo
Kinderreime 
enden.
 
Feuilleton
 
Ich will mich
     verblättern
     und doch 
da sein
 
     in Papier,
     Schrift,
     Lettern,
     im Regal,
     geborgen
VERGESSLETTERN
LETTERGESTERN
 
Schrecken mit Ende
 
Ich verlor’ den Schlüssel
für dein Alabasterherz,
 
spinn’ lieber meine Netze
ins luftige Dunstgewebe,
 
labyrinthisch wie Ariadne,
bin ich nicht länger verirrt, 
 
ein Gegner des Minotaurus,
denn heut’ ist Franken 
 
Kreta.
 
Deffence
 
Ich habe dich
      nicht beschützt.
               Vielleicht lese ich
daher nun
          die Deffence.
 
Ich verstecke mich 
in 
                       Leugnung und Abwehr.
Unvergessen: dein Schrei.