Neue Gedichte von Florian Birnmeyer
Der nordschwäbische Dichter Florian Birnmeyer stellt uns mit verblättert seine neuen Gedichte vor, die ebenso gekonnt wie zurückhaltend subtil zwischen klassischem und zeitgenössischem Duktus und ihren Formsprachen changieren.
*
„All das,/was man Bildung nennt,/trägst du als einen/Mantel aus fremden Stimmen“Sonette als Kranz
Du sandtest
mir Gaben,
in Seidenpapier
gefaltet,
mit Tinte und Takt,
von fern zu mir.
Geschlungen mit Sinn,
mit Schweigen genäht,
– formal ideal –
aus einer Zeit
ohne Bewegung.
Und doch war es
ein Raum
aus Tönen.
Anderswort
Ich war
alles
und nichts.
Für dich.
Du fasst nach mir,
doch verfehlst mich.
Ich bin
nur halb.
Da,
schon wieder:
Anderswo.
Selbstliebe
Ich seh dein Haupthaar,
deine Hand sich wandeln
im Wasserglas des Dschungelcamps;
behalt mich bei dir, unstetes Ding,
wenn du dich lauwarm bei
der Herdplatte verschanzt;
bei all der Hitze heldenmutig
zieht der climate change auf;
und wir veranstalten nur
eine Artusrunde zwischen
1,5 und dreieinhalb Grad*
____
* Überseeflüge, Bingewatching, Gemeinschaft.
Pariser //
Abkömmlichkeiten...
Strömungen
Da fließt
ein Bach im Tal,
wo das Schilfrohr
sich ausbreitet.
Es verstellt dir
den Blick.
Vögel
hoch droben
sitzen
kreischen
in der Weide.
kumpanei
du warst schirm, noch als
mein lichtschutz sich aus
dem staub machte zur
mittagsstund
du halfst mir noch
im heftigsten sturm
mit deinem hut,
punkttreu wie
die kuckucksuhr auf dem
wandschrank da gackern die
hennen überm designersofa
gehetzt wie
bessre ganoven.
Worthorcher
Du riechst nach Farbband,
alten Tasten,
Füllerstrichen,
atmendem Papier,
gefaltet, vergilbt.
All das,
was man Bildung nennt,
trägst du als einen
Mantel aus fremden Stimmen,
wie einen Anzug
trägst du es,
dich selbst zu überhören,
bis du verschwindest
im Seitenrausch.
Zwei plus eins
Du bist eine wankende
Situationship aus
halbverleugneten
Gefühlswellen, die
wir täglich tauschen.
Ein Schäferhund ohne
Herrchen, der auf seinen
Einsatz wartet, während
die Zeit verstreicht
und die Jahre vorüber-
ziehen.
Trennung
Ich streife dich,
mein Tiger-
Panther-
Overkill.
Bist du lost?
Ich wär doch
so gern du,
du gern ich.
Am Ende sind
wir
eingesperrt,
gehen
in Kreide, wo
Kinderreime
enden.
Feuilleton
Ich will mich
verblättern
und doch
da sein
in Papier,
Schrift,
Lettern,
im Regal,
geborgen
VERGESSLETTERN
LETTERGESTERN
Schrecken mit Ende
Ich verlor’ den Schlüssel
für dein Alabasterherz,
spinn’ lieber meine Netze
ins luftige Dunstgewebe,
labyrinthisch wie Ariadne,
bin ich nicht länger verirrt,
ein Gegner des Minotaurus,
denn heut’ ist Franken
Kreta.
Deffence
Ich habe dich
nicht beschützt.
Vielleicht lese ich
daher nun
die Deffence.
Ich verstecke mich
in
Leugnung und Abwehr.
Unvergessen: dein Schrei.
„verblättert“
Neue Gedichte von Florian Birnmeyer>
12.03.2026,
Florian Birnmeyer
Der nordschwäbische Dichter Florian Birnmeyer stellt uns mit verblättert seine neuen Gedichte vor, die ebenso gekonnt wie zurückhaltend subtil zwischen klassischem und zeitgenössischem Duktus und ihren Formsprachen changieren.
*
„All das,/was man Bildung nennt,/trägst du als einen/Mantel aus fremden Stimmen“Sonette als Kranz
Du sandtest
mir Gaben,
in Seidenpapier
gefaltet,
mit Tinte und Takt,
von fern zu mir.
Geschlungen mit Sinn,
mit Schweigen genäht,
– formal ideal –
aus einer Zeit
ohne Bewegung.
Und doch war es
ein Raum
aus Tönen.
Anderswort
Ich war
alles
und nichts.
Für dich.
Du fasst nach mir,
doch verfehlst mich.
Ich bin
nur halb.
Da,
schon wieder:
Anderswo.
Selbstliebe
Ich seh dein Haupthaar,
deine Hand sich wandeln
im Wasserglas des Dschungelcamps;
behalt mich bei dir, unstetes Ding,
wenn du dich lauwarm bei
der Herdplatte verschanzt;
bei all der Hitze heldenmutig
zieht der climate change auf;
und wir veranstalten nur
eine Artusrunde zwischen
1,5 und dreieinhalb Grad*
____
* Überseeflüge, Bingewatching, Gemeinschaft.
Pariser //
Abkömmlichkeiten...
Strömungen
Da fließt
ein Bach im Tal,
wo das Schilfrohr
sich ausbreitet.
Es verstellt dir
den Blick.
Vögel
hoch droben
sitzen
kreischen
in der Weide.
kumpanei
du warst schirm, noch als
mein lichtschutz sich aus
dem staub machte zur
mittagsstund
du halfst mir noch
im heftigsten sturm
mit deinem hut,
punkttreu wie
die kuckucksuhr auf dem
wandschrank da gackern die
hennen überm designersofa
gehetzt wie
bessre ganoven.
Worthorcher
Du riechst nach Farbband,
alten Tasten,
Füllerstrichen,
atmendem Papier,
gefaltet, vergilbt.
All das,
was man Bildung nennt,
trägst du als einen
Mantel aus fremden Stimmen,
wie einen Anzug
trägst du es,
dich selbst zu überhören,
bis du verschwindest
im Seitenrausch.
Zwei plus eins
Du bist eine wankende
Situationship aus
halbverleugneten
Gefühlswellen, die
wir täglich tauschen.
Ein Schäferhund ohne
Herrchen, der auf seinen
Einsatz wartet, während
die Zeit verstreicht
und die Jahre vorüber-
ziehen.
Trennung
Ich streife dich,
mein Tiger-
Panther-
Overkill.
Bist du lost?
Ich wär doch
so gern du,
du gern ich.
Am Ende sind
wir
eingesperrt,
gehen
in Kreide, wo
Kinderreime
enden.
Feuilleton
Ich will mich
verblättern
und doch
da sein
in Papier,
Schrift,
Lettern,
im Regal,
geborgen
VERGESSLETTERN
LETTERGESTERN
Schrecken mit Ende
Ich verlor’ den Schlüssel
für dein Alabasterherz,
spinn’ lieber meine Netze
ins luftige Dunstgewebe,
labyrinthisch wie Ariadne,
bin ich nicht länger verirrt,
ein Gegner des Minotaurus,
denn heut’ ist Franken
Kreta.
Deffence
Ich habe dich
nicht beschützt.
Vielleicht lese ich
daher nun
die Deffence.
Ich verstecke mich
in
Leugnung und Abwehr.
Unvergessen: dein Schrei.
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