Emmy Ball-Hennings an Carl Muth
Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
*
Eigenhändiger Brief, [Waldsassen] [3.6.1927], 20,5 x 14 cm; Ana 390.II.A. Hennings, Emmy, Nr. 31
Der Nachlass des katholischen Publizisten Carl Muth (1867-1944) umfasst persönliche Dokumente sowie das Archiv der Zeitschrift Hochland. Enthalten sind u.a. Briefwechsel mit rund 650 Korrespondenten, zu denen auch Hugo Ball (1886-1927) und Emmy Ball-Hennings (1885-1948) gehören. Emmy schickte in den Jahren 1925 bis 1928 vierzig Briefe und Karten an Muth.
Bereits seit frühester Jugend zeigte sich Emmy, die 1885 in Flensburg in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, literatur- und theaterbegeistert. Mit aller Macht strebte sie eine Künstlerkarriere an und entfloh damit ihrem kleinbürgerlichen Dasein als blutjunge Ehefrau und Mutter. Fortan tingelte sie als Sängerin, Kabarettistin und Schauspielerin verschiedener Wanderbühnen durch Osteuropa. 1908 landete Emmy in der Bohème Berlins und Münchens, den Zentren des frühen Expressionismus. Sie trat auf als Diseuse im Café des Westens und in Künstlerkabaretts wie dem Simplizissimus, wurde Muse und Geliebte revolutionärer Dichter etwa Jakob van Hoddis‘, Johannes R. Bechers oder Erich Mühsams.
Desillusioniert durch den Ersten Weltkrieg ging Emmy 1915 mit Hugo Ball in die Schweiz ins Exil. Das Paar begründete 1916 in Zürich die einflussreiche avantgardistische Bewegung des Dadaismus. Hennings und Ball heirateten 1920, ein Jahr später zogen sie in das Tessin. Zum Katholizismus konvertiert erwies sich beider tiefe, mystische Religiosität als tragfähig, um ihre durch Armut und Krankheit beeinträchtigten Lebensumstände bewältigen zu können. Nach dem Tod ihres Mannes im Frühherbst 1927 nahm Emmy sich seines Nachlasses an und schrieb autobiographische Werke, Erzählungen, Märchen und Legenden.
An Carl Muth gerichtetes Schreiben von Emmy Hennings aus Waldsassen © Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Über München, wo sie Muth und die Redaktion des „Hochland“ besuchte, reiste Emmy am „Himmelfahrtstag“, dem 26. Mai 1927, ohne ihren erkrankten Mann nach Waldsassen. Dort blieb sie bis 7. Juni. In diesen beiden Wochen wanderte sie fast täglich nach Konnersreuth und stand ehrfürchtig staunend am Bett der seit Februar 1926 stigmatisierten Bauernmagd Therese Neumann (1898-1962), die durch ihr Nacherleben der Passion Christi und ihre Visionen großen Zulauf hatte.
Fasziniert von „der Resl“ hielt Emmy ihre Eindrücke tagebuchartig fest, mit dem Ziel sie für eine spätere Veröffentlichung aufzubereiten. Hugo Ball hatte Not, Emmys Eifer zu bändigen. Er sandte seiner Frau briefliche Anweisungen zur Recherche nach biographischen und gesundheitlichen Fakten. Emmy antwortet ihm mit enthusiastischen Schilderungen ihrer ergreifenden Begegnungen mit der Leidenden. Diese farbigen Erzählungen beseelter Gotteserfahrung beleben ihre beiden an Muth gerichteten Schreiben vom 31. Mai und 3. Juni aus Waldsassen.
B. M. Baron: Dada meets Stigma. Als Emmy Ball-Hennings 1927 die „Konnersreuther Resl“ besuchte. In: Literatur in Bayern 31 (2016), S. 18-20; G. Schach, E. Teubner (Hgg.), Hugo Ball. Briefe 1904-1927, Göttingen 2003, Bd. 2, S. 451-456, 459-464 und Bd. 3, S. 650f., 653-658, 660f.
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Die Erwerbung von Nachlässen hat „die Geschichte der Bibliothek von ihren Anfängen bis zur Gegenwart begleitet.“ So schreibt Karl Dachs, der Leiter der Abteilung für Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, in seiner Einleitung zur ersten systematischen Verzeichnung der schriftlichen Nachlässe in dieser Institution aus dem Jahr 1970. In den letzten 50 Jahren seit Erscheinen seines Buches hat sich der Bestand an Nachlässen dort fast verdreifacht. Das Literaturportal Bayern stellt deshalb in regelmäßigen Abständen ausgewählte Stücke von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in seinem Journal vor.
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Eigenhändiger Brief, [Waldsassen] [3.6.1927], 20,5 x 14 cm; Ana 390.II.A. Hennings, Emmy, Nr. 31
Der Nachlass des katholischen Publizisten Carl Muth (1867-1944) umfasst persönliche Dokumente sowie das Archiv der Zeitschrift Hochland. Enthalten sind u.a. Briefwechsel mit rund 650 Korrespondenten, zu denen auch Hugo Ball (1886-1927) und Emmy Ball-Hennings (1885-1948) gehören. Emmy schickte in den Jahren 1925 bis 1928 vierzig Briefe und Karten an Muth.
Bereits seit frühester Jugend zeigte sich Emmy, die 1885 in Flensburg in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, literatur- und theaterbegeistert. Mit aller Macht strebte sie eine Künstlerkarriere an und entfloh damit ihrem kleinbürgerlichen Dasein als blutjunge Ehefrau und Mutter. Fortan tingelte sie als Sängerin, Kabarettistin und Schauspielerin verschiedener Wanderbühnen durch Osteuropa. 1908 landete Emmy in der Bohème Berlins und Münchens, den Zentren des frühen Expressionismus. Sie trat auf als Diseuse im Café des Westens und in Künstlerkabaretts wie dem Simplizissimus, wurde Muse und Geliebte revolutionärer Dichter etwa Jakob van Hoddis‘, Johannes R. Bechers oder Erich Mühsams.
Desillusioniert durch den Ersten Weltkrieg ging Emmy 1915 mit Hugo Ball in die Schweiz ins Exil. Das Paar begründete 1916 in Zürich die einflussreiche avantgardistische Bewegung des Dadaismus. Hennings und Ball heirateten 1920, ein Jahr später zogen sie in das Tessin. Zum Katholizismus konvertiert erwies sich beider tiefe, mystische Religiosität als tragfähig, um ihre durch Armut und Krankheit beeinträchtigten Lebensumstände bewältigen zu können. Nach dem Tod ihres Mannes im Frühherbst 1927 nahm Emmy sich seines Nachlasses an und schrieb autobiographische Werke, Erzählungen, Märchen und Legenden.
An Carl Muth gerichtetes Schreiben von Emmy Hennings aus Waldsassen © Archiv Bayerische Staatsbibliothek
Über München, wo sie Muth und die Redaktion des „Hochland“ besuchte, reiste Emmy am „Himmelfahrtstag“, dem 26. Mai 1927, ohne ihren erkrankten Mann nach Waldsassen. Dort blieb sie bis 7. Juni. In diesen beiden Wochen wanderte sie fast täglich nach Konnersreuth und stand ehrfürchtig staunend am Bett der seit Februar 1926 stigmatisierten Bauernmagd Therese Neumann (1898-1962), die durch ihr Nacherleben der Passion Christi und ihre Visionen großen Zulauf hatte.
Fasziniert von „der Resl“ hielt Emmy ihre Eindrücke tagebuchartig fest, mit dem Ziel sie für eine spätere Veröffentlichung aufzubereiten. Hugo Ball hatte Not, Emmys Eifer zu bändigen. Er sandte seiner Frau briefliche Anweisungen zur Recherche nach biographischen und gesundheitlichen Fakten. Emmy antwortet ihm mit enthusiastischen Schilderungen ihrer ergreifenden Begegnungen mit der Leidenden. Diese farbigen Erzählungen beseelter Gotteserfahrung beleben ihre beiden an Muth gerichteten Schreiben vom 31. Mai und 3. Juni aus Waldsassen.
B. M. Baron: Dada meets Stigma. Als Emmy Ball-Hennings 1927 die „Konnersreuther Resl“ besuchte. In: Literatur in Bayern 31 (2016), S. 18-20; G. Schach, E. Teubner (Hgg.), Hugo Ball. Briefe 1904-1927, Göttingen 2003, Bd. 2, S. 451-456, 459-464 und Bd. 3, S. 650f., 653-658, 660f.

