Von der Avantgarde zum Underground in der ukrainischen Literatur des 20. Jahrhunderts
Eine vereinfachte Darstellung komplexer Ereignisse und Zusammenhänge in der ukrainischen Literatur macht neue Einsichten und Erkenntnisse möglich. Während die ukrainische Literatur sich jetzt (2026) schnell verändert, war sie im 20. Jahrhundert durch politische oder gesellschaftliche Ursachen unterdrückt und hat sich aufgrund dessen isoliert entwickelt. Eine Betrachtung des ukrainischen Schriftstellers Vasyl Lozynskyj.
*
Die Hauptdebatte auch der heutigen linken Intellektuellen konzentriert sich auf die Frage, wie die Kunst nach der Revolution sein soll. Anfangs, in den 1920er-Jahren, gab es Richtungsdebatten in der Sowjetunion. Bald aber war eine offene Diskussion unter Intellektuellen und Dichtern unmöglich geworden. Während des Stalin-Regimes wurden auch in der Ukraine die linken Intellektuellen und die künstlerische Avantgarde unterdrückt. Kunst sollte dem Proletariat und der Propaganda der Partei dienen.
Für die Debatte über die Kunst der 1920er- bis 1930er-Jahre sind Fragen der Zensur und Kontrolle zentral. Die Aporie zwischen Kommunismus und Faschismus ist ein zweiter wichtiger Faktor: Die Rechten ästhetisieren die Politik (der Ausdruck stammt von Walter Benjamin), während die Linken die Kunst politisieren. Wie bekannt, ist das Experiment der ideologischen Kontrolle über die Kunst in der Sowjetunion gescheitert.
Vereinfachend gesagt: Die Stilrichtungen des Modernismus oder Realismus hatten auch eine theoretische oder ideologische Grundlage, die in der westlichen Kultur vor allem durch die Pluralität der Stilrichtungen in der Kunst und etwa durch die Reaktion auf die Kriegsrealität im Expressionismus ausgedrückt sind. So standen noch der Futurismus oder der Konstruktivismus direkt mit den politischen Veränderungen und der gesellschaftlichen Revolution in Russland im Jahr 1917 in Verbindung. Als offizielle Kunstrichtung in der UdSSR wurde dann jedoch ausschließlich der Realismus anerkannt, der Modernismus dagegen wurde verboten. Erst viel später, in der sowjetischen Architektur der 1960er- bis 1980er-Jahre, entsteht der Modernismus als Begriff und wird als solcher gleichzeitig bestritten, da Modernismus nicht staatlich definiert werden kann.
Interessant ist demgegenüber, dass etwa der Impressionismus ungeachtet der entscheidenden sozialen Veränderungen im Frankreich des 19. Jahrhunderts, der sozialen Aufstände und der Industrialisierung, als Stilrichtung ohne eigene Ideologie und theoretische Grundlage gilt.
Man kann darüber hinaus auch Einflüsse des Expressionismus in ukrainischen Werken bemerken, vor allem aber in der Westukraine, die damals Teil der k.u.k Monarchie war (z.B. in Vasyl Stefanyks und Osyp Turjanskyjs Novellen). Anders entwickelte sich die Prosa in der Sowjet-Ukraine, der Ostgalizien erst 1945 infolge der Eroberung durch die Sowjet-Armee angegliedert wurde.
Erneuerung von Sprache und Literatur
Im Roman Die Stadt von Valerian Pidmohylnyj ist die Politisierung der Kunst von der nachrevolutionären Zeit metapoetisch thematisiert. Der Schriftsteller sieht sich als Teil des offiziellen Ukrainisierungsprozesses in der Kultur und beschreibt die Dichotomie von Stadt und Dorf, von Tradition und Folklore (das „Ukrainische“), und Urbanismus und Industrie. Nach der offiziellen Kritik am Roman wurde der Autor verfolgt. Sein Werk ist einer der wichtigsten Romane der Generation der „Erschossenen Wiedergeburt“.
Der Action-Plot des Romans des Poeten und Prosaautors Geo Schkurupij, Batallionerin Schanna, ist in der Idee antimilitaristisch und antiimperialistisch. Er wurde seinerzeit als nicht ausreichend revolutionär, nihilistisch und wahrscheinlich zu antikolonial für seine Zeit wahrgenommen, wenn auch als an der Internationalität der Arbeiterbewegung interessiert. Die zeitgenössische Kritik brandmarkt ihn als schwach.
Zu den berühmtesten Dichtern der Generation der „Erschossenen Wiedergeburt" gehört vor allem Mychajl Semenko. So war der Futurist Semenko ein inbrünstiger Revolutionär und anfangs Mitglied der kommunistischen Partei, Bekämpfer der literarischen Tradition, der schrieb: „Ich möchte Schewtschenkos Kobsar [ein Gedichtband des Poeten, betitelt mit dem ukrainischen Namen nomadischer Volkssänger] verbrennen.“ Semenko pries die Innovation und die Industrialisierung (Kabelgedichte). Nach dem Verriss durch die offiziellen Kritiker und in Zeiten der ungewissen kulturellen Parteipolitik wurde er des Terrorismus beschuldigt und 1937 infolge eines Schein-Prozesses in Kijiw nach der Arrestierung durch die so genannte Troika des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) ermordet.
Am Anfang war auch der vielleicht renommierteste Dichter der Sowjet-Ukraine, Mykola Baschan, ein Teil der futuristischen Bewegung, und hatte u.a. mit Mychajil Semenko im Kijiwer Café „Kunstkeller“ (Mysteckyj Ljoch) in den 1920ern Gedichte vorgelesen; gemeinsam hatten sie diese in einer Anthologie publiziert. Baschans ideologische Konformität und wahrscheinlich die Übersetzungen aus dem mittelalterlichen georgischen Epos Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli halfen ihm, da Stalin Georgier war, den stalinistischen Repressionen zu entkommen, und auch, eine politische Karriere zu machen. Mykola Baschans literarische Werke erneuerten die stilistischen Mittel der ukrainischen Sprache, auch wenn thematisch viele Gedichte buchstäbliche kommunistischen Propaganda enthalten. Zu seinen Leistungen zählen auch Übersetzungen, u.a. von Hölderlin und Rilke.
In der DDR ist Baschans Band ausgewählter Gedichte, Eine Handvoll Hoffnung, 1972 im Verlag Volk und Welt, Ost-Berlin, erschienen. Das Langgedicht „Gespräch der Herzen”, das von der Verfolgung des Protagonisten in den 1920er-Jahren in Kyjiw erzählt, wurde in der DDR natürlich nicht übersetzt und veröffentlicht. Im Gedicht „Hoffmannsnacht“ (1927) behandelt er gleichfalls düstere Themen und betont ganz wie Rilke den Einfluss der deutschen Klassik auf sein Schaffen:
Ganz zerflossen schwimmen in Hoffmanns Phantasie
Die roten Leuchter der roten Gesichter,
aufstreben die edlen Degen, die Lichter,
das ist der Karneval der nächtlichen Phantasmagorie.
(zitiert nach der Übersetzung von Sarah Kirsch)
Das Gruselgedicht beschreibt eine Spelunke in Berlin mit vielen krassen Metaphern, wobei entweder Mephisto, Figuren aus Märchen oder ein gewisser Dichter im Zentrum der Beschreibung stehen. Die Fantasiegestalten werden für wahr genommen, Baschan stellt selbstreflexive Fragen und hat wohl die Bilder vom Bürgerkrieg in Kijiw vor Augen:
Wie zarte und hinkende Spinnen
die in sich die giftige Blase tragen,
so kommt aus den Spalten des Kopfes, ihr Zeichen
und Worte! Dass ich als Dichter, Scheinheiliger, Gotteslästrer,
euch aufs Papier lege, euerer Leichen!
(zitiert nach der Übersetzung von Sarah Kirsch)
Mykola Baschan 1928
Modernistischer Aufbruch
Während im 19. Jahrhundert durch den Walujew-Beschluss im russischen Imperium Werke auf Ukrainisch und die ukrainische Sprache verboten wurden, somit auch die Werke Schewtschenkos, hat die Sowjetmacht manche klassische ukrainische Literatur – mit im Einzelfall zensierten Gedichten – herausgegeben. Darüber hinaus war die Kultur in der Sowjetzeit meist folkloristisch geprägt, um breite Massen anzusprechen. Es handelt sich dabei um etwas vereinfachte und künstliche Folklorisierung, anders als in der ukrainischen Diaspora, die meist aus der Westukraine, der k.u.k. Monarchie oder später der Polnischen Republik stammte und seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der Welt gepflegt wurde.
Wichtig für die Underground-Kunst der folgenden Jahre in der Sowjetunion waren modernistische Poesierichtungen wie der „Akmeismus“, ebenso die mit Kyjiw verbundenen Strömungen des Suprematismus und Konstruktivismus. Vertreter des Akmeismus, etwa Osip Mandelstam, Anna Achmatowa oder Lew Gumiljow sind in der Ukraine, teilweise in Kyjiw, aufgewachsen oder hatten Privatreisen dorthin unternommen und während längerer Aufenthalte kurze Reportagen oder Gedichte verfasst (vgl. Andrej Puchkow: Das Kijiw von Osip Mandelstam, 2018). Mandelstam geriet wie auch der Kyjiwer Prosa-Autor Michail Bulgakow in Konflikt mit dem Stalin-Regime. Beide Schriftsteller fielen ihm schließlich zum Opfer.
In der ukrainischen Literatur der Sowjetrepublik verursachten die ideologischen Richtlinien des Parteivorsitzenden Stalin tragische Veränderungen. Das Ende des Modernismus mit Aktionen der „Erschossenen Wiedergeburt“ wurde in den 1930er-Jahren besiegelt.
In den 1950er- bis 1970er-Jahren entwickelte sich der spätere Modernismus der emigrierten ukrainischen Schriftsteller – etwa der New Yorker Gruppe ukrainischer Autoren oder Yuriy Tarnawskys. Die Untergrundschriftsteller und Dissidenten in der Ukraine ignorierten und kritisierten ab den 1960er-Jahren die ideologischen Vorschriften und die offizielle Politik der Sowjetunion. Ihre Werke richteten sich gegen die Ästhetik des sozialistischen Realismus, basierten auf Mythos und Tradition und wurden als nicht politisch oder ideologisch konzipiert. Folkloristische Themen und Metaphern, die Hinwendung zum Traditionellen galt als Widerstand und wurde Stoff für oppositionelle Werke. Ihre Literatur wurde neben dem „Samwydaw“(=Selbstverlag)-Phänomen im Ausland auf Ukrainisch auch in Verlagen herausgegeben sowie heimlich in der Ukraine verbreitet. Die Dissidenten der so genannten „Generation der 60er“ wurden von menschenrechtlichen Organisationen im Westen unterstützt, ihre Werke in der Diaspora publiziert. Die früher emigrierten Diaspora-Schriftsteller büßten im Vergleich zu jenen an Popularität in der Ukraine sehr ein (Maria G. Rewakowicz: Literature, Exile, Alterity: The New York Group of Ukrainian Poets, 2014).
Hauptziel der „Generation der 60er“ sowie der Dissidenten-Bewegung, die zumeist entweder im Ausland oder im sowjetukrainischen Untergrund publiziert wurden, und ihres ästhetischen, aber unpolitischen, nicht ideologischen und rebellischen, nicht propagandistischen antiimperialen Projekts war die Unabhängigkeit der Ukraine. Diese wurde 1991 erreicht. Die „Generation der 60er“ beeinflusste durch ihre antikoloniale und antiimperiale Ausrichtung die ihr folgenden Generationen. Sie trug andererseits auch zur Vermeidung politischer und sozialer Themen in der ukrainischen Literatur der 1990er- und 2000er-Jahre bei.
„So heroic and exciting as the stories were that I had been learning from underground activists in Eastern Europe, nothing had prepared me for the dogged resistance unto death of the Ukrainian artists and intellectuals of the 1960s and 1970s, returning again and again to the scenes of the their crimes, whether rising and shout in a cinema or circulating samizdat (samvydav in Ukrainian) or standing sentinel outside a court room or reciting a banned poem at the lip of a friend’s grave.”
Zu Deutsch: Wie heldenhaft und spannend die Geschichten auch waren, die ich von den Untergrundaktivisten in Osteuropa gehört habe, nichts hat mich auf den hartnäckigen Widerstand bis zum Letzten ukrainischer Künstler und Intellektueller der 1960er und der 1970er vorbereitet – immer wieder musste ich an die Szenen ihrer Verbrechen denken, sei es das Aufstehen und laut Rufen im Kino oder das Verbreiten des Samizdat (Samwydaw auf Ukrainisch) oder das auf Wachposten vor dem Gerichtsraum Stehen oder am Rande des Grabes eines Freundes ein verbotenes Gedicht Rezitieren.
(Myrna Kostash, Writing Ukraine, 2024)
Verfolgung durch den KGB
Eine Kultfigur des Ukrainischen Undergrounds war der Lwiwer Dichter Hryhorij Chubaj. Er gründete zusammen mit anderen Dichtern den Literaturalmanach Skrynia (Kommode), ebenfalls eine Samwydaw-Publikation. Chubaj nahm aktiv an Versammlungen und Lesungen der Dichter in Privatwohnungen teil und gehörte zum informellen Künstlerkreis und zur Bohème dieser Zeit. 1972 wurde er im Zusammenhang mit dem Almanach vom KGB verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Viele Künstler wurden von den Hochschulen exmatrikuliert. Chubaj wurde in den folgenden Jahren mehrmals durch den KGB verhört. Die Jahre der Repressionen beschreibt er im Poem „Reden, schweigen, und wieder reden“ (1975). Seine Lyrik ist noch nicht in Buchform auf Englisch oder Deutsch erschienen. Das etwas frühere Poem „Die Ermittlung des Mitwirkenden/Mitanstifters“ wie auch viele andere Gedichte, die zu seinen Lebenszeiten nicht in gedruckter Form publiziert wurden, gelten als die beste ukrainische Poesie dieser Epoche, etwa die von Mykola Riabtschuk. Viele seiner Texte vertonte Chubajs Sohn Taras mit der Band Platsch Jeremiji als Rocksongs. Diese Poesie drückt die existenzielle Krise der Zeit aus. Sie befindet sich auf einem Niveau mit der damaligen Weltliteratur und findet Vorbilder in der ukrainischen sowie vor allem in der europäischen Moderne:
Was, wenn wirklich auf einmal nirgendwo
Was, wenn wirklich auf einmal niemand
Was, wenn wirklich auf einmal niemals
Und nur wir
absichtlich sichtbar
Und nur wir
ausdrücklich existierend
am meisten in der ganzen Welt
um die eigene Existenz
bangen.
glauben dass doch jemand
glauben dass doch irgendwo
und unser Körper
und unsere Seele
SEHEN SIE
Da geht die Tür auf, die wirklich ist
Jemand von uns kam und sagt, dass er
heute die Dinge in ihrer Sichtbarkeit gesehen hat
und dass er jederzeit den Körper in der Sichtbarkeit
unseren Körpers sieht und dass wir sehr witzig die Lebendigen spielen –
die Wand spielt aber die Wand noch will witziger als wir –
und Tausend sichtbare Tiger erschrecken uns weniger
als ein unsichtbarer Stern aber
gerade der fehlt uns weit vorne
um zu ihm zu gehen, obwohl gerade er
fehlt uns weit hinten
um zu ihm zurückkehren.
Wassyl Stus gehörte zur jüngsten Generation von ukrainischen Dissidenten, er starb kurz vor den „Hlasnis‘t‘“- und „Perebudowa“-Ereignissen („Transparenz und Umbau“), der Abmilderung der offiziellen Politik im Jahr 1985, und wäre ein Jahr später freigelassen worden (Iwan Dsjuba). Seine ersten beiden Poesiebände wurden von staatlichen Verlagen abgelehnt und teilweise im Samwydaw herausgegeben. 1965 kam es zu mehreren politischen Verhaftungen und einer breit angelegten Verfolgung ukrainischer Intellektueller durch den KGB. Die Teilnahme an literarischen Lesungen in Wohnungen (Kvartyrnyky) sowie die Verbreitung von selbstpublizierten oder per Schreibmaschine kopierten Büchern wurde vom KGB ausgekundschaftet und als antirevolutionär gebrandmarkt und verfolgt.
Während der Premiere des Filmes Schatten vergessener Ahnen (im Westen auch Feuerpferde) von Sergei Paradschanow im Kijiwer Filmtheater 1965 kam es zum öffentlichen Protest Intellektueller gegen die Verhaftungen. Dabei fiel Wassyl Stus dem Geheimdienst als aktiver Teilnehmer auf. Der aus Armenien stammende Sergei Paradschanow gilt mit seiner Ästhetik als bahnbrechender Filmregisseur. Der 100. Geburtstag des Schriftstellers Mychajlo Kozjubynskyj erlaubte ihm, mit staatlicher Erlaubnis und Unterstützung, dessen Novelle „Die Schatten der vergessenen Ahnen“ zu verfilmen. Der authentische folkloristische Inhalt in dem aufgeführten Film, der auf Traditionen des Karpatenvolkes der Hutsulen basiert, bot die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf ukrainische Intellektuelle und ihre Verhaftung zu lenken.
Wassyl Stus wurde zweimal zu Haftstrafen verurteilt – 1972 zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung, dann kurz nach seiner Entlassung 1980 noch einmal zu zehn Jahren Haft und fünf Jahren Verbannung. Er befand sich während der Haft mehrmals in einem kritischen Gesundheitszustand. Stus verfasste und übersetzte in den Lagern weiter; viele Manuskripte gingen allerdings verloren. In den Lagergedichten, die den Band Palimpseste bilden, identifiziert er sich mit seiner Heimat und beschreibt häufig seine Sehnsucht nach der Ukraine:
Бо ти — це ти, ти і ти
бо ти і є Вітчизна,
бо так стоятимуть брати
як буде днина грізна.
…
Zu Deutsch:
Weil du bist du, du und du
weil du bist auch gerade die Heimat
weil so die Brüder stehen werden
wenn eine böse Stunde kommt.
Тож на хресті святих розстань
тримайсь допоки скону
дороги зустрічей, прощань,
свавілля і закону.
Zu Deutsch:
So auf dem Kreuze der heiligen Trennung
halte durch bis zum Tode,
dem Weg des Treffens, Abschieds,
Willkür und Gesetzes.
Der Tod ist das Hauptthema vieler seiner Gedichte (vgl. Marko Pavlyshyn, Martyrology and Literary Scholarship: The Case of Vasyl Stus. Melbourne, 1992).
„Kalyna“, zu Deutsch „Schneeball-Strauch“, im fernen russischen Osten erinnert den Dichter Stus an die Ukraine:
На колимськім морозі
калина зацвітає рудими слізьми.
Неосяжна осьо нічна днина,
і собором дзвінким Україна
написалась на мурах тюрми.
Zu Deutsch:
In der Kolyma-Kälte,
Schneeball-Strauch blüht mit braunen Tränen.
So ist unbegreiflich die helle Nacht
und als ein tönender Dom
wurde die Ukraine auf den Gefängniswänden gezeichnet.
Seine Werke wurden erst in den späten 1970er-Jahren publiziert. Die Akten zu Stus bilden im KGB-Archiv einen großen Stapel, den ich mit eigenen Augen gesehen habe, als ich mir viel weniger Akten zu einem anderen Thema zum Durchstöbern hatte kommen lassen. Diese Geheimdokumente, erst in den 2000er-Jahren öffentlich zugänglich gemacht, sind in einer detaillierten Recherche neulich als Buch publiziert worden (Vakhtang Kipiani: Die Akte von Vasyl Stus. Sammlung der Dokumente aus dem KGB Archiv der UdSSR, 2019).
Die Poesie von Stus gilt in vielerlei Hinsicht als innovativ für die ukrainische Literatur. Auch in den späteren Werken mancher ukrainischer Modernisten, Baschan etwa, wird der Einfluss deutscher moderner Klassiker spürbar, die sie übersetzt haben. Über die hermetisch erscheinende Metaphorik bei Paul Celan hinaus ist bei Stus, der auch einige von Celans Gedichten übersetzte, besonders in den tragischen Palimpsesten die Apophatik oder negative Theologie sehr buchstäblich und stark rhetorisch ausgedrückt.
Eine Art der Inspiration für ein Essay – ans Grab pilgern und dann darüber schreiben, um dem literarischen Schaffen und der Person des Autors zu gedenken – würde wohl für die französischen Symbolisten passen, aber nicht für die Autoren der „Erschossenen Wiedergeburt“, deren genauer Begräbnisort unbekannt ist. Es ist eine spannende, aber auch komplizierte Zeit, in der diese Literatur sich überhaupt erst durchsetzt und ihre Werke im Ausland in Übersetzung erscheinen, dabei aber sogar in der Ukraine erst heute allgemein bekannt werden.
Von der Avantgarde zum Underground in der ukrainischen Literatur des 20. Jahrhunderts>
Eine vereinfachte Darstellung komplexer Ereignisse und Zusammenhänge in der ukrainischen Literatur macht neue Einsichten und Erkenntnisse möglich. Während die ukrainische Literatur sich jetzt (2026) schnell verändert, war sie im 20. Jahrhundert durch politische oder gesellschaftliche Ursachen unterdrückt und hat sich aufgrund dessen isoliert entwickelt. Eine Betrachtung des ukrainischen Schriftstellers Vasyl Lozynskyj.
*
Die Hauptdebatte auch der heutigen linken Intellektuellen konzentriert sich auf die Frage, wie die Kunst nach der Revolution sein soll. Anfangs, in den 1920er-Jahren, gab es Richtungsdebatten in der Sowjetunion. Bald aber war eine offene Diskussion unter Intellektuellen und Dichtern unmöglich geworden. Während des Stalin-Regimes wurden auch in der Ukraine die linken Intellektuellen und die künstlerische Avantgarde unterdrückt. Kunst sollte dem Proletariat und der Propaganda der Partei dienen.
Für die Debatte über die Kunst der 1920er- bis 1930er-Jahre sind Fragen der Zensur und Kontrolle zentral. Die Aporie zwischen Kommunismus und Faschismus ist ein zweiter wichtiger Faktor: Die Rechten ästhetisieren die Politik (der Ausdruck stammt von Walter Benjamin), während die Linken die Kunst politisieren. Wie bekannt, ist das Experiment der ideologischen Kontrolle über die Kunst in der Sowjetunion gescheitert.
Vereinfachend gesagt: Die Stilrichtungen des Modernismus oder Realismus hatten auch eine theoretische oder ideologische Grundlage, die in der westlichen Kultur vor allem durch die Pluralität der Stilrichtungen in der Kunst und etwa durch die Reaktion auf die Kriegsrealität im Expressionismus ausgedrückt sind. So standen noch der Futurismus oder der Konstruktivismus direkt mit den politischen Veränderungen und der gesellschaftlichen Revolution in Russland im Jahr 1917 in Verbindung. Als offizielle Kunstrichtung in der UdSSR wurde dann jedoch ausschließlich der Realismus anerkannt, der Modernismus dagegen wurde verboten. Erst viel später, in der sowjetischen Architektur der 1960er- bis 1980er-Jahre, entsteht der Modernismus als Begriff und wird als solcher gleichzeitig bestritten, da Modernismus nicht staatlich definiert werden kann.
Interessant ist demgegenüber, dass etwa der Impressionismus ungeachtet der entscheidenden sozialen Veränderungen im Frankreich des 19. Jahrhunderts, der sozialen Aufstände und der Industrialisierung, als Stilrichtung ohne eigene Ideologie und theoretische Grundlage gilt.
Man kann darüber hinaus auch Einflüsse des Expressionismus in ukrainischen Werken bemerken, vor allem aber in der Westukraine, die damals Teil der k.u.k Monarchie war (z.B. in Vasyl Stefanyks und Osyp Turjanskyjs Novellen). Anders entwickelte sich die Prosa in der Sowjet-Ukraine, der Ostgalizien erst 1945 infolge der Eroberung durch die Sowjet-Armee angegliedert wurde.
Erneuerung von Sprache und Literatur
Im Roman Die Stadt von Valerian Pidmohylnyj ist die Politisierung der Kunst von der nachrevolutionären Zeit metapoetisch thematisiert. Der Schriftsteller sieht sich als Teil des offiziellen Ukrainisierungsprozesses in der Kultur und beschreibt die Dichotomie von Stadt und Dorf, von Tradition und Folklore (das „Ukrainische“), und Urbanismus und Industrie. Nach der offiziellen Kritik am Roman wurde der Autor verfolgt. Sein Werk ist einer der wichtigsten Romane der Generation der „Erschossenen Wiedergeburt“.
Der Action-Plot des Romans des Poeten und Prosaautors Geo Schkurupij, Batallionerin Schanna, ist in der Idee antimilitaristisch und antiimperialistisch. Er wurde seinerzeit als nicht ausreichend revolutionär, nihilistisch und wahrscheinlich zu antikolonial für seine Zeit wahrgenommen, wenn auch als an der Internationalität der Arbeiterbewegung interessiert. Die zeitgenössische Kritik brandmarkt ihn als schwach.
Zu den berühmtesten Dichtern der Generation der „Erschossenen Wiedergeburt" gehört vor allem Mychajl Semenko. So war der Futurist Semenko ein inbrünstiger Revolutionär und anfangs Mitglied der kommunistischen Partei, Bekämpfer der literarischen Tradition, der schrieb: „Ich möchte Schewtschenkos Kobsar [ein Gedichtband des Poeten, betitelt mit dem ukrainischen Namen nomadischer Volkssänger] verbrennen.“ Semenko pries die Innovation und die Industrialisierung (Kabelgedichte). Nach dem Verriss durch die offiziellen Kritiker und in Zeiten der ungewissen kulturellen Parteipolitik wurde er des Terrorismus beschuldigt und 1937 infolge eines Schein-Prozesses in Kijiw nach der Arrestierung durch die so genannte Troika des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) ermordet.
Am Anfang war auch der vielleicht renommierteste Dichter der Sowjet-Ukraine, Mykola Baschan, ein Teil der futuristischen Bewegung, und hatte u.a. mit Mychajil Semenko im Kijiwer Café „Kunstkeller“ (Mysteckyj Ljoch) in den 1920ern Gedichte vorgelesen; gemeinsam hatten sie diese in einer Anthologie publiziert. Baschans ideologische Konformität und wahrscheinlich die Übersetzungen aus dem mittelalterlichen georgischen Epos Der Recke im Tigerfell von Schota Rustaweli halfen ihm, da Stalin Georgier war, den stalinistischen Repressionen zu entkommen, und auch, eine politische Karriere zu machen. Mykola Baschans literarische Werke erneuerten die stilistischen Mittel der ukrainischen Sprache, auch wenn thematisch viele Gedichte buchstäbliche kommunistischen Propaganda enthalten. Zu seinen Leistungen zählen auch Übersetzungen, u.a. von Hölderlin und Rilke.
In der DDR ist Baschans Band ausgewählter Gedichte, Eine Handvoll Hoffnung, 1972 im Verlag Volk und Welt, Ost-Berlin, erschienen. Das Langgedicht „Gespräch der Herzen”, das von der Verfolgung des Protagonisten in den 1920er-Jahren in Kyjiw erzählt, wurde in der DDR natürlich nicht übersetzt und veröffentlicht. Im Gedicht „Hoffmannsnacht“ (1927) behandelt er gleichfalls düstere Themen und betont ganz wie Rilke den Einfluss der deutschen Klassik auf sein Schaffen:
Ganz zerflossen schwimmen in Hoffmanns Phantasie
Die roten Leuchter der roten Gesichter,
aufstreben die edlen Degen, die Lichter,
das ist der Karneval der nächtlichen Phantasmagorie.
(zitiert nach der Übersetzung von Sarah Kirsch)
Das Gruselgedicht beschreibt eine Spelunke in Berlin mit vielen krassen Metaphern, wobei entweder Mephisto, Figuren aus Märchen oder ein gewisser Dichter im Zentrum der Beschreibung stehen. Die Fantasiegestalten werden für wahr genommen, Baschan stellt selbstreflexive Fragen und hat wohl die Bilder vom Bürgerkrieg in Kijiw vor Augen:
Wie zarte und hinkende Spinnen
die in sich die giftige Blase tragen,
so kommt aus den Spalten des Kopfes, ihr Zeichen
und Worte! Dass ich als Dichter, Scheinheiliger, Gotteslästrer,
euch aufs Papier lege, euerer Leichen!
(zitiert nach der Übersetzung von Sarah Kirsch)
Mykola Baschan 1928
Modernistischer Aufbruch
Während im 19. Jahrhundert durch den Walujew-Beschluss im russischen Imperium Werke auf Ukrainisch und die ukrainische Sprache verboten wurden, somit auch die Werke Schewtschenkos, hat die Sowjetmacht manche klassische ukrainische Literatur – mit im Einzelfall zensierten Gedichten – herausgegeben. Darüber hinaus war die Kultur in der Sowjetzeit meist folkloristisch geprägt, um breite Massen anzusprechen. Es handelt sich dabei um etwas vereinfachte und künstliche Folklorisierung, anders als in der ukrainischen Diaspora, die meist aus der Westukraine, der k.u.k. Monarchie oder später der Polnischen Republik stammte und seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der Welt gepflegt wurde.
Wichtig für die Underground-Kunst der folgenden Jahre in der Sowjetunion waren modernistische Poesierichtungen wie der „Akmeismus“, ebenso die mit Kyjiw verbundenen Strömungen des Suprematismus und Konstruktivismus. Vertreter des Akmeismus, etwa Osip Mandelstam, Anna Achmatowa oder Lew Gumiljow sind in der Ukraine, teilweise in Kyjiw, aufgewachsen oder hatten Privatreisen dorthin unternommen und während längerer Aufenthalte kurze Reportagen oder Gedichte verfasst (vgl. Andrej Puchkow: Das Kijiw von Osip Mandelstam, 2018). Mandelstam geriet wie auch der Kyjiwer Prosa-Autor Michail Bulgakow in Konflikt mit dem Stalin-Regime. Beide Schriftsteller fielen ihm schließlich zum Opfer.
In der ukrainischen Literatur der Sowjetrepublik verursachten die ideologischen Richtlinien des Parteivorsitzenden Stalin tragische Veränderungen. Das Ende des Modernismus mit Aktionen der „Erschossenen Wiedergeburt“ wurde in den 1930er-Jahren besiegelt.
In den 1950er- bis 1970er-Jahren entwickelte sich der spätere Modernismus der emigrierten ukrainischen Schriftsteller – etwa der New Yorker Gruppe ukrainischer Autoren oder Yuriy Tarnawskys. Die Untergrundschriftsteller und Dissidenten in der Ukraine ignorierten und kritisierten ab den 1960er-Jahren die ideologischen Vorschriften und die offizielle Politik der Sowjetunion. Ihre Werke richteten sich gegen die Ästhetik des sozialistischen Realismus, basierten auf Mythos und Tradition und wurden als nicht politisch oder ideologisch konzipiert. Folkloristische Themen und Metaphern, die Hinwendung zum Traditionellen galt als Widerstand und wurde Stoff für oppositionelle Werke. Ihre Literatur wurde neben dem „Samwydaw“(=Selbstverlag)-Phänomen im Ausland auf Ukrainisch auch in Verlagen herausgegeben sowie heimlich in der Ukraine verbreitet. Die Dissidenten der so genannten „Generation der 60er“ wurden von menschenrechtlichen Organisationen im Westen unterstützt, ihre Werke in der Diaspora publiziert. Die früher emigrierten Diaspora-Schriftsteller büßten im Vergleich zu jenen an Popularität in der Ukraine sehr ein (Maria G. Rewakowicz: Literature, Exile, Alterity: The New York Group of Ukrainian Poets, 2014).
Hauptziel der „Generation der 60er“ sowie der Dissidenten-Bewegung, die zumeist entweder im Ausland oder im sowjetukrainischen Untergrund publiziert wurden, und ihres ästhetischen, aber unpolitischen, nicht ideologischen und rebellischen, nicht propagandistischen antiimperialen Projekts war die Unabhängigkeit der Ukraine. Diese wurde 1991 erreicht. Die „Generation der 60er“ beeinflusste durch ihre antikoloniale und antiimperiale Ausrichtung die ihr folgenden Generationen. Sie trug andererseits auch zur Vermeidung politischer und sozialer Themen in der ukrainischen Literatur der 1990er- und 2000er-Jahre bei.
„So heroic and exciting as the stories were that I had been learning from underground activists in Eastern Europe, nothing had prepared me for the dogged resistance unto death of the Ukrainian artists and intellectuals of the 1960s and 1970s, returning again and again to the scenes of the their crimes, whether rising and shout in a cinema or circulating samizdat (samvydav in Ukrainian) or standing sentinel outside a court room or reciting a banned poem at the lip of a friend’s grave.”
Zu Deutsch: Wie heldenhaft und spannend die Geschichten auch waren, die ich von den Untergrundaktivisten in Osteuropa gehört habe, nichts hat mich auf den hartnäckigen Widerstand bis zum Letzten ukrainischer Künstler und Intellektueller der 1960er und der 1970er vorbereitet – immer wieder musste ich an die Szenen ihrer Verbrechen denken, sei es das Aufstehen und laut Rufen im Kino oder das Verbreiten des Samizdat (Samwydaw auf Ukrainisch) oder das auf Wachposten vor dem Gerichtsraum Stehen oder am Rande des Grabes eines Freundes ein verbotenes Gedicht Rezitieren.
(Myrna Kostash, Writing Ukraine, 2024)
Verfolgung durch den KGB
Eine Kultfigur des Ukrainischen Undergrounds war der Lwiwer Dichter Hryhorij Chubaj. Er gründete zusammen mit anderen Dichtern den Literaturalmanach Skrynia (Kommode), ebenfalls eine Samwydaw-Publikation. Chubaj nahm aktiv an Versammlungen und Lesungen der Dichter in Privatwohnungen teil und gehörte zum informellen Künstlerkreis und zur Bohème dieser Zeit. 1972 wurde er im Zusammenhang mit dem Almanach vom KGB verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Viele Künstler wurden von den Hochschulen exmatrikuliert. Chubaj wurde in den folgenden Jahren mehrmals durch den KGB verhört. Die Jahre der Repressionen beschreibt er im Poem „Reden, schweigen, und wieder reden“ (1975). Seine Lyrik ist noch nicht in Buchform auf Englisch oder Deutsch erschienen. Das etwas frühere Poem „Die Ermittlung des Mitwirkenden/Mitanstifters“ wie auch viele andere Gedichte, die zu seinen Lebenszeiten nicht in gedruckter Form publiziert wurden, gelten als die beste ukrainische Poesie dieser Epoche, etwa die von Mykola Riabtschuk. Viele seiner Texte vertonte Chubajs Sohn Taras mit der Band Platsch Jeremiji als Rocksongs. Diese Poesie drückt die existenzielle Krise der Zeit aus. Sie befindet sich auf einem Niveau mit der damaligen Weltliteratur und findet Vorbilder in der ukrainischen sowie vor allem in der europäischen Moderne:
Was, wenn wirklich auf einmal nirgendwo
Was, wenn wirklich auf einmal niemand
Was, wenn wirklich auf einmal niemals
Und nur wir
absichtlich sichtbar
Und nur wir
ausdrücklich existierend
am meisten in der ganzen Welt
um die eigene Existenz
bangen.
glauben dass doch jemand
glauben dass doch irgendwo
und unser Körper
und unsere Seele
SEHEN SIE
Da geht die Tür auf, die wirklich ist
Jemand von uns kam und sagt, dass er
heute die Dinge in ihrer Sichtbarkeit gesehen hat
und dass er jederzeit den Körper in der Sichtbarkeit
unseren Körpers sieht und dass wir sehr witzig die Lebendigen spielen –
die Wand spielt aber die Wand noch will witziger als wir –
und Tausend sichtbare Tiger erschrecken uns weniger
als ein unsichtbarer Stern aber
gerade der fehlt uns weit vorne
um zu ihm zu gehen, obwohl gerade er
fehlt uns weit hinten
um zu ihm zurückkehren.
Wassyl Stus gehörte zur jüngsten Generation von ukrainischen Dissidenten, er starb kurz vor den „Hlasnis‘t‘“- und „Perebudowa“-Ereignissen („Transparenz und Umbau“), der Abmilderung der offiziellen Politik im Jahr 1985, und wäre ein Jahr später freigelassen worden (Iwan Dsjuba). Seine ersten beiden Poesiebände wurden von staatlichen Verlagen abgelehnt und teilweise im Samwydaw herausgegeben. 1965 kam es zu mehreren politischen Verhaftungen und einer breit angelegten Verfolgung ukrainischer Intellektueller durch den KGB. Die Teilnahme an literarischen Lesungen in Wohnungen (Kvartyrnyky) sowie die Verbreitung von selbstpublizierten oder per Schreibmaschine kopierten Büchern wurde vom KGB ausgekundschaftet und als antirevolutionär gebrandmarkt und verfolgt.
Während der Premiere des Filmes Schatten vergessener Ahnen (im Westen auch Feuerpferde) von Sergei Paradschanow im Kijiwer Filmtheater 1965 kam es zum öffentlichen Protest Intellektueller gegen die Verhaftungen. Dabei fiel Wassyl Stus dem Geheimdienst als aktiver Teilnehmer auf. Der aus Armenien stammende Sergei Paradschanow gilt mit seiner Ästhetik als bahnbrechender Filmregisseur. Der 100. Geburtstag des Schriftstellers Mychajlo Kozjubynskyj erlaubte ihm, mit staatlicher Erlaubnis und Unterstützung, dessen Novelle „Die Schatten der vergessenen Ahnen“ zu verfilmen. Der authentische folkloristische Inhalt in dem aufgeführten Film, der auf Traditionen des Karpatenvolkes der Hutsulen basiert, bot die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit auf ukrainische Intellektuelle und ihre Verhaftung zu lenken.
Wassyl Stus wurde zweimal zu Haftstrafen verurteilt – 1972 zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung, dann kurz nach seiner Entlassung 1980 noch einmal zu zehn Jahren Haft und fünf Jahren Verbannung. Er befand sich während der Haft mehrmals in einem kritischen Gesundheitszustand. Stus verfasste und übersetzte in den Lagern weiter; viele Manuskripte gingen allerdings verloren. In den Lagergedichten, die den Band Palimpseste bilden, identifiziert er sich mit seiner Heimat und beschreibt häufig seine Sehnsucht nach der Ukraine:
Бо ти — це ти, ти і ти
бо ти і є Вітчизна,
бо так стоятимуть брати
як буде днина грізна.
…
Zu Deutsch:
Weil du bist du, du und du
weil du bist auch gerade die Heimat
weil so die Brüder stehen werden
wenn eine böse Stunde kommt.
Тож на хресті святих розстань
тримайсь допоки скону
дороги зустрічей, прощань,
свавілля і закону.
Zu Deutsch:
So auf dem Kreuze der heiligen Trennung
halte durch bis zum Tode,
dem Weg des Treffens, Abschieds,
Willkür und Gesetzes.
Der Tod ist das Hauptthema vieler seiner Gedichte (vgl. Marko Pavlyshyn, Martyrology and Literary Scholarship: The Case of Vasyl Stus. Melbourne, 1992).
„Kalyna“, zu Deutsch „Schneeball-Strauch“, im fernen russischen Osten erinnert den Dichter Stus an die Ukraine:
На колимськім морозі
калина зацвітає рудими слізьми.
Неосяжна осьо нічна днина,
і собором дзвінким Україна
написалась на мурах тюрми.
Zu Deutsch:
In der Kolyma-Kälte,
Schneeball-Strauch blüht mit braunen Tränen.
So ist unbegreiflich die helle Nacht
und als ein tönender Dom
wurde die Ukraine auf den Gefängniswänden gezeichnet.
Seine Werke wurden erst in den späten 1970er-Jahren publiziert. Die Akten zu Stus bilden im KGB-Archiv einen großen Stapel, den ich mit eigenen Augen gesehen habe, als ich mir viel weniger Akten zu einem anderen Thema zum Durchstöbern hatte kommen lassen. Diese Geheimdokumente, erst in den 2000er-Jahren öffentlich zugänglich gemacht, sind in einer detaillierten Recherche neulich als Buch publiziert worden (Vakhtang Kipiani: Die Akte von Vasyl Stus. Sammlung der Dokumente aus dem KGB Archiv der UdSSR, 2019).
Die Poesie von Stus gilt in vielerlei Hinsicht als innovativ für die ukrainische Literatur. Auch in den späteren Werken mancher ukrainischer Modernisten, Baschan etwa, wird der Einfluss deutscher moderner Klassiker spürbar, die sie übersetzt haben. Über die hermetisch erscheinende Metaphorik bei Paul Celan hinaus ist bei Stus, der auch einige von Celans Gedichten übersetzte, besonders in den tragischen Palimpsesten die Apophatik oder negative Theologie sehr buchstäblich und stark rhetorisch ausgedrückt.
Eine Art der Inspiration für ein Essay – ans Grab pilgern und dann darüber schreiben, um dem literarischen Schaffen und der Person des Autors zu gedenken – würde wohl für die französischen Symbolisten passen, aber nicht für die Autoren der „Erschossenen Wiedergeburt“, deren genauer Begräbnisort unbekannt ist. Es ist eine spannende, aber auch komplizierte Zeit, in der diese Literatur sich überhaupt erst durchsetzt und ihre Werke im Ausland in Übersetzung erscheinen, dabei aber sogar in der Ukraine erst heute allgemein bekannt werden.

