Besprechung zu Gert Heidenreichs „Goethe kam aus dem Regen“
Verschwunden, vertauscht und ausgedacht. Gert Heidenreich sondiert in Goethe kam aus dem Regen unsere Verbundenheit mit der Gegenwart und fragt dabei immer wieder, ob der Ort, an dem wir uns befinden, denn überhaupt der richtige für uns sei. Die Protagonisten der Erzählungen stolpern in ihrem Alltag so sehr, dass sie sich danach nicht wieder in ihren Trott einfügen lassen. Eine Besprechung von Sebastian Schmidt.
*
Gert Heidenreichs Erzählungen können der klassischen Kurzgeschichte zugeordnet werden. Wir treffen auf Personen, die sich oft im fortgeschrittenen Alter befinden, die im Bereich des Journalismus und der Künste tätig sind und sich in ihrem Alltag zwar eingerichtet haben, aber immer auch den Drang verspüren, ebendiesem zu entkommen. Statt dem sprichwörtlichen Schuh drücken in Heidenreichs Geschichten etwa die Historie eines Filmkostüms (Die Kostümprobe) oder auch gleich die ganze Wohnung (Die Erlösung des Mortimer Lucuis Lucull), es schmerzen das Alter und seine Auswüchse oder die damit einhergehende Verantwortung (Der Verschwundene), sodass die Figuren in ihrer Gleichförmigkeit straucheln. Die Enden bleiben häufig offen, der Autor hält aber stets eine Überraschung für die Lesenden parat. So sehr man sich über eine vermeintlich gelungene Deutung freut, so schnell vergeht einem der Erfolg auch wieder, denn Gert Heidenreich ist Meister des Plot-Twists und verhilft uns – oft nur durch die kleinen Gesten seiner Protagonist*innen – zu erfrischender Fehlkalkulation.
Von Wänden und Reife
In Blau gibt ein Musenbesuch den Ausschlag dafür, einen alternden, vornehmlich dem Tod zugewandten Künstler zurück ins Leben zu führen. Als sich der Namenlose auf eine Arbeitsreise nach Murville (was so viel wie „Wandstadt“, aber auch „reife Stadt“ heißen kann) begibt, um einen bestimmten Farbton für ein weiteres renommiertes Gemälde zu finden, erhält er für mehrere Tage Besuch von zwei jungen Frauen, Anna und Julia. Die Szenerie könnte zunächst klischeehafter kaum sein: Während die lebenslustigen Frauen ein unbeschwertes Leben am Strand und in den Bars genießen, sitzt der Künstler vor seiner Leinwand und fühlt sich unter Druck. Als Gegenleistung für seine Ruhe schuldet er seiner Familie einen Erfolg, den er eng an das Finden des Farbtons für den im Schreibressort vorkommenden, blühenden Flachs knüpft.
Doch es ist komplizierter, denn in der farblichen Darstellung der Pflanze liegt auch die Sichtbarmachung eines Zusammentreffens von Leben und Tod, welche der Künstler für sein Seelenheil benötigt; ein Bannprozess. „Wenn es mir gelingen sollte, das Leinblau und das unergründliche Meergrün so aneinanderschlagen zu lassen [...] dann werde ich dieses Bild TodLeben betiteln und mit neuer Zuversicht nach Hause fahren.“
Und so ziehen die Tage dahin, es wird reichlich gekocht und getrunken, immer wieder sind die Residierenden „blau“ und es mischen sich Erinnerungslücken ein. Man fühlt sich an Philip Roth erinnert oder an Javier Marias, jedenfalls an eine männliche Schreibung, denn es werden hauptsächlich die Körper der jungen Frauen, die sich ganz freizügig verhalten und nichts anderes als schön und jung sind, dargestellt, ein male gaze, den der Künstler zwar immer wieder abbricht, sobald er sich der Situation bewusst wird, der aber dennoch besteht. Von den Musen nicht körperlich, aber geistig geküsst, findet er die Farbe, nach der er so dringend gesucht hat.
Gert Heidenreich überrascht die Lesenden auch in dieser Erzählung. Edgar Allen Poe, der die kurze Textform schon theoretisch begleitete, als sie noch in ihren Kinderschuhen steckte, nannte dieses essenzielle Moment den Choc. Bei Heidenreich erhält der Künstler nach Abreise der beiden Frauen einen Anruf. Es handelte sich gar nicht um die vermeintlichen Kinder seines Bekannten, sondern um ganz andere Personen, oder eben um eine Einbildung. „Wie sollen wir in einer Welt der Täuschung das Wunder vom Irrtum unterscheiden? Die Wirklichkeit von ihrer Fälschung? Die Wahrheit von der Lüge?“, fragt der Erzähler in Die Erhebung eines Hundes unter die Tauben, einer der ersten Geschichten des Bandes. Es ist Heidenreichs eigene Art, mit der der Autor mit der Frage nach der Notwendigkeit zur Vorstellung, aber auch mit der Randstelle althergebrachter Konvention (Künstler beginnt eine Beziehung mit junger Frau) und Erneuerung (der Künstler wendet sich von der Erotik ab) spielt.
Reise und Ankunft
Überhaupt spielt der Tod eine große Rolle in Heidenreichs Erzählungen. In Der Mann, der nicht ankommen konnte begegnet der Ich-Erzähler auf einer Bahnfahrt einem Schlafenden, der gerade erwacht und feststellt, dass er seinen Ausstieg um zwei Stationen verpasst hat. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden Reisenden, in dem der fremde Fahrgast manieriert über seine Erfolge als gefeierter Referent zur kulturellen Bedeutung des Todes sowie von seinem „Dornröschen-Syndrom“ berichtet. Denn bevor er ein Reiseziel erreicht hat, fällt er in den Schlaf und erwacht erst einige Haltestellen später. Eine philosophische Anekdote, die auch als eine Art Radwechsel-Geschichte gelesen werden kann, in der sowohl der Wunsch nach einer Destination, einem Ende der Reise, als auch die latente Angst vor ihrer Beendigung ihre Daseinsberechtigung haben. Einer Ankunft wohnt – trotz allen Wissens und ungeachtet jeglicher Vorfreude – eben immer auch eine Verdammnis inne, und so verharren wir oft zwischen den Welten, reisend, aber nicht reisend, sondern jenseits einer Unmittelbarkeit, ähnlich dem Schlaf.
Gert Heidenreich wurde von der FAZ als „wortmächtiger Wortmaler“ bezeichnet. Er findet Wortneuschöpfungen, denen eine Natürlichkeit und Ungewolltheit innewohnt, sodass man sich immer wieder fragt, weshalb der Begriff trotz seiner Klarheit noch keinen Eingang in den geläufigen Grundwortschatz gefunden hat. Ein Dachdecker bewegt sich „luftvertraut“ (Das Licht in den Augen …), ein Ehepartner ist „behütungsbedürftig“ (Eine Ehe, eines Tages).
Parallel dazu nutzt der Autor aber auch ein Vokabular der Hochkultur, den Duktus der Kulturbourgeoisie, die die Vorherrschaft eines männlichen Genies impliziert. Das macht es manchmal schwer, Gert Heidenreichs Texte ohne Weiteres neben der politisch progressiv orientierten Literatur, die momentan groß ist, einzureihen: So haben beinahe nur Männer Charakterzüge, die über das körperliche Aussehen hinaus Bedeutung zu haben scheinen. Sie tragen dabei Anzüge „von der Stange“ oder benennen französische Weine und Desserts mit ignoranter Selbstverständlichkeit. Es erfordert bisweilen Wohlwollen und Milde, sich mit den Figuren anzufreunden, um ihren privilegierten Weg nachzuempfinden und letztendlich bejahen zu können. Dass sich der Autor dessen bewusst ist, lässt er elegant nebensatzartig aufscheinen. Und so schreibt Heidenreich nicht nur von einer alten Zeit, sondern eben auch von ihrem Untergang und erinnert damit etwa an Paolo Sorrentinos Film La Grande Bellezza. Den Humor teilen sich die beiden Autoren übrigens ebenfalls.
Kafka in the Air
Kaum ein*e Autor*in der deutschsprachigen Literatur hat die Dichotomie von Realität und Fiktion so wundervoll dargestellt wie Franz Kafka. Ebenjener begleitet auch die Erzählungen Gert Heidenreichs in unterschiedlicher Offensichtlichkeit. In Der Beste findet sich Georg Darda eines Morgens nicht zu einem Ungeziefer, sondern in einen verjüngten Schönling verwandelt, der mit Hilfe seines Aussehens zwar seiner prekären Existenz entfliehen kann, nicht jedoch seiner unaufhörlichen Strebsamkeit und Gier. In Im Gegenteil erörtert ein Verteidiger im Gerichtssaal eines fiktiven Postnationalsozialismus die Mittäterschaft seines Mandanten K. und antizipiert damit die Ausreden unserer Bevölkerung hinsichtlich einer rechtsradikalen Erstarkung.
Ähnlich wie bei Kafka gibt es auch bei Heidenreich häufig zwei Welten. So findet man Himmel und Erde, Leben und Tod, Jung und Alt wieder und man könnte die Erzählungen des Autors auch mit einem Aufenthalt zwischen diesen gegensätzlichen Welten überschreiben. In der titelgebenden Geschichte Goethe kam aus dem Regen, in der ein zeitgenössischer Autor Besuch von Goethe erhält und sich mit diesem in ein philosophisches Gespräch über Faust, das Theater und das Schreiben im Allgemeinen versteigt, verortet Deutschlands bekanntester Schriftsteller: „Aber die Erinnerungswesen beider Reiche begegnen manchmal einander wie Lichtstäubchen, hängen eine Weile zusammen, stoßen sich dann wieder voneinander ab. Diese unaufhörliche Bewegung ist das ganze Geheimnis.“
Gert Heidenreich: Goethe kam aus dem Regen. Erzählungen. Verlag Bibliothek der Provinz, 216 S., € 20, ISBN: 978-3-99126-399-9
Besprechung zu Gert Heidenreichs „Goethe kam aus dem Regen“>
Verschwunden, vertauscht und ausgedacht. Gert Heidenreich sondiert in Goethe kam aus dem Regen unsere Verbundenheit mit der Gegenwart und fragt dabei immer wieder, ob der Ort, an dem wir uns befinden, denn überhaupt der richtige für uns sei. Die Protagonisten der Erzählungen stolpern in ihrem Alltag so sehr, dass sie sich danach nicht wieder in ihren Trott einfügen lassen. Eine Besprechung von Sebastian Schmidt.
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Gert Heidenreichs Erzählungen können der klassischen Kurzgeschichte zugeordnet werden. Wir treffen auf Personen, die sich oft im fortgeschrittenen Alter befinden, die im Bereich des Journalismus und der Künste tätig sind und sich in ihrem Alltag zwar eingerichtet haben, aber immer auch den Drang verspüren, ebendiesem zu entkommen. Statt dem sprichwörtlichen Schuh drücken in Heidenreichs Geschichten etwa die Historie eines Filmkostüms (Die Kostümprobe) oder auch gleich die ganze Wohnung (Die Erlösung des Mortimer Lucuis Lucull), es schmerzen das Alter und seine Auswüchse oder die damit einhergehende Verantwortung (Der Verschwundene), sodass die Figuren in ihrer Gleichförmigkeit straucheln. Die Enden bleiben häufig offen, der Autor hält aber stets eine Überraschung für die Lesenden parat. So sehr man sich über eine vermeintlich gelungene Deutung freut, so schnell vergeht einem der Erfolg auch wieder, denn Gert Heidenreich ist Meister des Plot-Twists und verhilft uns – oft nur durch die kleinen Gesten seiner Protagonist*innen – zu erfrischender Fehlkalkulation.
Von Wänden und Reife
In Blau gibt ein Musenbesuch den Ausschlag dafür, einen alternden, vornehmlich dem Tod zugewandten Künstler zurück ins Leben zu führen. Als sich der Namenlose auf eine Arbeitsreise nach Murville (was so viel wie „Wandstadt“, aber auch „reife Stadt“ heißen kann) begibt, um einen bestimmten Farbton für ein weiteres renommiertes Gemälde zu finden, erhält er für mehrere Tage Besuch von zwei jungen Frauen, Anna und Julia. Die Szenerie könnte zunächst klischeehafter kaum sein: Während die lebenslustigen Frauen ein unbeschwertes Leben am Strand und in den Bars genießen, sitzt der Künstler vor seiner Leinwand und fühlt sich unter Druck. Als Gegenleistung für seine Ruhe schuldet er seiner Familie einen Erfolg, den er eng an das Finden des Farbtons für den im Schreibressort vorkommenden, blühenden Flachs knüpft.
Doch es ist komplizierter, denn in der farblichen Darstellung der Pflanze liegt auch die Sichtbarmachung eines Zusammentreffens von Leben und Tod, welche der Künstler für sein Seelenheil benötigt; ein Bannprozess. „Wenn es mir gelingen sollte, das Leinblau und das unergründliche Meergrün so aneinanderschlagen zu lassen [...] dann werde ich dieses Bild TodLeben betiteln und mit neuer Zuversicht nach Hause fahren.“
Und so ziehen die Tage dahin, es wird reichlich gekocht und getrunken, immer wieder sind die Residierenden „blau“ und es mischen sich Erinnerungslücken ein. Man fühlt sich an Philip Roth erinnert oder an Javier Marias, jedenfalls an eine männliche Schreibung, denn es werden hauptsächlich die Körper der jungen Frauen, die sich ganz freizügig verhalten und nichts anderes als schön und jung sind, dargestellt, ein male gaze, den der Künstler zwar immer wieder abbricht, sobald er sich der Situation bewusst wird, der aber dennoch besteht. Von den Musen nicht körperlich, aber geistig geküsst, findet er die Farbe, nach der er so dringend gesucht hat.
Gert Heidenreich überrascht die Lesenden auch in dieser Erzählung. Edgar Allen Poe, der die kurze Textform schon theoretisch begleitete, als sie noch in ihren Kinderschuhen steckte, nannte dieses essenzielle Moment den Choc. Bei Heidenreich erhält der Künstler nach Abreise der beiden Frauen einen Anruf. Es handelte sich gar nicht um die vermeintlichen Kinder seines Bekannten, sondern um ganz andere Personen, oder eben um eine Einbildung. „Wie sollen wir in einer Welt der Täuschung das Wunder vom Irrtum unterscheiden? Die Wirklichkeit von ihrer Fälschung? Die Wahrheit von der Lüge?“, fragt der Erzähler in Die Erhebung eines Hundes unter die Tauben, einer der ersten Geschichten des Bandes. Es ist Heidenreichs eigene Art, mit der der Autor mit der Frage nach der Notwendigkeit zur Vorstellung, aber auch mit der Randstelle althergebrachter Konvention (Künstler beginnt eine Beziehung mit junger Frau) und Erneuerung (der Künstler wendet sich von der Erotik ab) spielt.
Reise und Ankunft
Überhaupt spielt der Tod eine große Rolle in Heidenreichs Erzählungen. In Der Mann, der nicht ankommen konnte begegnet der Ich-Erzähler auf einer Bahnfahrt einem Schlafenden, der gerade erwacht und feststellt, dass er seinen Ausstieg um zwei Stationen verpasst hat. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen den beiden Reisenden, in dem der fremde Fahrgast manieriert über seine Erfolge als gefeierter Referent zur kulturellen Bedeutung des Todes sowie von seinem „Dornröschen-Syndrom“ berichtet. Denn bevor er ein Reiseziel erreicht hat, fällt er in den Schlaf und erwacht erst einige Haltestellen später. Eine philosophische Anekdote, die auch als eine Art Radwechsel-Geschichte gelesen werden kann, in der sowohl der Wunsch nach einer Destination, einem Ende der Reise, als auch die latente Angst vor ihrer Beendigung ihre Daseinsberechtigung haben. Einer Ankunft wohnt – trotz allen Wissens und ungeachtet jeglicher Vorfreude – eben immer auch eine Verdammnis inne, und so verharren wir oft zwischen den Welten, reisend, aber nicht reisend, sondern jenseits einer Unmittelbarkeit, ähnlich dem Schlaf.
Gert Heidenreich wurde von der FAZ als „wortmächtiger Wortmaler“ bezeichnet. Er findet Wortneuschöpfungen, denen eine Natürlichkeit und Ungewolltheit innewohnt, sodass man sich immer wieder fragt, weshalb der Begriff trotz seiner Klarheit noch keinen Eingang in den geläufigen Grundwortschatz gefunden hat. Ein Dachdecker bewegt sich „luftvertraut“ (Das Licht in den Augen …), ein Ehepartner ist „behütungsbedürftig“ (Eine Ehe, eines Tages).
Parallel dazu nutzt der Autor aber auch ein Vokabular der Hochkultur, den Duktus der Kulturbourgeoisie, die die Vorherrschaft eines männlichen Genies impliziert. Das macht es manchmal schwer, Gert Heidenreichs Texte ohne Weiteres neben der politisch progressiv orientierten Literatur, die momentan groß ist, einzureihen: So haben beinahe nur Männer Charakterzüge, die über das körperliche Aussehen hinaus Bedeutung zu haben scheinen. Sie tragen dabei Anzüge „von der Stange“ oder benennen französische Weine und Desserts mit ignoranter Selbstverständlichkeit. Es erfordert bisweilen Wohlwollen und Milde, sich mit den Figuren anzufreunden, um ihren privilegierten Weg nachzuempfinden und letztendlich bejahen zu können. Dass sich der Autor dessen bewusst ist, lässt er elegant nebensatzartig aufscheinen. Und so schreibt Heidenreich nicht nur von einer alten Zeit, sondern eben auch von ihrem Untergang und erinnert damit etwa an Paolo Sorrentinos Film La Grande Bellezza. Den Humor teilen sich die beiden Autoren übrigens ebenfalls.
Kafka in the Air
Kaum ein*e Autor*in der deutschsprachigen Literatur hat die Dichotomie von Realität und Fiktion so wundervoll dargestellt wie Franz Kafka. Ebenjener begleitet auch die Erzählungen Gert Heidenreichs in unterschiedlicher Offensichtlichkeit. In Der Beste findet sich Georg Darda eines Morgens nicht zu einem Ungeziefer, sondern in einen verjüngten Schönling verwandelt, der mit Hilfe seines Aussehens zwar seiner prekären Existenz entfliehen kann, nicht jedoch seiner unaufhörlichen Strebsamkeit und Gier. In Im Gegenteil erörtert ein Verteidiger im Gerichtssaal eines fiktiven Postnationalsozialismus die Mittäterschaft seines Mandanten K. und antizipiert damit die Ausreden unserer Bevölkerung hinsichtlich einer rechtsradikalen Erstarkung.
Ähnlich wie bei Kafka gibt es auch bei Heidenreich häufig zwei Welten. So findet man Himmel und Erde, Leben und Tod, Jung und Alt wieder und man könnte die Erzählungen des Autors auch mit einem Aufenthalt zwischen diesen gegensätzlichen Welten überschreiben. In der titelgebenden Geschichte Goethe kam aus dem Regen, in der ein zeitgenössischer Autor Besuch von Goethe erhält und sich mit diesem in ein philosophisches Gespräch über Faust, das Theater und das Schreiben im Allgemeinen versteigt, verortet Deutschlands bekanntester Schriftsteller: „Aber die Erinnerungswesen beider Reiche begegnen manchmal einander wie Lichtstäubchen, hängen eine Weile zusammen, stoßen sich dann wieder voneinander ab. Diese unaufhörliche Bewegung ist das ganze Geheimnis.“
Gert Heidenreich: Goethe kam aus dem Regen. Erzählungen. Verlag Bibliothek der Provinz, 216 S., € 20, ISBN: 978-3-99126-399-9
