Die Welt der Dichterin Dorita Puig
Die argentinische Lyrikerin Dorita Puig lebt seit rund einem halben Jahrhundert in Deutschland, die meiste Zeit davon in München. In ihrem Herkunftsland eine anerkannte Dichterin, ist Puig mit ihren von der Schriftstellerin Sara Gomez ins Deutsche übersetzten Gedichten noch zu entdecken. Ein Porträt.
*
ICH BRAUCHE EIN WORT,
DAS DIE NACHT TEILT,
UM ZU REGIEREN.[1]
Mit diesem Paukenschlag beginnt der erste Gedichtband Dorita Puigs – ihr Debüt als Lyrikerin nach rund 35 Jahren in Deutschland. Die Autorin hat zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Leben gelebt: die Biografie einer Abtrünnigen, die den patriarchalen Strukturen ihrer Familie und weiten Teilen des ländlichen Argentiniens entflieht; die Jahre einer Immigrantin in den 1970ern und 1980ern in Deutschland, in deren Herkunftsland zu diesem Zeitpunkt eine der brutalsten Militärdiktaturen Lateinamerikas tobt; das Leben als Mutter, zwischenzeitlich als Alleinerziehende; das Leben als Begründerin der Gruppe Lateinamerikanischer Autoren in München, ALAM,[2] und schließlich der – von außen betrachtet späte – Schritt zur anerkannten Dichterin. Wobei sie Anerkennung vor allem in ihrem Herkunftsland findet – eine Art Friede, der über den Atlantik hinweg geschlossen wurde und dazu führt, dass Puig nun regelmäßig zurück nach Argentinien reist.
In ihren Texten behandelt sie: Erinnerungen, die Unendlichkeit, die Macht des Wortes und immer wieder das Schreiben selbst.
MAG SEIN, DASS SIE UNS EINES TAGES
DEN HIMMEL ZURÜCKGEBEN,
MAG SEIN, DASS SIE EINES TAGES
DIESEN BERUF VERZEIHEN,
MAG SEIN, DASS SIE UNS EINES TAGES
FREISPRECHEN
VON WORTEN UND TINTE
UND DEN GEDICHTEN,
GESCHRIEBEN HINTER GOTTES RÜCKEN.[3]
Bei ihrem ersten Gedichtband ist Dorita Puig Ende 50. Es ist die Geschichte einer Emanzipationsbewegung: Ganz unabhängig von ihrem Mann, ihren Freunden und Familie, lanciert sie beim argentinischen Verlag Editorial Dunken den ersten Band der liebevoll abgekürzten ‚Infinitudes‘/ ‚Unendlichkeiten‘ – von denen es mittlerweile neun gibt! – und rechnet nicht mit den Ereignissen, die sich seitdem überschlagen: 2012 bringt sie das erste der schmalen Bücher heraus, welches bereits der charakteristische blaue Schmetterling schmückt. Bereits ein Jahr später ist die erste Auflage vergriffen, wird die zweite gedruckt und ist die Autorin dabei, den zweiten Gedichtband herauszugeben.
VON JENEN KINDLICHEN STUNDEN,
VON JENEN EINSAMEN STUNDEN
BEWAHRTE ICH DAS HEILIGE BEBEN
UND DIE OZEANISCHE FRUCHTBARKEIT
DES UNGESAGTEN.
ICH LERNTE, DIE TRAURIGEN STIMMEN
ZUM SCHWEIGEN ZU BRINGEN,
DIE TRÄNEN AUF DER SEITE DES WEINENS ZU BELASSEN
UND DEM ATMEN DER LUFT ZU LAUSCHEN
DURCH DIESE GESCHRIEBENE ÖFFNUNG.[4]
Aufgewachsen ist Dorita Puig in Paraná, in der argentinischen Provinz Entre Ríos. Dieses ‚zwischen den Flüssen‘ prägt die Autorin über den Ozean hinweg bis heute. Sie hat sich von früher Kindheit an weg-fantasiert und auch früh weg-geschrieben. Mit den ungeschriebenen Gesetzen, der vor allem im ländlichen Raum sehr patriarchalen Gesellschaft der 1950er-1970er Argentiniens, konnte sie nichts anfangen: Einen Mann zu finden, früh zu heiraten und sich dann in die Rolle der Mutter und Versorgerin einzufinden, schwebte ihr nicht vor.
„Ich wusste, dass ich anders bin“, sagt sie mir in einem unserer zahlreichen Gespräche. Unterstützung erhielt sie im Familienkosmos ausschließlich durch ihren Vater, der sie ermunterte, weiterzuschreiben, zu studieren und letztlich auch: aus Argentinien wegzugehen. Ausgestattet mit der Adresse ihres damals besten Freundes, der zurück nach Deutschland gezogen war, kommt sie als junge Frau 1978 nach Wetzlar, wo sie später ihren ersten Mann und Vater ihres Sohnes kennenlernt. Sie, die nie daran dachte, Mutter zu werden, hat jeden einzelnen der Gedichtbände ihrem 1988 geborenen Sohn – Carlos Elías – gewidmet, und an manchen Stellen blitzt diese, ebenfalls so existentielle Erfahrung, einen Menschen zu Welt gebracht zu haben, in den Texten auf.
Dorita Puig mit Sara Gómez (2016)
Im Gespräch macht sie keinen Hehl daraus, dass es nicht leicht war, alles unter einen Hut zu kriegen. „Es ging immer darum, irgendwie zum Schreiben zu kommen“, resümiert sie. Dass sie dabei an Autorinnen wie Tillie Olsen (Ich steh hier und bügle) erinnert, kommt nicht von ungefähr. Bis Dorita Puig das berühmte „Zimmer für sich allein“ hatte und erfolgreich verteidigte, vergingen viele Jahre. Jahre, in denen sie nicht zuletzt die Schattenseiten der Immigranten-Vita erlebte: mit den schlecht bezahlten Aushilfstätigkeiten; damit, dass ausländische Abschlüsse hierzulande meist nichts gelten; mit der Sprachbarriere. Trotz all dieser Schatten erlebt sie diese Zeit vor allem als Befreiung. „Deutschland gab mir Freiheit“, blickt sie auf die mittlerweile fast 50 Jahre hier zurück.
Puigs Leben in München
Ihr Studium der Rechts- und Geisteswissenschaften in Argentinien, das viele Schreiben und In-den-Himmel-Schauen als Kind und dann die Gründung einer Schreibgruppe (ALAM) in München in den 1990ern sind der Stoff, aus dem sie sich ihre ‚autodidaktische Schreibschule‘ schuf.
ALAM, das Akronym für Autores Latinoamericanos en Múnich, war ein loser Zusammenschluss verschiedener lateinamerikanischer Schreibender, die sich auf einem ähnlichen Niveau bewegten, wenngleich ihr Ton, Stil und ihre Themen sich stark unterschieden. Gemeinsam war ihnen jedoch das Herkunftsland in der Ferne, in auffällig vielen lateinamerikanischen Ländern tobten um die 1970er-Jahre Militärdiktaturen, die ihren Schatten weit bis in die 1990er, der Entstehung und Blütezeit von ALAM, warfen und den Autorinnen und Autoren eine Rückkehr erschwerte; wenn nicht sogar verunmöglichte. So auch in Puigs Herkunftsland Argentinien.
Mit dem Umzug nach München und ihrer (zweiten) Ehe mit einem uruguayischen Literaturwissenschaftler, fand Dorita Puig schnell Zugang zur lateinamerikanischen Community Münchens jener Jahre. Ein bunter Vogel war sie wohl schon damals, doch fand sie ein Netzwerk, indem sie eben dieses – heute würden wir sagen – „Texttreffen“ initiierte. ALAM traf sich etwa alle drei Monate, oftmals unter Einladung verschiedener Gastautorinnen und -autoren, und veranstaltete von Beginn an viele Lesungen, häufig in Kooperation mit dem Instituto Cervantes. Die wenigen Texte, die Puig im Rahmen von ALAM-Projekten veröffentlichte, tragen zwar schon ihre Poesie in sich, aber bewegen sich noch im Raum der Prosa und wirken nicht ganz so existentiell wie die späteren Verse.
EIN GEDICHT ZU SCHREIBEN
ÄHNELT DEM ASCHEGEHOBENEN ERSCHAFFEN
EINES IMPERIUMS.[5]
Die Zeit in München bedeutet für Dorita Puig „Freiheit“ als „Abwesenheit von Verpflichtungen“. So verwundert es nicht, dass das Leben als anerkannte Dichterin erst kommt, nachdem der Sohn im wahrsten Sinne aus dem Haus ist und die Termine des sehr geselligen Ehemanns abnehmen. Mit dem Alter kommt der Fokus auf das Schreiben im großen Stil zurück.
Dorita Puig (2026)
Was „en vogue“ ist, interessiert sie dabei nicht. „Mein Vater erklärte mir früh die Sterne und Sternkonstellationen – davon zehre ich noch heute.“ Mit diesem Blick „aufs große Ganze“ wirft sie ihre Gedichte aus wie ein großes Netz. Für die existenziellen Themen, die sie beschäftigen, findet sie dabei immer neue Variationen.
DU SIEHST ES VOR DEINEN AUGEN AUFTAUCHEN,
EINE NOCH UNGEATMETE LUFT SUCHEND,
ZURÜCKBLEIBT DEIN RAUM
DER NOTWENDIGEN ABWESENHEITEN,
DIE FALSCHEN SONNEN – VERKOHLTE –,
DER KEIMENDE ATEM DES ABGRUNDS.
UND NIE WIRST DU WISSEN, WAS DU VERLOREN HAST,
GENAUSO WENIG WIE DU WISSEN KANNST,
WAS ES VERLOREN UND WIE VIEL GEREIST
EBEN JENES LICHT IST, DAS DICH ERLEUCHTET.[6]
Wenn man Puig zuhört, wie sie über ihr Schreiben spricht, klingt es faszinierend leicht: ‚Ich habe oft mehrere Gedichte auf einmal im Kopf und weiß eigentlich auch immer, wo das Stück, an das ich gerade denke, im Text stehen wird‘, erklärt sie mir. Diese Leichtigkeit steht im krassen Kontrast zu den Gedichten selbst, die von solch existentiellem Ton durchdrungen sind.
ICH SCHREIBE MIT DEM ERBE
MEINER AUGEN
ÜBER DEN GLANZ
VON JEDEM MEINER ALTER.[7]
Dass sie sich so treu bleibt und im Alter immer hartnäckiger ihren (Schreib-)Raum zu verteidigen weiß, mag auch an den vielen Leben liegen, die sie schon gelebt hat – so entrann sie infolge einer schweren Erkrankung einmal nur knapp dem Tod. Das macht die verbleibende Zeit umso kostbarer und die Gründe, sich zu verbiegen, werden weniger.
Dieses größtenteils selbst gewählte Außenseitertum steht ihr, ist ihr Lieblingsplatz doch der auf dem Haidhauser blauen Sofa, wo sie denkt, schreibt und, früher häufiger, heute hin und wieder, raucht. Unter Freundinnen und Freunden ist ihr „sofa azúl“, das blaue Sofa, zum geflügelten Wort geworden: dafür, dass die Dichterin diesen Raum ganz für sich braucht; dass sie diesen Rückzug sucht – auch um dann wieder hinaus in die Welt zu treten. Nicht zuletzt, um den zahlreichen Einladungen auf die verschiedenen Buchmessen nachzukommen: Guadalajara, Buenos Aires, Los Angeles, Paris und Frankfurt am Main, um die wichtigsten zu nennen. Sie nimmt diese Einladungen mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit an, wie einen Auftrag, den man zu erfüllen hat.
Auch wenn die große Anerkennung in Deutschland bislang ausgeblieben und sie nur wenigen Eingeweihten bekannt ist – etwa durch eine Publikation in der Literaturzeitschrift Akzente (Hanser Verlag) 2013 auf Einladung von Michael Krüger – ist spürbar, wie relevant ihre Poesie ist: Eine, die sich nicht scheut, die großen Fragen unserer Existenz aufzugreifen.
Auf den europäischen Kontinent konnte sie mittlerweile immerhin vordringen, als sie in Spanien, ihrer zeitweisen Zweit-Wahlheimat, zwei Gedichtbände veröffentlichte: 2022 Después del estallido (zu Deutsch etwa: Nach dem Zerbersten) und Luciérnaga del llanto (zu Deutsch etwa: Glühwürmchen des Weinens), 2024 bei Editorial La Fragua del Trovador.
DU SCHREIBST, TROTZ DER ENTDECKUNG,
DASS JENSEITS DER SPRACHE
DAS GEDICHT
EINE ABSTRAKTION DES LEBENS IST
UND AUCH DES TODES.[8]
Es juckt mich in den Fingern, mindestens diese beiden Bände zu übersetzen, um endlich einen deutschen Verlag zu finden, der Dorita Puigs Gedichte auch im deutschsprachigen Raum einem breiteren Publikum bekannt macht und ihr die Anerkennung beschert, die sie verdient – auf dass die hiesige Leserschaft beginnt, mit ihr zu den Sternen zu schauen.
[1] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT, 1, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[2] ALAM = Akronym von Autores Latinoamericanos en Múnich, vgl. den Artikel bei der Monacensia von Sara Gómez ab Januar 2026 auf
mon-mag.de.
[3] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT, 32, erschienen bei Dunken, Argentinien, 2012, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[4] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT II, erschienen bei Dunken, Argentinien, 2013, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[5] Dorita Puig: DESPUÉS DEL ESTALLIDO, 1, Papeles De Trasmoz, Aragón, Spanien 2022, in der Übertragung von Sara Gómez, München, 2025.
[6] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT IV, 23, erschienen bei Dunken, Argentinien, 20XX, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2016.
[7] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT IV, 9, erschienen bei Dunken, Argentinien, 20XX, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2016.
[8] Dorita Puig: DESPUÉS DEL ESTALLIDO, 29, Papeles De Trasmoz, Aragón, Spanien 2022, in der Übertragung von Sara Gómez, München, 2025.
Artikel von Sara Gómez zu ALAM (Gruppe Lateinamerikanischer Autoren in München)
Die Welt der Dichterin Dorita Puig>
Die argentinische Lyrikerin Dorita Puig lebt seit rund einem halben Jahrhundert in Deutschland, die meiste Zeit davon in München. In ihrem Herkunftsland eine anerkannte Dichterin, ist Puig mit ihren von der Schriftstellerin Sara Gomez ins Deutsche übersetzten Gedichten noch zu entdecken. Ein Porträt.
*
ICH BRAUCHE EIN WORT,
DAS DIE NACHT TEILT,
UM ZU REGIEREN.[1]
Mit diesem Paukenschlag beginnt der erste Gedichtband Dorita Puigs – ihr Debüt als Lyrikerin nach rund 35 Jahren in Deutschland. Die Autorin hat zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Leben gelebt: die Biografie einer Abtrünnigen, die den patriarchalen Strukturen ihrer Familie und weiten Teilen des ländlichen Argentiniens entflieht; die Jahre einer Immigrantin in den 1970ern und 1980ern in Deutschland, in deren Herkunftsland zu diesem Zeitpunkt eine der brutalsten Militärdiktaturen Lateinamerikas tobt; das Leben als Mutter, zwischenzeitlich als Alleinerziehende; das Leben als Begründerin der Gruppe Lateinamerikanischer Autoren in München, ALAM,[2] und schließlich der – von außen betrachtet späte – Schritt zur anerkannten Dichterin. Wobei sie Anerkennung vor allem in ihrem Herkunftsland findet – eine Art Friede, der über den Atlantik hinweg geschlossen wurde und dazu führt, dass Puig nun regelmäßig zurück nach Argentinien reist.
In ihren Texten behandelt sie: Erinnerungen, die Unendlichkeit, die Macht des Wortes und immer wieder das Schreiben selbst.
MAG SEIN, DASS SIE UNS EINES TAGES
DEN HIMMEL ZURÜCKGEBEN,
MAG SEIN, DASS SIE EINES TAGES
DIESEN BERUF VERZEIHEN,
MAG SEIN, DASS SIE UNS EINES TAGES
FREISPRECHEN
VON WORTEN UND TINTE
UND DEN GEDICHTEN,
GESCHRIEBEN HINTER GOTTES RÜCKEN.[3]
Bei ihrem ersten Gedichtband ist Dorita Puig Ende 50. Es ist die Geschichte einer Emanzipationsbewegung: Ganz unabhängig von ihrem Mann, ihren Freunden und Familie, lanciert sie beim argentinischen Verlag Editorial Dunken den ersten Band der liebevoll abgekürzten ‚Infinitudes‘/ ‚Unendlichkeiten‘ – von denen es mittlerweile neun gibt! – und rechnet nicht mit den Ereignissen, die sich seitdem überschlagen: 2012 bringt sie das erste der schmalen Bücher heraus, welches bereits der charakteristische blaue Schmetterling schmückt. Bereits ein Jahr später ist die erste Auflage vergriffen, wird die zweite gedruckt und ist die Autorin dabei, den zweiten Gedichtband herauszugeben.
VON JENEN KINDLICHEN STUNDEN,
VON JENEN EINSAMEN STUNDEN
BEWAHRTE ICH DAS HEILIGE BEBEN
UND DIE OZEANISCHE FRUCHTBARKEIT
DES UNGESAGTEN.
ICH LERNTE, DIE TRAURIGEN STIMMEN
ZUM SCHWEIGEN ZU BRINGEN,
DIE TRÄNEN AUF DER SEITE DES WEINENS ZU BELASSEN
UND DEM ATMEN DER LUFT ZU LAUSCHEN
DURCH DIESE GESCHRIEBENE ÖFFNUNG.[4]
Aufgewachsen ist Dorita Puig in Paraná, in der argentinischen Provinz Entre Ríos. Dieses ‚zwischen den Flüssen‘ prägt die Autorin über den Ozean hinweg bis heute. Sie hat sich von früher Kindheit an weg-fantasiert und auch früh weg-geschrieben. Mit den ungeschriebenen Gesetzen, der vor allem im ländlichen Raum sehr patriarchalen Gesellschaft der 1950er-1970er Argentiniens, konnte sie nichts anfangen: Einen Mann zu finden, früh zu heiraten und sich dann in die Rolle der Mutter und Versorgerin einzufinden, schwebte ihr nicht vor.
„Ich wusste, dass ich anders bin“, sagt sie mir in einem unserer zahlreichen Gespräche. Unterstützung erhielt sie im Familienkosmos ausschließlich durch ihren Vater, der sie ermunterte, weiterzuschreiben, zu studieren und letztlich auch: aus Argentinien wegzugehen. Ausgestattet mit der Adresse ihres damals besten Freundes, der zurück nach Deutschland gezogen war, kommt sie als junge Frau 1978 nach Wetzlar, wo sie später ihren ersten Mann und Vater ihres Sohnes kennenlernt. Sie, die nie daran dachte, Mutter zu werden, hat jeden einzelnen der Gedichtbände ihrem 1988 geborenen Sohn – Carlos Elías – gewidmet, und an manchen Stellen blitzt diese, ebenfalls so existentielle Erfahrung, einen Menschen zu Welt gebracht zu haben, in den Texten auf.
Dorita Puig mit Sara Gómez (2016)
Im Gespräch macht sie keinen Hehl daraus, dass es nicht leicht war, alles unter einen Hut zu kriegen. „Es ging immer darum, irgendwie zum Schreiben zu kommen“, resümiert sie. Dass sie dabei an Autorinnen wie Tillie Olsen (Ich steh hier und bügle) erinnert, kommt nicht von ungefähr. Bis Dorita Puig das berühmte „Zimmer für sich allein“ hatte und erfolgreich verteidigte, vergingen viele Jahre. Jahre, in denen sie nicht zuletzt die Schattenseiten der Immigranten-Vita erlebte: mit den schlecht bezahlten Aushilfstätigkeiten; damit, dass ausländische Abschlüsse hierzulande meist nichts gelten; mit der Sprachbarriere. Trotz all dieser Schatten erlebt sie diese Zeit vor allem als Befreiung. „Deutschland gab mir Freiheit“, blickt sie auf die mittlerweile fast 50 Jahre hier zurück.
Puigs Leben in München
Ihr Studium der Rechts- und Geisteswissenschaften in Argentinien, das viele Schreiben und In-den-Himmel-Schauen als Kind und dann die Gründung einer Schreibgruppe (ALAM) in München in den 1990ern sind der Stoff, aus dem sie sich ihre ‚autodidaktische Schreibschule‘ schuf.
ALAM, das Akronym für Autores Latinoamericanos en Múnich, war ein loser Zusammenschluss verschiedener lateinamerikanischer Schreibender, die sich auf einem ähnlichen Niveau bewegten, wenngleich ihr Ton, Stil und ihre Themen sich stark unterschieden. Gemeinsam war ihnen jedoch das Herkunftsland in der Ferne, in auffällig vielen lateinamerikanischen Ländern tobten um die 1970er-Jahre Militärdiktaturen, die ihren Schatten weit bis in die 1990er, der Entstehung und Blütezeit von ALAM, warfen und den Autorinnen und Autoren eine Rückkehr erschwerte; wenn nicht sogar verunmöglichte. So auch in Puigs Herkunftsland Argentinien.
Mit dem Umzug nach München und ihrer (zweiten) Ehe mit einem uruguayischen Literaturwissenschaftler, fand Dorita Puig schnell Zugang zur lateinamerikanischen Community Münchens jener Jahre. Ein bunter Vogel war sie wohl schon damals, doch fand sie ein Netzwerk, indem sie eben dieses – heute würden wir sagen – „Texttreffen“ initiierte. ALAM traf sich etwa alle drei Monate, oftmals unter Einladung verschiedener Gastautorinnen und -autoren, und veranstaltete von Beginn an viele Lesungen, häufig in Kooperation mit dem Instituto Cervantes. Die wenigen Texte, die Puig im Rahmen von ALAM-Projekten veröffentlichte, tragen zwar schon ihre Poesie in sich, aber bewegen sich noch im Raum der Prosa und wirken nicht ganz so existentiell wie die späteren Verse.
EIN GEDICHT ZU SCHREIBEN
ÄHNELT DEM ASCHEGEHOBENEN ERSCHAFFEN
EINES IMPERIUMS.[5]
Die Zeit in München bedeutet für Dorita Puig „Freiheit“ als „Abwesenheit von Verpflichtungen“. So verwundert es nicht, dass das Leben als anerkannte Dichterin erst kommt, nachdem der Sohn im wahrsten Sinne aus dem Haus ist und die Termine des sehr geselligen Ehemanns abnehmen. Mit dem Alter kommt der Fokus auf das Schreiben im großen Stil zurück.
Dorita Puig (2026)
Was „en vogue“ ist, interessiert sie dabei nicht. „Mein Vater erklärte mir früh die Sterne und Sternkonstellationen – davon zehre ich noch heute.“ Mit diesem Blick „aufs große Ganze“ wirft sie ihre Gedichte aus wie ein großes Netz. Für die existenziellen Themen, die sie beschäftigen, findet sie dabei immer neue Variationen.
DU SIEHST ES VOR DEINEN AUGEN AUFTAUCHEN,
EINE NOCH UNGEATMETE LUFT SUCHEND,
ZURÜCKBLEIBT DEIN RAUM
DER NOTWENDIGEN ABWESENHEITEN,
DIE FALSCHEN SONNEN – VERKOHLTE –,
DER KEIMENDE ATEM DES ABGRUNDS.
UND NIE WIRST DU WISSEN, WAS DU VERLOREN HAST,
GENAUSO WENIG WIE DU WISSEN KANNST,
WAS ES VERLOREN UND WIE VIEL GEREIST
EBEN JENES LICHT IST, DAS DICH ERLEUCHTET.[6]
Wenn man Puig zuhört, wie sie über ihr Schreiben spricht, klingt es faszinierend leicht: ‚Ich habe oft mehrere Gedichte auf einmal im Kopf und weiß eigentlich auch immer, wo das Stück, an das ich gerade denke, im Text stehen wird‘, erklärt sie mir. Diese Leichtigkeit steht im krassen Kontrast zu den Gedichten selbst, die von solch existentiellem Ton durchdrungen sind.
ICH SCHREIBE MIT DEM ERBE
MEINER AUGEN
ÜBER DEN GLANZ
VON JEDEM MEINER ALTER.[7]
Dass sie sich so treu bleibt und im Alter immer hartnäckiger ihren (Schreib-)Raum zu verteidigen weiß, mag auch an den vielen Leben liegen, die sie schon gelebt hat – so entrann sie infolge einer schweren Erkrankung einmal nur knapp dem Tod. Das macht die verbleibende Zeit umso kostbarer und die Gründe, sich zu verbiegen, werden weniger.
Dieses größtenteils selbst gewählte Außenseitertum steht ihr, ist ihr Lieblingsplatz doch der auf dem Haidhauser blauen Sofa, wo sie denkt, schreibt und, früher häufiger, heute hin und wieder, raucht. Unter Freundinnen und Freunden ist ihr „sofa azúl“, das blaue Sofa, zum geflügelten Wort geworden: dafür, dass die Dichterin diesen Raum ganz für sich braucht; dass sie diesen Rückzug sucht – auch um dann wieder hinaus in die Welt zu treten. Nicht zuletzt, um den zahlreichen Einladungen auf die verschiedenen Buchmessen nachzukommen: Guadalajara, Buenos Aires, Los Angeles, Paris und Frankfurt am Main, um die wichtigsten zu nennen. Sie nimmt diese Einladungen mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit an, wie einen Auftrag, den man zu erfüllen hat.
Auch wenn die große Anerkennung in Deutschland bislang ausgeblieben und sie nur wenigen Eingeweihten bekannt ist – etwa durch eine Publikation in der Literaturzeitschrift Akzente (Hanser Verlag) 2013 auf Einladung von Michael Krüger – ist spürbar, wie relevant ihre Poesie ist: Eine, die sich nicht scheut, die großen Fragen unserer Existenz aufzugreifen.
Auf den europäischen Kontinent konnte sie mittlerweile immerhin vordringen, als sie in Spanien, ihrer zeitweisen Zweit-Wahlheimat, zwei Gedichtbände veröffentlichte: 2022 Después del estallido (zu Deutsch etwa: Nach dem Zerbersten) und Luciérnaga del llanto (zu Deutsch etwa: Glühwürmchen des Weinens), 2024 bei Editorial La Fragua del Trovador.
DU SCHREIBST, TROTZ DER ENTDECKUNG,
DASS JENSEITS DER SPRACHE
DAS GEDICHT
EINE ABSTRAKTION DES LEBENS IST
UND AUCH DES TODES.[8]
Es juckt mich in den Fingern, mindestens diese beiden Bände zu übersetzen, um endlich einen deutschen Verlag zu finden, der Dorita Puigs Gedichte auch im deutschsprachigen Raum einem breiteren Publikum bekannt macht und ihr die Anerkennung beschert, die sie verdient – auf dass die hiesige Leserschaft beginnt, mit ihr zu den Sternen zu schauen.
[1] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT, 1, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[2] ALAM = Akronym von Autores Latinoamericanos en Múnich, vgl. den Artikel bei der Monacensia von Sara Gómez ab Januar 2026 auf
mon-mag.de.
[3] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT, 32, erschienen bei Dunken, Argentinien, 2012, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[4] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT II, erschienen bei Dunken, Argentinien, 2013, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2014.
[5] Dorita Puig: DESPUÉS DEL ESTALLIDO, 1, Papeles De Trasmoz, Aragón, Spanien 2022, in der Übertragung von Sara Gómez, München, 2025.
[6] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT IV, 23, erschienen bei Dunken, Argentinien, 20XX, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2016.
[7] Dorita Puig: VON KURZER UNENDLICHKEIT IV, 9, erschienen bei Dunken, Argentinien, 20XX, in der Übertragung von Sara Gómez, München 2016.
[8] Dorita Puig: DESPUÉS DEL ESTALLIDO, 29, Papeles De Trasmoz, Aragón, Spanien 2022, in der Übertragung von Sara Gómez, München, 2025.
Artikel von Sara Gómez zu ALAM (Gruppe Lateinamerikanischer Autoren in München)


