Rezension zu Maddalena Fingerles Roman „Mit deinen Augen“
Maddalena Fingerle, geboren 1993 in Norditalien, ist eine gefeierte Autorin, die derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nähe von München lebt. Ihr jüngster Roman, in Italien unter dem Originaltitel Pudore (Schamhaftigkeit) erschienen und 2025 als Mit deinen Augen auf Deutsch übersetzt, thematisiert die tiefgreifende Suche nach Identität und die Dynamik emotionaler Abhängigkeit. Im Zentrum steht Gaia, die nach der Trennung von ihrer Partnerin Veronika und einem überwältigenden Gefühl der Scham beginnt, ihre eigene Identität zu kaschieren. Sie nimmt die Rolle ihrer Expartnerin an, imitiert sie und versucht, sich selbst durch Veronikas Augen zu sehen. Corinne Theis hat den Roman fürs Literaturportal Bayern gelesen.
*
Innere Monologe und fiktives Du
Was bei Maddalena Fingerles neuem Roman Mit deinen Augen sofort auffällt, ist die Erzählform. Gaia, die nicht nur als Protagonistin, sondern auch als autodiegetische Erzählerin fungiert, richtet sich über weite Strecken der erzählten Zeit an ein fiktives Du. Bei diesem handelt es sich jedoch nicht um den Leser, sondern um Veronika, die Exfreundin Gaias. Durch diese Adressierung erhält die Erzählung eine Art Briefcharakter und erinnert – auch aufgrund der Tatsache, dass Gaia die Erzählung letztlich für sich und den Leser behält – an eine Form des imaginären oder fiktiven Tagebuchs.
Die zahlreichen inneren Monologe der Erzählerin untermauern diesen Eindruck: Während Gaia mit anderen Figuren nur selten über ihre Gefühle spricht, nimmt der Leser an ihren Träumen, ehrlichen Gefühlen und inneren Gedankengängen teil – selbst dann, wenn Gaia abschweift und sich in abstruse Fantasien verstrickt. Dies wird bereits zu Beginn des Romans deutlich, als sie einem wildfremden Mann, dem sie ihr ehemaliges Bett schenkt, den Namen Joe verleiht und ihn als Helden stilisiert.
Veronika als Antagonistin
Doch obwohl der Leser an Gaias Reflexionen teilnimmt, ist er zunächst dennoch überrascht über ihren Versuch, wie ihre Exfreundin auszusehen und sogar ihre Wohnung möglichst nach deren Vorbild einzurichten. Man staunt als Leser auch nicht schlecht, als die Erzählung in medias res einsetzt und Gaia gerade dabei ist, sich eine Glatze zu rasieren. Für sie, die den Haaren eine besondere Bedeutung beimisst – denn „jeder Zentimeter entspricht einem kleinen Stück Leben“ (S. 28) –, bedeutet dieser Schritt der verzweifelte Versuch, sich von ihrem früheren Ich abzugrenzen. Von einem Ich, das von Veronika verlassen wurde und von dem Gaia überzeugt ist, dass Veronika sich seiner schämte.
Dass Veronika an keiner Stelle der Erzählung selbst als handelnde Figur auftritt, sondern lediglich in den Erzählungen, Erinnerungen, Träumen und Fantasien Gaias existiert, macht sie zu einer gefährlichen Antagonistin, die Gaias Leben beeinflusst und ihr Handeln steuert. Der Leser wird Zeuge, wie Gaia zunächst zwischen dem Gefühl persönlicher Unsicherheit und dem späteren Wunsch nach Freiheit einerseits sowie einer destruktiven Obsession für ihre Exfreundin andererseits oszilliert.
Zwischen Simulation und Dissimulation: Gaias Spiel mit der Maske
In einem sich über mehrere Seiten erstreckenden Prozedere versucht Gaia minutiös, die Physiognomie und das Auftreten Veronikas möglichst exakt zu imitieren. „Ich grundiere die Leinwand mit einem leichten Primer, dann trage ich immer dickere Schichten auf, bedecke das Gesicht mit einer Farbe, die ganz mit mir verschmilzt. Mit dem grünen eierförmigen Schwämmchen tupfe ich noch eine Schicht helle Foundation auf das Gesicht, das nicht mehr meins ist, aber auch noch nicht deines“ (S. 12f.).
Die „Leinwand“ als Metapher für das eigene Gesicht versinnbildlicht diese Identitätslosigkeit und verweist zugleich auf das literaturwissenschaftliche Motiv der Maske (vgl. Ansgar Michael Hüls: Maske und Identität, 1994). Unternimmt Gaia den Versuch, mittels der Schminke so auszusehen wie Veronika, erschafft sie sich eine Art Maske, die nicht nur über ihre eigene Identitätslosigkeit hinwegtäuschen, sondern zugleich auch ihre wahren Gefühle vor der Gesellschaft verhüllen soll: „Gefasst bleiben ist ein Ideal, das ich seit Jahren vergeblich anstrebe.“ In diesem Sinne tritt das Motiv der Maske in ein Spannungsfeld zwischen Simulation und Dissimulation.
Letztere Auslegung des Motivs erinnert an Helmut Lethens Interpretation der Maskierung in der Zwischenkriegszeit in seiner Arbeit Verhaltenslehren der Kälte (1994). Diese Form der Selbstinszenierung resultiert folglich in einer Art Maskierung, bei der der Einzelne eine distanzierte und kühle Haltung einnimmt. Lethen verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine von der Literatur entworfene Kunstfigur der „kalten persona“. Dabei handelt es sich um Figuren, die sich „an ihren ‚froids posés‘ [erkennen lassen]; sie machen sich taub gegen den Herz-Ton der Klage, desensibilisieren sich gegen alles Authentische und sperren sich mit allen Raffinessen, den ‚cri de la nature‘ zum Ausdruck kommen zu lassen“. Eine solche sachliche Selbstinszenierung als Möglichkeit zur Dissimulation der eigenen Gefühle tritt auch bei Gaia offen zutage: Fremden wie Freunden gegenüber zeigt sie sich kühl und distanziert und gibt keine Gefühle preis.
„Ich bin nicht wie sie, ich bin wie du“
So auch im Verhältnis zu ihrer Familie. Die Eltern und den Bruder beschreibt Gaia als fast schon heuchlerische und prätentiöse Menschen, bei denen Bücher „nur dazu [dienen], die eigene Überlegenheit zu demonstrieren“ (S. 42) und sich Vorbehalte gegenüber sozial niedriger gestellten Menschen ebenso natürlich anfühlen wie das Gefühl der Berechtigung, sich aufgrund des eigenen Reichtums für etwas Besseres zu halten. Für ihre Eltern „ist der Supermarkt ein No-Go, ein schmutziger Ort, wo es nur Junkfood und minderwertige Produkte gibt. Meine Eltern schicken Filomena in Delikatessenläden, [...] zum Viktualienmarkt, dem Schickimicki-Markt, und zu Eataly, denn jedes einzelne Ding muss am richtigen Ort gekauft werden“ (S. 80).
Je mehr der Leser über die Eltern erfährt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass Gaias Familie dem Schein des Seins einen höheren Stellenwert beimisst als tatsächlichen moralischen Werten und Normen. Filomena, die Haushälterin und langjährige Angestellte im Elternhaus, repräsentiert demgegenüber das genaue Gegenteil. Sie hat Gaia und ihren Bruder aufgezogen, mit ihnen die Ferien verbracht und gespielt, während der Vater arbeitete und die Mutter „währenddessen die leere Wohnung in München [genoss]“ (S. 101). Sie kochte für Gaia, las ihr aus Büchern vor, „die bei uns keiner las, weil sie als Schund galten“ (S. 48), und kümmerte sich um sie, wenn sie krank war.
Diese enge Verbundenheit ist bis in Gaias Erwachsenenalter bestehen geblieben; anders als bei allen anderen fühlt sie sich bei Filomena „zu Hause“ (S. 40) und will vor ihr „nichts verheimlichen“ (S. 108) – nicht einmal ihre Homosexualität, die sie vor ihren Eltern verbirgt. Filomena gibt Gaia ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, ein Gefühl, das ihr im Umgang mit ihren Eltern stets fehlte. Entsprechend fallen die Beschreibungen Filomenas im Kontrast zu denen der leiblichen Familie deutlich positiver aus. Die Italienerin repräsentiert für Gaia ein einfaches Leben, in dem gutes italienisches Essen und moralisch anständige Werte höher geschätzt werden als Reichtum und Prestige.
Wie Filomena verkörpert auch Veronika ein solches einfaches Leben, dem Gaia sich näher fühlt als dem ihrer Eltern: „Ich bin nicht wie sie [gemeint ist Gaias Familie], ich bin wie du.“ (S. 48) Fernab ihrer Eltern, für die sie ihrer Meinung nach „eine große Enttäuschung“ (S. 35) war, und einer Mutter, die „einfach etwas gegen [sie]“ (S. 21) hatte, zeigte Veronika ihr ein Leben, das Gaia sich immer gewünscht hatte: ein Leben voller Höhen und Tiefen, Authentizität und Liebe. Veronika war nicht nur spontan, sie interessierte sich auch für Gaia und machte ihr Komplimente – sie gab ihr das Gefühl, wertvoll zu sein, und schenkte ihr damit ein Selbstbewusstsein, das ihr bislang gefehlt hatte. Mit der Trennung zerbrach diese neu gewonnene Sicherheit: „[Mir] fehlt, wie ich mich mit dir gefühlt habe. Wenn wir zusammen waren, machtest du mir immer tausend Komplimente. Jetzt, wo du nicht mehr da bist, sagt mir keiner, wie gut ich alles mache, wie schön ich bin, und vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ich versuche, wie du zu werden“ (S. 34).
Gaias Wohnung als Metapher für ihr Innenleben
Tatsächlich kommt Gaias Wohnung im Roman eine zentrale Bedeutung zu, fungiert sie doch als Metapher für ihr Innenleben beziehungsweise als dessen Spiegel. Nicht nur verändert Gaia parallel zu ihrem eigenen Äußeren auch die Inneneinrichtung der Wohnung; vielmehr korreliert die Wohnung, die zwar in einer der teuren Gegenden Münchens liegt, jedoch von Schimmel befallen ist und damit aus dem Raster der übrigen Wohnungen des „Schickimicki-Viertels“ (S. 184) fällt, in mehrfacher Hinsicht mit ihrer Bewohnerin. Auch Gaia zählt aufgrund ihrer Herkunft zur oberen Schicht Münchens, fühlt sich dort jedoch ebenso fehl am Platz.
Darüber hinaus symbolisiert die Wohnung für Gaia die Möglichkeit, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und sich aus dem goldenen Käfig des Elternhauses zu befreien. Sie hat – wie Gaia selbst – ihre Makel, doch in ihr fühlt die Protagonistin sich frei. Entsprechend groß ist ihre Bestürzung, als ihr Vater ihr die Wohnung kaufen möchte und diese Freiheit ihr zu entgleiten droht. Dass diese jedoch bereits durch ihre emotionale Abhängigkeit von Veronika und die damit einhergehende Typveränderung sowie durch die Umgestaltung der Wohnung bereits zunehmend verschwunden ist, realisiert Gaia zunächst nicht. Selbst dann noch hält sie an ihrer „Maskerade“ (S. 145) fest, als sie längst einräumt, dass sich ihr Leben „komplett verändert [hat], weil ich spiele, ohne mich dabei zu amüsieren, dass ich du bin“ (S. 134), und ihre Wohnung ihr „jetzt wie eine Parodie auf das, was [sie] eigentlich vorhatte, erscheint“ (S. 145).
Gaias mentale Gesundheit und ihr Prozess der Selbstermächtigung
Wenn sich nach und nach der Wille nach Selbstermächtigung und Freiheit regt, ist dies vor allem der Verdienst von Emilio, Gaias Psychologen. Er bietet ihr einen Raum, in dem sie „alles sagen und denken“ darf und als „Art Verlängerung [ihrer] Gedanken“ fungiert (S. 166). Selbst wenn sie ihm zunächst nicht viel Bedeutung beimisst, ist er es, der Gaia nach und nach zum Sprechen bringt und sie vor allem dazu anregt, über ihre Beziehung und die Trennung zu reflektieren.
Obwohl sie während des Romans immer wieder an der Therapie zweifelt, sehnt sie sich danach, sich jemandem zu öffnen, sicherer zu werden und sich von Veronika zu lösen. Dass ihr dies tatsächlich gelingt, wird nicht nur von Emilio bestätigt (S. 169), sondern spiegelt sich auch in ihrem Handeln wider: Sie lässt davon ab, Veronika mit dem fiktiven Du anzusprechen, sondern nennt sie in der dritten Person Singular, streicht die Zimmer ihrer Wohnung neu, trägt Makeup, ohne „wie ein Clown“ (S. 217) aussehen zu wollen, kauft sich ein Kleid, das allein ihr gefällt, und entscheidet sich dazu, eine Kunsthaarperücke zu erwerben, die ihrem Naturhaar gleicht: „Der Ton ist weich und warm. Aber vor allem ist es der richtige, mein eigener“ (S. 216).
Fazit
Mit deinen Augen ist ein berührender Roman, der vor allem durch die langen inneren Monologe besticht. Indem Gaia den Leser an ihren Gedankengängen, Zweifeln und Fantasien teilhaben lässt, fühlt dieser sich ihr nahe und wird Zeuge ihrer inneren Zerrissenheit und der Suche nach der eigenen Identität. Der Roman demonstriert anhand von Gaias Geschichte, dass jede Trennung individuell verarbeitet werden muss und oft mit Schmerz und Selbstzweifel einhergehen kann. Daher ist es umso wichtiger, dass Autor*innen wie Maddalena Fingerle ein Licht auf die mentale Gesundheit und psychologischen Beistand lenken. Der Roman führt deutlich vor Augen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, Hilfe aufzusuchen, sondern Ausdruck von Stärke und Selbstermächtigung. Eine Stärke, die Gaia nicht zuletzt selbst bewiesen hat. In ihrer Einsicht am Ende des Romans klingt daher der Hauch einer leisen, fragilen Form der Befreiung von emotionaler Abhängigkeit an: „Ich komme allein zurecht und bin niemandem etwas schuldig. Ich fühle mich leicht und befreit, überall Sonne und keinerlei Sorgen.“ (S. 221)
Maddalena Fingerle: Mit deinen Augen. Roman. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. Luchterhand Literaturverlag. 2025, 224 S., ISBN: 978-3-630-87798-3
Rezension zu Maddalena Fingerles Roman „Mit deinen Augen“>
Maddalena Fingerle, geboren 1993 in Norditalien, ist eine gefeierte Autorin, die derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nähe von München lebt. Ihr jüngster Roman, in Italien unter dem Originaltitel Pudore (Schamhaftigkeit) erschienen und 2025 als Mit deinen Augen auf Deutsch übersetzt, thematisiert die tiefgreifende Suche nach Identität und die Dynamik emotionaler Abhängigkeit. Im Zentrum steht Gaia, die nach der Trennung von ihrer Partnerin Veronika und einem überwältigenden Gefühl der Scham beginnt, ihre eigene Identität zu kaschieren. Sie nimmt die Rolle ihrer Expartnerin an, imitiert sie und versucht, sich selbst durch Veronikas Augen zu sehen. Corinne Theis hat den Roman fürs Literaturportal Bayern gelesen.
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Innere Monologe und fiktives Du
Was bei Maddalena Fingerles neuem Roman Mit deinen Augen sofort auffällt, ist die Erzählform. Gaia, die nicht nur als Protagonistin, sondern auch als autodiegetische Erzählerin fungiert, richtet sich über weite Strecken der erzählten Zeit an ein fiktives Du. Bei diesem handelt es sich jedoch nicht um den Leser, sondern um Veronika, die Exfreundin Gaias. Durch diese Adressierung erhält die Erzählung eine Art Briefcharakter und erinnert – auch aufgrund der Tatsache, dass Gaia die Erzählung letztlich für sich und den Leser behält – an eine Form des imaginären oder fiktiven Tagebuchs.
Die zahlreichen inneren Monologe der Erzählerin untermauern diesen Eindruck: Während Gaia mit anderen Figuren nur selten über ihre Gefühle spricht, nimmt der Leser an ihren Träumen, ehrlichen Gefühlen und inneren Gedankengängen teil – selbst dann, wenn Gaia abschweift und sich in abstruse Fantasien verstrickt. Dies wird bereits zu Beginn des Romans deutlich, als sie einem wildfremden Mann, dem sie ihr ehemaliges Bett schenkt, den Namen Joe verleiht und ihn als Helden stilisiert.
Veronika als Antagonistin
Doch obwohl der Leser an Gaias Reflexionen teilnimmt, ist er zunächst dennoch überrascht über ihren Versuch, wie ihre Exfreundin auszusehen und sogar ihre Wohnung möglichst nach deren Vorbild einzurichten. Man staunt als Leser auch nicht schlecht, als die Erzählung in medias res einsetzt und Gaia gerade dabei ist, sich eine Glatze zu rasieren. Für sie, die den Haaren eine besondere Bedeutung beimisst – denn „jeder Zentimeter entspricht einem kleinen Stück Leben“ (S. 28) –, bedeutet dieser Schritt der verzweifelte Versuch, sich von ihrem früheren Ich abzugrenzen. Von einem Ich, das von Veronika verlassen wurde und von dem Gaia überzeugt ist, dass Veronika sich seiner schämte.
Dass Veronika an keiner Stelle der Erzählung selbst als handelnde Figur auftritt, sondern lediglich in den Erzählungen, Erinnerungen, Träumen und Fantasien Gaias existiert, macht sie zu einer gefährlichen Antagonistin, die Gaias Leben beeinflusst und ihr Handeln steuert. Der Leser wird Zeuge, wie Gaia zunächst zwischen dem Gefühl persönlicher Unsicherheit und dem späteren Wunsch nach Freiheit einerseits sowie einer destruktiven Obsession für ihre Exfreundin andererseits oszilliert.
Zwischen Simulation und Dissimulation: Gaias Spiel mit der Maske
In einem sich über mehrere Seiten erstreckenden Prozedere versucht Gaia minutiös, die Physiognomie und das Auftreten Veronikas möglichst exakt zu imitieren. „Ich grundiere die Leinwand mit einem leichten Primer, dann trage ich immer dickere Schichten auf, bedecke das Gesicht mit einer Farbe, die ganz mit mir verschmilzt. Mit dem grünen eierförmigen Schwämmchen tupfe ich noch eine Schicht helle Foundation auf das Gesicht, das nicht mehr meins ist, aber auch noch nicht deines“ (S. 12f.).
Die „Leinwand“ als Metapher für das eigene Gesicht versinnbildlicht diese Identitätslosigkeit und verweist zugleich auf das literaturwissenschaftliche Motiv der Maske (vgl. Ansgar Michael Hüls: Maske und Identität, 1994). Unternimmt Gaia den Versuch, mittels der Schminke so auszusehen wie Veronika, erschafft sie sich eine Art Maske, die nicht nur über ihre eigene Identitätslosigkeit hinwegtäuschen, sondern zugleich auch ihre wahren Gefühle vor der Gesellschaft verhüllen soll: „Gefasst bleiben ist ein Ideal, das ich seit Jahren vergeblich anstrebe.“ In diesem Sinne tritt das Motiv der Maske in ein Spannungsfeld zwischen Simulation und Dissimulation.
Letztere Auslegung des Motivs erinnert an Helmut Lethens Interpretation der Maskierung in der Zwischenkriegszeit in seiner Arbeit Verhaltenslehren der Kälte (1994). Diese Form der Selbstinszenierung resultiert folglich in einer Art Maskierung, bei der der Einzelne eine distanzierte und kühle Haltung einnimmt. Lethen verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine von der Literatur entworfene Kunstfigur der „kalten persona“. Dabei handelt es sich um Figuren, die sich „an ihren ‚froids posés‘ [erkennen lassen]; sie machen sich taub gegen den Herz-Ton der Klage, desensibilisieren sich gegen alles Authentische und sperren sich mit allen Raffinessen, den ‚cri de la nature‘ zum Ausdruck kommen zu lassen“. Eine solche sachliche Selbstinszenierung als Möglichkeit zur Dissimulation der eigenen Gefühle tritt auch bei Gaia offen zutage: Fremden wie Freunden gegenüber zeigt sie sich kühl und distanziert und gibt keine Gefühle preis.
„Ich bin nicht wie sie, ich bin wie du“
So auch im Verhältnis zu ihrer Familie. Die Eltern und den Bruder beschreibt Gaia als fast schon heuchlerische und prätentiöse Menschen, bei denen Bücher „nur dazu [dienen], die eigene Überlegenheit zu demonstrieren“ (S. 42) und sich Vorbehalte gegenüber sozial niedriger gestellten Menschen ebenso natürlich anfühlen wie das Gefühl der Berechtigung, sich aufgrund des eigenen Reichtums für etwas Besseres zu halten. Für ihre Eltern „ist der Supermarkt ein No-Go, ein schmutziger Ort, wo es nur Junkfood und minderwertige Produkte gibt. Meine Eltern schicken Filomena in Delikatessenläden, [...] zum Viktualienmarkt, dem Schickimicki-Markt, und zu Eataly, denn jedes einzelne Ding muss am richtigen Ort gekauft werden“ (S. 80).
Je mehr der Leser über die Eltern erfährt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass Gaias Familie dem Schein des Seins einen höheren Stellenwert beimisst als tatsächlichen moralischen Werten und Normen. Filomena, die Haushälterin und langjährige Angestellte im Elternhaus, repräsentiert demgegenüber das genaue Gegenteil. Sie hat Gaia und ihren Bruder aufgezogen, mit ihnen die Ferien verbracht und gespielt, während der Vater arbeitete und die Mutter „währenddessen die leere Wohnung in München [genoss]“ (S. 101). Sie kochte für Gaia, las ihr aus Büchern vor, „die bei uns keiner las, weil sie als Schund galten“ (S. 48), und kümmerte sich um sie, wenn sie krank war.
Diese enge Verbundenheit ist bis in Gaias Erwachsenenalter bestehen geblieben; anders als bei allen anderen fühlt sie sich bei Filomena „zu Hause“ (S. 40) und will vor ihr „nichts verheimlichen“ (S. 108) – nicht einmal ihre Homosexualität, die sie vor ihren Eltern verbirgt. Filomena gibt Gaia ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, ein Gefühl, das ihr im Umgang mit ihren Eltern stets fehlte. Entsprechend fallen die Beschreibungen Filomenas im Kontrast zu denen der leiblichen Familie deutlich positiver aus. Die Italienerin repräsentiert für Gaia ein einfaches Leben, in dem gutes italienisches Essen und moralisch anständige Werte höher geschätzt werden als Reichtum und Prestige.
Wie Filomena verkörpert auch Veronika ein solches einfaches Leben, dem Gaia sich näher fühlt als dem ihrer Eltern: „Ich bin nicht wie sie [gemeint ist Gaias Familie], ich bin wie du.“ (S. 48) Fernab ihrer Eltern, für die sie ihrer Meinung nach „eine große Enttäuschung“ (S. 35) war, und einer Mutter, die „einfach etwas gegen [sie]“ (S. 21) hatte, zeigte Veronika ihr ein Leben, das Gaia sich immer gewünscht hatte: ein Leben voller Höhen und Tiefen, Authentizität und Liebe. Veronika war nicht nur spontan, sie interessierte sich auch für Gaia und machte ihr Komplimente – sie gab ihr das Gefühl, wertvoll zu sein, und schenkte ihr damit ein Selbstbewusstsein, das ihr bislang gefehlt hatte. Mit der Trennung zerbrach diese neu gewonnene Sicherheit: „[Mir] fehlt, wie ich mich mit dir gefühlt habe. Wenn wir zusammen waren, machtest du mir immer tausend Komplimente. Jetzt, wo du nicht mehr da bist, sagt mir keiner, wie gut ich alles mache, wie schön ich bin, und vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ich versuche, wie du zu werden“ (S. 34).
Gaias Wohnung als Metapher für ihr Innenleben
Tatsächlich kommt Gaias Wohnung im Roman eine zentrale Bedeutung zu, fungiert sie doch als Metapher für ihr Innenleben beziehungsweise als dessen Spiegel. Nicht nur verändert Gaia parallel zu ihrem eigenen Äußeren auch die Inneneinrichtung der Wohnung; vielmehr korreliert die Wohnung, die zwar in einer der teuren Gegenden Münchens liegt, jedoch von Schimmel befallen ist und damit aus dem Raster der übrigen Wohnungen des „Schickimicki-Viertels“ (S. 184) fällt, in mehrfacher Hinsicht mit ihrer Bewohnerin. Auch Gaia zählt aufgrund ihrer Herkunft zur oberen Schicht Münchens, fühlt sich dort jedoch ebenso fehl am Platz.
Darüber hinaus symbolisiert die Wohnung für Gaia die Möglichkeit, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und sich aus dem goldenen Käfig des Elternhauses zu befreien. Sie hat – wie Gaia selbst – ihre Makel, doch in ihr fühlt die Protagonistin sich frei. Entsprechend groß ist ihre Bestürzung, als ihr Vater ihr die Wohnung kaufen möchte und diese Freiheit ihr zu entgleiten droht. Dass diese jedoch bereits durch ihre emotionale Abhängigkeit von Veronika und die damit einhergehende Typveränderung sowie durch die Umgestaltung der Wohnung bereits zunehmend verschwunden ist, realisiert Gaia zunächst nicht. Selbst dann noch hält sie an ihrer „Maskerade“ (S. 145) fest, als sie längst einräumt, dass sich ihr Leben „komplett verändert [hat], weil ich spiele, ohne mich dabei zu amüsieren, dass ich du bin“ (S. 134), und ihre Wohnung ihr „jetzt wie eine Parodie auf das, was [sie] eigentlich vorhatte, erscheint“ (S. 145).
Gaias mentale Gesundheit und ihr Prozess der Selbstermächtigung
Wenn sich nach und nach der Wille nach Selbstermächtigung und Freiheit regt, ist dies vor allem der Verdienst von Emilio, Gaias Psychologen. Er bietet ihr einen Raum, in dem sie „alles sagen und denken“ darf und als „Art Verlängerung [ihrer] Gedanken“ fungiert (S. 166). Selbst wenn sie ihm zunächst nicht viel Bedeutung beimisst, ist er es, der Gaia nach und nach zum Sprechen bringt und sie vor allem dazu anregt, über ihre Beziehung und die Trennung zu reflektieren.
Obwohl sie während des Romans immer wieder an der Therapie zweifelt, sehnt sie sich danach, sich jemandem zu öffnen, sicherer zu werden und sich von Veronika zu lösen. Dass ihr dies tatsächlich gelingt, wird nicht nur von Emilio bestätigt (S. 169), sondern spiegelt sich auch in ihrem Handeln wider: Sie lässt davon ab, Veronika mit dem fiktiven Du anzusprechen, sondern nennt sie in der dritten Person Singular, streicht die Zimmer ihrer Wohnung neu, trägt Makeup, ohne „wie ein Clown“ (S. 217) aussehen zu wollen, kauft sich ein Kleid, das allein ihr gefällt, und entscheidet sich dazu, eine Kunsthaarperücke zu erwerben, die ihrem Naturhaar gleicht: „Der Ton ist weich und warm. Aber vor allem ist es der richtige, mein eigener“ (S. 216).
Fazit
Mit deinen Augen ist ein berührender Roman, der vor allem durch die langen inneren Monologe besticht. Indem Gaia den Leser an ihren Gedankengängen, Zweifeln und Fantasien teilhaben lässt, fühlt dieser sich ihr nahe und wird Zeuge ihrer inneren Zerrissenheit und der Suche nach der eigenen Identität. Der Roman demonstriert anhand von Gaias Geschichte, dass jede Trennung individuell verarbeitet werden muss und oft mit Schmerz und Selbstzweifel einhergehen kann. Daher ist es umso wichtiger, dass Autor*innen wie Maddalena Fingerle ein Licht auf die mentale Gesundheit und psychologischen Beistand lenken. Der Roman führt deutlich vor Augen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, Hilfe aufzusuchen, sondern Ausdruck von Stärke und Selbstermächtigung. Eine Stärke, die Gaia nicht zuletzt selbst bewiesen hat. In ihrer Einsicht am Ende des Romans klingt daher der Hauch einer leisen, fragilen Form der Befreiung von emotionaler Abhängigkeit an: „Ich komme allein zurecht und bin niemandem etwas schuldig. Ich fühle mich leicht und befreit, überall Sonne und keinerlei Sorgen.“ (S. 221)
Maddalena Fingerle: Mit deinen Augen. Roman. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. Luchterhand Literaturverlag. 2025, 224 S., ISBN: 978-3-630-87798-3
