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13.01.2026, 14:06 Uhr
Klaus Hübner
Rezensionen

Ein Tagungsband über Johann Pezzl

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Johann Pezzl, Silhouette. Aus: ders.: "Skizze von Wien" © BSB/Fotoarchiv Gerhard Habermann

In Bayern einst verfemt, in Wien als Vordenker geschätzt: Zum 200. Todestag des bedeutenden Aufklärers Johann Pezzl (1756-1823) rückte dessen vielschichtiges Werk wieder ins Rampenlicht. Der 2025 erschienene Tagungsband – die erste umfassende Monographie überhaupt – beleuchtet einen Schriftsteller zwischen Fortschrittsglauben, Zeitgeistsatire und dem harten Überlebenskampf als freier Autor. Klaus Hübner rezensiert die Beiträge einer Regensburger Fachtagung, die Pezzls literarisches Schaffen zwischen Praxis und Utopie neu vermessen.

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Wieland? Vielleicht. Riesbeck, Nicolai, Blumauer, Seume? Wezel, Klinger, Laukhard oder Westenrieder? Eher nicht. Lessing ist wohl die Ausnahme, doch abgesehen von seinen Schulstoff gewordenen Theaterstücken, vor allem dem Nathan, wird die der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts zugerechnete deutschsprachige Literatur kaum noch gelesen – sie ist, jedenfalls weitgehend, Literaturgeschichte geworden, eine Angelegenheit für Spezialisten also. Ein gutes Beispiel für diese Behauptung: Die Werke des 1756 als Sohn des Klosterbäckers im niederbayerischen Mallersdorf geborenen Johann Pezzl sind nur noch antiquarisch erhältlich – im Buchhandel kann man lediglich ein Audiobuch erwerben, Mit Johann Pezzl durch Bayern. Das war’s. „Das Gesamtwerk Pezzls ist aus dem Blick geraten“, stellen die Herausgeber des hier zu besprechenden Sammelbands fest und hoffen, dass dieser zur „Wiederentdeckung des Autors“ entscheidend beiträgt. Gegliedert ist er in vier Sektionen: 1. Publizistik und Polemik, 2. Das literarische Werk, 3. Religion und Religionskritik und 4. Politische Dimensionen – Wissenschafts-, Wirtschafts- und Kulturpolitik. Eingeleitet wird der Band durch literatur- und zeitgeschichtliche Informationen, wobei auch das Wichtigste über die Biografie des Autors zu erfahren ist. Zur geringen Resonanz und weithin fehlenden Rezeption der Literatur des 18. Jahrhunderts generell kommt im Falle Pezzl wohl noch sein eher schlechtes Image hinzu. „Gerade aus bayerischer Sicht herrscht ein negatives Bild des Literaten vor“.

Als Persönlichkeit ist Johann Pezzl kaum bekannt. 2023, zum 200. Todestag des zu seinen Lebzeiten weit über Wien hinaus angesehenen Aufklärungsliteraten, nach dem bis heute eine Gasse und ein Park der österreichischen Hauptstadt benannt sind, wurde an seinem Geburtsort Mallersdorf das von Daniela Lochner verfasste Freilichtspiel Johann Pezzl – Do wennst ned gehst! aufgeführt. Ein Lichtblick, immerhin. Und an der Universität Regensburg fand die hier dokumentierte Tagung statt, auf der vier Germanistinnen und fünfzehn Germanisten das literarische Schaffen Pezzls im gesamteuropäischen Kontext be- und ausleuchteten. Wer sich Aufklärung zwischen Praxis und Utopie vornimmt, taucht ein in eine extrem spannende Epoche der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte. Mittendrin: Johann Pezzl. „Sein literarisches Werk wollte durch dezidierte Zeitgenossenschaft konkret auf die politische Praxis einwirken und so das Licht der europäischen Aufklärung, wie es sich aus England und Frankreich verbreitete, in das katholische Deutschland tragen“, schreiben die Herausgeber in ihrer Einführung. Das verspricht einiges. Allerdings, das muss wohl besonders betont werden: „Pezzls Roman- und Briefliteratur ist Männersache – in einer ungewöhnlich dominanten Weise.“ Und was auch noch in Rechnung gestellt werden muss, ist, in den Worten von Anett Lütteken, sein „unverkennbarer Hang zum Grant wie zur Ironie“. Davon allerdings sollte sich heutzutage niemand mehr abschrecken lassen.

Wer war dieser Pezzl? Ein begabter Schüler zunächst, auf der von den Mallersdorfer Benediktinern betriebenen Elementarschule und am Freisinger Gymnasium. Mit 19 Jahren trat er ins Kloster Oberaltaich ein, sein Noviziat begann er 1775 im Kloster Scheyern. Er merkte schnell, dass der Mönchsstand nichts für ihn war – seine Briefe aus dem Novizziat rechneten mit der Ausbildung in Scheyern rigoros ab. Als ihr erster Band veröffentlicht wurde und einen gar nicht so kleinen Skandal auslöste, war Pezzl schon Jurastudent an der Benediktiner-Universität Salzburg. Die Religion blieb ein zentrales Thema seines Werks, auch wenn er an einer Reform der Amtskirche nur wenig interessiert war – zur „Katholischen Aufklärung“ wird man ihn kaum rechnen können. 1780 musste Pezzl nach Zürich fliehen, schob zwei weitere Bände der Briefe aus dem Novizziat nach und arbeitete an dem von seiner Voltaire-Lektüre durchdrungenen, eine Fülle von konkreten zeitgeschichtlichen Fakten aufarbeitenden Roman, dem er seine spätere Berühmtheit verdanken sollte: Faustin oder das philosophische Jahrhundert (1783). In diesem Buch misst Pezzl, wie Helmut Grugger schreibt, „die Ideale der Aufklärung an der gelebten Wirklichkeit seiner – sich theoretisch als aufgeklärt verstehenden – Zeit … Neben der wiederholt eingeforderten Trias von Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit sind die Natur und die Nützlichkeit Kategorien, die … als Leitgedanken dienen“. Pezzls optimistisches Bild der ihn begeisternden Großstadt Wien und ihres Herrschers äußert sich hier noch ungebrochen, wie es der Schlussjubel im Faustin ausdrückt: „Unter Josephs Regierung wird es allgemeiner Sieg der Vernunft und Menschheit; wird es aufgeklärtes, tolerantes, wahres philosophisches Jahrhundert!“ 

Spätestens 1784 war Pezzl, vor allem beeinflusst von seiner Wieland-Lektüre, Freimaurer geworden, Illuminat, und was das für ihn und für sein Nachleben bedeutete, macht der Beitrag von Franz Fromholzer klar. Er sei zwar „alles andere als ein Revolutionär“ gewesen, habe jedoch, zumindest in seinen frühen Jahren, die Literatur lediglich dafür genutzt, „um auf politische Veränderung zu drängen“ – das Konzept einer „Literatur um ihrer selbst willen“ sei ihm immer fremd geblieben. Im selben Jahr 1784 wandte er sich nochmals Bayern zu, mit der anonym publizierten Reise durch den Baierschen Kreis, einem „Meisterstück boshafter Polemik“, wie Reinhard Wittmann im Handbuch der Literatur in Bayern (1987) bemerkte. Im vorliegenden Sammelband befasst sich Klaus Wolf mit Pezzls Ansichten über Ingolstadt und seine Universität, und Manfred Knedlik stellt in seiner Analyse des Reisebuchs heraus, dass der Autor keine landeskundliche Bestandsaufnahme bieten wollte, sondern seine „Gegenstände“ im Sinne subjektiver Authentizität auswählte – Pezzl habe relativ unsystematisch versucht, „die Wirklichkeit selbst zum Sprechen zu bringen“. Ebenfalls 1784 erschienen seine oft mit Montesquieus schon im 18. Jahrhundert berühmten Lettres Persanes (1723) in Verbindung gebrachten Marokkanischen Briefe – Olga Katharina Schwarz erläutert äußerst luzide, was es damit auf sich hat: „Gegenstand ist Deutschland, leitend ist der Verstand, unabhängig von der Religion, die … bevorzugtes Ziel der Angriffe des Briefschreibers sein wird ... Mit dem entlarvenden Blick des Marokkaners, der die Titelvignette prägt, verfolgte Pezzl einen politisch-aufklärerischen, aber nicht in erster Linie einen literarisch-ästhetischen Anspruch.“

Die ersten Monate im josephinischen Wien, wo er von 1785 bis zu seinem Tod lebte, waren nicht einfach. Doch bald fand Pezzls finanzielle Misere ein vorläufiges Ende – er wurde Bibliothekar und Vorleser beim Staatskanzler Wenzel Graf Kaunitz-Rietberg. Und mischte weiterhin kräftig mit in der ausufernden Wiener Publizistik und Literaturkritik zur Zeit Josephs II., auch als engagierter Übersetzer aus dem Französischen – seine Prinzessin von Babylon erschien 1785, 17 Jahre nach Voltaires Original. Johann Pezzls literarischen Werturteile allerdings sind nicht immer ganz nachvollziehbar – er blieb sein Leben lang ein eigenwilliger, vom Credo der Aufklärung durch und durch geprägter Kopf. Die Leiden des jungen Werthers, in denen „zur Aergerniß der ganzen katholischen Kirche Ehebruch und Selbstmord vertheidiget“ werden, fand er jedenfalls gut. Zahlreiche topografische, meist auf das besonders wegen seiner Internationalität und Urbanität geliebte Wien bezogene Prosaarbeiten entstanden – in seiner Skizze von Wien (1786-1790) habe Johann Pezzl, wie Norbert Christian Wolf und Lydia Rammerstorfer hervorheben, „gleichsam eine frühe Stadtsoziologie avant la lettre“ entwickelt und die literarische Form des „Tableaus“, bekannt durch Louis-Sébastien Merciers Tableau de Paris (1781/82), in der deutschsprachigen Welt etabliert. „Die Skizze liefert im Prozess einer sich ausdifferenzierenden Moderne und mit zunehmender Konjunktur im 19. Jahrhundert ein flexibles Instrumentarium, mit dem die disparaten Gegenstände … kritisch und kleinteilig reflektiert werden können …“.

1791 wurde Pezzl verbeamtet und wirkte fortan, was einigermaßen mysteriös klingt, als „Dechiffreur in der Geheimen Ziffernkanzlei“ des Kaisers. Es wurde ruhiger um den seit 1793 mit der Wienerin Anna Maria Kurz verheirateten Autor, doch seine literarische Produktion versiegte nicht ganz. Der vielseitige Publizist hinterließ noch heute lesbare kluge Charakteristika bedeutender Zeitgenossen, und 1800/1802 kam ein zweibändiger, satirisch-zeitkritischer Roman heraus, Ulrich von Unkenbach und seine Steckenpferde. Der letzte Roman, eine kritische Abrechnung mit der Französischen Revolution, erschien 1810 in Leipzig: Gabriel, oder die Stiefmutter Natur. Pezzls Konzept von Aufklärung, das er auch in diesen beiden Romanen beibehielt, könne man als „Anti-Dogmatismus, Anti-Subjektivismus, Berufung auf die Empirie und den gesunden Menschenverstand“ bezeichnen, fasst Wynfrid Kriegleder zusammen, der die späten Romane genauer analysiert. „Pezzl lässt sich nicht in jenes Schwarz-Weiß-Schema einordnen, das schon in der zeitgenössischen Debatte zu finden ist: Hier die reaktionären Obskuranten und Verräter der Aufklärung, dort die heldenhaften Verteidiger der josephinischen Errungenschaften.“ Einigen der in diesen Romanen geäußerten Positionen werde man heute widersprechen müssen, etwa seiner Kritik an der Abschaffung der Todesstrafe, seiner Ablehnung der gesetzlichen Gleichstellung von Frauen oder seinen mehr als despektierlichen Urteilen über jüdische Menschen aus Galizien. Hans-Joachim Hahn konstatiert, dass manche Pezzl-Texte „ihren Anteil an der Transformation des christlichen Judenhasses in den modernen Antisemitismus“ haben, „weil sie die älteren Erscheinungsformen antijüdischer Ressentiments in die Sprache der modernen Nationen übersetzen“. Das wiegt schwer und bleibt zu bedenken.

Hat er in den letzten Lebensjahren seinen Frieden mit der Welt geschlossen? Selbst wenn der kirchenfeindliche und antimönchische Ex-Benediktiner die Rolle des radikalen Zweiflers und oft haltlosen Spötters gegenüber der Religion zeitlebens nicht aufgab, kann er, wie Christian M. König herausstellt, „nicht in die Ahnengalerie des modernen philosophischen Atheismus eingeordnet werden“. Andererseits darf und muss gerade mit Blick auf seine letzten beiden Jahrzehnte gefragt werden, ob Johann Pezzl in Wien wirklich vom aufklärerischen Paulus zum reaktionären Saulus geworden ist. „Pezzl, der frühere scharfsichtige Kritiker der sozialen und ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit, schien zu einem absolutistischen Staatsbeamten geworden zu sein, der der Monarchie seine Loyalität bewies“, schreiben die Herausgeber. So ganz stimmt das wohl nicht, wie eigentlich alle Beiträge dieses Tagungsbands nahelegen. War er jemals ein moderner Paulus? Johann Kirchinger betont, „dass seine ökonomischen Ansichten letztlich tief in ländlichen Vorstellungen wurzelten, die er urbanisierte, aber nicht ablegen konnte“, dass er also im Grunde „immer ein Landkind blieb“. Was nicht ausschließt, dass er, wie Ivo Cerman hervorhebt, bis zu seinem Lebensende „das hohe Niveau der josephinischen Aufklärung zu verteidigen“ suchte.

Am 9. Juni 1823 ist Johann Pezzl in Oberdöbling bei Wien gestorben. Eine Art Fazit der hier kenntnisreich ausgebreiteten Pezzl-Forschung könnte lauten: Ihre Ambivalenzen, also die oft sehr auffälligen inneren Widersprüche seiner Schriften sind es, die die Lektüre seiner publizistischen und literarischen Arbeiten bis heute spannend machen. Auch wenn man immer wieder auf befremdliche Aussagen und literarisch weniger gelungene Passagen stößt. Zumindest im 19. Jahrhundert blieb sein umfangreiches literarisches und publizistisches Werk präsent, ganz besonders in Österreich. Später jedoch … Aufklärung zwischen Praxis und Utopie, dieser den neuesten Stand der Forschung darlegende und in der Ausgewogenheit seiner kritisch-sympathisierenden Urteile rundum gelungene Tagungsband, stellt den fast vergessenen bayerisch-österreichischen Literaten wieder ins Licht der Kulturwissenschaft – und vielleicht, darüber hinaus, ins Licht der literaturgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit. Und da gehört er hin.

 

Franz Fromholzer / Johann Kirchinger / Manfred Knedlik (Hg.): Aufklärung zwischen Praxis und Utopie. Das literarische Schaffen Johann Pezzls. Herder Verlag / wbg Academic: Freiburg im Breisgau 2025. 434 S., € 58,-.

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