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Rezension zu „Der Duft des Wals“ von Paul Ruban

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© Aufbau Verlag

Paul Rubans kleiner Roman Der Duft des Wals (2025) ist eine heitere Studie über die Kumulation von Katastrophen, findet der Autor des Literaturportals Bayern Christian Schüle.

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Der Sog der Dekadenz ist unaufhaltsam. Eine Kleinfamilie fliegt nach Mexiko, um in einem Luxusresort am Meer zehn Tage lang Urlaub zu machen. Vater und Ehemann Hugo, ein ehemaliger Eiskunstläufer, heute mit Zöpfen, Mutter und Ehefrau Judith „Juju“, eine hochattraktive „Öko-Schlunze mit Mascara“, wie Hugo meint, und Tochter Ava, vom Vater „Munkel“ oder „Motte“ genannt, in sich versunken, aber mit Talent zum Zeichnen. Flankiert wird ihre Geschichte von der Stewardess Céleste, die, angekotzt von ihrem Job im Urlaubsflieger-Charter, sich nun privat ebenfalls dort erholen will, wie auch von Waldemar, dem in die Jahre gekommenen Kofferträger, Cartfahrer und Ex-Concierge, der die ankommenden Urlauber im Fünfsternehotel „Nuevo Gran Palacio“ mit Versprechen auf puren Hedonismus und beste Kulinarik empfängt.

Der zeitweise in München lebende kanadische Schriftsteller Paul Ruban führt seine fünf Erzählerfiguren jeweils in Ich-Perspektive ein und mit nahezu gleichberechtigten Stimmen durch das Geschehen. Hugo, Judith, Ava, Céleste und Waldemar erzählen aus ihrem jeweiligen Blickwinkel die gemeinsam erlebten ersten Tage. Das Luxusclub-Setting ist ideal, nichts lässt sich satireliterarisch kostengünstiger vorführen als die Schrullen der Parvenüs aus dem westlichen Wohlstandsbürgertum.

Kaum angekommen, erfüllt ein Knall einer dumpfen, aber heftigen Explosion die Gegend im irdischen Paradies von Mexiko. Mehr ein Bummplatsch als ein Bumm, wie Hugo sinniert, eine Art Explosion, die auf ihn „relativ fleischig“ wirkt und eine „etwas schleimige und nasse Textur“ hat. Überall ist klebriges Gelee, in dem er Blut erkennt. Einer wie er geht sofort vom Schlimmsten aus: dem Angriff eines Kamikazefliegers. Auf dem Weg zum Strand läuft Hugo eine schwer atmende Joggerin entgegen, an der alles – Espadrilles, Lycra-Top, Arme und Kopf – mit fremdem Blut beschmiert ist, und schon hüllt ein unerträglicher Gestank das Luxusresort ein, stechend, ranzig, kaum auszuhalten, eine Art „verheerender Furz.“ Hugo sieht eine kleine Gruppe aus Hotelangestellten, Gästen und Schaulustigen am Strand um einen Koloss von Kadaver stehen. Scheinbar ist ein Tier explodiert, zu viel Gas im Körper. Es ist ein Wal. Ein Blauwal. Er ist in der Nacht gestrandet und aufgeplatzt. „Vielleicht war der Wal ja ein Islamist!“ sagt Hugo, was nicht gut ankommt. „Super Start in den Urlaub“, sagt Judith. Von nun an wird der Duft des Wals zum Gestank der Zerrüttung.

Der Fisch stinkt vom Kopf her, weshalb es in jeder der folgenden Szenen um subtile Kriegsführung geht: Vorwürfe, Spitzen, Sottisen und Beleidigungen. Auf der Suche nach Frieden und Annäherung geraten Hugo und Judith im vermeintlichen Paradies immer tiefer in kleinkriegerische Distanz. Ruban erzählt ihre Verfallsgeschichte vor dem Dekadenzhorizont eines vom Duft der Verwesung eingehüllten Luxusparadieses als Metapher für die Entfremdung zweier saturierter Bürger, deren Beziehung ausgerechnet auf einer Beerdigung begonnen hatte. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sondern aus Gewohnheit, und dann kam das Kind.

Flirts mit Hotelangestellten

Die Klammer aller folgenden Episoden, Anekdoten und Reflexionen ist die Nasenklammer. Auf den Nasen aller Urlauber und Angestellten sitzt eine Klammer, um den Duft des explodierten Wals ertragen zu können. Man darf sich alle gesagten Sätze nasal vorstellen, was eine gewisse Komik birgt und Rubans Sound der beiläufigen Verätzung, mit dem er peu à peu die inneren Konflikte seiner Figuren in die Erzählung einschleust, humoristisch intoniert. Hugo und Judith wollen wieder zueinander finden, gehen aus Sehnsucht nach Berührung aber jeweils Flirts mit Hotelangestellten ein und geraten auf ihrer Suche nach Versöhnung immer tiefer in die Spaltung. Auf die Zersetzung des Wals folgt die Zersetzung der Familie, trotz Pool, Golf und Tanzabend scheitern alle Versuche der Wiederbelebung.

Um die Kälte und Gleichgültigkeit Judiths und die stille Hoffnung Hugos sinnbildlich zu beschreiben, bietet Ruban eine Reihe leiser Beobachtungen auf, die – manchmal kunstvoll sublim, manchmal klischeehaft stereotyp – äußerst sprechend sind. Die Phänomenologie des Zerwürfnisses ist gut beschrieben; auch mexikanische Heiterkeit kann fehlende Wertschätzung nicht kompensieren. Letztlich aber gelingt es Ruban nicht, jeder Figur ein unverwechselbares Profil und einen eindeutigen Sprachgestus zu geben. Alle fünf haben einen ähnlichen Duktus. Nahezu ärgerlich sind die Passagen der zehn- oder elfjährigen Ava, die schreibt und erzählt wie ihre erwachsene Mutter und ihr Vater.

Text und Mentalität heben sich nicht voneinander ab, weshalb die Komposition willkürlich und gewollt wirkt. Sprachlich ist der Drehbuchautor Ruban um keine Pointe verlegen, erfindet gern anthropomorphe Bilder und um Skurrilität bemühte Metaphern, etwa wenn Hugo, als er Juju auf einer Abendparty einen jungen Angestellten küssend verschlingen sieht, Folgendes zu Papier bringt: „Mein Magen verwandelt sich in einen durchgeknallten Tintenfisch, der sich seine eigenen Tentakel in den Mund stopft und schließlich zu einer schwarzen Wolke explodiert.“ Letztlich ist in diesem durchaus kurzweiligen Text viel Originalitätswille und doch wenig Originalität. Er bietet Bilder einer gescheiterten Ehe an, die man längst und zigmal im Fernsehen oder Film gesehen hat. Der Grad an Verblüffung ist gering. Es ist ein unterhaltsames Buch, dessen Ambition für Kunstfertigkeit limitiert ist, ein leichtes, leichtfüßiges, streckenweise leichtgewichtiges Buch, was nicht heißt, dass es banal ist. Rubans Roman spielt am Strand und lässt sich auch bestens an einem Strand lesen.

„Dieser Cluburlaub stinkt nach Tod“, sagt Judith irgendwann, und zum Schluss folgt eine letzte Katastrophe. Lauter Donner, wackelnde Wände, als wäre ein Sattelschlepper unterwegs. Dann walzt ein dicker, alles bedeckender Schlammstrom aus Steinen, Pflanzen und Geröll auf Hotel und Strand zu. Menschen sterben, und unter Schock stehende Überlebende laufen wie Zombies umher. An der einen Hand hält Hugo seine Tochter, an der anderen seine Frau. Ein verrückter Gedanke, reflektiert er schließlich, „dass es einen Erdrutsch braucht, damit Juju und ich wieder Händchen halten“. Die drei waten durch den „höllischen, zähflüssigen Matsch“ ins Rettungsboot. Ein Boot mit Glasboden.

Mit dem Erdrutsch scheint plötzlich alles bereinigt und geklärt, der Duft des Wals ist fort, die Nasenklammern fallen, und nach den Tagen des Gestanks in der bürgerlichen Hölle des Paradieses will Judith die Scheidung. Das Rettungsboot mit den unrettbaren Eheleuten fährt los, dann, plötzlich, ist ein schwarzer Schatten unter dem Glasboden zu sehen. Er verschwindet, taucht tiefer wieder auf, und flüchtig, wie der Schatten ist, scheint dennoch klar: Es ist ein Wal. Ein anmutig durchs Wasser gleitender Blauwal auf der Suche nach seinem längst verwesten Partner.

 

Paul Ruban: Der Duft des Wals, Aufbau Verlag, 2025, 223 S., ISBN: 978-3-351-04253-0

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