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31.12.2025, 15:00 Uhr
Dagmar Leupold
Rezensionen

Rezension zu Willi Winklers „Hannah Arendt. Ein Leben“

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Hannah Arendt, um 1933.

Zum 50. Todestag von Hannah Arendt am 4. Dezember 2025 hat der bayerische Journalist, Autor und Übersetzer Willi Winkler eine neue Biographie vorgelegt. In ihr zeichnet er den Weg der deutsch-jüdischen Philosophin von den intellektuellen Zentren Deutschlands über die Flucht vor dem NS-Regime bis zu ihrem Aufstieg als einflussreiche politische Denkerin in New York nach. Es ist das Porträt einer Frau voller Widersprüche, die mit Werken wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) und Eichmann in Jerusalem (1963) das 20. Jahrhundert sezierte, trotz Verfolgung und Exil ihre geistige Freiheit behauptete und zu einer der bedeutendsten Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts wurde. Die Münchner Autorin Dagmar Leupold hat Winklers Buch für das Literaturportal Bayern gelesen und rezensiert.

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Pünktlich zum 50. Todestag Hannah Arendts am 4. Dezember – und zwei Jahre nach dem Erscheinen der viel beachteten Biographie Thomas Meyers – hat auch der Journalist, Literaturkritiker und Übersetzer (u.a. Saul Bellows) Willi Winkler eine Würdigung Arendts in Buchform vorgelegt. Bereits im Titel wird deutlich, dass es Winkler, anders als Meyer, der sich, basierend auf neuem Archivmaterial, besonders intensiv mit der Aktivistin Arendt in der Kinder- und Jugend-Alijah in den Pariser Exil-Jahren 1933-1941 sowie der politischen Autorin auseinandersetzt, um die Erfassung, besser gesagt: die Erzählung des gesamten Lebens geht. Beide Biographen teilen die Überzeugung, dass es sich bei Arendt um eine der bedeutendsten Denkerinnen des vergangenen Jahrhunderts handelt, deren Werk nichts an zeitdiagnostischer Kraft verloren hat.

Winkler folgt chronologisch den Lebensstationen Arendts, von der Kindheit in Königsberg, über die Studentenjahre in Marburg, Freiburg und Heidelberg, die Jahre vor der Machtergreifung in Berlin, von wo aus sie 1933 über Prag und Genf zusammen mit ihrem ersten Ehemann Günther Stern (alias Anders) die Flucht nach Paris antritt. Während der Pariser Jahre arbeitet sie in der bereits angeführten Jugend-Alijah und organisiert die Ausreise von Jugendlichen nach Palästina. Ihr Engagement zur Rettung jüdischer Kinder aus Deutschland und anderen europäischen Staaten bricht erst ab, als sie sich 1941 nach kurzer Internierung im südfranzösischen Lager Gurs angesichts der wachsenden Bedrohung gezwungen sieht, die Flucht über Marseille und Lissabon in die USA zu organisieren.  Anders als der von ihr hochgeschätzte Walter Benjamin, der im spanischen Port Bou aus Angst vor der Gestapo Suizid beging, gelang ihr und ihrem zweiten Mann, Heinrich Blücher, die Flucht. Am 22. Mai 1941 erreichen sie New York, fortan, bis zu ihrem Tod im Dezember 1975, ihr Lebensort als amerikanische Staatsbürgerin.

Winkler erzählt anschaulich, detail- und kenntnisreich. Für mit Arendts Werk wenig oder gar nicht vertraute Leser*innen eignet sich die Biographie durchaus zur Heranführung an ein großes philosophisches und politisches Werk und ein von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gezeichneten Lebens. Hagiographischen Versuchungen erliegt Winkler nicht, er nähert sich der längst zur Ikone gewordenen Denkerin mit kritischem Respekt, gelegentlich auch mit ironischer Distanzierung und flapsiger Ironie, beispielsweise wenn er ihren Snobismus gegenüber osteuropäischen Juden erwähnt und sich Saul Bellows Einschätzung anschließt, der Arendt als superior Krautess verulkt. Auch auf ihre reichlich lückenhafte Anwesenheit vor Ort im Prozess gegen Eichmann wird mehrere Male mokant hingewiesen.

Winklers Interesse gilt gleichermaßen der politischen Theoretikerin wie der Privatperson im Geflecht ihrer zahlreichen intellektuellen, freundschaftlichen und, immer wieder, konfliktreichen Beziehungen sowohl im neu gewählten Heimatland als auch in Deutschland, das sie zum ersten Mal im Dezember 1949 wieder besucht – viele weitere Reisen werden folgen.

Hannah Arendts Werk, Wirken und Leben ist gut dokumentiert, den Anfang machte, vor vierzig Jahren, die Maßstäbe setzende Biographie der Arendt-Doktorandin Elisabeth Young-Bruehl, auf die zahlreiche weitere folgten. Die Herausforderung einer weiteren Biographie liegt demnach im Herausarbeiten von Aspekten und Kontakten, die in vorangegangenen Darstellungen vernachlässigt wurden. Und das gelingt Winkler besonders im genauen Ausleuchten von Arendts Widersprüchen und ihrem gelegentlich inkonsequenten Verhalten – eine Fokussierung, die der historischen Figur Lebendigkeit verleiht und Glätten zugunsten einer Stringenz vermeidet. Im Zentrum dieser Erkundung steht zunächst die schillernde „Lebensbeziehung“ zu Heidegger, die 1924 in Marburg begann, nie abbrach und in einem Aufsatz kulminierte, mit dem Arendt ihm 1969 anlässlich seines 80. Geburtstags geradezu huldigt. Heidegger zieht sich wie ein roter Faden durch Winklers Biographie, in jeder Lebensphase Arendts wird auf die Beziehung zu Heidegger rekurriert. Das ist in seiner analytischen Schärfe beeindruckend, hin und wieder aber (ver-)stört der herablassende Ton und die Distanzlosigkeit. So wird Heidegger einmal „Martin“, ein anderes Mal „Schmuser“ genannt – so als sei der Biograph an Arendts Stelle, sie wiederum erhält den Titel „Mutti“. Schließlich versteigt sich der Autor in die Phantasie [...], dass Hannah Arendt, als sie diese Andeutungen [dass Heidegger sich auf ihren Besuch in Freiburg freue, Anm. DL] zu lesen bekam, errötet ist wie das junge Mädchen, das sie in Marburg war. Ärgerlich und anbiedernd. Erhellend dagegen sind die Kapitel, die sich mit Arendt als Beobachterin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem beschäftigen. Ihr 1963 erschienener Bericht Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen löste große Kontroversen aus, nicht zuletzt mit Gershom Scholem, der ihr Verrat der jüdischen Sache vorwarf. Die Ambivalenz Arendts, die sich nicht allein in ihrem rasch einsetzenden Desinteresse am Prozess und entsprechend geringer Präsenz ausdrückt, sondern auch in ihrer Bewertung der Judenräte, des Staates Israel und des Zionismus – all das arbeitet Winkler überzeugend heraus. Eine Figur, die in Arbeiten zu Arendt im Kontext des Eichmann-Prozesses selten auftritt (in Meyers Biographie zum Beispiel nicht einmal erwähnt wird), spielt bei Winkler hingegen zurecht eine bedeutende Rolle. In ihr offenbart sich der Opportunismus und die programmatische Blindheit der jungen BRD angesichts der nahtlosen Übernahme braun-kontaminierter Politiker. Bei dieser Figur handelt sich um den jungen Anwalt Dieter Wechtenbruch, Assistent von Robert Servatius, dem Verteidiger Eichmanns. Wechtenbruch war ein Vertrauensmann des BND, fungierte als Briefträger zwischen Eichmann und dem BND und stattete dem Bundeskanzleramt getreulich Bericht ab, zum Schutz der alten Nazis in neuen wichtigen Ämtern.

Auch der präzise Nachvollzug der Kontroverse, die zwischen der Frankfurter Schule und Arendt in den ausgehenden 1960er-Jahren um die Deutungshoheit von Walter Benjamins Werk ausbrach – böse Briefe wechselten zwischen Arendt und Adorno hin und her –, sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Medienintellektuellen, als die sie spätestens seit dem 1964 mit dem Journalisten Günter Gaus im Zweiten Deutschen Fernsehen geführten Interview gesehen wurde, ist im Reigen der Arendt-Biographien eine neue, lohnende Akzentsetzung. Die streitbare, geradezu mit Vergnügen sich zankende Arendt – das ergibt ein sehr lebendiges Porträt, das das Gipserne einer bloßen Denkmalspflege trefflich konterkariert. 

Mit einiger Ausführlichkeit geht Winkler auf Arendts letzten Verlag Piper ein, einer von vielen Verlagen mit nicht ganz weißer Weste. Der Gründer, Reinhard Piper, hatte sich 1937 von seinem jüdischen Teilhaber Robert Freund getrennt. Winklers Interesse gilt in erste Linie Arendts Lektor und späterem Verlagsleiter Hans Rössner, einstmals SS-Obersturmbannführer und Leiter des Referats Volkskultur und Kunst im Reichssicherheitshauptamt. Arendt weiß über diese anrüchige Vergangenheit Bescheid und schließt sich, so die Kapitelüberschrift (und somit Winklers Einschätzung), der Haltung von Gertrud Jaspers, Karl Jaspers jüdischer Ehefrau, an: „Und ich muss einfach liebenswürdig schweigen.“

Winklers Biographie wird der Komplexität einer der wirkmächtigsten, klügsten und widersprüchlichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gerecht, trotz der gelegentlich übertriebenen Nonchalance im Ton – bei ihr, darf man vermuten, handelt es sich gleichsam um eine Trademark des Autors.

 

Willi Winkler: Hannah Arendt – Ein Leben. Rowohlt Berlin 2025, 512 S., ISBN: 978-3-7371-0109-7