Ein kollegialer Gruß zum 70. Geburtstag von Thomas Meinecke
Thomas Meinecke steht seit Jahrzehnten für das nicht Eindeutige, Überschreitende. Als Musiker und Künstler ist der 1955 Geborene stets seinen ganz eigenen Weg gegangen. Zum 70. Geburtstag sendet Tanja Dückers, Berliner Schriftstellerin und Beiträgerin fürs Literaturportal Bayern, Meinecke einen kollegialen Gruß.
*
Es gibt Schriftsteller, die auch in anderen künstlerischen Disziplinen arbeiten, die singen, Gitarre oder Querflöte spielen, an Sounds herumschnipseln und ihre Lesungen in sanften Blubberorgien untergehen lassen. Es gab und gibt Popliteraten, Poplinke, musische Poetry-Slammerinnen, Leute, die Songs schreiben. Und es gibt Thomas Meinecke.
Der Kollege ist seit Jahrzehnten gleichermaßen Musiker wie Schriftsteller, DJ und Theoretiker. Seine Musik wurde nie dekorativ, nie der Literatur untergeordnet, in ihr verfolgt er seit über 40 Jahren den gleichen intellektuellen Anspruch wie in seiner Literatur. Kein Blabla für die coole Buchpremiere, kein Singen von Textzeilen, die man genauso gut vorlesen könnte. Mit jedem neuen Stück und jedem Roman überrascht der Kollege, auch wenn es Dinge gibt, die (fast) immer gleichbleiben: Ein-Wort-Titel zum Beispiel.
Schon in seinem biografischen Werdegang gibt es viele „antizyklische“ Entscheidungen im Vergleich zu dem, was gerade in der Kunst-und Kulturszene angesagt war. Sie machen Thomas Meineckes Eigenständigkeit deutlich.
Geboren 1955 in Hamburg, zog Meinecke 1977, im Jahr des heißen Deutschen Herbstes, nach München. Dort war er bis 1986 Herausgeber und Redakteur der von ihm mitbegründeten Avantgarde-Zeitschrift Mode und Verzweiflung und arbeitete u. a. als Radio-DJ. Viele sich selbst als links verstehende Kulturschaffende zog es in dieser politisch vibrierenden Zeit nach West-Berlin. Aber die eingemauerte Frontstadt mit ihren kiffenden Wehrdienstverweigerern und den besetzten Häusern, in denen man das Brot selbst backte, fand Meinecke „zu gemütlich“.
In München gründete der Autor 1980 mit Kumpels von Mode und Verzweiflung die Band Freiwillige Selbstkontrolle (ab 1989 nur noch F.S.K.). Das Label, mit dem F.S.K. kooperierte, kam aber aus dem Norden: Das Hamburger Musiklabel Zickzack – dort waren auch die Einstürzenden Neubauten.
Der Name F.S.K. rekurriert auf die staatliche Einrichtung, die die Altersfreigabe für Medien prüft („Die FSK steht für einen verlässlichen, transparenten und rechtssicheren Jugendmedienschutz“). Ästhetische Vorbilder waren u. a. Velvet Underground und Roxy Music sowie Bands aus den Umfeldern von Punk, New Wave und auch Disko. Über die Gemeinsamkeiten von Punk und Disko bemerkte Meinecke in einem Interview: „Erst Mitte der 1970er kamen Punk und Disco als Gegenentwürfe zum Rock auf und beide wollten nicht authentisch sein, sondern sagten: Wir sind aus Plastik. Dann bin ich glücklich geworden.“
Das Künstlerische als das Nicht-Natürliche
Zur Abneigung gegen Mauerromantik und Gemütlichkeits-Tristesse: In einem Interview sagte Meinecke, dass er das Konzept von größtmöglicher Authentizität in der Kunst generell fragwürdig fände. Zu diesem Misstrauen passt, dass die Band in ihren ersten zehn Jahren „aus ästhetischen Gründen“, wie sie verlautbaren ließ, auf einen Schlagzeuger verzichtete, keinen Rhythmus, keinen Herzschlag in den eigenen Stücken haben wollte. 1990 kam dann doch Oliver Oesterhelt zu F.S.K. hinzu. Ansonsten besteht die Band nach wie vor aus den Gründungmitgliedern, u. a. Meineckes Frau Michaela Melián.
Natürlich ist Meinecke weder der erste noch der einzige, der dem künstlerischen Versuch, die sogenannte Wirklichkeit „abzubilden“, skeptisch gegenübersteht. Die ganzen Pop- und später die Minimal Artists wandten sich gegen altbackene Vorstellungen von einer mimetischen Aufgabe der Kunst und zelebrierten nach der betont subjektiven Handschrift der Mehrzahl der Abstrakten Expressionisten das Künstlerische als das Nicht-Natürliche.
Aber in einer Zeit, in der viel „Wirklichkeit“, vom Deutschen Herbst über die Wiedervereinigung bis zur „Repolitisierung“ der Kunstszene nach 9/11 über die Deutschen hereinbrach, hat Thomas Meinecke stets auf den eigenen schöpferisch-transformativen Fähigkeiten der Kunst beharrt, die viel mehr kann als der Wirklichkeit hinterherzulaufen – ein Run, den sie sowieso nicht gewinnen würde.
Für die Literatur formulierte Meinecke ähnliche Prämissen. Die Bemühungen, Figuren als Abbilder der Realität zu schaffen hat der Schriftsteller und Ästhet Meinecke wohl als überkommene Stilübung empfunden. Auch hier gab es zuvor die avancierte Prosa der Sechziger und Siebziger Jahre, die verschiedene Textsorten vermengte, man denke u. a. an Arno Schmidts Zettels Traum (1970).
Damit hat Meinecke durchaus einen Finger in die Wunde des oft betagt wirkenden Literaturbetriebs gelegt. In der Malerei versucht man schon lange nicht mehr, die Authentizität von Dürers Bildnis seiner Mutter (1514) zu übertreffen, in der Literatur erfreut man sich hingegen oft daran, wie „realistisch“ zum Beispiel die Beschreibung von Krankheit und Demenz ist, und verteilt einem Preis nach dem Anderen für diese Art von gefühlig-reportagemäßiger Literatur.
Verschwimmen von Text- und Gendergrenzen
Meinecke erhielt viele Preise und wurde gefeiert für seine innovative Literatur: Mark Siemons fasste in der FAZ lobend zusammen, der Autor arbeite wie ein DJ, sample, mixe Bettina von Arnim mit Lana Del Rey und Susan Sontag, lasse Text- und Gendergrenzen verschwimmen schere sich nicht viel um Handlung. In der taz freut sich Kerstin Riesselmann darüber, wie Meinecke mit Lookalikes (2011) „Tertiärliteratur“ produziere und Josephine Baker, Justin Timberlake, Shakira, Elvis Presley, Marlon Brando, Lady Gaga und Serge Gainsbourgh auf der „Kö“ in Düsseldorf aufeinandertreffen lasse.
Bevor es Mode wurde, dachte Thomas Meinecke über Queerness nach (sein Roman Tomboy, 1998, wurde berühmt) sowie über fluide Grenzen zwischen Identitäten. Kurz zuvor, 1994, zog er mit Frau und kleiner Tochter schon wieder nicht ins hippe Postwende-Berlin, sondern in ein oberbayrisches Dorf. Es sei jedoch angefügt, dass er Berlin oft besuchte, Stipendien dort wahrnahm und der offeneren und internationaleren Nachwende-Stadt mehr abgewinnen konnte als dem Mauerblümchen zuvor.
Doch Meinecke musste sich immer wieder und auch zunehmend harte Kritik gefallen lassen. Seine Romane galten und gelten vielen oft als zu collagenartig, „verkopft“, theorielastig. Der Literaturkritiker Stefan Michalzik bemängelte Figuren, die „wenig Psychologie aber umso mehr Theorien mit sich herumtragen“ (Frankfurter Rundschau). Über Jungfrau (2009) schrieb Susanne Messmer in der taz, der Plot sei „spindeldürr, die Figuren totenblass“.
Über Meineckes neuen Roman Odenwald (2024) heißt es, der Autor verfolge zwar einen dekonstruktiven Erzählansatz, lege aber eher „eine Materialsammlung“ vor (Erika Thomalla in der SZ). David Hugendick (Die Zeit) fragt sich angesichts der „wuchernden Poetologie“ nach dem „literarischen Mehrwert“ dieser kräfteraubenden Übung. Andere werfen Thomas Meinecke vor, dass seine Art von Literatur – Diskursprosa – selbst in die Jahre gekommen sei.
Dem Erfinder und Experimentierer Thomas Meinecke wird es nicht behagt haben, über sich Wendungen wie „die gute alte Zitierwut“ (Jakob Hayner, Die Welt) zu lesen, die ihn plötzlich altbacken erscheinen lassen. Man kann sich angesichts solcher Kritik allerdings fragen, ob nicht eher ein konservativer Backlash in den Reihen der Kritiker für den neuerlichen Wunsch nach starkem Plot und griffigen Protagonisten verantwortlich ist und ob ihnen ein Buch wie Arno Schmidts Zettels Traum nicht heute genauso auf den Geist gehen würde wie Meineckes genialisch-anarchische Gedankenräume.
Abneigung gegen „Prosa-Prosa“-Literatur
Als neokonservativ kann man natürlich nicht alle Kritiker unisono abstempeln, und die veränderte Wirklichkeit durch die Omnipräsenz digitaler Medien könnte auch einen Grund für die kühlere Rezeption liefern. Rezensent Kai Sina Thomas urteilte über Odenwald (2024) in der FAZ: „In den Neunzigern war die Art von Schreiben, die Meinecke zelebriert, möglicherweise radikal und anregend, heutzutage setzt sie jedoch einfach nur fort, was durch die Aufmerksamkeitsdiffusion im Internet eh allgegenwärtig ist“ und meint, die Art von Gegenwartsprosa, an der sich Meinecke hier versucht, brauche weniger eine Wiederauflage als eine Rundumerneuerung.
Meineckes Abneigung gegen die oft in der Tat langweilige authentisch-autobiografische Berichtliteratur oder eine linear heruntererzählte „Prosa-Prosa“-Literatur mit hohem Identifizierungsfaktor bleibt indes nachvollziehbar, auch wenn es selbstverständlich Autoren gibt, die über den eigenen Schreibtischrand hinausschauen und das Autobiografische mit dem Kollektiven zu amalgamieren verstehen.
Das jüngste Album von Meinecke bzw. F.S.K. ist Topsy-Turvy (2023), zu Deutsch „auf den Kopf gestellt, verkehrt“, „in einem Zustand, in dem nichts sicher und alles sehr verwirrend ist“. Dierk Saathoff in der Jungle World konstatiert hier durchaus mit Sympathie den „üblichen Mix der Band aus Namedropping und Anspielungen“ und freut sich über den intellektuell-anarchischen Input: „So muss Agit-Pop sein: Statt autoritärer Losungen denkt man wild daher und spielt im Hintergrund eine an den Glam Rock von Roxy Music gemahnende Klaviereinlage.“
So gern seitens der Medien versucht wird, literarische Strömungen mit griffigen Labeln zu versehen, so wenig gelang es bisher, Thomas Meinecke in eine Schublade zu stecken (was nicht heißt, dass viele andere Zuschreibungen von „Fräuleinwunder“ über „Erinnerungsliteratur“ bis hin zu „Migrant*innenliteratur“ nicht haarsträubend oberflächlich sind).
Nun wird der Kollege 70 Jahre alt. Als die Anfrage auf meinem Schreibtisch landete, dachte ich zunächst, da hat sich jemand in der Redaktion vertan, der kann einfach noch nicht 70 sein. Errare Tanjae est (Der Irrtum liegt – in diesem Fall! – bei Tanja Dückers). Thomas Meinecke ist einer der Wenigen, auf den bezogen der abgegriffene Spruch mit dem Jung-geblieben-Sein keine Floskel ist.
Ein kollegialer Gruß zum 70. Geburtstag von Thomas Meinecke>
Thomas Meinecke steht seit Jahrzehnten für das nicht Eindeutige, Überschreitende. Als Musiker und Künstler ist der 1955 Geborene stets seinen ganz eigenen Weg gegangen. Zum 70. Geburtstag sendet Tanja Dückers, Berliner Schriftstellerin und Beiträgerin fürs Literaturportal Bayern, Meinecke einen kollegialen Gruß.
*
Es gibt Schriftsteller, die auch in anderen künstlerischen Disziplinen arbeiten, die singen, Gitarre oder Querflöte spielen, an Sounds herumschnipseln und ihre Lesungen in sanften Blubberorgien untergehen lassen. Es gab und gibt Popliteraten, Poplinke, musische Poetry-Slammerinnen, Leute, die Songs schreiben. Und es gibt Thomas Meinecke.
Der Kollege ist seit Jahrzehnten gleichermaßen Musiker wie Schriftsteller, DJ und Theoretiker. Seine Musik wurde nie dekorativ, nie der Literatur untergeordnet, in ihr verfolgt er seit über 40 Jahren den gleichen intellektuellen Anspruch wie in seiner Literatur. Kein Blabla für die coole Buchpremiere, kein Singen von Textzeilen, die man genauso gut vorlesen könnte. Mit jedem neuen Stück und jedem Roman überrascht der Kollege, auch wenn es Dinge gibt, die (fast) immer gleichbleiben: Ein-Wort-Titel zum Beispiel.
Schon in seinem biografischen Werdegang gibt es viele „antizyklische“ Entscheidungen im Vergleich zu dem, was gerade in der Kunst-und Kulturszene angesagt war. Sie machen Thomas Meineckes Eigenständigkeit deutlich.
Geboren 1955 in Hamburg, zog Meinecke 1977, im Jahr des heißen Deutschen Herbstes, nach München. Dort war er bis 1986 Herausgeber und Redakteur der von ihm mitbegründeten Avantgarde-Zeitschrift Mode und Verzweiflung und arbeitete u. a. als Radio-DJ. Viele sich selbst als links verstehende Kulturschaffende zog es in dieser politisch vibrierenden Zeit nach West-Berlin. Aber die eingemauerte Frontstadt mit ihren kiffenden Wehrdienstverweigerern und den besetzten Häusern, in denen man das Brot selbst backte, fand Meinecke „zu gemütlich“.
In München gründete der Autor 1980 mit Kumpels von Mode und Verzweiflung die Band Freiwillige Selbstkontrolle (ab 1989 nur noch F.S.K.). Das Label, mit dem F.S.K. kooperierte, kam aber aus dem Norden: Das Hamburger Musiklabel Zickzack – dort waren auch die Einstürzenden Neubauten.
Der Name F.S.K. rekurriert auf die staatliche Einrichtung, die die Altersfreigabe für Medien prüft („Die FSK steht für einen verlässlichen, transparenten und rechtssicheren Jugendmedienschutz“). Ästhetische Vorbilder waren u. a. Velvet Underground und Roxy Music sowie Bands aus den Umfeldern von Punk, New Wave und auch Disko. Über die Gemeinsamkeiten von Punk und Disko bemerkte Meinecke in einem Interview: „Erst Mitte der 1970er kamen Punk und Disco als Gegenentwürfe zum Rock auf und beide wollten nicht authentisch sein, sondern sagten: Wir sind aus Plastik. Dann bin ich glücklich geworden.“
Das Künstlerische als das Nicht-Natürliche
Zur Abneigung gegen Mauerromantik und Gemütlichkeits-Tristesse: In einem Interview sagte Meinecke, dass er das Konzept von größtmöglicher Authentizität in der Kunst generell fragwürdig fände. Zu diesem Misstrauen passt, dass die Band in ihren ersten zehn Jahren „aus ästhetischen Gründen“, wie sie verlautbaren ließ, auf einen Schlagzeuger verzichtete, keinen Rhythmus, keinen Herzschlag in den eigenen Stücken haben wollte. 1990 kam dann doch Oliver Oesterhelt zu F.S.K. hinzu. Ansonsten besteht die Band nach wie vor aus den Gründungmitgliedern, u. a. Meineckes Frau Michaela Melián.
Natürlich ist Meinecke weder der erste noch der einzige, der dem künstlerischen Versuch, die sogenannte Wirklichkeit „abzubilden“, skeptisch gegenübersteht. Die ganzen Pop- und später die Minimal Artists wandten sich gegen altbackene Vorstellungen von einer mimetischen Aufgabe der Kunst und zelebrierten nach der betont subjektiven Handschrift der Mehrzahl der Abstrakten Expressionisten das Künstlerische als das Nicht-Natürliche.
Aber in einer Zeit, in der viel „Wirklichkeit“, vom Deutschen Herbst über die Wiedervereinigung bis zur „Repolitisierung“ der Kunstszene nach 9/11 über die Deutschen hereinbrach, hat Thomas Meinecke stets auf den eigenen schöpferisch-transformativen Fähigkeiten der Kunst beharrt, die viel mehr kann als der Wirklichkeit hinterherzulaufen – ein Run, den sie sowieso nicht gewinnen würde.
Für die Literatur formulierte Meinecke ähnliche Prämissen. Die Bemühungen, Figuren als Abbilder der Realität zu schaffen hat der Schriftsteller und Ästhet Meinecke wohl als überkommene Stilübung empfunden. Auch hier gab es zuvor die avancierte Prosa der Sechziger und Siebziger Jahre, die verschiedene Textsorten vermengte, man denke u. a. an Arno Schmidts Zettels Traum (1970).
Damit hat Meinecke durchaus einen Finger in die Wunde des oft betagt wirkenden Literaturbetriebs gelegt. In der Malerei versucht man schon lange nicht mehr, die Authentizität von Dürers Bildnis seiner Mutter (1514) zu übertreffen, in der Literatur erfreut man sich hingegen oft daran, wie „realistisch“ zum Beispiel die Beschreibung von Krankheit und Demenz ist, und verteilt einem Preis nach dem Anderen für diese Art von gefühlig-reportagemäßiger Literatur.
Verschwimmen von Text- und Gendergrenzen
Meinecke erhielt viele Preise und wurde gefeiert für seine innovative Literatur: Mark Siemons fasste in der FAZ lobend zusammen, der Autor arbeite wie ein DJ, sample, mixe Bettina von Arnim mit Lana Del Rey und Susan Sontag, lasse Text- und Gendergrenzen verschwimmen schere sich nicht viel um Handlung. In der taz freut sich Kerstin Riesselmann darüber, wie Meinecke mit Lookalikes (2011) „Tertiärliteratur“ produziere und Josephine Baker, Justin Timberlake, Shakira, Elvis Presley, Marlon Brando, Lady Gaga und Serge Gainsbourgh auf der „Kö“ in Düsseldorf aufeinandertreffen lasse.
Bevor es Mode wurde, dachte Thomas Meinecke über Queerness nach (sein Roman Tomboy, 1998, wurde berühmt) sowie über fluide Grenzen zwischen Identitäten. Kurz zuvor, 1994, zog er mit Frau und kleiner Tochter schon wieder nicht ins hippe Postwende-Berlin, sondern in ein oberbayrisches Dorf. Es sei jedoch angefügt, dass er Berlin oft besuchte, Stipendien dort wahrnahm und der offeneren und internationaleren Nachwende-Stadt mehr abgewinnen konnte als dem Mauerblümchen zuvor.
Doch Meinecke musste sich immer wieder und auch zunehmend harte Kritik gefallen lassen. Seine Romane galten und gelten vielen oft als zu collagenartig, „verkopft“, theorielastig. Der Literaturkritiker Stefan Michalzik bemängelte Figuren, die „wenig Psychologie aber umso mehr Theorien mit sich herumtragen“ (Frankfurter Rundschau). Über Jungfrau (2009) schrieb Susanne Messmer in der taz, der Plot sei „spindeldürr, die Figuren totenblass“.
Über Meineckes neuen Roman Odenwald (2024) heißt es, der Autor verfolge zwar einen dekonstruktiven Erzählansatz, lege aber eher „eine Materialsammlung“ vor (Erika Thomalla in der SZ). David Hugendick (Die Zeit) fragt sich angesichts der „wuchernden Poetologie“ nach dem „literarischen Mehrwert“ dieser kräfteraubenden Übung. Andere werfen Thomas Meinecke vor, dass seine Art von Literatur – Diskursprosa – selbst in die Jahre gekommen sei.
Dem Erfinder und Experimentierer Thomas Meinecke wird es nicht behagt haben, über sich Wendungen wie „die gute alte Zitierwut“ (Jakob Hayner, Die Welt) zu lesen, die ihn plötzlich altbacken erscheinen lassen. Man kann sich angesichts solcher Kritik allerdings fragen, ob nicht eher ein konservativer Backlash in den Reihen der Kritiker für den neuerlichen Wunsch nach starkem Plot und griffigen Protagonisten verantwortlich ist und ob ihnen ein Buch wie Arno Schmidts Zettels Traum nicht heute genauso auf den Geist gehen würde wie Meineckes genialisch-anarchische Gedankenräume.
Abneigung gegen „Prosa-Prosa“-Literatur
Als neokonservativ kann man natürlich nicht alle Kritiker unisono abstempeln, und die veränderte Wirklichkeit durch die Omnipräsenz digitaler Medien könnte auch einen Grund für die kühlere Rezeption liefern. Rezensent Kai Sina Thomas urteilte über Odenwald (2024) in der FAZ: „In den Neunzigern war die Art von Schreiben, die Meinecke zelebriert, möglicherweise radikal und anregend, heutzutage setzt sie jedoch einfach nur fort, was durch die Aufmerksamkeitsdiffusion im Internet eh allgegenwärtig ist“ und meint, die Art von Gegenwartsprosa, an der sich Meinecke hier versucht, brauche weniger eine Wiederauflage als eine Rundumerneuerung.
Meineckes Abneigung gegen die oft in der Tat langweilige authentisch-autobiografische Berichtliteratur oder eine linear heruntererzählte „Prosa-Prosa“-Literatur mit hohem Identifizierungsfaktor bleibt indes nachvollziehbar, auch wenn es selbstverständlich Autoren gibt, die über den eigenen Schreibtischrand hinausschauen und das Autobiografische mit dem Kollektiven zu amalgamieren verstehen.
Das jüngste Album von Meinecke bzw. F.S.K. ist Topsy-Turvy (2023), zu Deutsch „auf den Kopf gestellt, verkehrt“, „in einem Zustand, in dem nichts sicher und alles sehr verwirrend ist“. Dierk Saathoff in der Jungle World konstatiert hier durchaus mit Sympathie den „üblichen Mix der Band aus Namedropping und Anspielungen“ und freut sich über den intellektuell-anarchischen Input: „So muss Agit-Pop sein: Statt autoritärer Losungen denkt man wild daher und spielt im Hintergrund eine an den Glam Rock von Roxy Music gemahnende Klaviereinlage.“
So gern seitens der Medien versucht wird, literarische Strömungen mit griffigen Labeln zu versehen, so wenig gelang es bisher, Thomas Meinecke in eine Schublade zu stecken (was nicht heißt, dass viele andere Zuschreibungen von „Fräuleinwunder“ über „Erinnerungsliteratur“ bis hin zu „Migrant*innenliteratur“ nicht haarsträubend oberflächlich sind).
Nun wird der Kollege 70 Jahre alt. Als die Anfrage auf meinem Schreibtisch landete, dachte ich zunächst, da hat sich jemand in der Redaktion vertan, der kann einfach noch nicht 70 sein. Errare Tanjae est (Der Irrtum liegt – in diesem Fall! – bei Tanja Dückers). Thomas Meinecke ist einer der Wenigen, auf den bezogen der abgegriffene Spruch mit dem Jung-geblieben-Sein keine Floskel ist.