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27.08.2014, 15:56 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [470]: Im Kampf gegen Korruption und ministeriellen Unterschleif

Die Welt ist zweigeteilt – mindestens. Sie besteht aus Dualismen, Widersprüchen, Rissen zwischen negativen und positiven Polen, wobei nicht immer ausgemacht ist, wo der negative und der positive Pol sich gerade befindet. Der Riss geht auch durch das Leben hindurch, damit durch das Werk, damit auch durch die Unsichtbare Loge. Ihr Eindeutigkeit zu attestieren und die Figuren und ihre Handlungen in eindeutigen Interpretationen aufzulösen ginge am Kern der Sache vorbei.

Eben deshalb muss sich der Leser auch nicht darüber wundern, wenn nun, im zweiten Teil des 38. Sektors, wieder von Gustavs Persönlichstem (seinem Brief und seinen Fluchtplänen) auf eine allgemeine Herrscher- und Regierungskritik geblendet wird. Allein diese Kritik hängt mit dem Persönlichsten des Erzählers, das heißt, des Autors zusammen, der die Gustavsche Geschichte nur sehr lose zum Anlass nimmt, um seine Leiden literarisch auszubreiten. Die Überschrift des Kapitels ist demgemäß dreigeteilt, wobei der erste Teil nur das Vorspiel zu den zwei Hauptteilen bildet: Nachtmusik – Abschiedsbrief – mein Zanken und Kranken. Eben hier sind wir nun angelangt: wieder beim Zanken gegen das metallene Druckwerk, das man unsern Fürsten nennt.

Nein, sagt er, die Exzeptionsschrift, die letztens schon in seinem Kopf schwirrte, habe er nicht geschrieben, denn Festungshaft, sei sie auch „ehrenvoll“, das müsse nicht sein. Tatsächlich lesen wir nun eben genau dies: eine als Verteidigungsschrift getarnte Angriffsschrift, die er wenigstens seinen privaten Papieren anvertrauen kann. Die Motive sind inzwischen bekannt: der Fürst ist die Übermacht, die über die Untertanen kommt und sie, wie eine Wasserhose, verschlingt.

Gustav Courbet: Die Wasserhose

Nicht nur der Fürst ist das Problem – erst recht seine Minister, die sich wie kleine Fürsten benehmen und ihren Teil von dem nehmen, was dem Fürsten nicht zusteht, was sie ihm aber wiederum nehmen: Die Fürsten haben, wie die ostindischen Krebse, eine Riesen-Schere zum Nehmen, und eine Zwerg-Schere, den Fang an den Mund zu bringen. Das ganze System ist verrottet, weil sich hier jeder so bedient wie er will: zu Lasten der „kleinen Leute“, die von den kleinen und dem größeren Herrscher gleichermaßen ausgebeutet werden. Jean Paul entwirft das Bild einer totalen Korruption, die die Fürstentümer durchseucht hat: eine Kritik, die im Jahre 1792 nicht weniger als revolutionär anmutet, da man sich ein paar Hundert Kilometer südwestlich erfolgreich darum bemüht, die Fürsten und ihre Untertanen zu vernichten.

Man könnte nun, folgenden Absatz lesend, vermuten, dass Jean Paul froh war, den Roman nicht in der Schwarzenbacher Umgebung, sondern im relativ fernen Berlin publiziert zu haben. Tatsächlich kam er 1793 in jenem Land heraus, in dem Jean Paul die Zeilen geschrieben hatte – denn Berlin war inzwischen die regierende Hauptstadt auch der Gegend unten in Franken. Just am 28. Januar 1792 hatte Hardenberg das ehemalige Fürstentum der Markgrafen für die Krone Preußens übernommen – und hier wurden im folgenden Jahr auch diese Zeilen publiziert, was heißt: sie waren durch die Zensur gekommen:

Und so ist die ganze Hauptstadt, wo jeder sich für regierendes Mitglied ansieht und doch jeder darüber schreiet, dass der andre sich ins Regieren mengt und dass die Kinder unter den Hermelin wie unter den väterlichen Schlafrock kriechen und vereinigt den Vater nachmachen – wo die Paläste der Großen aus Höllensteinen gemauert sind, die wie aussätzige Häuser kleinere zernagen – wo der Minister den Fürsten auf seiner unempfindlichen Hand, wie der Falkonier den Falken auf der beschuhten, trägt – wo man die Laster des Volks für die Renten ihrer Obern ansieht und alles moralische Aas, wie die Bienen ihr physisches, bloß mit Wachs umklebt, anstatt es aus dem Bienenkorb zu tragen, d. h. wo die Polizei die Moral ersetzen will – wo, wie an einem jeden Hofe, eine moralische Figur so unausstehlich und so steif gefunden wird als in der Malerei eine geometrische – wo der Teufel völlig los und der heilige Geist in der Wüste ist und wo man Leuten, die in Auenthal oder sonst krumme Sonden in den Händen halten und damit die fremden Körper und Splitter aus den Wunden des Staates heben wollen, ins Gesicht sagt: sie wären nicht recht gescheit....

Ich weiß nicht, ob Hardenberg, der dirigierende Minister, jemals diese Zeilen gelesen hat – aber ich könnte mir vorstellen, dass er sie beifällig wahrgenommen hätte: solche Zustände, wie sie im ançien régime üblich waren, sollte es im modern organisierten Fürstentum Preußen definitiv nicht mehr geben.

Insofern bot der Dichter dem Staatsmann eine literarische Schützenhilfe im Kampf gegen die Korruption und den ministeriellen Unterschleif.