Info
Thüngersheimerstraße 17
97209 Veitshöchheim
Öffnungszeiten: März – Oktober: Do 15 – 18 Uhr, So 14 – 17 Uhr; sowie nach Voranmeldung; November – Februar: Besichtigung nach Voranmeldung. Termine bitte mit dem Kulturamt der Gemeinde vereinbaren.
Telefon: (0931)9802-754 od. -764
Fax: (0931)9802-876
Website
E-Mail: kultur[at]veitshoechheim.de

Jüdisches Kulturmuseum Veitshöchheim

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(c) Literaturportal Bayern

Die jüdische Gemeindetradition geht in Veitshöchheim bis ins Jahr 1644 zurück. 1730 baut der Jude Schmul Moses eine Synagoge mit Tonnengewölbe. Erhalten ist auch die Wohnung des Vorsängers, der den Gottesdienst gestaltet, und eine Mikwe für die rituelle Reinigung. Um 1843 zählt die jüdische Gemeinde 160 Mitglieder. Die Veitshöchheimer Juden leben zu dieser Zeit als Händler, Handwerker und Bauern und sind im Gemeindeleben aktiv. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wandern viele Veitshöchheimer Juden in die Vereinigten Staaten, nach England oder Palästina aus. 1938 wird die jüdische Gemeinde gezwungen, die Synagoge für 200 Reichsmark zu verkaufen. Somit nicht mehr als jüdisch angesehen, wird das Gebäude während der Reichspogromnacht verschont. Während des Dritten Reichs nutzt man die Synagoge als Feuerwehrhaus und zerstört dafür das Innere des Gebäudes. Die jüdische Gemeinde wird schließlich ganz ausgelöscht, als die letzten fünf noch in Veitshöchheim lebenden Juden 1942 in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet werden.

Nach dem Krieg steht die ehemalige Synagoge leer, bis sich die Gemeinde 1986 dazu entschließt, das Gebäude zu einem Ausstellungs- und Gedenkraum umzubauen. Bei den Bauarbeiten entdeckt man im Füllmaterial des Fußbodens Reste der alten Ausstattung. So kann die Synagoge als religiöser Kult-Ort wiederhergestellt werden.

Einen spektakulären Fund macht man bei Renovierungsarbeiten im Dachboden der Synagoge, als eine umfangreiche Ablage religiöser Schriften, einiger Textilien und religiöser Kultgegenstände wie etwa Gebetsriemen entdeckt wird. Eine solche Ablage, Genisa genannt, gibt es in vielen alten Synagogen, da im Judentum keine religiösen Schriften vernichtet werden dürfen, auch wenn sie nicht mehr in Gebrauch sind. Die Veitshöchheimer Genisa ist eine der umfangreichsten, die bislang im deutschsprachigen Raum entdeckt wurden. Neben religiösem Schrifttum wie Bibeln, Gebetsbüchern, Einzelgebeten oder rabbinischen Auslegungen sind zahlreiche weltliche Texte wie etwa Märchen, allgemeine Erbauungsliteratur oder historische Werke erhalten. In großer Zahl wurde auch handschriftliches Material dort abgelegt, so beispielsweise Rechnungen, Briefe oder Notizbücher. Die Texte sind in hebräischer, jiddischer oder deutscher Sprache verfasst und stammen vorwiegend aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Warum neben religiösen Schriften auch Profanes in der Genisa bewahrt wurde, ist noch unklar. Seit 1998 werden im Rahmen des Veitshöchheimer Genisaprojektes die Funde inventarisiert und sollen in einer Datenbank zugänglich gemacht werden.

Um den Genisa-Fund angemessen präsentieren zu können, entscheidet sich die Gemeinde zur Einrichtung eines jüdischen Museums. Dafür kauft sie das Nachbarhaus der Synagoge, ein jüdisches Wohnhaus, das noch mit Decken- und Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert und hebräischen Inschriften als Zeugnis seiner einstmals jüdischen Bewohner ausgestattet ist.

Die Ausstellung des Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim zeigt in diesen Räumen originale Texte und Gegenstände aus der Genisa, informiert über Geschichte und Leben der Veitshöchheimer Juden und führt ein in die jüdische Religion und Kultur. Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die jiddische Literatur. Gezeigt werden Familienbibeln, Moralbücher, aber auch historische Erzählstoffe und Lieder sowie die Übernahme von Stoffen aus nichtjüdischen Vorlagen.

Das Märchen vom Fischersohn wurde in der Veitshöchheimer Genisa gefunden, gedr. 1788 in Fürth; V 1117 ist Teil einer Pessach Haggada, gedr. nach 1688 in Prag.

Der Besucher erhält außerdem Einblick in Leben und Werk des Veitshöchheimer Juden Simon Höchheimer, ein aufklärerischer Schriftsteller und Arzt. Er wird 1744 als Sohn eines Gewürzhändlers geboren, studiert ab 1773 in Berlin und lernt dort den Philosophen und Aufklärer Moses Mendelssohn kennen, dem Gotthold Ephraim Lessing mit Nathan der Weise ein Denkmal setzt. Simon Höchheimer bewegt sich in Berlin in den intellektuellen Zirkeln um Mendelssohn und betrauert 1786 den Tod seines Freundes mit einem bekannt gewordenen umfangreichen Nachruf. Alle seine Versuche, rund um Würzburg eine Anstellung zu erlangen, scheitern an seinen jüdischen Wurzeln – selbst nach einem Medizinstudium, das er 1791 in Freiburg i. Br. als erster Jude mit der Doktorwürde der Medizin abschließt. Das ändert zuletzt auch ein Gesuch an König Maximilian Joseph von Bayern nicht.

Schließlich geht Höchheimer nach Fürth und arbeitet dort als Armenarzt und Schriftsteller. Bekannt wird sein Drama Der Spiegel der Israeliten (1816), eine Antwort auf die judenfeindliche Posse Unser Verkehr von Karl B. Sessa (1813). Außerdem veröffentlicht er medizinische und pädagogische Schriften. Simon Höchheimer stirbt am 26. Mai 1828.

 

Sekundärliteratur:

Karl-Heinz Grossmann: Würzburgs Mendelssohn: Leben und Werk des jüdischen Aufklärers Simon Höchheimer (1744–1828). Königshausen & Neumann, Würzburg 2011.

Hermann Süß: Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung der Veitshöchheimer Genisa. In: U. Wagner (Hrsg.): Zeugnisse jüdischer Kultur in Unterfranken. Schriften des Stadtarchivs Würzburg, Heft 2 (1987) 79ff.

Martina Edelmann: Geschichte(n) vom Dachboden. Genisa-Funde aus fränkischen Synagogen. In: Folia in memoriam Ruth Lindner collecta, Dettelbach 2010, 199ff.


Externe Links:

Website Simon-Höchheimer-Gesellschaft

Digitalisat: Nachruf von Simon Höchheimer über Moses Mendelssohn

Digitalisat: Drama von Simon Höchheimer: Der Spiegel der Israeliten

 

 

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