München, Im Finanzgarten mit Heine-Denkmal

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Kupferstich Heinrich Heine im Deutschen Musenalmanach für das Jahr 1837.

Vom Hofgarten aus ist es nicht weit zum Finanzgarten an der Galeriestraße mit dem besonders gut versteckten Heine-Brunnen. Der etwa zwei Hektar große „Finanzgarten“ in der Obhut der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen liegt mit Hügeln, Hängen und Wiesen hinter dem Prinz-Carl-Palais zwischen der Galeriestraße und der Von-der-Tann-Straße. Das Prinz-Carl-Palais (1806) war lange Zeit Wohnsitz der bayerischen Finanzminister, denen auch das Recht der Gartennutzung zustand. Seit 1924 Dienstsitz des bayerischen Ministerpräsidenten, hatte seit Juni 1933 Dr. Ludwig Siebert die repräsentative Dienstwohnung sowohl als Ministerpräsident als auch als Finanzminister inne. Heine befindet sich hier in einem vom einstigen Finanzminister Prof. Kurt Faltlhauser geplanten „Dichtergarten“ zwar in bester Gesellschaft mit Standbildern des russischen Dichters und Diplomaten Fjodor Iwanowitsch Tjutschew (2003), des chinesischen Weisen Konfuzius (2007) und des polnischen Komponisten Frédéric Chopin (2010) – aber in einem übergeordneten Sinn befindet Heine sich hier auch noch im Wettstreit um die zweifelhafte Ehre, welches Denkmal in München das versteckteste sei.

Der Heine-Brunnen im Finanzgarten hinter dem Sitz des Ministerpräsidenten verdankt sich jedenfalls einer Initiative sowohl des Schriftstellers Erich Kästner in seiner Zeit als Präsident des deutschen PEN-Zentrums, als auch der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, der Finanzverwaltung und dem Stadtrat aus dem Jahr 1962. Das Brunnendenkmal des Münchener Bildhauers Toni Stadler befindet sich in den Ruinen des ehemaligen sog. „Rockerl“, das „1712 auf der Schanze nördlich des Hofgartens erbaut und später als kurfürstlich-Akademische Sternwarte verwendet“ wurde.[25] Zu sehen ist eine sitzende weibliche Bronzefigur auf einer bronzenen Bank mit der (von außen nicht erkennbaren) Aufschrift „Heinrich Heine zum Gedächtnis / 1797 – 1856“ über einem Bodenbrunnen; etwas entfernt steht eine ebenfalls bronzene Texttafel mit der Aufschrift des Heine-Gedichts „Die Rose / Die Lilie / Die Taube / Die Sonne / Die liebt ich einst alle / Buch der Lieder“, und es ist kaum nachvollziehbar, warum hier die letzte Zeile der Zensur zum Opfer gefallen ist: „Die liebt ich einst alle / In Liebeswonne“. Aber steht man vor dem kunstvollen, von der Fa. Goller gegossenen Schmiedegitter des Bildhauers Altmann (das angeblich der damalige Minister Alois Hundhammer gefordert hatte), so muss man Rolf Selbmann recht geben, der schreibt, dass mit diesem Denkmalensemble „das Heinegedächtnis, nicht zuletzt durch das wuchtige Abschlußgitter, gleichsam eingekerkert ist“; es sei ganz „offensichtlich, welches reduzierte und entpolitisierte Heinebild zwischen läppischer Albumpoesie und weltentrückter Landschaftsidylle vermittelt werden“ solle.[26] Immerhin weist seit einiger Zeit eine kleine Texttafel neben dem Eingang darauf hin, um was es hier denn überhaupt gehen soll.

Das Heine-Denkmal im Finanzgarten, 1962. Grotte mit Gitter, dahinter Bronzefigur auf Sockel mit Bronze-Texttafel und Brunnen von Toni Stadler (1957/58). Foto: Dirk Heißerer, 2010.

Dabei hatte man bei der Feierstunde im August 1962 in einer „münchnerisch unzeremoniellen Feierstunde“, wie der Münchner Merkur schrieb, sich gegenseitig zugestimmt und gedankt. Dr. Bruno E. Werner, der Nachfolger Kästners als PEN-Präsident, hielt in Abwesenheit seines erkrankten Vorgängers die Festansprache vor den versammelten Ehrengästen, dem Rektor der LMU, den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften sowie der Akademie der Schönen Künste, Vertretern der Staatskanzlei, des Stadtrats, der Residenzbauleitung, des Landesamts für Denkmalspflege und dem Residenzmuseum. Dr. Werner sprach über die Tragikomödie der deutschen Heine-Denkmäler und würdigte Heine als „Goethes Gegenpol“. Zuletzt setzte Baron Levin von Gumppenberg zu einer launigen typisch Münchnerischen Replik an: „Er erinnerte daran, daß Heine zwar Münchens Frauenkirche stiefelknechtisch und seine Schlösser haarbeutelig genannt, andererseits aber die Stadt Ludwigs I. mit Klenzes Bauten gelobt habe. So könnte ihm die Nachbarschaft des klassizistischen von Fischer erbauten Palais, in dem seinerzeit viel französischer Geist zu Hause war, wohl gefallen.“ In eben dieses Prinz-Carl-Palais zog man dann auch nach der Feier: „Es gab Drinks, Käsegebäck und Zwetschgendatschi.“[27] Kein Wort über Heines Kampf um das freie Wort, um die Verständigung zwischen französischer und deutscher Kultur, um seine acht langen Jahre im Pariser Exil und krankheitshalber in der „Matratzengruft“, von der ihn der Tod am 17. Februar 1856 erlöste.

Info-Tafel am Heine-Denkmal. Kowaltschuk: Tjutschew-Denkmal im Finanzgarten (2003). Foto: Dirk Heißerer (2010).

Seit dem 17. Dezember 2003 hat Heines Quellnymphe Gesellschaft bekommen in Gestalt eines historisch-klassischen Dichterdenkmals des russischen Dichters und Diplomaten Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, dem Freund und Helfer Heines in seiner Münchener Zeit. Das Denkmal ist ein Geschenk seiner Heimatstadt Brjansk, das der russische Außenminister Igor Iwanow und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber enthüllten. Auf dem Sockel ist auf Russisch zu lesen: „Er diente Rußland als Diplomat in München und der Menschheit als Dichter und Philosoph.“[28]

 


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[25] Vgl. den Eintrag „Heinrich Heine“ in: Dirk Heißerer; Joachim Jung: Ortsbeschreibung. Tafeln und Texte in Schwabing. München 1998, S. 43f.

[26] Ebd.

[27] Vgl. Karl Wanninger: Der Heine-Brunnen murmelt. In die Obhut des Staates gegeben – Erich Kästners Initiative. In: Münchner Merkur vom 20. August 1962, S. 9 (Münchner Stadtzeitung).

[28] Vgl. Eine Freundschaft in Bayern. MIR-Kalender 2006, o. S.

Verfasser: Dr. Dirk Heißerer

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