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München, Türkenstraße 28: Die Elf Scharfrichter

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Die Elf Scharfrichter. Links im Profil: Frank Wedekind.

Ihre erste öffentliche Vorstellung geben „Die Elf Scharfrichter“ (Name von Otto Falckenberg) am 13. April 1901 im Gasthaus Zum Goldenen Hirschen in der Türkenstraße 28 auf einem alten Fechtboden im Hinterhaus. Die dritte deutsche Kleinkunstbühne nach dem im Januar gegründeten „Ueberbrettl“ von Ernst von Wolzogen und Max Reinhardts Brettlbühne „Schall und Rauch“ gelangt – hauptsächlich durch Frank Wedekind – weit über München hinaus zu fast legendärem Ruhm.

Künstlerischer Direktor ist der Franzose Marc Henry, ehemals Conférencier im „Chat noir“ in Paris. Dessen Geliebte Marya Delvard, eine geborene Elsässerin, übernimmt als „Muse von Montmartre“ den Part der Diseuse. Weiß geschminkt, mit blutroten Lippen, in einem bodenlangen schwarzen Kleid singt sie zur Eröffnung Wedekinds Lied „Ilse“. Publikum und Kritik sind von ihrer Interpretation wie elektrisiert.

Die ersten elf Scharfrichter treten unter Pseudonym auf; darunter verbergen sich Namen wie Dionysius Tod (Leo Greiner, Kritiker und Lyriker), Peter Luft (Otto Falckenberg, Schriftsteller und Regisseur), Hannes Ruch (Richard Weinhöppel, Komponist), Max Knax (Max Langheinrich, Architekt), Frigidius Strang (Robert Kothe, Anwalt und Lautensänger), Kaspar Beil (Ernst Neumann, Maler und Grafiker) oder Till Blut (Wilhelm Hüsgens, Bildhauer). „Exekutiert“ werden soll alles, was an Heuchelei und Scheinmoral der menschlichen Entwicklung entgegensteht, besonders die im Februar 1900 verabschiedete „Lex Heinze“, jener Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der Unsittlichkeit in der Kunst.

Frank Wedekind verzichtet als einziger auf einen Künstlernamen, nicht zuletzt deshalb, um als Dichter bekannt zu werden. Der Name des Mannes, der wegen Majestätsbeleidigung verurteilt worden ist und das Skandalstück Der Erdgeist geschrieben hat, verspricht ebenso viel Nervenkitzel.

Wedekind hebt sich nicht nur mit seinen Texten, sondern auch durch sein Äußeres deutlich ab. Meist trägt er Zylinder, schwarzen Anzug, glänzende Lackschuhe und einen Zwicker. Seine Lieder und Balladen, die er nach eigenen Kompositionen zur Gitarre singt, beginnt er mit den Worten: „Ich singe zunächst die Lieder, die von der Polizei erlaubt sind, und später diejenigen, die von der Polizei verboten sind.“ (Münchner Neueste Nachrichten, 20.6.1902)

Seine Bänkellieder sang Wedekind teils aus Neigung, teils aus Not. Er hatte schon ein paar große Stücke im Kasten, die ihren Ewigkeitszug bald unter Beweis stellen sollten: Frühlings Erwachen und Erdgeist. Aber noch wurden sie nicht gespielt. Es wäre falsch, wollte man sagen, Wedekind hätte in Geldnot zur Laute gegriffen, um seinen Erfolg als Dramatiker abwarten zu können. Wahr ist, er wollte, daß seine Lieder öffentlich gesungen wurden, und er wußte, daß er sie am besten sang. [...]

Was waren das für Töne? Er sang von Lebemännern und armen Mädchen, von harten Geldmenschen und von frivolen Kokotten. Und das eigentlich Schlimme war, er beklagte seine Figuren nicht, er klagte sie auch nicht an, er gab ihnen recht und knallte mit der Peitsche dazu. Er führte den Menschen die Menschen vor, und indem er es tat, erhob er sich über seine Figuren und über seine Zuhörer. Wedekind sprach aus, was vor ihm so deutlich niemand zu sehen und auszusprechen gewagt hatte: Das Fleisch hat seinen eigenen Geist. (Walther Kiaulehn: Chansons von Wedekind. In: Unsterbliches Schwabing, S. 303f.)

Doch schon bald hängt Wedekind „das Balladensingen [...] gewaltig zum Hals heraus“ (Gesammelte Briefe. Bd. 2, S. 79). Mehr noch: Nachdem er sich Anfang August 1902 die absolute Erfolglosigkeit seines Stücks Der Marquis von Keith eingestanden hat, zerstreitet er sich mit dem Ensemble der „Elf Scharfrichter“ im Winter 1902/03 und scheidet bei ihnen aus. Das Kabarett löst sich ein Jahr später wegen finanzieller Schwierigkeiten auf. Für Wedekind geht es indes auf anderen Bühnen mit dem Bänkelsang weiter (siehe Station 10).

 


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Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik