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München, Türkenstraße 81: Trinkhalle Dichtelei

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Einband der Originalausgabe 1891. Außenansicht Türkenstraße 81 (c) Literaturportal Bayern.

Neben dem Café Luitpold (Station 17) ist die Trinkhalle Dichtelei in der Türkenstraße 81 das Lieblingslokal Wedekinds in seiner ersten Münchner Zeit. In der Dichtelei macht Wedekind zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Erich Mühsam, „und zwar auf nicht ganz salonfähige Art“:

Wir kannten uns vom Sehen und kamen an verschiedene Tische desselben Lokals zu sitzen. Erst da, wohin der Zufall die Gäste einer Wirtschaft manchmal gleichzeitig hinaustreibt, kamen wir nebeneinander zu stehen, wobei Wedekind mit einer höflichen Verbeugung seinen Namen nannte und ein Gespräch begann, das einen kernigen Spruch Martin Luthers zum Ausgangspunkt nahm. Er lud mich dann an seinen Tisch, wo ich Marya Delvard, Marc Henry und andern vorgestellt wurde, die ich fast alle schon gesehen hatte und bei denen, wie bei Wedekind selbst, der Übergang zur offiziellen Begrüßung nur noch eine Formalität war. Wahrscheinlich hätte mich jener Abend auch ohne Wedekinds originelle Initiative an seinen Tisch geführt; denn die Gesellschaft wuchs dauernd, und die meisten, die sich noch einfanden, waren bereits meine Bekannten, darunter Scharf, Dauthendey, Hanns von Gumppenberg und diverse Schwabinger Damen. Max Halbe war zu jener Zeit wieder oder noch mit Wedekind verkracht. (Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen, Kap. „Schwabing“)

Das Weinlokal ist in jener Zeit Treffpunkt der Avantgarde, der Maler der „Secession“, der Zeichner und Autoren von der Zeitschrift Simplicissimus, der Schauspieler und Studenten vom „Akademisch-Dramatischen Verein“. Beliebte Kellnerin unter den Gästen ist Kathi Kobus, eine Bauerntochter aus Traunstein, die mit dem Hausherrn und Vermieter der Dichtelei unzufrieden ist und mit dem Gedanken spielt, ein eigenes Lokal aufzumachen. Die Künstler der Dichtelei versprechen, in die neue Kneipe überzusiedeln. Am 1. Mai 1903 ist es dann soweit: In einem feierlichen Zug unter Führung Frank Wedekinds wandert die ganze Künstlerclique aus der Dichtelei in die „Neue Dichtelei“ in der Türkenstraße 57, den späteren Simpl (Station 10). Der elsässische Schriftsteller und Journalist René Prévot erinnert sich:

Vielleicht würde es aber nie dazu gekommen sein, wenn nicht Frank Wedekind auf den kühnen Einfall eines jähen Handstreichs gekommen wäre: An einem Tag X würde man geschlossen das Lokal wechseln…

[...] Wir alle waren vollzählig versammelt. Galt es doch, in einem grotesken Umzug ohnegleichen, ohne Möbelwagen, alles, was die „Dichtelei“ enthielt – außer Wänden und Mauern – in das neue Lokal hinüberzuschaffen. Mit brennenden Kerzen setzte sich der Zug in Bewegung. Wedekind mit der Gitarre voran, hinterdrein marschierten wir anderen mit Tischen und Stühlen, Theke und Weinregalen, Eisschrank und Vorräten. Mit einem ausgiebigen Fest wurde die Kathi und ihre „Neue Dichtelei“ gefeiert, wenngleich das dreiteilige Lokal mit dem langen, schmalen Darm, der den vorderen und den rückwärtigen Raum miteinander verband, uns alles andere denn als „geeignete Lokalität“ erschien. (René Prévot: Kleiner Schwarm für Schwabylon. In: Geliebtes Schwabing, S. 49)

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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