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München, Franz-Joseph-Straße 42: Wedekinds Wohnung

Wedekind am Schreibtisch (Bayerische Staatsbibliothek München/Hoffmann). Außenansicht Franz-Joseph-Straße 42 (c) Literaturportal Bayern.

Nach seiner Haftentlassung im Februar 1900 (siehe Station 18) bezieht Frank Wedekind seine erste eigene Wohnung in der Franz-Joseph-Straße 42 in München-Schwabing. Er hat allerdings kein Geld, sie einzurichten. Beim Verleger Albert Langen steht er mit über dreitausend Mark nichteingelöster Vorschüsse immer noch in der Kreide; auch die Erbschaft seiner Tante Auguste Bansen, eine Schwester von Wedekinds Vater, bleibt aus. Anfang Mai schildert Wedekind seiner Mutter, dass er „in einer entzückenden Wohnung in einer Vorstadt Münchens [sitze], durchaus modern eingerichtet, freilich noch mit wenig Möbeln, aber die muß die Zeit bringen.“ (Gesammelte Briefe. Bd. 2, S. 52)

In dieser „Wüstenei, die sich meine Wohnung nennt, in der es mir an jeder Art menschlichen Comforts mangelt“ (Gesammelte Briefe. Bd. 2, S. 53), kommt Wedekind nicht zum Arbeiten. Doch im November desselben Jahres ändert sich die Situation – Wedekind macht aus der Not eine Tugend und erzielt „auf dem allerbeschränktesten Raum und mit den allergeringsten Mitteln Effecte [...], über die Jedermann in Staunen geräth.“ (Gesammelte Briefe. Bd. 2, S. 59) Nach Auskunft Arthur Holitschers, Wedekinds Kaffeehauskollege (Station 14) und Mitautor der Zeitschrift Simplicissimus, hat es der Dichter Max Halbe nicht nur übernommen, Wedekind diese Wohnung zu beschaffen; er ist es auch, der „Miete und Möbel beschaute“. Mittelpunkt ist das in Weiß lackierte Schlafzimmer. Holitscher schreibt, es habe das „Aussehen eines Jungemädchenstübchens [...] züchtig, hell und freundlich eingerichtet.“ (Arthur Holitscher: Lebensgeschichte eines Rebellen. Bd. 1, S. 182)

Wedekind engagiert bald eine Haushälterin, mit der er eine Liebesbeziehung pflegt und die von ihm schwanger wird. Am 22. Mai 1902 bringt sie seinen zweiten unehelichen Sohn Frank Zellner in einer Münchner Frauenklinik zur Welt, während er selbst in Berlin gastiert. Zeit, sich seinem Sohn zuzuwenden, hat er nicht: Am 10. Oktober 1902 hat sein Drama Der Marquis von Keith am Münchner Schauspielhaus (Station 18) Premiere.

Durch den Einsatz Max Reinhardts am Berliner Theater Schall und Rauch vollzieht sich allmählich Wedekinds Durchbruch als Dramatiker. Indes beginnt der Konflikt mit Langen (siehe Station 7), der 1903 aus dem Exil zurückkommt, erneut aufzulodern: Obwohl sein Bein gebrochen ist, humpelt Wedekind von seiner Wohnung zu Langens Verlag in die Kaulbachstraße, um die Ausbezahlung des restlichen neuen Vorschusses zu erwirken.

Wedekind ist jetzt häufig auf Gastspielreise. Im April 1905 begegnet er in Stuttgart der Wienerin Berthe Marie Denk, mit der er eine intensive, aber unbefriedigende Liebensbeziehung eingeht. Für Juni kündigt sie einen Münchenbesuch an: Wedekind putzt seine Wohnung, verbringt das ein oder andere Schäferstündchen mit ihr, lädt sie in Restaurants und ins Theater ein, organisiert eine Rundfahrt auf dem Starnberger See. Nach vier Tagen reist Berthe Marie ab und lässt ihn liebeskrank zurück. Inzwischen tritt eine andere Frau in sein Leben: Tilly Newes, die er in Wien kennengelernt hat und die als Darstellerin der Lulu „die Rolle ihres Lebens“ (so der Titel ihrer Autobiografie) bekommt. Die neunzehnjährige Grazerin wird im Mai 1906 schließlich Wedekinds Frau.

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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