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Sulzbach-Rosenberg, Stadtpark: Schiller-Gedenkstein

Der Schillergedenkstein, der heute im Stadtpark auf den 100. Todestag von Friedrich Schiller 1905 hinweist, lag ursprünglich bei der sogenannten Schiller-Eiche am Annaberg, am Hang südlich, unterhalb der Annabergkirche, ein Terrain, das die Kinder zum Spielen einlud.

Es gibt ein längeres Gedicht von Walter Höllerer, das ausgehend von diesem Gedenkstein noch einmal einen Eindruck seiner Kindheit gibt, und die Kindheit einordnet als eine Kindheit in der Vorkriegszeit, die das Ende Weimarer Republik sowie den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Blick hat. Einige Begebenheiten und Orte tauchen auch dort wieder auf:

Schiller Gedächtnis

Da haben wir seit je
Die Wundertüten abgestellt
In einem Fuchsbau nah der Eiche Friedrichs
Von Schiller neunzehnhundertfünf
Auf blauen Etikett mit weißer Schrift:
‚Gedächtnis’. Beeren –
Und Feuerwanzen an dem Stein.
Ein Rest von früher Industrie.
Ein Hohlweg. Eichelhäher. Das Gesicht
Vom Tod: Die Eichkatz blutend aus dem Pinselohr
Und blindem Auge, schädlich ist, was räuberisch.
Ein Maulwurf, aus der Nase blutend. Grauen
Und Idyllenbilder wechseln ab in Germany.

Im Feuerschein des Stahlwerks eine Burg aus Stein
In der man trommelnd Runde geht
Ja, auf uns zwei: ihr unten und ich oben, Bürgersinn
Geschlossener Marktplatz Bürgschaft Schilderhaus
Sumpfdotterblumen Zuchthaus und ein Kirchenlied
Wallfahrten Stationen Unterschlagungskrach
Der Dampf des langen Güterzugs am Erlenbach
Dazu die Seilbahn Schwebe Fahrt
So geh dahin so bleib getrennt gepaart
So bittfüruns so bleibbeiuns der Gast
Gottseibeiuns behaltunsbei bescherethast
So sink: der Ruch der Schneewind gegen dich
Der rote Sand das Heu der Eisenstich
Verschrammte Hände eingeschränkte Zeit und Mahd
Ganz dicht ganz dünn verweht und ohne Scheu
Und von Natur im spröden Heu
Ein Räderknarren, Rappeln vor dem Tore.

Stein was er birgt was kriecht und wie ers krümmt
Und was zu tun ist lassen wie mans nimmt
Die Habichtschwämme und den sauren Klee
Den Brand der Pfosten, den Silvesterschnee,
Den Bohrturm und den Harsch der heimlich nässt
Versunken jetzt, vernichtet jetzt –
                        ums Haar.

Ein Riß ein Schattenspiel so wie es war
Ein Rand, und Stimme, überstimmt von fern,
Historisch Morgenglanz ein Abendstern
Ein Scheunenbrand ein Osterbock ein Hüttentanz
Ein Kuckuck Apotheke Myrtenkranz
Ein Fußballtor ein Förderturm ein Hügel sank
Ein Sonnwendmarsch ein Heil, - am Abend krank

Ein Wind von Süden und ein Schülerpfiff:
Im Scheunenschlund ein Totenwagen steht nicht still
Ein Herbst ein Blätterweg und ein April
Und Lippen Stimmen Käfer flieg! – verfliegen die
Im schweren Flug darüber und dahin
Und stoß nicht an und flieh und geh und gleit
Und fühl dich fort und sieh dich für und faß dich breit
Und komm und wachs betört vertraut
Verstreut vertan vertraut versteint verstreunt
Vernimmst vergangen und vergaß
Verbliebst und riebst an Löchern deine Hand
Wo jungen Spechts mit weichem Schnabel Widerstand
Wo Kugelfang die Jungen vor dem Tore.
(Aus: Walter Höllerer: Gedichte 1942-1982, Frankfurt 1982)

In seinem Welteibuch denkt Walter Höllerer angesichts des Schiller-Denkmals über die Aufrichtigkeit des Gedenkens und der Sprache nach:

Zuerst schrieb ich „Schillergedächtnis“ … – dann ließ ich meinen Helden Gustaf das Schiller-Denkmal in die Luft sprengen … Der Sulzbacher Schiller-Gedächtnis-Stein, so wie er am Waldrand stand, hatte etwas von dem Schiller der „Räuber“ bewahrt.
Ich habe leider, was mir schon früh als „richtig“ oder als „falsch“ aufgefallen war, zunächst nicht ausgesprochen, – nicht früh genug; erst mit ca. 50 Jahren habe ich es fertiggebracht, ohne Stolpern zu sagen, was ich mir denke. Das hängt auch damit zusammen, dass man in meiner Gegend eher freundlich ist, eher ausgleichend sein möchte als abrupt, und dass man sich zurückhält. Aber das ist nicht nur eine Tugend, – das ist oft ein Fehler. Man soll Dummköpfen deutlich sagen, dass man sie als Dummköpfe erkannt hat, (...) und wenn man das nicht tut, dann macht man sich schuldig. Schiller-Gedächtnis, – an einem Buchenwaldrand am Annaberg stand der Gedenkstein zum 100. Todestag von Schiller 1805/1905, und eine Eiche, die dort nie recht wachsen wollte, und eine Bank, und wir saßen auf der Bank, meine Großmutter und ich, und der Jäger schüttelte die toten Eichkatzen aus dem Rucksack. Sie bluteten aus den Augen. „Nesträuber“, „Lebensunwertes Leben“, „Durchkämmen“, „Endlösung“. Oder später so etwas wie „flankierende Maßnahmen“ …
Heute liegt der Stein noch da, aber kein Mensch weiß, dass es sich um Schiller-Gedächtnis handelt.
(Aus: Walter Höllerers Oberpfälzische Welteierkundungen, hrsg. Von Werner Gotzmann, Weiden 1987)

 


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Verfasser: Elke Geck-Neidl, Elke Kotzbauer, Patricia Preuß

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