Info
Geburtsjahr: 1230
in vermutl. Trimberg (Gde. Elfershausen/Lkr. Bad Kissingen)
Todesjahr: 1300 in vermutl. Schlüchtern/Hessen
Süßkind, der Jude von Trimberg, im Cod. Pal. germ. 848 (Codex Manesse), fol. 355r
Namensvarianten: Süezkint, der Jude (von Trimberg)

Süßkind von Trimberg

Im Codex Manesse ist zu erkennen, wie ein vornehmer Jude (sichtbar durch den spitzen, gelben „Judenhut“) vor einem thronenden Amtsträger mit Bischofsstab und Bundhut parliert, rezitiert oder intoniert. Es handelt sich um Süßkind, den Juden von Trimberg. Nach neueren Erkenntnissen könnte es sich um eine Szene in Köln handeln, seinerzeit eines der großen Judenzentren am Rhein; vor geraumer Zeit wurde auch im Wappen der Bischof von Konstanz, Heinrich von Klingenberg, angenommen. Der Betrachter von heute erblickt einen Juden, der bewusst in seinem Auftreten, in seiner Haltung und Kleidung den visuellen Rang der idealen Gleichberechtigung dokumentiert. Peter Wapnewski im ZEITmagazin 35 (1988) hierzu: „Wahrlich ein Dokument von großem Seltenheitswert in der Geschichte der europäischen Kultur.“

Biographische Daten sind kaum erhalten, jedoch wird die Herkunft mit Trimberg (Gde. Elfershausen/Lkr. Bad Kissingen) lokalisiert. Auch erwirbt um 1218 in Würzburg der Jude Süßkind ein Grundstück in der Nachbarschaft des Dietrichspitals, wo er einige Jahre als „medicus“ im Hospital arbeitet. So wird auch bei dem Minnedichter Süßkind von Trimberg ein Aufenthalt am Hofe des Bischofs von Würzburg vermutet.

Zwölf Strophen machen das ganze Œuvre, die sich zu sechs spruchartigen Liedern gruppieren, aus. Die Sprache verweist auf das Ende des 13. Jahrhunderts. Peter Wapnewski in Der Spiegel: „Form wie Inhalt sind konventionell: Klage, Allegorie, Fabel.“ Im Werk Süßkinds von Trimberg „verbindet sich die Tradition der moralischen und gesellschaftlichen Dichtung, wie sie Walther von der Vogelweide zur vollen Blüte gebracht hat“ (Dr. Lothar Jahn). Neben Verweisen auf alttestamentliche Motive finden sich Schilderungen einer kargen Existenz am Rande der Gesellschaft. Sie kulminieren im Eingeständnis des eigenen Scheiterns beim Versuch, als Jude bei Hof Fuß zu fassen:

Ach, wie ein Narr war ich auf Fahrt,
Mit meiner Kunst für Jahre.
Auf sie will keiner mehr was geben,
Ich werd dem Hof entfliehen.
Bald trag ich einen langen Bart,
Schon sprießen mir die Haare.
Ich wird‘ nach alter Väter Sitte leben
Und durch die Lande ziehen.
Mein Mantel weht schon weit und lang
Tief unter meinem Hut.
Und voller Demut ist mein Gang,
Nie wieder singe ich des Hofes Sang.
Gehabt euch wohl! Er macht sich fort, der Jud.

(Nachdichtung von Dr. Lothar Jahn)

Vermutlich ist Süßkind von Trimberg in Schlüchtern (Hessen) verstorben, wie Paul Arnsberg in seinem Zweiten Band von Die jüdischen Gemeinden in Hessen nachzuweisen versucht. Angeblich war Süßkind öfters in Schlüchtern zu Gast, wo er auch hochbetagt starb und begraben ist. Der Autor Paul Arnsberg beruft sich dabei auf ein „Memorbuch“ aus Schlüchtern. In „Memorbüchern“ halten Juden das Gedenken an ihre Toten wach.

Süßkind von Trimberg ist in der Geschichte der deutschen Dichtung des Mittelalters der einzig bezeugte jüdische Autor. Im gleichnamigen Roman Süsskind von Trimberg (1972; 1981) des österreichischen Dichters Friedrich Torberg (1908-1979) erlebt der markante Spruchdichter der Manessischen Liederhandschrift – als Jude in einer Welt der Nichtjuden – eine wahre Renaissance, ja er wird für den interessierten Leser trotz fehlender Fakten greifbar: „Die vielfältigen Anfechtungen und Gefahren, denen ein fahrender Sänger allgemein und ein jüdischer fahrender Sänger im Besonderen ausgesetzt waren, werden hier auf lebendige Art geschildert. Ein sprachgewaltiges Buch von großer Klarheit und Einfühlungsvermögen in die Epoche.“ (Dr. Lothar Jahn)

Verfasser: Bernhard M. Baron / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

http://www.alemannia-judaica.de/trimberg_juedgeschichte.htm, (13.08.2015).

http://www.minnesang.com/Saenger/suesskind.html, (13.08.2015).

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42920289.html, (13.08.2015).

Brinkler, C.; Flühler-Kreis, D. (1991): „edele frouwen, schoene man“. Die Manessische Liederhandschrift in Zürich (Ausstellungskatalog). Zürich, S. 25.

Gerhardt, Dietrich (1997): Süsskind von Trimberg. Berichtigungen zu einer Erinnerung. Bern.

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel (2008): Literarischer Führer Deutschland. Frankfurt am Main und Leipzig, S. 567.

Roethe, Gustav: Süßkind von Trimberg. In: Allgemeine Deutsche Biographie 37 (1894), S. 334-336, URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118757725.html?anchor=adb, (13.08.2015).

Torberg, Friedrich (1972): Süsskind von Trimberg. Roman. Frankfurt am Main.

Walther, I. F.; Siebert, G. (1988): Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt am Main, S. 238.


Externe Links:

Literatur von Süßkind von Trimberg im BVB

Literatur über Süßkind von Trimberg im BVB

Bibliotheca Augustana

Süßkind von Trimberg im Fernbacher Jewish Music Research Center

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