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Geburtsjahr: 1130
Todesjahr: 1175
Namensvarianten: Konrad der Pfaffe

Pfaffe Konrad

Hinter dem Pfaffen Konrad verbirgt sich kein anderer als der Verfasser des deutschen Rolandliedes, der Dichter nennt sich selbst im Epilog: „Ich heiße der phaffe Chunrat“ (v. 9079). Der „Pfaffe“, d.h. ein niederer Geistlicher mit (außer)kirchlichem Aufgabenbereich, ist wahrscheinlich am Welfenhof in Regensburg (oder auch Braunschweig) tätig gewesen und hat im Auftrag Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde, der Tochter Heinrichs II. von England und Eleonores von Aquitanien, die altfranzösische chanson de geste ins Deutsche übersetzt, um den Herrschaftsanspruch Heinrichs im Reich und seine Abkunft von Karl dem Großen zu festigen. Wenn die Epilogverse 9066ff. auf die Palästinafahrt Heinrichs des Löwen anspielen, kann als Entstehungsjahr des Rolandliedes 1172 angenommen werden.

Über den Dichter ist sonst nichts bekannt, seine Beteiligung an der deutschen Kaiserchronik ist ebenfalls unsicher. Das Rolandslied ist in sieben Handschriften erhalten, eine vollständige (Heidelberger Handschrift P) und sechs Fragmente (A, S, T, E, M und W), die alle um 1200 geschrieben worden sind und aus verschiedenen Dialektgebieten stammen. Ungeklärt bleibt, welche Vorlage der Chanson de Roland Konrad benutzt hat. Nach eigener Angabe hat er sie zuerst ins Lateinische und von da ins Deutsche übersetzt, wobei seine eigene Sprache bairisch mit rheinfränkischen Spuren ist.

Wie schon die Chanson stellt das Rolandslied den Spanienzug Karls des Großen mit dem verlustreichen Überfall des fränkischen Heers durch die Waskonen in den Pyrenäen (778) als Kreuzzug dar.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Roland, Neffe des Kaisers und mächtiger Frankenfürst, und sein Gegenspieler Genelun, Stiefvater Rolands und mächtiger Fürst. Nachdem der Heidenkönig Marsilie in heimtückischer Absicht sich ergeben will, wird Genelun beauftragt, die Verhandlungen mit ihm zu führen. Er konspiriert jedoch mit diesem, um seinen Stiefsohn Roland zu vernichten, worauf Marsilie Roland überfällt, der mit einer kleinen Christenschar die Spanische Mark sichern soll. Aus Stolz weigert sich Roland, den Kaiser durch einen Hornruf zurückzurufen; erst als die Seinen aufgerieben sind, ertönt das Signal. Karl der Große nimmt daraufhin furchtbare Rache: Marsilie wird besiegt, auch der ihm zu Hilfe kommende Heidenkönig Paligan, zuletzt wird über Genelun in Aachen Gericht gehalten. Er wird zum Tode durch Vierteilung verurteilt.

Der Konflikt zwischen den Helden Roland und Genelun erfährt dabei nicht dieselbe Gewichtung wie im französischen Original, das Freundschaftsmotiv Roland – Olivier erscheint reduziert, das nationale Pathos weitestgehend getilgt und dafür durch eine religiöse Ausdeutung der Handlung (Roland als heiliger Pilger und Märtyrer, Genelun als Judas und Teufelsdiener, Karl der Große als Gottes Dienstmann) ersetzt. Gleichwohl ist das Rolandslied wie die Chanson ein Lied über Verrat und staatliche Legitimation, wofür vor allem der Loyalitätskonflikt, das adelige Selbstbewusstsein der Helden sowie die zentrale Rolle der Szenen „staatlichen“ Handelns, die Beratungs- und Prozessszenen, sprechen.

Kein anderes Epos frühhöfischer Zeit hat eine dermaßen breite und rasche Verbreitung gefunden wie das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Sieht man von der reichen Überlieferung ab, die bis zu den Bearbeitungen des Strickers im 13. Jahrhundert reicht, zeigen sich literarische Nachwirkungen im Willehalm Wolframs von Eschenbach, der direkt ans Geschehen im Rolandslied anschließt. Eine niederrheinische Fassung findet sich zudem im fünften Teil der Kompilation von Karlsgeschichten unter dem Titel Karlmeinet aus dem 14. Jahrhundert.

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Peter Czoik

Sekundärliteratur:

Bumke, Joachim (20044): Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 67f.

Ott-Meimberg, Marianne: Pfaffe Konrad. In: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 547-549, http://www.deutsche-biographie.de/pnd118565060.html, (15.03.2012).

Weber, Gerlinde (1965): Rolandslied. In: Dünninger, Eberhard; Kiesselbach, Dorothee (Hg.): Bayerische Literaturgeschichte in ausgewählten Beispielen I. Süddeutscher Verlag, München, S. 131-148.


Externe Links:

Literatur von Pfaffe Konrad im BVB

Literatur über Pfaffe Konrad im BVB

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