Info
Geb.: 27. 5.1738 in Schönefeld (Leipzig)
Gest.: 26.10.1817 in Coburg
Kupferstich in Punktiermanier von Christian Gottfried Zschoch. Zwickau, Schumann, 1818 (Privatbesitz)

Moritz August von Thümmel

Moritz A. von Thümmel

Moritz August von Thümmel wird in Schönefeld, heute ein Stadtteil von Leipzig, als Sohn eines sächsischen Gutsbesitzers und Staatsbeamten geboren; die Familie verarmt infolge des Schlesischen Krieges. 1756 beginnt er in Leipzig ein Studium der Rechte, interessiert sich daneben aber auch intensiv für die „Schönen Wissenschaften“. Zu seinen Lehrern zählen u.a. Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) und Johann Christoph Gottsched (1700-1766). An Christian Felix Weißes (1726-1804) Zeitschrift Bibliothek der Schönen Wissenschaften und der freyen Künste arbeitet Thümmel schon während des Studiums mit und veröffentlicht Epigramme und Rezensionen.

Thümmel, dem die finanziellen Mittel für ein Leben als freier Schriftsteller fehlen, tritt 1761 – nach Abschluss seines Studiums in Leipzig – als Kammerjunker in den Dienst des Erbprinzen Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld und wird mit dessen Regierungsantritt 1764 Geheimer Hofrat und Hofmeister, 1768 wirklicher Geheimrat und Minister. Nach dem plötzlichen Tod seines Bruders Friedrich Christian 1778 heiratet Thümmel ein Jahr darauf dessen sehr wohlhabende Witwe Friederike. Ein Streit um die Umgehung seiner Person im Geheimen Rat veranlasst Thümmel 1783, seine Entlassung aus dem Dienst zu beantragen.

Thümmel lebt nach der Entlassung mit seiner Familie in Gotha und dem nahe gelegenen Gut Sonneborn, das seiner Frau gehört. Hier bleibt er mit Ausnahme der Jahre 1800 bis 1803, die er in Coburg verbringt. 1817 besucht er ein letztes Mal Coburg, wo er nach kurzer Krankheit stirbt. Im Hain in Neuses bei Coburg befindet sich auch seine Gruft, die von einem Obelisken mit Freimaurerzeichen und dem Familienwappen geziert wird; damit wird sein Wunsch erfüllt, in freier Natur bestattet zu werden.

Thümmel ist nicht nur Staatsbeamter und Schriftsteller, er betätigt sich auch als Unternehmer: 1771 übernimmt er die Holzsteinschneidemühle in Oeslau und gestaltet sie zu einer Marmelmühle um, die einerseits die finanzielle Situation Thümmels verbessern und andererseits Arbeitsplätze schaffen soll. 1764 erscheint das Werk, das den Schriftsteller Thümmel bekannt, ja berühmt macht: Wilhelmine, ein „prosaisch-komisches Gedicht“, wie es im Untertitel genannt wird. Dieses Werk ist ein „Bestseller“, das in mehreren Auflagen erscheint und die literarische Kritik von Thümmels Talent überzeugt. In Dichtung und Wahrheit resümiert Goethe: „Thümmels Wilhelmine, eine kleine geistreiche Composition, so angenehm als kühn, erwarb sich großen Beifall, vielleicht auch mit deßwegen, weil der Verfasser, ein Edelmann und Hofgenosse, die eigne Classe nicht eben schonend behandelte.“

In einem Widmungsgedicht zur Wilhelmine benennt Thümmel illusionslos seine eigene Situation als Dichter und unschwer ist zu vermuten, dass er dabei an Coburg denkt:

In einem Städtchen voller Zwang,
Dem Sitz verjährter Kleinigkeiten,
Wo Lust und Scherze zu verbreiten
Es keinem Dichter noch gelang,
Wagt' ichs aus Einsamkeit und sang.

Ab 1791 veröffentlicht Thümmel sein Hauptwerk Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785-1786. Der Roman erscheint in 10 Teilen von 1791 bis 1805 und wird von Zeitgenossen wie Jean Paul und Friedrich Maximilian Klinger, aber auch von Eichendorff und den Romantikern geschätzt. Eichendorff lobt, dass hier ein „bücherversessener deutscher Gelehrter“ durch „Wein, schöne Mädchen und französische Lebensweisheit glücklich von seiner hypochondrischen Unschuld kuriert“ wird. Nur Schiller ist unzufrieden: Er bemängelt ein Zuviel an „Unterhaltung“ und vermisst die Gestaltung des „Ideals“.

Neben diesen Werken veröffentlicht Thümmel, ein Dichter der Spätaufklärung und des Rokoko, Epigramme und Gedichte in Almanachen und kleinere Verserzählungen: die Inoculation der Liebe (1771 in Coburg geschrieben) und Das Erdbeben von Messina (1818 posthum erschienen). Beide Erzählungen wie auch die Reise tragen Thümmel den Vorwurf einer „unsittlichen“ Überhöhung des Erotischen und der „Frivolität“ ein. Goethe und Schiller fassen dies in einer ihrer Xenien so:

Wie es hinter dem Mieder beschaffen und unter dem Röckchen,
Lehret, wißt ihr es nicht, zierlich der reisende Freund.

Jean Paul wiederum lobt in der Vorschule der Ästhetik die Inoculation: Damit habe Thümmel die „besten komischen Dichter“ erreicht. Vor allem dem Verfasser der Reise spricht Jean Paul den „Ruhm der schönsten, oft ganz homerisch verkörperten Prose“ zu, den er nur mit wenigen teilen müsse. Zu seiner Zeit ist Thümmel einer der meistgelesenen Autoren – seine Reise wird mit Laurence Sterne und dessen A Sentimental Journey Through France and Italy (1768) verglichen, der Dichter sogar der „deutsche Sterne“ genannt. Friedrich Nicolai sieht in Thümmel die „vornehmste Zierde Koburgs“ und dessen Wilhelmine gehöre zu den „besten Werken unserer Nation“.

Thümmel trifft Jean Paul oft, während dieser in Coburg lebt (1803-1804). In sein Tagebuch schreibt Thümmel am 28. November 1803: „Man war sehr vergnügt – und Herr Richter blieb nachher noch eine Stunde bey mir und wir schwazten von Litteratur.“

Verfasser: Edmund Frey M.A.

Sekundärliteratur:

Frey, Edmund (2006): „In einem Städtchen voller Zwang“: Moritz August von Thümmel (1738-1817) – Genießer und Hypochonder auf Reisen. In: Frey, Edmund; Heinritz, Reinhard (Hg.): Coburg aus dem „Dintenfas“: Literarische Streifzüge durch vier Jahrhunderte. Quartus-Verlag, Bucha bei Jena, S. 115-131.

Gruner, Johann Ernst von (1819): Leben M. A. von Thümmels. Göschen, Leipzig (erschienen als Band 7 von M. A. von Thümmels sämmtliche Werke).

Heldmann, Horst (1964): Moritz August von Thümmel: Sein Leben – sein Werk – seine Zeit. Degener, Neustadt/Aisch.

Rosenbaum, Richard: Thümmel, Moritz August von. In: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 171-177, http://www.deutsche-biographie.de/pnd118622358.html?anchor=adb, (04.09.2012).


Externe Links:

Literatur von Moritz August von Thümmel im BVB

Literatur über Moritz August von Thümmel im BVB

Moritz August von Thümmel in der BLO

Werke bei gutenberg.spiegel.de

Werke bei zeno.org

Digitalisate der Werke von Moritz August von Thümmel

Verzeichnis der Handschriften Moritz August von Thümmels im Besitz der Landesbibliothek Coburg

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