Überleben im KZ

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Landsberg am Lech um 1580, kolorierte Federzeichnung

Mit Hilfe seiner gefälschten Papiere gelang es Joseph Rovan seine jüdische Herkunft zu verbergen. Dies rettete ihm das Leben, denn Dachau galt ab 1942 als „judenrein“.

Man setzte Juden gleich mit dem Schmutz, und „rein“ bedeutet zugleich „gesäubert“ und eben „rein“. Wenn sich in einem Transport, der in Dachau eintraf, Juden befanden, die als solche gekennzeichnet waren, wurden sie unverzüglich in ein anderes Lager weitergeleitet. Die einzige Ausnahme bildeten in den Jahren 1944-45 die Waldlager, die man in der Nähe von Landsberg am Lech, einem idyllischen Städtchen südlich von Augsburg, in einer waldigen Gegend errichtete. Dort und in Mühldorf in der Nähe der alten Grenze zu Österreich sollten unterirdische Fabriken errichtet werden, wahrscheinlich mit dem Ziel, die Produktion von Düsenflugzeugen zu beschleunigen [...].

Rovan berichtete, wie zum Aufbau dieser Fabriken im Sommer 1944 fünfundzwanzigtausend überwiegend ungarische Juden aus Auschwitz geholt wurden. Für sie gab es weder ein Dach über dem Kopf noch einen Krankenbau. Sie erhielten kaum Nahrung und keinerlei ärztliche Betreuung. Im strengen Winter 1944/45 sei etwa die Hälfte dieser Menschen gestorben.

(Joseph Rovan: Geschichten aus Dachau. DVA, Stuttgart 1989, S. 72)

Joseph Rovan wurde in der Lagerschreibstube eingesetzt, wodurch er das ganze Ausmaß der Vernichtung gewahr wurde. Zusammen mit ein paar Mithäftlingen erfasste er alle Veränderungen im Lager, wie Todesfälle, Neuankünfte oder Verlegungen in andere Lager.

Ich gehörte also zu den Prominenten, zur Lageraristokratie. Die Vorteile, die sich aus diesem Status ergaben, waren keinesfalls materieller Art. [...] Allerdings besaßen wir den großen Vorteil, über Informationen zu verfügen, wir wussten, was passierte oder was passieren würde, und so besaßen wir eine gewisse Macht, zum Beispiel die Macht, diejenigen, die zu unserem unmittelbaren Freundeskreis gehörten, vor einen „Transport“, einer Verlegung in Außenkommandos oder in andere Lager zu bewahren.

(Joseph Rovan: Erinnerungen eines Franzosen der einmal Deutscher war. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, S. 184f.)

Verfasst von: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl