Wo bleiben bloß die Amerikaner?

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Befreite Häftlinge des KZ Dachau grüßen die Amerikaner (United States Holocaust Memorial Museum)

Die Situation wurde mit den Jahren für die Häftlinge immer unerträglicher. Nico Rosts Tagebucheinträge im Jahre 1945 berichten von mehr und mehr Toten:

21. März

Tote Tote Tote. Sie liegen nicht nur in der Straße vor der Totenkammer, sondern nun auch vor den Quarantänebaracken, nackt im Schnee – oft sogar darunter begraben. Sie liegen in den Waschräumen und im WC.

(S. 261)

In seinem Versuch, unter diesen Bedingungen Mensch zu bleiben, bemühte sich Rost auch darum, das Land Bayern historisch zu erfassen. Es lag ihm viel daran, Bayern nicht „nur als ein Netz von Konzentrations- und Judenlagern und von SS-Kasernen zu sehen“. Zu diesem Zweck unterhielt er sich viel mit einem Mitgefangenen, der ihm Einzelheiten aus der Geschichte Bayerns berichtete: „Auch in Bayern – erzählte Auer  waren einst Kulturzentren: Landshut, wo sich nun eines unserer Außenkommandos befindet, hatte vor Jahrhunderten sogar eine Universität.“ (S. 277) Zusammen mit seinen Leidensgenossen sehnte Nico Rost den Tag der Befreiung herbei: „Warum sind die Amerikaner eigentlich noch nicht hier? Ich habe oft das Gefühl, dass sie Dachau für nicht so wichtig halten“ (S. 288).

Am 29. April 1945 hatte das Warten endlich ein Ende:

29. April abends 8 Uhr

Um drei Uhr begann es! Die beklemmende Stille wurde plötzlich von Maschinengewehrfeuer und dem Geknatter von Handfeuerwaffen unterbrochen. [...] Die Amerikaner waren im Anmarsch. [...] Es war genau 5.28 Uhr – [...] als sich das große Tor öffnete [...] „Hello boys, here we are!“ [...] Als ich die ersten Amerikaner im Lager sah, dachte ich nur: So, da seid ihr also; endlich; es wurde auch verdammt Zeit...

(S. 312f.)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl