Das Dynamit der Religion

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Caspar David Friedrich: Kreuz an der Ostsee, 1815

Vor allem sein starker Glaube half Gross dabei, das Lager zu überstehen. Als er das erste Mal einem Gottesdienst im Lager beiwohnen konnte, war er tief bewegt und verstand mehr denn je, warum Religion und Glaube als gefährlich eingestuft wurden:

„Warum uns die Herrenmenschen die Aufrichtung nicht gönnten, die in solchen Stunden lag? Vielleicht hätte Abteilung A zugestimmt; die Arbeitswilligkeit wurde gefördert. Aber das Dynamit, die Zündschnur – das war's! Die Sicherheit des Reiches war gefährdet, also weg damit!

(S.102)

Eines Tages kam mir der Einfall, die schmalen Streifen, die von den Zeitungen beim Pausen abfielen, mit Bibelworten zu beschreiben. Für jeden Tag ein besonderes, vielleicht auch einen Liedvers dazu nach Art der Herrnhuter Losungen. Ich faltete sie hübsch zusammen, steckte sie in das Futter meiner Mütze und brachte auf diese Weise unangefochten das Dynamit ins Lager, wo ich allwöchentlich dankbare Abnehmer dafür fand.

(S. 105)

Nachdem ihm eine Nachbarin aus Berlin ein Paket mit einer Bibel, einem Gesangbuch und einem Losungsbüchlein zugesandt hatte, wurde Gross zum Kommandoführer gerufen, um sein Paket in Empfang zu nehmen. Dort jedoch wurden ihm die Bücher weggenommen:

Ich war tief enttäuscht und wollte schon den Mund öffnen und um die Herausgabe der Kleinode bitten. Da gewahrte ich in seinen Augen ein höhnisches Aufleuchten, das aus Höllentiefen kam. Das schnürte mir die Kehle zu. Ich brachte kein Wort heraus und wollte es auch nicht – ich war zu stolz, den Teufel, um eine Bibel zu bitten.

(S. 129)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl