Organisierte Liebe

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Emmy Hennings, ca. 1912/13

Franziska zu Reventlow sprach sich vehement gegen die Abschaffung der Prostitution aus, „die doch das einzige Mittel ist, die Gesellschaft einigermaßen so zu erhalten, wie es allen wünschenswert erscheint“. Die Schriftstellerin und Diseuse Emmy Hennings pflichtete ihr bei:

Man nehme das schutzloseste Geschöpf, ein Straßenmädchen. Wenn es verboten ist, sich Liebesstunden bezahlen zu lassen, muß es verboten werden, Liebesstunden zu kaufen. Aber die Erfahrung lehrt, daß der Mensch ohne Liebesstunden nicht leben kann. Also müßte die Liebe anders organisiertwerden. Aber „organisierte Liebe“ klingt so peinlich. Dennoch kommt man darüber nicht hinweg. Der Gerichtshof besteht aus Männern, und es erfordert weniger Kraftaufwand, das schwache Geschlecht zu bestrafen, als Männer zur Rechenschaft zu ziehen, die ihre stärksten Neigungen geheim zu halten wünschen. Ich wünschte, die vergewaltigten Männer könnten einmal die verächtlich lächelnden Gesichter ihrer Verführerinnen sehen, die auf dem Korridor der Strafanstalt leise plaudernd die Geheimnisse ihrer Kläger preisgeben. Im Hofe des Untersuchungsgefängnisses sah ich die lächelnde Überlegenheit auf den Gesichtern der Frauen und Mädchen, die die Straße machen; der Mädchen, die siegen und graziös genug sind, sich für besiegt zu erklären. Diese Höflichkeit scheint gefährlich zu sein, denn man sperrt sie in fußdicke Mauern.

(Emmy Hennings: Gefängnis. Erich Reiß Verlag, Berlin 1918, S. 105)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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