Bordell

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Franziska zu Reventlow, 1905 (Archiv Monacensia)

Die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow thematisiert die Prostitution in ihren Tagebüchern und ihren Essays zur Rolle der Frau. Ihre Streifzüge auf der Suche nach einem „Glückszufall“ nannte sie „Bummeln“. Doch es brachte nicht genügend Geld ein, wenn sie es nicht konsequent betrieb: „Der Franzose ist wieder weg, aber die 300 Fr. waren auch weg wie Eis an der Sonne“, vermerkt sie in ihrem Tagebuch. Wenig später meldete sie die „Extraeinnahme v. 200. M.“ Bei einem ihrer nächtlichen Bummeleien traf sie die Bordellbetreiberin Madame X wieder, die sie einlud, häufiger in ihren Salon zu kommen. Sie konnte nicht verstehen, warum sich eine Frau, die „so viel Glück bei den Männern“ hatte, mit Übersetzungsarbeiten zu Grunde richtete und war sich sicher: „Sie kommen ja doch wieder.“

Franziska zu Reventlow schloss das nicht aus, denn sie musste für ihren Sohn sorgen. Für ihr „Götterkind“ würde sie alles tun, ohne die geringsten Gewissensbisse, die ihr heuchlerisch und absurd erschienen: „Ach guter Gott, in Geschichten werfen sich sündige Mütter dann an der Wiege ihres Kindes nieder etc. Ich komme müde heim, bin froh, wenn ich etwas mehr Geld in der Tasche hab und wieder bei meinem Bübchen bin.“ Sie stand zu den „Abgründen“, durch die sie gelegentlich wandeln musste und fürchtete nicht die spätere Ablehnung ihres Sohnes. „Er möcht mir eher übel nehmen, wenn ich ihn und mich verhungern ließe und wenn ich mich mit Übersetzen totschinde. Mein einziges Verbrechen ist dass ich nicht reich bin.“


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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