Schwert aus der Scheide

Isolde Kurz verfasste das berühmteste Kriegsgedicht des Ersten Weltkriegs, das unter den Nationalsozialisten Schulbuchlektüre wurde. Darin wird die Friedensliebe und Geduld Deutschlands beschworen. Erst Neid und Missgunst des Feindes habe das Land zu den Waffen gezwungen. Der Krieg, den es nun als Abwehrkampf führt, ist ein gerechter Krieg:

Schwert aus der Scheide!

In der Halle des Hauses da hängt ein Schwert,
Schwert in der Scheide.
In seinem Blitzen vergeht die Erd‘.
Wir hüten‘s und beten Tag und Nacht,
Daß es nicht klirrend selbst erwacht.
Denn uns ist geschrieben ein heilges Gebot:
Ihr sollt es nur brauchen in letzter Not,
Schwert in der Scheide!

Wir sind geduldig wie Starke sind,
Schwert in der Scheide.
Wir achten‘s nicht, was der Neid uns spinnt.
Sie haben uns manchen Tort getan,
Wir litten‘s und hielten den Atem an.
Die Sonne glüht auf der Ernte Gold.
Friede, wie bist du so hold, so hold,
Schwert in der Scheide!

Doch der Neid mißgönnt uns den Platz am Licht,
Schwert in der Scheide!
Feinde umzieh‘n uns wie Wolken dicht.
Zehn gegen Einen in Waffenschein!
Wer bleibt uns treu? – Unser Gott allein.
Die Erde zuckt und der Himmel flammt.
Schwert, nun tu dein heiliges Amt!
Schwert aus der Scheide!

(Isolde Kurz: Schwert aus der Scheide. Eugen Salzer Verlag, Heilbronn 1916, S. 19f.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Michaela Karl

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