Ludwig Thoma: Weihnachtsfrieden

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Weihnachtsfrieden 1914: Deutsche und britische Soldaten bei einem Treffen im Niemandsland an der Westfront, 26. Dezember.

Seine Vorstellung von der Kriegspflicht des Daheimgebliebenen forciert Ludwig Thoma seit 1914/15 einmal mehr im Simplicissimus – neben seiner Mitarbeit an den „Kriegsflugblättern“ (für sechzehn der 28 Ausgaben liefert er namentlich Beiträge) in den regulären Ausgaben der Zeitschrift. Die Reihe der im Simplicissimus von nun an pseudonymlos erscheinenden Werke Thomas leitet seine Erzählung Sommerabend (Jg. 19, Nr. 21) über den Kriegsausbruch ein (Lemp, Richard [1984]: Ludwig Thoma, S. 230).

Das Gedicht Mein Dorf (Nr. 24) wiederholt dann die Begeisterung für die einfachen Soldaten, aber auch die Erleichterung über die archaisch einfache Situation angesichts des (neuen) Kriegszustands: „Sorge, die uns gestern drückte, / Freude, die uns einst beglückte, / Ist uns heute armer Tand. / Unser Denken, unser Leben / Ist mit einem hingegeben / An das große Vaterland.“

Landsturmmanns Abschied (Nr. 29) ist ein Gedicht über den Abschied eines Soldaten von seiner Mutter: „So denke du daran: / Müßt' ich mein armes Leben / Der lieben Heimat geben, / Ist's auch für dich getan.“ Der hier tröstende Ausblick wird in dem nächsten Gedicht Zur Mundharmonika im Schützengraben (Nr. 31) wiederum in einen zukünftigen Frieden umgemünzt: „Geht erst der ander Wind, / Dös wann halt gschah, / Daß i di wieda find / Und Glengheit aa!“

Entsprechend friedvoll geht es bei den Weihnachtsgedichten Thomas zum Ersten Weltkrieg zu. Der erste Schnee (Nr. 35) ist ein Gedicht auf einen gefallenen Soldaten, dessen Tod als Einschlafen und Träumen verklärt wird. Es endet dabei als stille Erinnerung des Soldaten an sein Haus:

Das letzte Lied hat ausgeklungen,
Das dir der Seewind noch gesungen,
Und lind und sacht
Hat dir der Schnee dein Bett gemacht
Und dich in tiefste Ruh' gewiegt.
Mein Kamerad, nun magst du träumen,
Wie unter den verschneiten Bäumen
So fern und weit
Zur stillen Zeit
Dein deutsches Haus im Frieden liegt.

(Ludwig Thoma: Krieg und Soldaten, S. 721)

Eine ähnliche Fluchtbewegung kennt auch Christmette in Frankreich (Nr. 38). Allerdings wird die Weihnachtsfreude zu Beginn und die damit einhergehende Erinnerung ans Vaterland („Wie dehnte sich der Raum so weit! / Da lag in seiner Herrlichkeit / Das Vaterland.“) am Schluss des Gedichts wieder zurückgenommen: „Die Orgel schweigt. Das Lied ist aus, / Versunken sind nun Dorf und Haus, / Versunken, was am Heiligen Christ / So heimatlich gewesen ist.“

Von kurzer Dauer ist ebenso der wirkliche Weihnachtsfrieden (engl. Christmas Truce, „Weihnachtswaffenruhe“) an der Front während des Ersten Weltkrieges. Von der Befehlsebene nicht autorisiert, findet die Waffenruhe am 24. Dezember und an den folgenden Tagen des Jahres 1914 statt. Vor allem zwischen Deutschen und Briten in Flandern kommt es zu spontanen Verbrüderungen.

In Thomas Einakter Christnacht 1914, einem Gespräch zweier bayerischer Landwehrmänner im Schützengraben vor der Postenablösung, wird der Weihnachtszauber für den Augenblick beschworen: „und schaugst von draußt in d'Fenster nei, / da werd da Christbaum o'zünd't sei, / und wia jetzt jedes Liacht'l brennt // de Kloana patsch'n froh in d'Händ, / a jedes lacht... / Ja, was hat's Christkind allsamt bracht [...]“ (zit. n. Thumser, Gerd [1966]: Ludwig Thoma und seine Welt, S. 208).

(Rösch, Gertrud M. [1989]: Ludwig Thoma als Journalist, S. 294f.)

[Plakat mit Aufruf zur Spende von Liebesgaben, 1914]


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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