Heinrich Mann: Der Untertan

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Umschlagdeckel 1918

Seit Januar 1914 erscheint Der Untertan von Heinrich Mann als Fortsetzungsroman in der Illustrierten Zeit im Bild. Der geplante Untertitel „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II.“ ist Programm. Beendet im Juni desselben Jahres, erscheint der fertige Roman erst 1918, nachdem der Verlag bei Kriegsbeginn die Veröffentlichung eingestellt hat. Mann, der nach Aufenthalten in Sankt Petersburg und Italien in München lebt, findet bereits 1915 einen russischen Verlag für den kaiserreichkritischen Untertan.

In der Szene, wo der Protagonist Diederich Heßling, der den kritisierten Typus verkörpert, seine Rede bei der Einweihung des Denkmals für Kaiser Wilhelm hält, wird das Geschehen durch ein apokalyptisches Zerstörungsgewitter jäh unterbrochen:

Schon war die Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der Schöpfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, daß die Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen Umständen sah der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf des Festprogramms aus Zweckmäßigkeitsrücksichten zu unterbleiben habe. [...]

(Heinrich Mann: Der Untertan, S. 646f.)

Das durch das Gewitter ausgelöste „Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und Abrutschen“ ist indes nur Vorgeplänkel für Späteres: „Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war es nicht.“ (Ebda., S. 649) Die Metapher von den „apokalyptischen Reitern“ enthält schon in nuce die von der Gesellschaftssatire losgelöste Dimension der im Ersten Weltkrieg kulminierenden Katastrophenmentalität. „Die Struktur dieser Gesellschaft ist aufgeladen von einer latenten Zerfallsbereitschaft, die durch die Rhetorik des Krieges sowohl beschworen wie storniert wird. Man will Zerfall auslösen und ahnt, daß man durch ihn nicht nur in seinem Element, sondern auch sein Element selbst sein wird.“ (Schuhmacher, Klaus [2000]: Heinrich Mann, S. 127)

Das apokalyptische Enthüllungsfest in Heinrich Manns Der Untertan ist somit fulminante Gesellschaftssatire und latente Kriegsberichterstattung in einem.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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