Rainer Maria Rilke: Fünf Gesänge

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Kriegs-Almanach 1915, Leipzig 1914

In dem Ende 1914 erscheinenden Kriegs-Almanach 1915 des Leipziger Insel-Verlags sind Rilkes Fünf Gesänge erstmals abgedruckt: [I] „ Zum erstenmal seh ich dich aufstehn / hörengesagter, fernster, unglaublicher Krieger-Gott...“ (S. 14); [II] „Heil mir, daß ich Ergriffene sehe. Schon lange / war uns das Schauspiel nicht wahr...“ (S. 15); [III] „Seit drei Tagen, was ists? Sing ich wirklich das Schrecknis, / wirklich den Gott, den ich als einen der frühern...“ (S. 16); [IV] „Unser älteres Herz, ihr Freunde, wer vordenkts, / jenes vertraute, das uns noch gestern bewegt...“ (S. 17); [V] „Auf, und schreckt den schrecklichen Gott! Bestürzt ihn. / Kampf-Lust hat ihn vorzeiten verwöhnt. Nun dränge der Schmerz euch...“ (S. 18). Während auf Betreiben der k.u.k. Zensurbehörden das tschechenfeindliche Gedicht „Zum 2. September“ von Arno Holz gegen ein patriotisches Gedicht von Heinrich Leuthold („Das Eisen“) eingetauscht wird, bleiben Rilkes Gedichte in dem Almanach unangetastet.

Fünf Gesänge sind Kriegs-Euphorie und -Kritik in einem, feiern den Krieg als elementare, geradezu mythische Macht, die die Menschen aus ihrer Gleichgültigkeit reißt, erteilen allem Kriegsgeschehen aber im „Schmerz“ auch eine Absage: 

Auf, und schreckt den schrecklichen Gott! Bestürzt ihn.
Kampf-Lust hat ihn vor Zeiten verwöhnt. Nun dränge der Schmerz euch,
dränge ein neuer, verwunderter Kampf-Schmerz
euch seinem Zorne zuvor.
Wenn schon ein Blut euch bezwingt, ein hoch von den Vätern
kommendes Blut: so sei das Gemüt doch
immer noch euer. Ahmt nicht
Früherem nach, Einstigem. Prüfet,
ob ihr nicht Schmerz seid. Handelnder Schmerz. Der Schmerz hat
auch seine Jubel.

„Es ist der Mangel an Apollinischem in diesem Gott, die reine, in sich problemlos identische Gegenwart des Immer-gleichen, das die Gemeinsamkeit im Enthusiasmus die Frage nach dem darin fremd gewordenen eigenen Selbst nicht verstummen läßt. Rilke durchschaut im voranschreitenden Gang der Gesänge das ‚eiserne Herz’ als unbewältigte Erbschaft der Vergangenheit.“ (Philippi, Klaus-Peter [1979]: Volk des Zorns, S. 57) In diesem Sinne muss auch der Hass einmal weichen, „dass sich der Hass nicht dauernd drin hielte“; und der Einzelne – nun „aufs Eigene wieder beschränkt“ – ist zum Kampf des Schmerzes gegen den Schmerz aufgerufen („Denn zu begreifen, / denn zu lernen und vieles in Ehren / innen zu halten, auch Fremdes [!], war euch gefühlter Beruf.“). Um patriotische Hassgesänge, wie zu Kriegszeiten in Deutschland zahlreich vorhanden, geht es demzufolge nicht – vielmehr wird der Krieg als „Schicksal“ begriffen, aus dem es für die Zukunft etwas zu lernen gilt. Der orgiastische, unbegreifliche Kriegszustand wird dabei überführt in die Tätigkeit des Dichtens, des „Rühmens“. Die Frage nach den konkreten gesellschaftlichen Ursachen dieses monströsen Gemeinschaftserlebnisses bleibt in Rilkes Fünf Gesängen allerdings aus.

(Euchner, Walter [2008]: Die zweideutige Ontologie des Dichters oder: Politisches Bewusstsein bei Rainer Maria Rilke, S. 11ff.)

(Philippi, Klaus-Peter [1979]: Volk des Zorns, S. 51-64)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik