Rainer Maria Rilke: Heldenfrisieren

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„Maschinengewehr beim Beschießen eines feindlichen Fliegers“, Fotografie nach August 1914/15. Album Der Weltkrieg in der Photographie um 1915, BSB/Porträtsammlung.

Als österreichischer Staatsbürger wird Rilke auch in München zur Musterung geladen. Zu seinem Leidwesen wird er am 24. November 1915 für kriegstauglich befunden, wiewohl sein Dichten langsam wieder in Gang gekommen ist und er im Spätsommer eine Affäre mit der Malerin Lou Albert-Lasard begonnen hat. Ungeachtet der Proteste seiner Freunde muss er am 4. Januar 1916 beim österreichischen Landsturm seinen Dienst antreten und in Wien eine dreiwöchige militärische Grundausbildung absolvieren. Diese ruft nach Aussage von Stefan Zweig traumatische Erinnerungen an die Militärschulzeit bei Rilke wach.

Aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung wird Rainer Maria Rilke bereits nach einem Monat ins Wiener Kriegsarchiv versetzt. Für seine Freistellung vom Kriegsdienst setzen sich – neben Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig – der Freiherr von Schey-Rothschild, Alexander von Thurn und Taxis und Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern ein. Wie andere Schriftsteller auch wird Rilke im Archiv zur literarischen Tätigkeit des „Heldenfrisierens“, des schönenden Arbeitens an Kriegsberichten und Heldengeschichten, eingeteilt.

Im Juni 1916 aus dem Militärdienst endgültig entlassen, kehrt Rilke wieder nach München zurück, wo auch seine Frau Clara und seine Tochter Ruth zu dieser Zeit leben. Er mietet sich in der Villa Alberti in der Keferstraße ein. Von seiner Frau finanziell unterstützt, hält Rilke in München zahlreiche Vorträge über die römische Antike und thematisiert dabei oft das Lebensgefühl der späten Kaiserzeit, wobei er einen spürbaren Bogen zu Ludwig Klages und den Kosmikern schlägt.

(Wilhelm, Hermann [2013]: München im Ersten Weltkrieg, S. 75)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik